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TV-Karriere in den USA: Ballack, der Matt Damon des Fußballs

Nach seinem unrühmlichen Abgang aus dem DFB-Team erfindet sich Michael Ballack in den USA gerade neu - als Fußball-Experte im Fernsehen. Er wirkt überraschend souverän und witzig, die Amerikaner sind begeistert.

Von Katharina Miklis

Der Anzug sitzt perfekt, die Haut ist leicht gebräunt. Michael Ballack sitzt im Studio des US-Senders ESPN, wenige Stunden von New York entfernt. Hinter ihm glitzert die nächtliche Skyline von Bristol in Connecticut. Neben ihm sitzen Max Bretos und Alexi Lalas, zwei eingespielte TV-Profis des führenden amerikanischen Sportsenders. Die beste Figur im Rahmen der Berichterstattung zur Europameisterschaft 2012 macht jedoch der TV-Novize aus Deutschland.

Michael Ballack ist der Mehmet Scholl des amerikanischen Fernsehens - direkt, schlagfertig, meinungsstark. Er kommentiert für den US-Sender an der Ostküste als Experte die Spiele der Europameisterschaft 2012 in Polen und der Ukraine - und ist die Überraschung der EM. In flüssigem Englisch und leicht sächselndem Akzent geht Löws Ex-"Capitano" in seinem neuen Job regelrecht auf.

Vom kritisierten "Capitano" zum Zuschauerliebling

Er wirkt souverän, selbstbewusst und hat nach der verkorksten Saison bei Bayer Leverkusen sichtlich Spaß daran, die Spiele vom Spielfeldrand aus zu kommentieren. Ex-US-Nationalspieler Alexi Lalas, seit Jahren Besserwisser vom Dienst bei ESPN, redet er locker an die Wand. "Soll das der Fußball der Zukunft sein?", fragt Ballack etwa den überdrehten England-Fan Lalas nach dem Spiel der Briten gegen Frankreich. "Wenn du drei Busse vor dem Tor parkst, dann hat das nichts mit Fußball zu tun. Mich beeindruckt das überhaupt nicht." Und Lalas, der sonst so gerne austeilt, sagt erstmal gar nichts mehr.

Ballack zeigt sich im TV-Studio völlig unaufgeregt und kontert abgebrüht die Spitzen seines Sidekicks. Keine großen Gesten, kein Poltern wie beim US-Kollegen, sondern trockene Analysen und hin und wieder ein charmantes Lächeln. Das ist der Ballack, wie er sich derzeit im US-Fernsehen, fernab der Heimat, in der ihm zuletzt nicht nur Sympathien zuflogen, neu erfindet. Bei den Amerikanern, die im alltäglichen TV-Programm gänzlich anderes gewohnt sind, kommt das gut an. Sie sind begeistert von dem kompetenten Experten aus Deutschland, der weiß, wovon er spricht, und dennoch ein lässiges Understatement ausstrahlt.

Der Matt Damon des Fußballs

Die amerikanischen Soccer-Fans schätzen es nicht nur, dass der ehemalige Kapitän der Nationalmannschaft schnell auf den Punkt kommt, sondern auch, dass er dabei blendend aussieht. In Internetforen wird von "Bally" geschwärmt, US-Medien vergleichen ihn mit Hollywood-Schauspieler Matt Damon. Im Soccer-Land scheint man die Expertise des 98-maligen Nationalspielers weitaus mehr zu schätzen, als seine Dienste zuletzt von Jogi Löw auf dem Platz geachtet wurden. Nach dem unrühmlichen Abschied aus der Bundesliga und der DFB-Elf könnte sich für Ballack im Fernsehen tatsächlich eine Zukunft abzeichnen. Die Einschaltquoten des US-Senders sind mit Ballacks charmanten Auftritten gestiegen. Und wenn er seinen amerikanischen Kollegen vor dem Spiel gegen die Niederlande Holland-Witze erzählt, können die auch darüber lachen.

Trotz des bitteren Endes im Nationalteam hält der gebürtige Görlitzer als US-Experte zu Jogis Jungs. "Ich bin immer auf der Seite der Deutschen. Sie sind zurzeit derart gut in Form", erklärt er dem Kollegen Lalas vor dem Spiel Spanien gegen Portugal. Sollten Spanien und Deutschland ins Finale kommen, so wird es laut Ballack das erste Mal sein, dass Spanien trotz Bestform kein Favorit ist.

Während die Teilnahme der DFB-Elf im Finale noch nicht gesichert ist, hat Ballack gute Karten in den USA. Angeblich erwägt der Sender ESPN bereits, dem Deutschen über die EM 2012 hinaus ein Angebot zu machen und ihn bei der WM 2014 ebenfalls als Experten zu engagieren.