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TV Total Bundestagswahl 2009: Linke und Liberale siegen bei Raab

Geht doch: Pro Sieben zeigte mit der "TV Total Bundestagswahl", dass ein vergnügtes Nebeneinander von Show und Politik für ein junges Publikum möglich ist.

Von Bernd Gäbler

So unbekümmert wie es im öffentlich-rechtlichen Fernsehen gar nicht möglich wäre, hat Stefan Raab die Bundestagswahl einfach schon mal vorgezogen - nur als Spielshow natürlich. Es wurde debattiert, gejohlt und gewählt - und am Ende gab es ein Ergebnis, das viele als kurios empfinden mögen. Die Sendung ist sicher nicht repräsentativ, mag sogar etwas sehr schräg sein, ist aber schon deswegen als politischer Seismograph ernst zu nehmen, weil die gleichartige Sendung im Jahr 2005 als einzige eine große Koalition vorausgesagt hatte. Gewählt werden durften per Handy und SMS nur die großen, im Bundestag vertretenen Parteien. Mehrere Hunderttausend junge Wähler stimmten ab - und das Ergebnis war ebenso sensationell wie eindeutig: Sieger wurden die Linkspartei und die FDP.

In das ermittelte Ergebnis wurde noch ein Koeffizient eingerechnet, der die Differenz zwischen der 2005er Prognose und dem damaligen realen Wahlergebnis berücksichtigte. Die abschließende Prognose bescherte der CDU/CSU 31,4 Prozent, der SPD 16,8 Prozent und der FDP 14,5 Prozent. Fast gleichauf lagen die Grünen mit 14,4 Prozent, die Linke überflügelte FDP und Grüne mit 16,8 Prozent.

Gleich in sieben Bundesländern wurde die Linke stärkste Partei, die Liberalen waren in Hamburg, Sachsen und Baden-Württemberg Spitze. Was immer da los war - diese Ergebnisse zeigen zumindest die Mobilisierungsfähigkeit dieser beiden Parteien, was auch der im Studio stets präsente Chef des Meinungsforschungsinstituts Emnid, Klaus-Peter Schöppner, eifrig beglaubigte. Die Prozentzahlen dürfe man natürlich nicht wörtlich nehmen, aber eindeutig und real sei die Tendenz: Die großen Parteien werden klein, die kleinen Parteien werden groß. In der Sendung reichte es am Ende nicht einmal mehr für eine große Koalition.

Die Show der Elefanten

"Das werden ja muntere Koalitionsverhandlungen", freute sich N-24-Chefredakteur Peter Limbourg, der Stefan Raab als politische Hilfskraft beigestellt war. Er hatte ja schon das TV-Duell "zum Feuerwerk moderiert", wie Stefan Raab neckend anmerkte. Limbourg musste gar keine Rolle spielen, um seines Amtes als Spaßbremse zu walten. "Wenigstens sind hier mehr Politiker als Moderatoren", wusste er noch einigermaßen selbstironisch anzumerken.

Für die Ergebnispräsentation sorgte Matthias Opdenhövel; Elton kam zum Glück nicht vor - aber eine Show war es trotzdem durch und durch. Eifrig dazu bei trugen die geladenen Spitzenpolitiker. Selbstverständlich waren weder Angela Merkel noch Frank-Walter Steinmeier gekommen. Für sie war die Veranstaltung wohl zu wenig höfisch. Aber die Runde mit Gregor Gysi, Jürgen Trittin, Franz Müntefering, Christian Wulff, Guido Westerwelle und Karl-Theodor zu Guttenberg war dennoch eine der hochkarätigsten im gesamten TV-Wahlkampf. Ganz ohne Anzüglichkeiten ging es bei Pro Sieben natürlich nicht ab: So musste, als Gysi sagte, er sei kein "lauwarmer Typ", natürlich sofort Guido Westerwelle eingeblendet werden; und Franz Müntefering wurde bescheinigt, er habe sich ja "sehr intensiv" mit der jungen Generation beschäftigt.

Zu Melodien wie "Go West" für Gysi oder "Highway to hell" für zu Guttenberg zogen die Matadore dann aber mit Leidenschaft und gespielter Gelassenheit in das letzte Gefecht um die (Jung)-Wählergunst. Wie Stefan Raab später sagte: Man muss sie "nur aufeinander hetzen und laufen lassen", dann wird es ein munterer Abend. Er selbst war allerdings rasch abgemeldet. Erst machte er ein Witzchen ("Westerwelle und Guttenberg streiten noch um das Haargel"), dann versuchte er einmal Christian Wulff zu unterbrechen, dann gab er auf. Ein guter Interviewer war er ja noch nie; zu politischen Themen erst recht nicht.

Es gab heftige Wortwechsel, wilden Schlagabtausch und natürlich auch arges Schielen auf plakative Pointen, dennoch war die Runde keineswegs unpolitisch. Trittin versuchte, eine Gemeinsamkeit der Opposition herzustellen, was Westerwelle sofort durchkreuzte. Jede Anbiederung aus der "Big-Brother-Container-Zeit" ließ der FDP-Chef demonstrativ hinter sich, wenn er etwa staatstragend betonte: "Es geht ums Land". Wie immer gab Gysi den spitzzüngigen, aber auch etwas windigen Anwalt, auf den der Altrocker Müntefering, der aber nicht mehr die richtigen Riffs fand, bald schon wie eine Furie los ging. Auch in Jeans und ohne Schlips wirkte zu Guttenberg nicht so flott wie sonst inmitten der grauen Politikerschar, gelegentlich sogar arrogant. Ganz cool wollte Christian Wulf rüberkommen, ließ sich aber trotzdem plötzlich zu einem "Freiheit statt Sozialismus"-Gezeter verführen. Wer sich im Ton vergriff, wurde vom stets allzu aufgedrehten und wie in einer Sportarena johlenden Publikum abgestraft, das nach Fraktionsstärke angeordnet und eingekleidet war. Trittin konnte den Oberlehrer nie ganz abstreifen. Am Ende war ein einminütiges Schluss-Statement gefordert. Nur Trittin duzte.

Wie beim Grand Prix: Vorsingen und Voten

Es war wie beim Grand Prix. Schon um zwanzig Minuten vor zehn Uhr war die eigentliche Show, das Vorsingen, vorbei; jetzt kam das schier endlose Voten. Nach Bundesländern sortiert wurden die Ergebnisse vorgestellt. Beide Teile der Show waren etwas schräg, ungewöhnlich, aber doch auch aufschlussreich. Selbst wenn nicht alles perfekt war, das Publikum manchmal allzu nervig grölte, ein nochmaliges Erstwähler-Bashing per Einspielfilm überflüssig wirkte, Raab und Limbourg zwar kontrastreich, aber noch nicht sehr eingespielt wirkten: Es war eine frische Sendung, allemal ein lohnender Versuch. Parallel bespaßten Frank Elstner in der ARD und Carmen Nebel im ZDF die Senioren.

Vor kurzem erst haben öffentlich-rechtliche Unterhaltungssendungen wie "3nach9" jede politische Debatte kurz vor der Wahl verdruckst abgelehnt, während Raab nun munter drauflos politisierte. Wenn es so weitergeht, muss Stefan Raab bald nicht nur den Grand Prix für die ARD retten, sondern auch die Politisierung der Jugend. Und die Politik - man sah es an den hochkarätigen Gästen - nimmt ihn inzwischen sehr ernst. Die einen kamen wie die kommenden Sieger, die anderen wie zu einem verzweifelten letzten Gefecht. Besonders gut geschlafen haben dürften nach dieser Sendung in den wenigen Stunden bis zum Wahlsonntag Guido Westerwelle und Gregor Gysi.