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Talksendung zum Überwachungsskandal: Beckmann zeigt, wie es geht

Beckmann hat mich um den Schlaf gebracht. Weil er geschafft hat, was viele Polit-Talker nicht können: Eine Sendung zu machen, die so gut ist, dass man nicht abschalten kann.

Von Ulrike Klode

Ja, so kann es gehen. Ich bin absolut kein Beckmann-Fan, bin oft genervt von seiner Art zu fragen, seiner zur Schau gestellten Eitelkeit. Aber seit klar ist, dass er die Segel streicht, um die ARD von einer Talkshow zu entlasten, trauere ich ihm hinterher. Denn er hat es hin und wieder geschafft, Sendungen zu machen, die anders sind. Die dem Zuschauer zeigen, was eine gute Polit-Talkshow eigentlich ist. Donnerstagabend war so ein Fall. Auf dem Weg ins Bett will ich kurz durch die Sender schalten, bleibe aber schon bei beim Ersten hängen. Reinhold Beckmann. Ah, er versucht sich am Überwachungsskandal. Na, das kann ja nur schiefgehen, denke ich höhnisch.

Doch dann sehe ich, wer da im Studio sitzt und stutze. Hans Leyendecker, "SZ"-Journalist und Investigativ-Held. Constanze Kurz vom Chaos Computer Club, die Frau, die immer etwas Bedenkenswertes zu sagen hat, wenn es um das digitale Leben geht. Frank Schirrmacher, Herausgeber der "FAZ" und Berufs-Bedenkenträger. Ranga Yogeshwar, der TV-Mann, der immer alles erklären kann und den Dingen auf den Grund geht. Dazu: Glenn Greenwald aus Rio zugeschaltet, der "Guardian"-Journalist, der im Kontakt zu Edward Snowden steht und den Skandal ans Licht brachte. Alles Leute, denen ich zutraue, dass sie zu der Diskussion interessante Gedanken beizutragen haben. Denn darauf kommt es doch an: Dass wir einen öffentlichen Diskurs darüber führen, was der Überwachungsskandal für unsere Gesellschaft bedeutet. Und leider ist klar, dass die Politik dazu derzeit nichts beizutragen hat: Die Politiker sind entweder hilflos und neigen zu Schein-Politik (Friedrich), attackieren blind (Steinmeier, Trittin), mauern (Merkel) oder schweigen (Gauck).

Ich sauge Gedanken auf

Kurzum: Diese Gästemischung bringt mich um den Schlaf. Denn in der Tat folgt eine spannende Diskussion - geführt von einem sehr gut vorbereiteten Beckmann - übers Menschenbild, das veränderte Verhältnis von Bürger und Staat, die Folgen der Datensammelwut, das Netz an sich. Und zwischendrin ein Glenn Greenwald, der unter anderem erzählt, wie er sich schützt (er trägt seine Dokumente immer bei sich) und weitere spektakuläre Enthüllungen ankündigt. Bis zur letzten Minute bleibe ich dran und höre zu, versuche die Gedanken aufzusaugen, im Hirn abzuspeichern, um am Wochenende intensiver darüber nachzudenken. Müssen wir nach einem Staat rufen, der uns schützt? Oder muss jeder Bürger selber aktiv werden, sich besser verschlüsseln, andere Dienste nutzen? Möchte ich, dass mein Töchterchen so sozialisiert wird, dass es normal ist, dass große Firmen alles über sie wissen? Brauchen wir eine andere Netzarchitektur? Für Denkanstöße wie diese nehme ich gerne in Kauf, dass Schirrmacher die ein oder andere krude Ansicht äußert, dass Beckmann den obligatorischen Witz macht, die NSA habe die Leitung nach Rio zu Greenwald sabotiert, oder dass hin und wieder Dinge erklärt werden, die ich längst weiß.

"Als Medium und Faktor des Prozesses freier individueller und öffentlicher Meinungsbildung zu wirken", so lautet der Programmauftrag der öffentlichen-rechtlichen Sender im Rundfunkstaatsvertrag. Die ARD hat am Donnerstagabend diese Mission erfüllt. Dank Beckmann.

P.S.: Gerade sehe ich die Einschaltquoten. Nur gut eine Million haben die Sendung gesehen. Viel zu wenig. Mein Appell: Gehen Sie in die ARD-Mediathek und holen Sie die Sendung nach! Ich werde mir am Wochenende einzelne Passagen zum zweiten Mal anschauen.

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