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"Wickert trifft" Vermögenssteuer, Kinderbonus und Mietpreisbremse – Robert Habeck wird konkret

Robert Habeck zu Gast bei Ulrich Wickert
Robert Habeck war der erste Gast der zweiten Staffel des Podcasts "Wickert trifft"
© Ivy Haase
Rechtzeitig zur heißen Phase des Wahlkampfs ist Ulrich Wickert mit seinem Podcast zurück. Zum Start der zweiten Staffel erklärt Robert Habeck die Pläne der Grünen - und scheut auch vor klaren Ansagen nicht zurück.

Ob Robert Habeck als Jugendlicher die "Tagesthemen" mit Ulrich Wickert geschaut hat? Das hat der Grünen-Vorsitzende leider nicht verraten. Doch im Gespräch mit dem Grandseigneur des Nachrichtenjournalismus zeigte sich der Politiker ungewohnt handzahm. Habeck eröffnet die zweite Staffel des Podcasts "Wickert trifft", der rechtzeitig zur heißen Phase des Wahlkampfs wieder auf Sendung geht. Wickert nimmt eine Frage als Ausgangspunkt, die sich derzeit viele Menschen stellen: Welche Partei soll ich wählen?

Von seinem Studiogast will der 78-Jährige wissen, warum man sein Kreuz bei den Grünen machen solle. Habeck wirkt zunächst etwas schüchtern, spricht sehr allgemein: Die Grünen bemühten sich die Partei zu sein, die zu der sich verändernden Gesellschaft passt. Seine Partei komme aus einer individualisierten Bewegung, sei da aber nicht stehen geblieben und habe das Konzept einer offenen, vielfältigen pluralen Gesellschaft entwickelt. Eine ziemlich abstrakte Antwort.

"Das würde mich noch nicht überzeugen", brummt Wickert ins Mikrofon. Und versucht es mit einem konkreten Alltagsproblem, das viele Menschen betrifft: Was wollen die Grünen gegen die steigenden Mietpreise tun? Der Wechsel auf die Sachebene bekommt Habeck gut, der nun auftaut und mit großer Detailkenntnis referiert, wie seine Partei in der Sozial- und Wohnungsbaupolitik zu handeln gedenke. So möchte er Kommunen die Möglichkeit geben, in die Steigerung der Mieten einzugreifen. Kurzum: Mitpreisbremsen so umsetzen, dass sie gerichtlich nicht wieder einkassiert werden wie in Berlin. Zudem solle die Modernisierungsumlage gedeckelt werden.

Ulrich Wickert hakt nach, Robert Habeck pariert

Damit war das Gespräch eröffnet, denn Wickert hakt bei dem Thema nach. Ob man denn nicht besser den Bau und Kauf von Wohnungen staatlich unterstützen sollte, lautet sein Einwand. Auf den Habeck mit einem interessanten Konzept antwortet. Er bringt ein Hybridmodell ins Spiel: die Schaffung von Mieteigentum. Demnach zahlt man zunächst lediglich Miete, erwirbt damit aber die Möglichkeit, irgendwann die Wohnung als Eigentum zu übernehmen. Die Mieten werden hierbei angerechnet, was jungen Menschen hilft, die zunächst nicht in der Lage sind, einen finanziellen Kraftakt zu stemmen und sich gleich bis über beide Ohren zu verschulden.

So entspinnt sich ein munterer Dialog, der die Themenfelder Bildung, Integration und Erinnerungskultur durchschreitet. Habeck wird im Laufe des Gesprächs zunehmend sicherer und konkreter. Für den Wähler gibt es einige hilfreiche Klarstellungen. In der Sozialpolitik kündigt der 51-Jährige etwa eine Kindergrundsicherung an und verspricht einen Kinderbonus für arme Familien - um zu verhindern, dass die die Kinder von Hartz-IV-Empfängern leer ausgehen. 

Finanziert werden sollen die sozialen Wohltaten mit Steuererhöhungen für Spitzenverdiener, deren Satz sich ab einem Jahresverdienst von 100.000 Euro pro Person um drei Prozent erhöht. Zudem möchte er eine einprozentige Vermögenssteuer einführen, den Freibetrag setzen die Grünen bei zwei Millionen Euro fest. 

Spitze gegen FDP-Chef Christian Lindner

Doch mit wem will er seine Politik umsetzen? Hier lässt sich Habeck nicht festlegen. Mit Jamaika habe er auf Landesebene gute Erfahrungen gemacht, betont der Schleswig-Holsteiner. Eigentlich sieht Habeck aber die Ampel die naheliegendste Koalition, denn die drei beteiligten Parteien stünden für die drei Kernfragen unserer Zeit: die ökologische, soziale und liberale Frage. Das spräche für die Ampel. Doch FDP-Chef Christian Lindner habe sich eingemauert. Diese Spitze in Richtung der Konkurrenz kann sich Robert Habeck nicht verkneifen. Wer will es ihm verdenken - es ist schließlich Wahlkampf.

Fast schon kontrovers wird es am Schluss: Bei Wickerts Lieblingsthema, der Einführung eines sozialen Pflichtjahrs, will Habeck nicht mitgehen und äußert eine dezidiert andere Auffassung. So darf man das Gespräch auch als geglückte Emanzipation interpretieren: Robert Habeck entwickelt sich innerhalb der 70 Minuten von respektvoller Unterwürfigkeit bis hin zu offenem Widerspruch. Da wird einem als Hörer klar, wir sehr man in den zurückliegenden Monaten ein derart konzentriertes Format vermisst hat. 

Die neue Folge des Podcasts "Wickert trifft" ist ab dem 26. August auf Audio Now und anderen bekannten Podcast-Plattformen abrufbar.

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