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Erfolgsmenschen: Conchita Wurst: "Selbst in Putin steckt nicht nur Schlechtes"

Conchita Wurst geht ihren Weg, als nächstes ist die ESC-Gewinnerin im Kino zu hören. Im stern-Interview spricht sie über ihren Erfolg, Erwartungshaltungen und den russischen Präsidenten.

Von Sophie Albers Ben Chamo

Nach dem Erfolg ist nicht viel anders als vor dem Erfolg, sagt Conchita Wurst.

Nach dem Erfolg ist nicht viel anders als vor dem Erfolg, sagt Conchita Wurst.

Conchita Wurst ist die schönste bärtige Frau der Welt. Und die Gewinnerin des Eurovision Song Contest weiß, den Erfolg zu nutzen. Zwar hat sie die Aufnahmen für ihr Debütalbum gerade aufs Frühjahr verschoben - immerhin einen neuen Song gibt es schon: "Heroes" - doch ist die Stimme der 26-jährigen Dragqueen ab dieser Woche immerhin schon im Kino zu hören. In "Die Pinguine von Madagaskar" spricht Conchita die Taskforce-Eule Ewa. Zeit für ein ernstes Gespräch über Erfolg und was er mit sich bringt.

Sind Sie da angekommen, wo Sie immer hin wollten? Läuft es?


Ach du meine Güte! Ich denke, dass es viele Künstler unterschreiben würden, wenn ich sage, dass wir immer danach streben, besser, besser, besser zu werden, und dass man sich eigentlich nie sicher sein kann, dass "es läuft". Deshalb bin ich dankbar für alles, was ich erleben und dazulernen darf. Und nicht zuletzt dieses Projekt, das für mich etwas ganz ganz Neues war. Weil ich mir immer schon vorgestellt habe, meine Stimme auf der Leinwand zu hören. Dass ich jetzt dieser kleinen Eule meine Stimme borgen durfte, ist schon ein kleines Häkchen, das ich auf meiner To-Do-Liste machen darf.

Welche Figur hätten Sie denn vorher schon gern gesprochen?
Einige, aber die reduzieren sich meist auf etwas arrogante, böse weibliche Hauptdarsteller. (lacht) Ich weiß nicht, die Bösewichte sind irgendwie total spannend und lustig zu interpretieren. Ewa ist natürlich nicht eine Sekunde böse, aber sie hat schon eine leichte Arroganz, die aber nicht unsympathisch ist.

Macht Erfolg glücklich, Conchita?
Wenn man machen darf, was man wirklich genießt, dann ist man glücklich. Geht mir jedenfalls so. Erfolg ist ein schöner Nebeneffekt. Ich kann das so sagen, weil ich auch vor dem Song Contest schon das gemacht habe, was ich jetzt mache. Natürlich viel kleiner, aber es hat mir nicht weniger Spaß gemacht. Deswegen würde ich nicht sagen, dass Glücklichsein unbedingt von einem Erfolg abhängt. Ich glaube, Glücklichsein, das macht man selbst. Und Unglücklichsein auch.

Was hat der Erfolg für Sie verändert?


Ich habe gemerkt, dass das, was ich sage, ernster genommen wird. Nicht im großen Sinne von Interviews oder Statements, sondern auch im kleinen Kreis. Dass plötzlich meine Fantasie und meine Ideen Berechtigung hatten und eine Wertigkeit. Vorher habe ich mich auch nicht getraut, Dinge auszusprechen, weil ich dachte, das ist zu absurd. Aber jetzt weiß ich einfach, dass viele noch so absurde Idee heruntergebrochen oder zerstückelt etwas ganz Großartiges ergeben können.

Bringt Erfolg Verantwortung mit sich?


Ich habe mit meinem Manager als Partner eine Firma gegründet. Jetzt habe ich Verantwortung für meine Mitarbeiter. In weiterer Folge sehe ich keine Verantwortung, die ich zu erfüllen habe. Für mich geht Verantwortung oft Hand in Hand mit Erwartungshaltungen. Und ich finde, Erwartungshaltungen sind etwas ganz furchtbares. Sie können fast nur enttäuscht werden. Deswegen werde ich einfach weiter das tun, was ich für richtig halte. Ob das dann richtig ist, soll jeder für sich selbst entscheiden.

Schaffen Sie es denn selbst, nichts zu erwarten?
Natürlich ertappe ich mich oft dabei, Erwartungshaltungen zu haben. Ich versuche mir das aber in dem Moment klar zu machen und sage "Ruhe im Karton! Das wurde gesagt und gemacht, wir werden sehen, was daraus resultiert oder auch nicht."

Wie gehen Sie mit Misserfolgen um?


Misserfolg ist auch eine Definitionsfrage. Man kann natürlich enttäuscht sein, und das war ich oft genug, aber zwischen enttäuscht sein und sich davon demotivieren lassen ist eine sehr große Spanne. Und ich habe mich nie von etwas runterziehen lassen. Ich habe das immer, auch wenn es ein bisschen gedauert hat, als Chance gesehen, mich weiter zu entwickeln. Das habe ich bis heute durchgezogen, und damit fahre ich relativ gut.

Wenn Sie könnten, was würden Sie Putin ins Gesicht sagen?


Da wäre ein Wort zu wenig, da bräuchte ich wahrscheinlich ein, zwei Tage. Ich glaube, dass hinter diesem Mann viel mehr steckt, als viele vermuten möchten. Und ich traue mich zu behaupten, dass nicht nur Schlechtes in ihm ist. Ich glaube an die Grundunschuld des Menschen. Wir sollten uns eine Sekunde Zeit nehmen und darüber nachdenken, was die uns gegenübersitzende Person jetzt eigentlich gerade mit dieser Aktion sagen wollte, und ob das wirklich nur so negativ oder positiv ist, wie es gerade ankommt. Reflexion ist ein wichtiges Thema. Deshalb würde ich mit Herrn Putin lieber einige Tage reden wollen, um mir ein Urteil bilden zu können.