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TV-Kritik zu "Anne Will": Merkel allein zu Haus

Die Kanzlerin feuert ihren Kronprinzen und Anne Will ist ganz dicht dran. Doch obwohl die Sendung Merkel gewidmet ist, tauchen plötzlich wichtigere Themen auf: Kriegsfilme und die „Lindenstrasse“.

Von Sophie Lübbert

Nach etwa einer Stunde muss Merkel ihre Sachen packen. Sechzig Minuten lang hat sie allein geherrscht, aber gegen Hollywood kommt selbst die Kanzlerin nicht an. "Sie kennen Steiner - das Eiserne Kreuz?", fragt FDP-Mann Wolfgang Kubicki und lehnt sich entspannt in den Sessel. Ja, er kenne den Film, gibt "Spiegel"-Journalist Jan Fleischhauer zu. Kubicki guckt begeistert. Vermutlich hatte er sich den Abend bei Anne Will nicht so entspannt vorgestellt.

Schließlich ging es in den Stunden vor der Sendung hoch her: Merkel feuerte Ex-Ziehsohn Norbert Röttgen und berief Peter Altmaier, einen engen Vertrauten, der dem Volk bisher hauptsächlich durch Twitter-Nachrichten wie "Ich mach mich jetzt vom Acker" bekannt war. Dafür hat Wills Redaktion extra alle Pläne für den Abend umgeschmissen, Gäste ausgeladen (Manuela Schwesig, Peter Hintze) und neu eingeladen. Jetzt steht das Thema "Röttgens Rausschmiss - Merkel im Abstiegskampf?" auf der Tagesordnung.

"Er war von der Entscheidung überrascht"

Eigentlich eine hervorragende Ausgangsposition für Will: sie kann nicht nur ein beinahe lustiges Wortspiel in Bezug auf das Skandal-Fußballspiel Berlin-Düsseldorf machen, sondern so aktuell wie selten ein politisches Thema diskutieren. Sie ist ganz nah dran und hat auch noch in Wolfgang Bosbach einen Gast, der nur wenige Stunden zuvor nach eigenen Angaben mit dem geschassten Röttgen telefoniert hat.

"Er war von der Entscheidung überrascht", berichtet Bosbach; der Parteifreund habe von seiner Entlassung wohl erst aus den Medien erfahren und sei nun "betroffen und getroffen". Dann folgt eine Psychologie-Stunde der gesamten Runde. Röttgen stehe vermutlich "unter Schock" und sei "nicht ganz bei sich" (Fleischhauer"). Er solle sich eine Auszeit nehmen, empfiehlt Kubicki.

"Wer soll denn künftig in Talkshows für sie sprechen?"

Alles so schön harmonisch hier: Röttgen ist ein bemitleidenswerter Mann, da sind sich alle einig. Außerdem war die Kanzlerin auch wirklich nicht nett zu ihm. Unfair, knallhart, ohne Mitleid. Die Entlassung sei ein "Gewaltschlag", sagt Publizistin Gertrud Höhler, "eine Ausnahmeentscheidung", weil Merkel ihre Macht ausbauen, den letzten Rivalen beseitigen, sich unentbehrlich für die CDU machen wolle.

Niemand mag ihr widersprechen. Alle stimmen darin überein, dass Merkels Verhalten ein Fehler war, wenigstens menschlich, vermutlich auch politisch. Wenn Merkel allein dasteht, "wer soll denn künftig in Talkshows gehen und für sie sprechen?", scherzt Verleger Jakob Augstein.

Filme, Finanzkrise und "Lindenstrasse"

Wolfgang Bosbach wäre eine gute Wahl: der Mann verteidigt seine Kanzlerin zwar nur recht halbherzig, aber er wirft ansonsten mit Plattitüden um sich ("Mal gewinnt man, mal verliert man", "Im Sieg bescheiden sein, in der Niederlage tapfer sein"). Dann erzählt er noch ein wenig davon, wie es in der Politik abläuft und der Zuschauer erfährt: Büros werden ausgeräumt, wenn ein Minister entlassen ist.

Dann macht Bosbach noch ein bisschen Werbung für die CDU, streitet sich Kamera-wirksam mit SPD-Mann Thomas Oppermann, der im Gegenzug dafür ein bisschen Werbung für die SPD machen darf, dann reden alle kurz noch über Filme, Finanzkrise, Griechenland, Piratenpartei, die "Lindenstrasse" und Hannelore Kraft als mögliche SPD-Kanzlerkandidatin. Immerhin würden vier von vier befragten Deutschen lieber mit Kraft als mit Merkel in Urlaub fahren, was sie offenbar direkt qualifiziert.

"Morgen gibt's wieder ein anderes Thema"

Irgendwann hat das alles nur noch entfernt mit Merkel zu tun und der Ursprungsfrage nach ihrem Abstieg. Publizistin Höhler hat vorher noch auf das Problem hingewiesen: Durch die Entlassung habe Merkel das Land dazu gezwungen, über ihre Entlassung Röttgens zu reden - und nicht darüber, wieso der Mann die Wahl in NRW eigentlich verloren hat und was bei der CDU falsch laufe.

Das heisst wohl: Selbst wenn nun alle über Merkel schimpfen, dass sie ihre Partei auslauge, sich rücksichtslos an der Macht halte, kein Mitgefühl zeige - wäre das wohl genau in ihrem Sinne.

Denn: "Morgen gibt's wieder ein anderes Thema", sagt FDPler Kubicki, dann kann Merkel so weiter regieren, wie sie diese Talk-Sendung beherrschen sollte: allein. Dieses Mal geht es sogar noch schneller, bis die Kanzlerin ihre Ruhe hat. Dieses Mal dauert es nur eine Stunde.