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Außer Kontrolle: Auf Befehl durch Deutschland: Ich hasse Reisen ohne Planung – also hat mein Chef mich dazu gezwungen

Unser Autor hat sich testen lassen: Er steht beim Reisen auf  Kontrolle und Disziplin. Also haben wir ihn 24 Stunden durch die ­Republik gescheucht. Ohne dass er wusste, wohin. Har har!

Von Daniel Sippel

Unser Autor liebt die volle Kontrolle beim Reisen – also entziehen wir sie ihm. Und schauen, was passiert.

Unser Autor liebt die volle Kontrolle beim Reisen – also entziehen wir sie ihm. Und schauen, was passiert.

Sie lesen meine Gedanken. Jedes Gefühl zeichnen sie auf, jede Augenbewegung. Jede Nano-Reaktion auf das, was ich auf einem Bildschirm sehe: ein wilder Strand. Eine Gasse mit sandfarbenen Häusern. Ein Bergpanorama, vielleicht in den Anden. Der Potsdamer Platz in Berlin. Und dann Begriffe, weiße Schrift auf schwarzem Grund. "Familie". "Freunde". "Spaß". 

Ich sitze in einem Labor in Barcelona. An meinem Kopf hängen mit Gleitgel eingeschmierte Elektroden, um meine Hirnströme aufzuzeichnen. Der Glibber zerstört sicher meine Frisur. An einen Finger haben sie einen Schweißdetektor geklebt. Eine Kamera über dem Monitor registriert, wann sich meine Pupille vergrößert. Eine andere Kamera vermisst kleinste Muskelbewegungen in meinem Gesicht. Alles nur, um herauszufinden, warum ich gern reise.

Die spanische Online-Reiseagentur Edreams Odigeo hatte mich im September eingeladen, ihre neueste Forschung auszuprobieren. Ihre Theorie, die sie mithilfe einer Umfrage entwickelt haben: Es existieren unterschiedliche Motivationen, eine Reise anzutreten. Da sind zum Beispiel die Reisenden, die ihre Beziehungen zur Familie oder ihrem Partner intensivieren wollen. Oder die eine Herausforderung suchen. Oder die Chiller. Mit ihren Forschungsergebnissen hofft die Firma, ihre Webseite zu verbessern. Je nachdem, was für ein Reisetyp auf ihrer Seite eingeloggt ist, sollten den Benutzern angepasste Reiseziele angezeigt werden.

24 Stunden lang auf Befehl Deutschland bereisen

Ein paar Tage nach meiner Vermessung bekomme ich eine E-Mail mit den Ergebnissen. "According to our analysis, your main motivation to travel is control and discipline", steht da. Reisende mit diesem Profil planen jeden Schritt prä­zise und folgen ihrem Programm dann diszipliniert. Ich weiß, klingt so, als sei ich eine entspannte Reisebegleitung.

Als ich der Redaktion von meiner Diagnose erzähle, kommen meine Kollegen auf eine tolle Idee: JWD-Mastermind Michalis Pantelouris könnte mir 24 Stunden lang per Handy befehlen, wohin  ich reisen soll. Ganz spontan müsste ich dann in Züge hinein- und aus Zügen herausspringen, wenn er es wünschte. Um mich von meinem Kontrollzwang zu kurieren. Und, klar, weil er es lustig findet, Gott zu spielen.

Selbstverständlich stimmte ich dem Experiment zu. Denn selbstverständlich hatte ich einen Plan, um das planlose Reisen so diszipliniert wie möglich zu überstehen. Am Vorabend meiner großen Fahrt schnippelte ich eine massive Birne in Stücke, tupperte Käsestullen ein (belegt mit jeweils zwei Scheiben Maasdamer von Edeka, damit das Bauernbrot weniger im Hals klumpt), füllte Wasserflaschen auf, lud meine Powerbank, kaufte Proteinriegel. Wenn ich schon ziellos durch Deutschland irren musste, würde ich wenigstens auf dem Weg nicht verhungern. Nicht sterben, das ist die Hauptsache.

"Auf nach Magdeburg!"

Ein Montagmorgen im Oktober, Start meiner Reise. In meiner Tasche wartet eine Bahncard 100 (1. Klasse, versteht sich) auf ihren gloriosen Auftritt. Mit ihr kann ich mit fast jedem Zug in Deutschland kostenlos fahren, ganz spontan, ohne Ticket. Ein Gefühl der Allmacht durchzieht mich. Ja, vielleicht ist das Gänsehaut. Aber es ist auch ziemlich kalt hier. Da schreibt mir der Pantelouris: "Na, was ist der Stand, Commander? Auf nach Magdeburg!" Ich antworte: "Ist das nicht im Östen? Da war ich noch nie!" Er schreibt: "Da war niemand jemals." Ich tippe das mysteriöse Ziel in den DB-Navigator. Toll, zwei Regionalzüge. Drei Stunden tuckern, vorbei an Bienenbüttel und Uelzen. Übrigens: Man sollte stets lispeln, wenn man "Uelzen" sagt. Wer das nicht tut, nimmt das Leben wirklich allzu ernst, und das sollte man auf keinen Fall.

Ich fahre vorbei an erdig-braunen Feldern, Gewächshäusern, Baumärkten, Graffitis an der Lärmschutzwand. Gerade steht unser Zug, wir werden von einem ICE überholt. (Ein großer Nachteil von Regionalzügen. In der Zug-Hackordnung haben sie den Kleinsten.) Also lese ich mir die Lärmschutzwand durch. "Nur wer gegen den Strom schwimmt, erreicht die Quelle", steht da. Ich überlege, ob ich gerade gegen den Strom schwimme, im übertragenen Sinne. Einerseits, sicher, nach Magdeburg reist niemand freiwillig. In diesem Sinne paddele ich also gegen den Strom wie eine launische Forelle. Aber ist Magdeburg dann die Quelle? Quelle von was? Und haben diese Graffitisprüher gedacht, dass sie gegen den Strom schwimmen, als sie diesen Spruch an die Wand geklatscht haben? Zählen Sachbeschädigung und Verunstaltung des öffentlichen Raums als Gegen-den-Strom-Schwimmen?

Jaja, die kleinen Freuden des Reisenden

Der Zug schleicht weiter. Ich schaue aus dem Fenster: Mischwälder, Jagd­stände, kahle Felder. Er hält nun an Bahn­höfen mit geradezu poetisch klingenden Namen. "Schnega", "Hohenwulsch", "Wolmirstedt". Ich sage die Orte halblaut vor mich her. Das ist doch Musik! Ich erfreue mich an diesem wohligen Lied. Jaja, die kleinen Freuden des Reisenden. Am Horizont, ganz klein, liegt ein Bauernhof im Dunst. Im Vorgarten weht eine Fahne. Ich erkenne Schwarz, Rot, Gold.

In Magdeburg stelle ich zu meiner Verwunderung fest, dass die Menschen hier nicht auf Hufen herumgaloppieren. Um zu den Ureinwohnern Kontakt aufzunehmen, öffne ich Jodel. Eine App, vor allem genutzt von Studierenden und Schülern und anderen Menschen mit zu viel Tagesfreizeit. Sie lokalisiert Posts mithilfe von GPS, sodass sie nur Menschen in der eigenen Region lesen können. Ich frage also die Magdeburger Community: "Hey, ich bin Reporter für Joko Winterscheidts Magazin. Soll hier was Nettes machen und lunchen. Wer zeigt mir kurz die Stadt?" Schnell bekomme ich Antworten: "Jeh wech Junge", schreibt einer. Ein anderer: "Hier isst man Mittach. ,Lunchen‘, tze." Touché. Die nächste: "Verpiss dich, du Birne! Kannst woanders Lügen verbreiten!"

Vielleicht sollte man Magdeburg in Mandyburg umbenennen

Nach diesem gelungenen Einstieg promeniere ich über die Prachtalleen der Stadt. Wo könnte ich hier echte Menschen kennenlernen, die "Mittach" essen? Einen guten Querschnitt durch die Soziotope der Stadt findet man verlässlich in den omnipräsenten McDonald’s-Filialen. Dort treffe ich ungefähr 30 Kita-Kinder, deren Erzieher offenbar ihre "Kiddies" schon heute auf eine Karriere als adipöse Menschen vorbereiten. Und ich sehe Leute, die Jodler-Nutzer hier "Magdemandys" nennen. Für alle, die es nicht wissen: Magdemandys sind die Frauen der Bördeorks. Hierbei handelt es sich um eine abwertende Bezeichnung für Männer aus der Region Börde. So so. Humor haben sie hier also. Vielleicht sollte man Magdeburg in Mandyburg umbenennen, um mit der Zeit zu gehen. Apropos gehen. Der JWD-Chef Michalis schickt mir ein Rätsel: "Die nächste sinnvolle Station nach der Stadt der Mägde ist selbstverständlich ...?" Ich könnte der Elbe folgen, denn wie ich herausfand, fließt sie durch Mandyburg. Also antworte ich: "Dresden?" Michalis schreibt: "Natürlich eigentlich Mannheim." Aha, nach Magd-eburg nun Mann-heim. "Aber wir setzen erst einmal ein Zeichen mit dem programmatischsten deutschen Städtenamen: Braunschweig! Eine Stadt wie ein Imperativ." Ich bin beeindruckt. Kurz denke ich, der Pantelouris hätte einen Plan, ein Konzept! Das ist ja das Wichtigste.

Graffities an der Lärmschutzwand – die kleinen Freuden der Bahnreisenden

Graffities an der Lärmschutzwand – die kleinen Freuden der Bahnreisenden

In Braunschweig ist am Hauptbahnhof weder von Nazis noch von einer Stadt viel zu sehen. Braunschweig scheint einer dieser Orte zu sein, in denen der Bahnhof nicht in der Stadt liegt, sondern daneben. Mehr gibt es über diese "Metropole" auch nicht zu berichten. Daher enthüllt Michalis Pantelouris nun seine griechisch-göttliche Vision: "Die Themen dieser Reise sind #metoo, Nazis und  Dieselskandal."

Es wird dunkel. Ich bin in Wolfsburg

Ich muss also nach Wolfsburg. Dem Sündenpfuhl der Republik. Wie Turmbauten zu Babel stehen die grauen Schornsteine im VW-Werk. Zwei Dinge gefallen mir nicht an Wolfsburg: Erstens ist es keine Stadt, sondern nur eine Ansammlung von Fabrikgebäuden. Zweitens sind nun keine Birnenstückchen mehr in meinem Rucksack, und  die Stullen sind auch aus. Zugegeben ist das nicht Wolfsburgs Schuld, aber es  stört mich trotzdem. Zum ersten Mal auf  meiner Reise entgleitet mir wahrlich die Kontrolle. Es wird dunkel. Ich bin in Wolfsburg.

Bevor ich in eine depressive Phase verfalle, meldet sich Michalis: "Ich glaube, du solltest als nächstes das Meer ­sehen. Auf nach Bremerhaven!" Folge ich doch keinem thematisch kuratierten Reiseprogramm? Schickt mich Michalis gar willkürlich durch die Republik? Nicht hinterfragen, denke ich, einfach machen.

Es ist schon spät, es ist schon kalt, als ich Bremerhaven erreiche. 22.30 Uhr. Ich hoffe, der Pantelouris hat einen Plan, was nun mit mir passiert. Denn erstens ist es 22.30 Uhr, zweitens stehe ich in Bremerhaven am Bahnhof, und drittens ist  meine Blase extrem gut gefüllt. Doch die Toiletten sind schon zu, und ein sympathisches "Rail and fresh" gibt es hier nicht. Das vermisse ich gerade sehr, sogar die Verdauungstrakt-motivierende Musik dieser wunderbaren öffentlichen Klos fehlt mir. Und Michalis? Meldet sich nicht mehr. Im Angesicht dieser Notsituation ergreife ich zum ersten Mal heute selbst die Initiative, steige in ein Taxi und fahre in ein Hotel am Hafen.

Stimmung: Herumirrender Wanderer, ohne Wissen über mein Ziel

Als ich am Morgen aus dem Fenster schaue, sehe ich das Deutsche Auswanderermuseum. Direkt neben meinem Hotel. Als tragisch Gestrandeter fühle ich gleich eine Seelenverwandtschaft. Bin ich nicht auch ein herumirrender Wanderer gewesen, ohne Wissen über mein Ziel? Ist das nicht sogar die conditio humana, der menschliche Zustand in dieser Welt?

Im Museum lese ich über Mutige, die in einem fremden Land ein neues Leben begannen. In ihren Stoffrucksäcken, ledernen Koffern und Handtaschen: Spielkarten, Kompass, eine Puderdose, ein Foto. "Alfons im April 1913" steht darauf. Zwischen 1830 und 1974 wagten sieben Millionen Menschen eine Reise ins Ungewisse, von Bremerhaven aus. Meistens trieb sie Armut oder Verfolgung ins Ausland, nach Ellis Island, Kanada, Australien. Viel planen konnten sie nicht.

Vielleicht ist das 21. Jahrhundert das Zeitalter des kontrollierten Softcore- Abenteuers. Denn wo ich in den vergangenen 24 Stunden auch hingeschickt wurde, ich hatte immer mein Handy dabei (mit Powerbank!). Spielkarten, Kompass, Landkarte und Fotoalbum in einem. Und meine Verpflegung natürlich. Aber Birnenstücke hatten die Auswanderer vielleicht auch damals schon eingepackt. Oder zumindest Stullen. Denn irgendwie mussten ja auch die planen.

Diese Geschichte stammt aus der achten Ausgabe von JWD – Joko Winterscheidts Druckerzeugnis. Zu kaufen auch hier.