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TV-Kritik Günther Jauch: Flüchtlingstalk mit viel Emotionen und wenig Inhalt

In der Talkshow von Günther Jauch sollte es eigentlich um die Frage nach der Festung Europa gehen. Die Gäste hatten aber ihre eigene Agenda.

Von Andrea Zschocher

Günther Jauch sprach in seiner Talkshow über das Thema Flüchtlingskrise

Günther Jauch wollte von seinen Gästen wissen, wie der Flüchtlingsstrom in den Griff bekommen werden kann

Eigentlich wollte Günther Jauch in seinem sonntäglichen Talk der Frage nachgehen, ob Europa in Zeiten der Flüchtlingsströme zu einer Festung wird, oder ob die Grenzen weiterhin offen bleiben. Aber die geladenen Gäste sprachen dann doch lieber über die Themen, die für sie wichtig waren. Das changierte von europäischen Beschlüssen über Flüchtlingshilfe in den Nachbarländern Syriens bis hin zum "rechtslosen Zustand" Deutschlands. Dies jedenfalls schien das  Herzensthema vom ehemaligem stellvertrendenen Parteivorsitzenden Peter Gauweiler, CSU, zu sein. Die Fragestellung von Jauch ignorierte er ein ums andere Mal um darauf hinzuweisen, dass das Einwanderungsgesetz nach wie vor aktiv sei und deswegen die Aufnahme von Flüchtlingen verbiete, die aus einem anderen Staat der EU einreisen würden.

"Ich verliere meine Menschlichkeit"

Auch der Schweizer Journalist Frank A. Meyer möchte die Flüchtlingsströme "kanalisieren". Für ihn stand gestern Abend vor allem die Frage im Vordergrund, wer denn nach Deutschland kommen darf und wer die Integrationsarbeit übernimmt. Sich selbst nahm der Schweizer, der in Berlin lebt, dabei aus. Er sei "privilegiert" und hätte deswegen kaum Berührungspunkte mit Flüchtlingen.

Zumindest zeitweise hatte Hans-Ulrich Jörges, Mitglied der stern-Chefredaktion, diesen Kontakt. Er fuhr gemeinsam mit einem Kameramann in die "Vorhölle Europas", nach Slowenien, um vor Ort zu erfahren, wie die Flüchtlinge dort leben. Ein Polizist, der die Menschen auf der Flucht in dem Lager beaufsichtigt, sagte ihm "I am loosing my humanity". Die Menschlichkeit verlieren, angesichts der 3000 Menschen die dort "als Gefangene" gehalten werden, mit bewaffneten Polizisten und Panzern vor den Toren, diese Bilder lassen, so sagte Jörges, einen nicht mehr los. Auf Jauchs Nachfrage, ob all diese Flüchtlinge nach Deutschland wollten, antwortete Hans-Ulrich Jörges zweigeteilt. Einerseits würden nicht alle sich auf den Weg nach Deutschland machen, auch Schweden, die Schweiz oder Dänemark wären Zielen, zum anderen wollen aber gerade Familien wegen der guten Bildungschancen nach Deutschland. Bildung, damit will auch das UN-Flüchtlingshilfswerks UNHCR die Flüchtlinge unterstützen. Deren Sprecherin, Melissa Fleming, berichtete über ihre Hilfe vor Ort, und auch von den Schulen, die in den Zeltstätten der Nachbarländer um Syrien herum errichtet wurden.

Wieso fliehen die Menschen?

Günther Jauch wollte wissen, wieso sich so viele Flüchtlinge überhaupt auf den Weg nach Deutschland machen. Fleming gab sich zunächst bedeckt, sie wollte, sagte sie „Deutschland nicht kritisieren, denn Deutschland hat viel für die Flüchtlinge getan.“ Aber, wie so oft, ist eben doch fehlendes Geld die Wurzel des Übels.

Hier stimmte sie mit dem Vorsitzender des Ausschusses für Auswärtige Angelegenheiten im EU-Parlament, Elmar Brok, CDU, überein. Der kritisierte im Vorfeld bereits, dass die gekürzten Zahlungen von Deutschland an das UNHCR dafür sorgten, dass sich mehr Menschen auf den Weg machen. Zurzeit bekommt das Flüchtlingshilfswerk pro Person 50 Eurocent zur Versorgung, nicht genug um alle Flüchtlinge ausreichend und angemessen zu versorgen.

Viel Gerede und Emotionen

Ein weiterer Grund für den Weg aus den Flüchtlingslagern ist die Mittelfristigkeit, mit der die Flüchtlinge sich auf die Zeltstätte eingelassen hätten. Nach ein bis zwei Jahren würden sie auf eine Verbesserung der Situation hoffen, die dann aber nicht eintritt. Dritter Grund ist aber die Tatsache, dass Länder wie Jordanien und der Libanon, aber auch die Türkei mittlerweile keine Flüchtlinge mehr aufnehmen können, weil deren Belastungsgrenzen erreicht seien. Die Menschen, die das vom Krieg zerstörte Syrien verlassen, müssen sich auf den Weg in ein anderes Land machen. An diesem Punkt wurde die Talkshow tatsächlich interessant, Brok wies daraufhin, dass die Zahlungen an das Flüchtlingshilfswerk und die Länder entlang der Balkanroute wieder erhöht werden müssen. Die Menschen, so sagte er, "kommen nicht aus Chuzpe, sie kommen aus Angst." Weil sie vor Ort keine Lebensgrundlage mehr finden und ihnen in den Nachbarländern keine Alternativen ermöglicht werden. 

Günther Jauch wollte an diesem Abend von seinen Gästen immer wieder wissen, wie der Flüchtlingsstrom in den Griff bekommen werden kann, welche Lösungen wirkliche Hilfe anbieten. Antworten bekam er keine, dafür viel Gerede und Emotionen, die so gar nicht zu der vorwiegenden Männerrunde passen wollten. "Es gibt sehr viel Humanität und sehr viel Angst" fasste Melissa Fleming die Gefühlswelten zusammen, in denen sich ihrer Meinung nach viele Deutsche wiederfinden würden. Jauchs Talkshow konnte wohl nicht dazu beitragen die Ängste zu nehmen, vielleicht aber erreichen Hans-Ulrich Jörges' Aussagen diejenigen, denen die Humanität nach wie vor wichtig ist.