Serien fürs Smartphone
Die Zukunft des Serienmarkts? Hype um "Vertical Dramas"

Die öffentlich-rechtliche Serie "Between The Beats" von Radio Bremen und SR soll im April starten - und zwar auf Tiktok. (Archiv
Die öffentlich-rechtliche Serie "Between The Beats" von Radio Bremen und SR soll im April starten - und zwar auf Tiktok. (Archivbild) Foto
© Jan Woitas/dpa
Zweiminütige Filmchen fürs Smartphone liegen im Trend. In Asien und den USA werden schon Milliardenumsätze mit ihnen erzielt. Experten erwarten nun auch in Europa und hierzulande einen Hype.

Nachdem Caroline entdeckt hat, dass sie schwanger ist, wird sie von der Mutter des werdenden Vaters geohrfeigt und "Schlampe" genannt, weil nun das Eishockey-Stipendium des Sohnes gefährdet ist. Daraufhin bietet die rabiate Mama der Schwangeren ein Bündel 100-Dollar-Scheine an, um sowohl die Romanze zu zerstören als auch das Baby loszuwerden – und das alles innerhalb der ersten 120 Sekunden von "Breaking the Ice".

350 Millionen Mal wurden die etwa zweiminütigen Folgen der Serie "Breaking the Ice" schon abgerufen. Eine gigantische Zahl. Gigantisch erscheint auch überhaupt das Potenzial dieser "Vertical Dramas" (auch "Microdramas" genannt), die im 9:16-Format gedreht werden und damit höher als breit sind, was die ein- bis dreiminütigen Folgen bestens für den Konsum via Smartphone prädestinieren.

Gewaltige Umsätze schon in Asien und Amerika

Dabei hatte bis vor kurzem niemand das Genre dieser Schmalspur-Videos auf dem Schirm – bis die Zahlen explodierten. Sieben Milliarden Dollar Umsatz in China im Jahr 2024, wo jährlich zwei Millionen Episoden hergestellt werden. In den USA waren es 800 Millionen Dollar, bis 2030 sollen es 3,8 Milliarden werden. Und auch nach Europa schwappt der Trend über.

So sind in einem ähnlichen Erzählkosmos wie "Breaking the Ice" auch die 23 Folgen des ARD-Teenie-Dramas "Between The Beats" angesiedelt. Im Mittelpunkt der Geschichte: eine angehende Balletttänzerin, die im Grunde ihres Herzens ein K-Pop Fan ist. Die Reihe von Radio Bremen und Saarländischem Rundfunk (SR), produziert von der Firma Red Pony, soll im April auf Tiktok zu sehen sein und die Generation Z ansprechen - also die derzeitigen Teens und Twens. 

Beim ZDF werde ebenfalls an entsprechenden Konzepten gearbeitet, wie Programmchef Frank Zervos bestätigt. Ziel sei es, "neue serielle Erzählansätze" für die mobile Nutzung "zu erproben".

Die Kölner Produktionsfirma Banijay Productions Germany macht derweil bei der Microdrama-Offensive ihres Mutterkonzerns mit. Sie produzierte gerade ein New-Adult-Format: "Das noch unbetitelte Projekt umfasst 28 Episoden und präsentiert acht bekannte deutsche Kreative mit einer gemeinsamen Reichweite von über 33 Millionen Followern", hieß es in einer Mitteilung.

Serien richten sich in erster Linie an junge Frauen

"Viele dieser Serien funktionieren wie Telenovelas, und richten sich vor allem an ein junges weibliches Publikum", sagt Otto Steiner der Deutschen Presse-Agentur. Der Produzent von TV- und Streamingformaten wie "Shopping Queen" oder "LOL: Last One Laughing" will mit seinem Unternehmen Constantin Entertainment ganz groß in das Geschäft einsteigen. Für den asiatischen Markt, wo der Siegeszug der "verticals" begann, hat er gerade zwei Piloten produziert.

Medienmanager Steiner glaubt, dass die wirtschaftlichen Möglichkeiten für Europa erst einmal im sechsstelligen Millionen-Euro-Bereich liegen, auch wenn man hier definitiv am Anfang steht. "Das Genre ist ja nicht nur für die klassischen Sendergruppen und Plattformen interessant, sondern auch für die großen Telefongesellschaften und die Creator, die ja oft über eine riesige Fanbase verfügen - in den nächsten Jahren kann sich das zu einem Milliardenmarkt entwickeln." Aktuell stammen dreiviertel der Einnahmen weltweit von zahlenden Nutzerinnen und Nutzern.

Geringe Herstellungskosten

Attraktiv für die Macher sind vor allem die Herstellungskosten. Eine komplette Serie mit 26 Folgen à zwei Minuten inklusive No-Name-Akteuren beispielsweise kostet zwischen 50.000 und 300.000 Euro. 

Zum Vergleich: Für dieses Budget bekommt man gerade mal eine Minute einer US-High-End-Serie. Und eine deutsche Produktion wie "Babylon Berlin" kommt pro Stunde auf über drei Millionen Euro.

Auch auf dem internationalen Festival Series Mania in Lille standen die "Vertical Dramas" jetzt im Fokus. Dass die Qualität dieser Produktionen mit dem bisher gewohnten Niveau von Streaming oder TV-Reihen nicht mithalten kann, stand außer Frage. "Aber warum könnte das nicht in Zukunft der Fall sein?", sagte Festival-Chefin Laurence Herszberg in Nordfrankreich der Nachrichtenagentur dpa. "Früher haben wir ja auch geglaubt, dass sich in sechs bis acht Folgen keine anspruchsvolle Geschichte mit vielschichtigen Charakteren entwickeln kann." 

Braucht Europa vielleicht spezielle Vertical-Formate?

Mit Blick auf den europäischen Markt müsse man sich jetzt dringend mit der Frage beschäftigen, wie solche Inhalte produziert und wie sie vielleicht an europäische Gegebenheiten angepasst werden könnten.

Bereits vor sieben Jahren war "Shortform Content" schon einmal im Gespräch: Der später gescheiterte Streamingdienst Quibi von Hollywood-Mogul Jeffrey Katzenberg wollte Kurzform-Inhalte für die Millennials anbieten - auch bekannt als Generation Y, was die zwischen etwa 1980 und 1995 Geborenen meint.

Große Namen wie Sänger Justin Timberlake oder Filmproduzent Guillermo del Toro, sollten die Inhalte liefern, Stars wie Schauspielerin Anna Kendrick die Abonnenten locken, die sich zum Beispiel beim Warten an der Bushaltestelle mit den "Quick Bites" die Zeit vertreiben. 

Hier hätten die Produktionskosten für eine Minute wohl bei 100.000 Dollar und mehr gelegen. Wegen der hohen Ausgaben ging dieses Konzept vor ein paar Jahren nicht auf. Noch nicht, sagt man wohl 2026.

Serie "Breaking the Ice" Medienfestival Series Mania in Lille

dpa

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