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TV-Kritik

"Anne Will": "Wie bekloppt sind die Amerikaner?"

Anne Will wollte in ihrer Talkrunde den möglichen Wahlsieg von Donald Trump im Vorfeld analysieren. Das Ergebnis: Alles ist möglich.

Von Andrea Zschocher

Anne Will

Trump als Präsident sei wie "Dieter Bohlen als Nachfolger von Herrn Gauck", so der TV-Moderator Thomas Gottschalk

Irgendwie erhofft man sich von TV-Talkshows ja schon einen Erkenntnisgewinn. Oder das Schaffen neuer Fakten. Oder wenigstens gute Unterhaltung. Bei Anne Wills Talkrunde zum Thema "Emotionen statt Fakten - Warum ist Trump so erfolgreich?" gab es aber weder Fakten noch Streitgespräche. Stattdessen bekümmerte Politiker und einen Entertainer, der vielen aus der Seele sprach.

Übliche Talk-Runde bei Anne Will

Eingeladen waren Moderator Thomas Gottschalk, der EU- Politiker Martin Schulz, der Trump-Unterstützter Roger Johnson, Linkspartei-Politiker Oskar Lafontaine und Politikerklärerin Constanze Stelzenmüller. Schnell drehte sich alles um die Frage: Wieso ist Trump so erfolgreich? Die schlichte Antwort: Weil Emotionen wichtiger sind als Fakten.

Lafontaine erinnerte sich an seine eigenen Erfahrungen als Kanzlerkandidat und versuchte, im Laufe der Sendung immer wieder zu erklären, dass ihm im Wahlkampf damals ähnliches mit Herausforderer Helmut Kohl widerfahren war. "Emotionen entscheiden", das war damals so, und wird sich auch im Fall von Trump bewahrheiten, orakelte der Politiker. Seiner Meinung nach fülle Donald Trump eine Lücke für die, die "weit unten" sind, er träfe ein weit verbreitetes Gefühl.

Diese Annahme wurde von diversen Einspielern der Redaktion gestützt, in der Menschen zu Wort kamen, die erklärten, sie würden Trump wählen, weil er was bewegen will, Jobs schaffen könnte und sein eigenes Geld im Wahlkampf investiert.

Amerikaner sind anders als Europäer

Die Frage, die sich Anne Will da wohl aufdrängte, ließ nicht lange auf sich warten: "Wie bekloppt sind die Amerikaner?" wollte sie von Thomas Gottschalk wissen. Der lavierte um eine Antwort herum, erklärte lieber, dass wir Europäer die US-Amerikaner "nicht wirklich verstehen" können.

Er teile die Ansicht Peter Sloterdijks, der in seinem Buch "Das Schelling-Projekt" die Amerikaner als "Kindvolk" bezeichnete. Dieses "Kindvolk" habe, so Gottschalk, ein anderes Verständnis von Politik, die Menschen in den USA hätten weniger Ansprüche an die Politiker und mehr an sich selbst.

An eben jenem Begriff des Kindvolkes störte sich Constanze Stelzenmüller empfindlich. Genauso wie an den Einspielern der "Anne Will"-Redaktion. Was genau daran in ihren Augen so problematisch war, konnte sich aber auch nicht erklären. Generell war sie einfach dagegen. Gegen Trump, gegen Verharmlosung. "Das, was in Amerika passiert, passiert auch bald in Europa", orakelte die Politik-Erklärerin. Dem stimmte Martin Schulz zu. "Der Typ ist eine Gefahr", warnte er und auch, wenn Hillary Clinton nicht fehlerfrei sei, er forderte, dass "nicht der Bauch gewinnt, sondern die Vernunft".

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Trump ist der bessere Entertainer 

Gottschalk gab zu, dass er die Entertainer-Qualitäten des Republikaners schätzt. Dass dreiviertel aller Trump-Aussagen gelogen sind, so die amerikanische Internetseite Politifact, tue dem Interesse an Trump keinen Abbruch. Er bietet einfach die bessere Show. Aber, so Gottschalk, Trump als Präsident sei wie "Dieter Bohlen als Nachfolger von Herrn Gauck". Hillary Clinton hingegen wirke auf Thomas Gottschalk "wie eine Chemielehrerin", weswegen er aus Unterhaltungssicht lieber bei Trump einschalten würde.

"Wenn nicht Trump gewählt wird, gewinnt Hillary", und das, so sagte Roger Johnson, sei eine Katastrophe. Der Republikaner war eingeladen, um dem Publikum zu erklären, wieso er bei der Präsidentschaftswahl für Donald Trump stimmen wird. Er musste sich von Will die Frage gefallen lassen, ob er "bekloppt" sei und sollte erklären, wieso Trump in seinen Reden so oft Lügen verbreitete. Antworten hatte er nicht. Wie auch, keiner der Gäste konnte wirklich ergründen, wieso der Milliardär so erfolgreich ist.

Thomas Gottschalk gemahnte daher auch, dass sowohl Clinton als auch Trump die Sendung eh nicht anschauen würden und bat darum, aus möglichen Fehlern, die die USA begehen könnten, zu lernen. "Lasst uns versuchen zu verhindern, dass es bei uns wegrutscht", bat er.

Diesen Wunsch sollte man im Hinblick auf die Bundestagswahl 2017 auf keinen Fall aus den Augen verlieren.

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