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"RTL, schämt ihr euch nicht?": Kritik an Show wegen Buschfeuern: Darf ich jetzt noch Dschungelcamp gucken?

In Australien wüten heftige Buschbrände, trotzdem startet am Freitag die Unterhaltungsshow "Ich bin ein Star – Holt mich hier raus!". Kritiker werfen dem Sender RTL Zynismus vor. Sollte die Show abgesagt werden? Und darf ich jetzt noch Dschungelcamp gucken?

Dschungelcamp: Evelyn Burdecki, Dr. Bob und Thorsten Legat

Trafen sich im Dschungelcamp wieder: Vorjahressiegerin Evelyn Burdecki, Dr. Bob und Camp-Veteran Thorsten Legat

MG RTL D

Das Foto eines in den Buschfeuern ums Leben gekommenen Baby-Kängurus schockierte am Wochenende die Welt. Es machte vielen deutlich, wie verheerend die in Australien wütenden Brände sind. Aufgrund der anhaltenden Dürre und Hitze sind die Feuer in mehreren Teilen des Kontinents ausgebrochen. Allein in der Region um Sydney ist eine Fläche so groß wie Belgien abgebrannt. 24 Menschen starben seit Beginn der Katastrophe, Expertenschätzungen zufolge sind mehrere Millionen Tiere in den Flammen getötet worden. Trotz der Feuertragödie will der deutsche Fernsehsender RTL ab Freitag in Australien die Unterhaltungsshow "Ich bin ein Star – Holt mich hier raus!" drehen. Das löst eine Debatte in den sozialen Medien aus.

"RTL, schämt ihr euch nicht?", fragt ein Kritiker des Senders auf Twitter. "Die ganze Welt weint mit Australien und RTL zieht das Dschungelcamp durch", empört sich eine andere Nutzerin. "Hunderttausende Lebewesen sterben in den Flammenhöllen von Australien. Und RTL dreht vergnügt Dschungelcamp 2020. Das ist voll daneben. Quoten & Geld über Anstand und Moral. Pfui", findet ein Twitter-User und ruft sogar zum RTL-Boykott auf: "Habe den Sender in der Senderliste gelöscht. Nachmachen." Ein anderer fordert Hilfe statt Dreharbeiten: "Statt Dschungelcamp drehen sollte RTL lieber die Kohle nehmen und helfen."

Die Argumente gegen das Dschungelcamp 2020 gehen wild durcheinander und reichen von sachlichen Gründen bis hin zu Pietäts-, Gewissens- und Moralfragen. Doch stimmen sie auch alle? Der Faktencheck:

1. Die drehen Dschungelcamp und drumherum brennen die Wälder.

Die Buschbrände sind hunderte von Kilometern vom Drehort der Show entfernt. Das Dschungelcamp liegt bei Murwillumbah im Norden des Bundesstaates New South Wales an der Grenze zu Queensland. Das nächste Buschfeuer ist derzeit in Paddys Flat, zirka 200 Kilometer entfernt. Bis zu den verheerenden Bränden um Sydney sind es mehr als 1000 Kilometer. Mehr Infos zu aktuellen Bränden gibt es hier.

2. Mit einem Dschungelcamp-Boykott kann ich meine Solidarität mit Australien zeigen.

Um die Fernsehshow zu produzieren, sind viele Menschen im Produktionsteam vor Ort notwendig, die meisten von ihnen sind Australier. Da dort nicht nur das deutsche Dschungelcamp, sondern auch internationale Ausgaben gedreht werden (zum Beispiel das britische "I'm a Celebrity – Get me out of here!"), ist die TV-Produktion ein wichtiger Arbeitgeber – und Brötchengeber für viele Familien vor Ort. Ein Boykott würde vor allem sie treffen.

3. Statt Dschungelcamp zu drehen, sollte das Geld gespendet werden.

RTL ist ein Privatsender dessen Ziel es ist, mit seinem Programm Geld zu verdienen. Würde die Show nicht stattfinden, wären nicht nur viele Menschen vor Ort ihren Job los – es gäbe auch keine Einnahmen durch Werbung. Sinnvoller wäre die Forderung, eventuelle Gewinne durch die Show zu spenden. Auch wäre es vorstellbar, dass der Sender in der Show zu Spenden für die Opfer der Buschbrände aufruft. Doch dazu muss es die Sendung auch geben.

4. In dieser Katastrophe sollte keine Unterhaltungsshow gedreht werden.

Hier werden zeitliche und geografische Nähe und die Moralfrage vermischt. Australien ist 7,6 Millionen Quadratkilometer groß (zum Vergleich: Europa 10,1 Millionen). Es ist deshalb falsch zu behaupten, dass der ganze Kontinent von der Katastrophe betroffen sei (siehe oben). Richtig ist aber, dass die Buschfeuer in diesem Jahr ein verheerendes Ausmaß erreicht haben. Die Moralfrage hat deshalb ihre Berechtigung – solange nicht mit zweierlei Maß gemessen wird. In Europa kommen nach wie vor jeden Monat Flüchtlinge im Mittelmeer ums Leben, in der Ostukraine gibt es kriegerische Auseinandersetzungen. Trotzdem kommt niemand auf die Idee, Unterhaltungsshows in Europa zu verbieten. Die australischen TV-Zuschauer haben ihre Antwort auf die Moralfrage gefunden: Dort läuft mit dem ATP-Tenniscup aus Brisbane, Perth und Sydney derzeit jeden Abend ein Live-Sportevent im Fernsehen. Die Verantwortlichen des Turniers nutzen die Popularität des Turniers, um für Spenden zu werben. Ein gutes Beispiel.

5. Ich muss ein schlechtes Gewissen haben, wenn ich Dschungelcamp gucke.

Würde es den Betroffenen in Australien helfen, wenn das Dschungelcamp nicht stattfinden würde? Nein. Keinem ginge es besser, aber einigen durch Einnahmeverlust schlechter. Wer das Dschungelcamp schaut, braucht kein schlechtes Gewissen zu haben. Wenn Sie helfen wollen, ist aus Deutschland eine Spende am sinnvollsten.

Hier können Sie spenden, um Australien beim Kampf gegen die Buschbrände zu helfen:

  • Der NSW Rural Fire Service ist die freiwillige Feuerwehrbehörde von New South Wales. Unter diesem Link können Sie direkt an regionale Feuerwehren spenden oder den NSW Rural Fire Service insgesamt unterstützen.
  • Die Country Fire Authority ist eine Feuerwehr im Bundesstaat Victoria. Auf der Spendenseite sind alle möglichen Hilfsmöglichkeiten für die Buschfeuer genau erläutert. Auch hier können Sie direkt an eine lokale Feuerwehr spenden.
  • Das Rote Kreuz hilft Menschen in Not vor Ort, die evakuiert wurden und unterstützt Menschen finanziell, die ihr Zuhause verloren haben. Spenden können Sie unter diesem Link.
  • Die Foodbank ist die größte Nahrungsmittel-Hilfsorganisation Australiens und versorgt die Feuerwehrkräfte und lokale Kommunen mit Lebensmitteln und Wasser vor Ort. Spenden können Sie hier.
  • Die Regierung des Bundesstaats Victoria hat gemeinsam mit der Salvation Army – eine evangelische Kirche, die für ihre Charity-Arbeit in Australien bekannt ist – einen Spendenaufruf gestartet. Das gesammelte Geld soll zu 100 Prozent betroffenen Kommunen zugute kommen. Hier finden Sie die Spendenseite.