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TV-Kritik "Günther Jauch" Gebrauchsanweisung für Putin


Reden oder sanktionieren? Wie soll der Westen mit Russlands Präsident Putin umgehen? Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen setzt auf "Gesprächsräume", andere warnen vor "Kuschel-Diplomatie".
Von Simone Deckner

Trotz Befreiung der OSZE-Geiseln: Die Nachrichten aus der Ukraine sind weiterhin höchst besorgniserregend. Laut einer aktuellen ARD-Umfrage haben mehr als 70 Prozent der Bundesbürger Angst vor einem neuen Kalten Krieg. Günther Jauch als Spezialist für Emotionen weiß, wie er das trockene Thema näher an die Leute bringen kann. Indem er es personalisiert. "Kriegsgefahr in Europa – Ist Putin noch zu stoppen?" hieß die wenig objektive Frage in der gestrigen Sonntagsrunde. Keine offene Ausgangsposition, eher eine, die suggeriert: Der Schuldige steht fest. Jetzt geht es nur noch darum zu diskutieren, wie man ihm das Handwerk legen kann.

An Fachwissen mangelte es der Runde nicht: Mit Ursula von der Leyen (CDU) saß die amtierende Verteidigungsministerin bei Jauch. Die aktiven Zeiten des SPD-Politikers Erhard Eppler sind zwar lange vorüber, dennoch zeigte sich der 87-Jährige auf der Höhe der Zeit. Ex-Piratenpartei-Geschäftsführerin Marina Weisband ist in der Ukraine geboren und hat sich immer wieder in die öffentliche Debatte eingemischt. Die beiden Journalisten Fritz Pleitgen (Ex-WDR-Intendant) und Klaus-Helge Donath (taz) komplettierten die Runde.

Monolog der Verteidigungsministerin

Doch gleich zu Beginn strapaziert Ursula von der Leyen die Geduld der Zuschauer mit einem gefühlt 20-minütigen Monolog. Eigentlich wollte Jauch nur wissen, wie es den freigelassenen deutschen OSZE-Beobachtern gehe. Die Verteidigungsministerin aber sprach und sprach und sagte nicht viel, außer, wie wichtig objektive Beobachter gerade in solchen Krisensituationen sei. Deren Einsatz sei "wohl abgewogen", keineswegs "grob fahrlässig" gewesen, wie Jauch angedeutet hatte. Dabei blinzelte sie auffällig oft in die Kamera. Man müsse mit Putin reden. Bei von der Leyen hörte sich das allerdings verquaster an. Immer wieder sagte sie, man müsse "den Gesprächsraum offen halten". Wo auch immer der sich befindet.

Fritz Pleitgen appellierte daran, auch die Sichtweise der Russen ins Kalkül zu ziehen: "Die NATO steht an der russischen Grenze und nun kommen wir mit der EU hinterher." Das könne schon "bedrohlich" wirken, so der langjährige Moskau-Korrespondent. Noch weiter ging der anfangs leicht fahrig wirkende Erhard Eppler: Dass US-Präsident Obama Russland kürzlich als "Regionalmacht" bezeichnet habe, sei eine "bewusste Demütigung" gewesen.

Marina Weisband widersprach. Die studierte Psychologin verwies darauf, dass "Vertrauen und Beleidigung keine politischen Größen sind. Interessen aber schon." Putin nutze die Krise in der Ukraine für seine innenpolitischen Interessen, so Weisband. "Es geht ihm darum, seine Macht zu wahren." Eine Sichtweise, die auch taz-Russland-Korrespondent Klaus-Helge Donath vertrat: Derzeit "verschmelze" die russische Bevölkerung mit ihrem "Chef". Ob Reden allein den machthungrigen Präsidenten beeindrucke, wage er zu bezweifeln, so Donath: "Putin weiß sehr wohl, wie deutsche Diplomatie gestrickt ist. Er versteht das als Einladung weiterzumarschieren." Und nicht bei der Ukraine zu stoppen. Donath: "Er will die EU aus den Angeln heben."

Darf Schröder mit Putin kuscheln?

Eppler wiederholte, man dürfe Putin nicht verteufeln. Man musste sich bisweilen arg konzentrieren, um den Sätzen des Polit-Seniors zu folgen, aber es wurde klar, dass Eppler wenig mit der Schwarz-Weiß-Rhetorik anfangen konnte. "Die Welt besteht nicht nur aus guten Menschen und einem Bösen in Moskau". Der Westen würde Putin "die falschen Fragen" stellen. Diplomaten leisteten zu wenig. "Die Kuh vom Eis ist mittlerweile ein gefährlicher Stier geworden." Die EU und Russland müssten Sondierungsgepräche führen über das Schicksal der Ukraine, so Eppler. "Das hört sich für mich nach Hitler-Stalin-Pakt an", konterte taz-Mann Donath. Und wies darauf hin, dass Russland seinen Verteidigungsetat erhöht habe. Sicherlich nicht nur aus Jux und Dollerei.

Aber Jauch wollte unbedingt noch ein anderes Thema unterbringen: Der Gerhard und sein alter Kumpel Wladimir. Gemeinsam bei dessen Geburtstag. Sich umarmend. Jauch, ganz investigativ: "Darf der das?" Solange sein Besuch einen "praktischen Nutzen" hat, fände er das gut, so Pleitgen. Natürlich sei ein "political animal" wie Schröder in die Sache involviert, so sein SPD-Genosse Eppler. Wie sehr, darüber könne er "hier aber jetzt nicht reden", so Eppler vielsagend. Ursula von der Leyen blieb unbeeindruckt. Ihres Wissens habe Schröder nichts mit der Freilassung der Geiseln zu tun gehabt.

Als Jauch schließlich von Marina Weisband wissen wollte, was sie von dem berühmten Umarmungs-Foto von Putin und Schröder halte, wurde die bislang Besonnene sauer: Es sei "absurd" über so ein Foto zu diskutieren, während in der Ukraine "jeden Tag Menschen sterben." Das Wichtigste sei jetzt, den Weg zu ebnen für freie Wahlen. Dafür müsse sich der Westen in Kooperation mit Russland einsetzen. "Alle müssen sich ernst genommen fühlen", so Weisband. Sie halte nichts davon, die für den 25. Mai geplanten Wahlen zu verschieben. Die einzige Ukrainerin in der Runde: "Warten ist keine Alternative, sonst eskaliert Lage immer weiter."


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