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Grass bei Wickert: Dänische Plaudereien

Es war keine Büchersendung, es war kein politisches Interview, es war ein missratenes Zwischending - trotzdem war das Gespräch zwischen Ulrich Wickert und Günter Grass gewinnbringend. Für Grass.

Von Lutz Kinkel

Der NDR, federführende Anstalt für Ulrich Wickerts neue Büchersendung, gab sich obergeheimrätlich. Nein, man verteile vorab keine Kopien des aufgezeichneten Interviews mit Günter Grass, hieß es in der Pressestelle. Unter keinen Umständen. Das Interview müsse im Übrigen noch geschnitten werden (was in solchen Fällen eine beliebte Entschuldigung ist). Man müsse sich die Sendung schon anschauen, um 22.45 Uhr. So schürt man Erwartungen. Die Erwartung einer Sensation.

Und dann stellt Ulrich Wickert, noch amtierender Moderator der Tagesthemen, seinem Gast Günter Grass, dessen SS-Vergangenheit derzeit international diskutiert wird, Fragen wie: "Ist es Ihnen peinlich, immer nur auf die 'Blechtrommel' reduziert zu werden?" Klar, dass Grass diesen Elfmeter verwandelt und dezent darauf hinweist, dass sein Werk unendlich viel reicher und größer ist. Wickert hätte Grass auch fragen können, ob er aufgeregt war, als er den Literaturnobelpreis erhielt. Oder ihm einfach sagen können, dass er ein geschmackvolles Jackett trägt.

Selbsthass als Lebensform?

Zugegeben: Die Frage nach der Blechtrommel ist die letzte in dieser 30-minütigen Sendung. Die ersten Fragen beziehen sich auf die aktuelle Debatte. Grass hat als Jugendlicher in den letzten Monaten des Zweiten Weltkriegs in der Waffen-SS gedient. Und, was vielleicht noch schwerer wiegt: Er hat diesen Fakt mehr als sechzig Jahre verschwiegen. Erst in seiner Autobiografie "Beim Häuten der Zwiebel", die gerade auf den Markt gekommen ist, berichtet er davon. Ein spätes Eingeständnis, das ihm harsche Kritik eingetragen hat. Lech Walesa will, dass ihm die Ehrenbürgerwürde von Danzig aberkannt wird. Einige Konservative fordern, er solle seinen Nobelpreis zurückgeben. Nahezu alle sehen seinen Status als moralische Instanz beschädigt.

Was also, Herr Grass, hat Sie in die SS getrieben? Haben Sie mal die Lust am Töten verspürt? Was genau haben Sie in diesen Monaten getan? Warum haben Sie die Öffentlichkeit über Jahrzehnte hinweg getäuscht? Warum enthüllen Sie die Geschichte jetzt - ist das nicht nur eine perfide Promotion für Ihr Buch? Gehören also auch Sie zu den Verdrängern, Leugnern und Vertuschern, zu den Deutschen also, die Sie selbst am heftigsten befehdet haben? Ist Ihr Moralismus eine Form von Selbsthass?

Beides gewollt, nichts gewonnen

Wickert ist nicht Michel Friedmann, auch nicht Erich Böhme. Er trägt einen eleganten dunklen Anzug, spielt mit der Brille in seiner Hand. Er sitzt mit Grass auf der Veranda eines dänischen Hotels, hinter den Säulen erstreckt sich ein gepflegter Park, es ist der richtige Rahmen, um Tee zu trinken und höflich zu sein. Also fragt Wickert vorsichtig nach, wird aber nicht scharf, insistiert nicht, unterbricht nicht, lässt Grass reden. Immer wieder versucht Wickert Brücken zu schlagen, von der Autobiografie zu anderen Büchern von Grass, zu "Im Krebsgang", zur "Danziger Trilogie", schließlich soll diese Sendung ja auch literarisch sein. Sie ist es nicht, sie ist auch kein politisches Interview, sie ist eher der verkrampfte Versuch, beides sein zu wollen.

Grass, völlig unbedrängt, reagiert mit wohlgesetzten Worten. Er sagt nichts, was er nicht auch schon vorher gesagt oder geschrieben hätte. Dank der entspannten Atmosphäre ist er in der Lage, sogar noch demütiger zu wirken, als er in seinen ersten Äußerungen gegenüber der Presse schien. "Ich will nicht in Zweifel stellen, dass man das kritisieren kann", sagt er über die späte Publikation seiner SS-Mitgliedschaft. Damals habe er keine Fragen gestellt, auch nicht, als sein eigener Onkel in Danzig von Nazischergen ermordet wurde, das werfe er sich bis heute vor. Bei der SS habe er sich persönlich nicht schuldig gemacht, erzählt Grass weiter, aber das sei kein Verdienst. Wäre er damals ein paar Jahre älter gewesen, wäre er vermutlich in Verbrechen verwickelt gewesen. Seine Verblendung als Jugendlicher sei sogar soweit gegangen, dass er nach dem Krieg den Holocaust zunächst nicht wahrhaben wollte. "Ich habe das nicht akzeptieren können."

Ein Leben, keine Vita

Grass Kopf ruht auf den hoch gedrückten Schulterpartien seine Jacketts, seine Augen sind klar, seine Hände ruhig, keine emotionale Aufwallung irritiert seinen Redefluss. Nur in zwei winzigen Momenten scheint er die Contenance zu verlieren. Als Wickert ihn wiederholt darauf anspricht, warum er seine SS-Mitgliedschaft nicht früher eingeräumt hat, kippt sein druckreifes Deutsch in die Alltagssprache. "Ich war erst jetzt in der Lage, es so zu machen", sagt er unwirsch. Und als er darauf zu sprechen kommt, dass seine Mutter und seine Schwester von russischen Soldaten vergewaltigt wurden, braucht er eine kurze Pause, um die aufsteigenden Gefühle in den Griff zu bekommen.

Warum zum Teufel kommt nicht mehr? Warum ballt er nicht die Faust? Wo bleibt der Kämpfer, der Gladiator am Rednerpult? Vielleicht hat Grass schon zu lange und zu intensiv über sich selbst, den Nationalsozialismus, seine Familie, über Schuld und Sühne nachgedacht. Und das Erdachte zu Papier gebracht. Alle Antworten sind formuliert, auch jene, dass es auf manche Fragen keine Antwort gibt. Auch er hat ein Leben, keine Heiligenvita.

Tausendmal mehr hätte diese Sendung sein können. Sie hat keine neuen Informationen geliefert. Sie hat weder den literarischen noch den politischen Hunger befriedigt. Aber vielleicht hat sie die Perspektiven zu recht gerückt. Grass hat - sollten seine Angaben nicht widerlegt werden - weit weniger Schuld auf sich geladen als Millionen andere Deutsche. Aber er hat weit radikalere Konsequenzen daraus gezogen als Millionen andere Deutsche. Seine vielleicht letzte ist, sich jetzt der Kritik zu stellen. Viele seiner Zeitgenossen sind in Sprachlosigkeit und Selbstverteidigungsreflexen versteinert, Grass nicht. Wenn es eine Sensation gab, die der NDR nicht vorab publik machen wollte, dann muss es diese gewesen sein.