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"Anne Will" Das große Geplapper: Es gibt so viel zu besprechen – doch dominiert vor allem ein Thema den Talk

Friedrich Merz (CDU), Olaf Scholz (SPD), Anne Will (Moderatorin), Annalena Baerbock (Bündnis 90/Die Grünen)
Von links nach rechts: Friedrich Merz (CDU), Olaf Scholz (SPD), Anne Will (Moderatorin), Annalena Baerbock (Bündnis 90/Die Grünen)
© NDR/Wolfgang Borrs
Anne Will, was soll das? Mit dem Thema "Wie wollen wir leben?" hätte es gelingen können: endlich mal raus aus dem Dauer-Corona-Talk. Allein: So am Thema vorbei war selten eine Sendung. Stattdessen gab's mal wieder viel Corona. Und Gender obendrauf.
Von Sylvie-Sophie Schindler

Stell dir vor, es ist "Tatort" angekündigt – und dann läuft "Rosamunde Pilcher". Erst mal denkst du, Mensch, wohl das falsche Programm gedrückt. So ähnlich muss es dem Zuschauer am Sonntagabend ab 21.45 Uhr in der ARD ergangen sein. Immerhin gab's "Anne Will", wo "Anne Will" draufstand – und es tauchte nicht plötzlich Günther Jauch auf, um eine Quizsendung zu machen. Doch sonst: Thema verfehlt. Nicht irgendwie verfehlt, sondern noch-nie-so-dagewesen-verfehlt. Was das sollte? Vielleicht gehört das zu den Nebenwirkungen, wenn man in der Murmeltierschleife drinsteckt und nur noch eine Corona-Sendung nach der anderen – wie oft denn noch? – raushaut. Dabei hatte die ARD groß angekündigt, mit "Anne Will" solle die ARD-Themenwoche zur Frage "Wie wollen wir leben?" starten. Aber vielleicht ist das schon die Antwort: dass die Frage einfach egal ist. 

Niemand rückt mit Visionen für das Land raus

In der Runde saßen laut Moderatorin, "die, die angeben, unser Land führen zu wollen und führen zu können". Namentlich Olaf Scholz (SPD), Vizekanzler und Bundesminister der Finanzen, Annalena Baerbock (Bündnis 90/Die Grünen), Parteivorsitzende und Friedrich Merz (CDU), Kandidat für den Parteivorsitz. Gesprochen wurde über: Corona, Steuer- und Finanzpolitik – und gendergerechte Sprache.

Einigkeit gab es in Sachen Corona-Finanzierungshilfen: "Es ist richtig, dass wir jetzt so viel Geld in die Hand nehmen." Mag sein, dass die drei Anwesenden vielleicht sogar sensationelle Visionen für die Gesamtbevölkerung haben, nur leider rückte damit niemand so richtig raus. Stattdessen kamen alle mit fertigen Sätzen daher – copy & paste aus zig anderen Talkshows der letzten Wochen und Monate – und wer in fertigen Sätzen redet, langweilt nicht nur, sondern hat, und das sagte mal Martin Walser in einem Gespräch mit der Autorin, "kein schönes Gesicht".

Im Online-Forum zur Sendung bekundeten Zuschauer, dass sie sich aufgrund des Titels auf die Sendung gefreut hätten, aber bald schon reihenweise, sie würden abschalten, es sei nichts weiter zu hören als "Geplappere". Um 22.31 Uhr, sagte Anne Will vorwurfsvoll: "Wir sind wieder beim Geld". Darf man dann bitte an die Moderatorenverantwortung erinnern? Man hätte auch ganz woanders landen können, wenn die Gastgeberin die entsprechenden Impulse gesetzt hätte, statt einfach laufen zu lassen. Ein regelrechtes Faible reinzugrätschen, entwickelte Will einzig bei Friedrich Merz. Während Baerbock monologisch ausführen durfte, musste der CDU-Mann zig Unterbrechungen hinnehmen. Der wiederum war der Einzige in der Runde, der an das bisher immer noch nicht besprochene Thema der Sendung erinnerte, allerdings auch erst spät, paar Minuten vor Schluss, als eh schon nichts mehr zu retten war. 

"Anne Will": Gäste diskutieren in der ARD-Talkshow

"Anne Will"-Gäste beißen sich beim Thema Geld fest

Man könne, so Merz, doch nicht an "diesem Tag, an diesem 15. November" China außer Acht lassen, wo gerade das größte Freihandelsabkommen weltweit abgeschlossen wurde. Das sagte er, als Will gerade mit "Gender" daherkam. "Und wir diskutieren hier über Gläubiger und Gläubigerinnen", beschwerte er sich und mahnte, man müsse Prioritäten sortieren. Er sei in die Sendung gekommen, um darüber zu sprechen, wie leben wir in zehn Jahren in Deutschland. Die Vorgänge in China seien dabei auch zu nennen. Das auszublenden sei, meinte er an Will gerichtet, eine "kühne Vorstellung". Baerbock wiederum kritisierte, dass Merz die Bedeutung einer gendergerechten Sprache "schnurzpiepe" sei. Er erkenne nicht die Dimension, um die es gehe. Wer nicht bereit sei, gegen strukturellen Sexismus vorzugehen, der könne auf keinen Fall 80 Millionen Menschen regieren.

Allein: Die Dimension, um die es hätte gehen sollen, also Deutschland in 10, 20, 30, 40, 50 Jahren, bedeutet wesentlich mehr als die von ihr wiederholt – auch hier keine Überraschungen – ins Feld geführte Klimapolitik. Insbesondere folgende Themen beschäftigen die Bevölkerung – nur mal so eine nahe liegende Idee: Betroffene einladen – und dazu hätte es die notwendigen Debatten (quo vadis?) gebraucht: Wohnungsnot, soziale Gerechtigkeit, Finanzierung der Rente, Migration, Extremismus, Digitalisierung.

Auch die zunehmende Spaltung in der Gesellschaft und der Frieden national wie international sind Themen, die heute wie in Zukunft von großer Bedeutung sind. Dass sich drei Menschen, die dieses Land regieren wollen, stattdessen inhaltlich an, mit ABBA gesprochen, "Money, Money, Money" festbeißen und schlichtweg keine – schon gar nicht gewagte – Visionen haben, ist mehr als aufschlussreich. Am Schluss meinte Will: "Wir könnten noch ewig weiterdiskutieren." Mag sein. Dann aber bitte unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Immerhin verhalf die Sendung einem Zuschauer zu einer zukünftigen Entscheidung. Er kommentierte: "Eines ist mir aber sehr klar geworden: Ich möchte in Zukunft ohne die Talkshow von Anne Will leben."

rw

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