HOME

TV-Kritik "Anne Will": Die unerträgliche Schwere des Seins

Wird Arbeit tatsächlich immer härter? Steuern wir alle auf die universelle Depression zu? Oder sind die Deutschen einfach nur weinerlich? Den Ursachen des Burnouts wollte Anne Will auf die Spur kommen. Es blieb beim Versuch.

Von Ingo Scheel

Man kann nur hoffen, dass Ralf Rangnick während seines Erholungsaufenthalts am Bodensee den Fernseher am Mittwochabend zugunsten eines Buchs oder früher Bettzeit ausgeschaltet ließ. Dem Heilungsprozess des wegen Burnouts zurückgetretenen Ex-Trainers von Schalke 04 wäre das Wirrwarr bei Anne Will kaum zuträglich gewesen. "Ob Fußballtrainer oder Putzfrau - Jobs immer gnadenloser?" fragte die Gastgeberin kryptisch. Zur Beantwortung der Frage eingeladen hatte sie weder noch. Christina Frank, ver.di-Gewerkschaftssekretärin, vertrat zumindest letztere, und das mit einem gerüttelt Maß an Leidenschaft. Vor Peter Neururers Berufsbezeichnung steht jedoch seit zwei Jahren ein Ex. Der ehemalige Trainer von u.a. Schalke, Bochum und zuletzt Duisburg verdingt sich als Kolumnist für den Sender Sport1.

Komplettiert wurde die Runde von Klaus Ernst, dem Bundesvorsitzenden der Linken, Finanzprofessor Bernd Raffelhüschen und Thomas Kramer, einem Selfmade-Millionär mit starrem Blick, der in Miami Bürokomplexe hochzieht. Wer die Frage nach den immer größer werdenden Arbeitsbelastungen hierzulande tatsächlich beantwortet wissen wollte, der ließ bereits nach der Vorstellung der Gäste die Hand auf die Fernbedienung sinken.

Das Thema selbst - Burnout und assoziierte Fälle - rutschte der Sendung schon zwischen den ersten drei, vier Stichwortkärtchen aus dem Blick. Kramer großmaulte vom Deutschen, der sich eh nur beklagt und lieber mal unter einer Brücke in den USA schlafen, oder besser noch: gleich nach China gehen sollte. Da hätten die Leute nämlich richtige Probleme. Neururer nuschelte sich mehrere Versionen seiner Hochachtung für Ralf Rangnick und dessen Mut, diesen Schritt zu machen, aus dem Schnurrbart. Nicht ohne mit absurden Einschub anzumerken, dass er auch Leute kennen würde, die Burnout vortäuschen, um Kranken- statt Arbeitslosengeld zu kassieren. Das hielt ihn dennoch nicht ab, mindestens dreimal den Hut vor Ralf Rangnick zu ziehen.

Klar gibt es Depris

Der wurde schließlich mit einem kurzen Einspieler vorgestellt, der vor allem bewies, dass die Musikredaktion der ARD mittlerweile mit der selben Perfidie vorgeht wie die von "Bauer sucht Frau". Das resümierende Filmchen über Rangnicks Abgang wurde unterlegt von einem Song der britischen Band Joy Division. Deren Sänger hatte einst, von Depressionen und Epilepsie aufgerieben, Selbstmord begangen. Soviel zum Thema, nach Robert Enke wolle man doch endlich ein wenig rücksichtsvoller miteinander umgehen.

Später mühte sich Herr Raffelhüschen, unter Myriaden von "Ähhs" und "Sozusagens", den Fokus weg von Christina Franks anekdotischer Evidenz hin zu nüchternen Zahlen zu richten. Putziges Ergebnis seiner Ausführungen: Klar gibt es Depris, natürlich existiert so etwas wie Burnout, aber man müsse auch sehen, dass Menschen oft genetisch, oder wie Raffelhüschen es nannte, "landsmannschaftlich" geprägt sind. Anders gesagt: Der Ostfriese kennt keine schlechte Laune. Und für den Rheinländer ist das Glas eh immer halbvoll. Na also, ist doch alles gar nicht so wild. Thomas Kramer nutzte seine Chance, auch gleich noch einen Treffer zu landen: Öfter mal Salat statt Pommes. Und spazieren gehen. Dann geht es schon wieder.

Ein wenig Relevanz flackerte auf, als sich Anne Will gegen Ende der Sendung ans Podium zu Dr. Christian Dogs gesellte. Der Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie nahm zumindest für einen Moment die Fahrt aus dem führerlosen Talkzug. Ging mit einem kurzen Vortrag ordnend durchs Gequassel, sprach von Faktoren im Privatleben, die das Krankheitsbild begünstigen, legte den Finger in die Zeitgeistwunde. Und lieferte doch noch Statistisches: Die meisten Burnout-Opfer seien Beamte. Lachen im Publikum. Dr. Dogs tat es ihm gleich und nutzte die Gunst des Augenblicks für seine schlicht geratene Lieblingsthese. Das sei nämlich immer noch das beste Mittel gegen schlechte Stimmung: Lachen. Oder eben öfter Salat. Oder ab nach China.