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Dschungelcamp 2015: Warum wir uns auf die Show freuen dürfen

Die Skandalshow ist gesellschaftsfähig geworden: Wenn das Dschungelcamp startet, werden Millionen zugucken. Ein schlechtes Gewissen braucht niemand mehr zu haben - und das ist gut so.

Von Carsten Heidböhmer

Schamlos", "gefährlich", "Tiefpunkt der Fernsehunterhaltung": Was gab das für ein Geschrei, als RTL 2004 die erste Staffel von "Ich bin ein Star - Holt mich hier raus!" gesendet hat. Die damalige Verbraucherministerin Renate Künast führte den Protestzug an: "Was hier gesendet wird, hat mit Unterhaltung nichts mehr zu tun", sagte die Grünen-Politikerin. Die bayerische Familienministerin Christa Stewens sprach gar von einer "schamlosen Kommerzialisierung des Werteverfalls". Es schlossen sich die üblichen Bedenkenträger an: Deutscher Journalistenverband, der Bund gegen den Missbrauch der Tiere, die saarländische Landesmedienanstalt - sie alle mäkelten an der Sendung oder wollten sie gleich verbieten.

Ein Jahrzeht später ist das Format längst im Mainstream angekommen. Wenn am Abend die neunte Staffel startet, regt sich niemand mehr groß auf. Man hat sich arrangiert mit der einstmals umstrittenen Ekel-Show. Mehr noch: Viele haben die Qualitäten dieses Formats erkannt. Immer mehr Künstler und Intellektuelle haben sich in den vergangenen Jahren als Fan der Sendung geoutet. Erst kürzlich erklärte Film- und Theaterschauspieler Ulrich Matthes ("Der Untergang") im Interview mit der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" seine Sympathien für das Dschungelcamp. Die Sendung sei eine "hochtheatrale Angelegenheit" mit verteilten Rollen. Wenn diese durch interessante Persönlichkeiten aufgeladen würden, werde aus dem Spiel ein Psychodrama. Matthes lobte auch die Moderatoren und "die Art, wie die die Sendung und sich selbst ironisieren (...)."

Dass sich die Wogen geglättet haben, hat verschiedene Gründe. Zunächst einmal ist Erfolg immer das beste Argument. Der gigantische Quotentriumph des Dschungelcamps brachte viele Kritiker dazu, sich das Format überhaupt mal anzuschauen. Viele von ihnen verstummten danach. Auch der Medienpsychologe Jo Gröbel, der 2004 in der "Bild"-Zeitung von "Methoden, die an Folter erinnern" sprach, gab 2013 im Gespräch mit stern.de zu, die Sendung inzwischen nicht mehr ganz so negativ zu sehen.

Karriere-Sprungbrett

Zum anderen erwiesen sich einige Argumente der Dschungelcamp-Kritiker als falsch. Die Annahme, "Ich bin ein Star" sei lediglich ein Gnadenhof für abgehalfterte Stars, ist vielfach widerlegt worden: Sämtliche Dschungelkönige profitierten von ihrem Ruhm. Manche mehr, manche weniger. Selbst Mariella Ahrens, die Sechstplatzierte der ersten Staffel, konnte die Medienaufmerksamkeit für sich nutzen: Sie ist seither regelmäßig in Fernsehfilmen zu sehen. Von Schmuddelimage keine Spur: 2007 heiratete sie einen Adeligen und heißt nun Mariella Gräfin von Faber-Castell. Daran ändert auch die Trennung nichts.

Generell gilt: Je unbekannter die Kandidaten vorher waren, desto mehr können sie vom Camp profitieren. Wer dagegen als Star einzieht, wird mit ziemlicher Sicherheit keinen Karriereschub bekommen. Weder Brigitte Nielsen noch Helmut Berger sind seit ihrer Teilnahme 2012 bzw. 2013 nenneswert in Erscheinung getreten. Dagegen konnte ein No-Name wie Larissa Marolt, die vorher nur eingefleischten Fans von "Germany's next Topmodel" ein Begriff war, durch ihre 16 Tage im Urwald eine bescheidene Karriere aufbauen. Gerade hat sie ihre eigene Sendung fertiggedreht, die noch in diesem Jahr auf RTL ausgestrahlt werden soll, wie sie im stern-Interview verriet.

Andere Teilnehmer konnten immerhin die fünfstellige Gage einstreichen, die ihnen RTL gezahlt hat. Auch sie gingen aus guten Gründen in den Dschungel: Spätestens ab der zweiten Staffel konnte niemand mehr behaupten, die Kandidaten wüssten nicht, worauf sie sich einlassen.

Es gibt auch Beispiele ethischen Handelns

Dass hier Menschen schamlos ausgebeutet würden, darf also als widerlegt gelten. Wer das Dschungelcamp 2004 heimlich und verschämt eingeschaltet hat, darf sich heute guten Gewissens dazu bekennen. Auch, weil die Show alles andere als niveaulos ist. Ein weiterer Vorwurf, der dieser Sendung bis heute latent anhängt. Dabei trifft das Gegenteil zu: Man kann das Dschungelcamp durchaus als Bildungsfernsehen bezeichnen. Denn RTL veranstaltet hier ein soziales Experiment.

In den vergangenen Jahren gelang es dem Privatsender immer wieder aufs Neue, eine explosive Mischung aus Ex-Promis zusammenzustellen, die eine Eigendynamik entwickeln und uns an spannenden Gruppenprozessen teilhaben lässt. Die Zicke, der Einzelgänger, der Intrigant, der Schönling, der Harmoniesüchtige - wenn die Mischung stimmt, bekommen die Zuschauer ein einzigartiges Schauspiel menschlicher Abgründe geboten - aber immer wieder auch Beispiele ethischen Handelns. Erinnert sei an das Dschungelcamp 2011, als der Moderator Peer Kusmagk beim Gruppenmobbing gegen Model Sarah Knappik nicht mitmachen wollte. Kusmagk geriet daraufhin bei den Insassen selbst auf die Abschussliste - das Publikum honorierte seine Courage jedoch und wählte ihn zum Dschungelkönig.

Der Zuschauer darf das Ganze durchaus als moralisches Lehrstück betrachten. Er kann sich aber auch zurücklehnen und einfach nur Spaß haben. Dafür muss sich heute niemand mehr schämen. Denn, ganz ehrlich: Intelligenten Eskapismus können wir alle in diesen Tagen gut vertragen.