HOME

Deutsche Promis in den USA: "Zukunft? Da denke ich nicht mehr an die USA"

Die Zukunft, die Stimmung, die Wahl: Wie sehen Deutsche in den USA ihre zweite Heimat? Der stern hat mit Ute Lemper, Cornelia Funke und weiteren Prominenten gesprochen.

Von U. v. Bülow, M. Knobbe, C. Kruttschnitt, K. Lemm

Ute Lemper: "Das Weltbild muss schön einfach sein"

Seit ich in New York lebe, habe ich das Gefühl, dass mein Kopf total frei ist. Die Leute hier sind so progressiv und liberal und weltoffen. Hier passt nichts in den Rahmen von Normalität. Das liegt natürlich an der Diversität der Stadt. Im Rest des Landes könnte ich nicht leben – da ist mir Amerika zu provinziell. Es geht mir auf den Geist, gerade jetzt, wo das Land mit den Wahlen beschäftigt ist. Dieses tägliche Hin- und Her, hier noch ein Prozent für den, da noch zwei Prozent für den. Und dann Romney mit seinen Geschichten, die er von sich gibt und versucht, wieder gutzumachen - der ganze Affenzirkus!

Vor vier Jahren war es sehr aufregend, die Wahl für Obama zu verfolgen. Das war ja ein geschichtlicher Schritt. Aber der Wahlkampf ist in die Primitivität von "American Idol" abgerutscht, die Leute verschlingen ihn wie eine Reality-Show: Ah, jetzt hat der sich wieder verplappert! Sie möchten Schadenfreude empfinden. Es ist erbärmlich. Aber natürlich haben wir bei den Debatten eingeschaltet. Meine beiden älteren Kinder sind politisch sehr interessiert.

Meine Kinder sind echte New Yorker und für Obama

Sie sind junge Erwachsene mittlerweile und richtige New Yorker, die mit einer unglaublichen Toleranz aufgewachsen sind. Die haben hier alle Gesellschaftsschichten, Rassen, Religionen gesehen – und eine tolle Sensibilität für Gerechtigkeit entwickelt. Die gehen auf eine liberale "Art School"; wobei mein Sohn sich gerade auf die Uni verabschiedet hat. Natürlich, gute Bildung kostet hier, und selbst auf der Privatschule schien es einen Moment so, als seien die Kinder akademisch ein bisschen hinter dem Mond; vor allem während der Middle School, wo sie hier Kreuzchen-Tests machten. Aber das gab sich in der High School. Sie hatten die Zeit und Freiheit, um einen Charakter zu bilden. Und heute wissen sie genau, was abläuft. Die sind beide für Obama.

Verrückt, womit der seine Zeit verschwenden musste. Es hieß: Der african-american president ist zu nichts fähig. Und dann ist er auch noch Muslim! Wo ist seine Geburtsurkunde? Aber so sind sie hier: Das Weltbild muss schön einfach sein. Mit klaren Feindbildern. Und extremen Vorstellungen von Gut und Böse. Wie die Bibel es erzählt. Da ist die europäische Seele doch eine andere. Die geht tiefer und ist viel gefächert und dialektisch. Aber nichts desto trotz, hier in New York können wir gut leben und ausdrücken, was wir in uns haben, bezüglich Liebe, Sex, Literatur, Philosophie und Politik.

Aufgezeichnet von Ulrike von Bülow

Klaus Biesenbach: "Das Land hat überall Probleme"

Wenn ich an die Zukunft denke, denke ich nicht mehr an Amerika. In China wird ein Wolkenkratzer nach dem anderen aus dem Boden gestampft, in New York ist man elf Jahre nach 9/11 mit diesem einen Turm noch nicht fertig.

Die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts war eine amerikanische. New York hatte Paris die Moderne gestohlen, in den 30er, 40er Jahren waren aus Deutschland Künstler und Intellektuelle emigriert, die Kreativität und Inspiration brachten.

Mit 9/11 und seinen Folgen war dieses kurze Jahrhundert vorbei. Heute hat das Land überall Probleme, in der Infrastruktur, in der Bildung, das soziale Gefüge hat kein Netz.

Amerika ist jetzt meine Heimat

Dennoch betrachte ich jetzt Amerika als meine Heimat. Ich habe erst vor zwei Jahren aufgehört, jeden Dollarpreis in D-Mark umzurechnen, ich überlege nicht mehr ständig, wie viel Uhr es in Deutschland ist. In der Krise sind meine Sympathie und Anteilnahme für die Amerikaner größer geworden. Ich bewundere ihre Widerstandsfähigkeit.

Hier am Rockaway Beach ist New York zu Ende, hier stößt die Stadt auf den Atlantik. Vor ein paar Jahren haben die Künstler den Strand entdeckt, wo sie sich die Mieten noch leisten können. Hier lebt das New York der 70er Jahre wieder auf. Vielleicht ist das meine Hoffnung: Dass sich die Stadt wie das Land doch erneuern. Über London dachte ich auch lange, es würde zum Museum werden, wie Paris längst eines ist. In der zeitgenössischen Kunst kommen heute aber aus London bemerkenswerte Innovationen.

Amerika ermöglicht mir Entfremdung und Künstlichkeit

In den nächsten Jahren werde ich viel in Brasilien arbeiten. Es ist wirklich spannend, aber ich vermisse dort eine internationale Stadt. New York ist die internationalste Stadt der Welt. Es gibt ein schönes Bild von Susan Sontag: New York ist wie ein großes Schiff, das vor Amerika vor Anker gegangen ist, aber niemand geht wirklich von Bord.

In Deutschland verstehe ich alles, was um mich herum gesagt wird, kenne alle Klänge und Zeichen. Amerika ermöglicht mir eine Entfremdung und Künstlichkeit, die ich als Kurator brauche. Ich darf nie in den Zustand kommen zu sagen: Kenne ich alles schon. Ich brauche diese starke Neugier, Faszination und einen Grad an Entfremdung. Da hilft mir dieses Land wie kein anderes.

Die Leute wollen Obama lieben!

Ich lebe in Chinatown in einem Apartment, das keine Möbel hat, dafür überall Fenster, fast mit 360-Grad-Blick. Ich sehe die Taxis, ich höre die Sirenen und denke: wie im Film. Ich sehe die Stadt dreidimensional und denke: wie eine Skulptur. Dann sage ich zu mir: Quatsch, das ist kein Film, das ist keine Skulptur, das ist die Welt! Ich habe Angst, dass diesem Land die große Begeisterungsfähigkeit verloren geht. Man sieht es im Wahlkampf. Wie emotional war Barack Obama noch vor vier Jahren, wie trocken und abgeklärt wirkt er heute. Die Leute wollen ihn lieben! In der Opposition beobachte ich immer mehr Politiker, die in ihrem Auftreten und in ihren Aussagen in Europa nicht mehr konsensfähig wären. Ich habe Sorge, dass Amerika in einen Zustand versinkt, in dem es mit Europa sogar noch weniger zu tun haben wird als heute schon.

Aufgezeichnet von Martin Knobbe

Cornelia Funke: "Ja, Obama hat mich teilweise enttäuscht"

Mein Sohn hat sich "Los Angeles" auf die Brust tätowieren lassen. Er lebt hier seit seinem elften Lebensjahr, für ihn ist Amerika Heimat. Für mich ist es das auch weit mehr geworden, als ich je erwartet hätte. Kein Ort hat mir je mehr bedeutet als mein Haus im Coldwater Canyon. Aber das ist auch so, weil Amerika mich erst gelehrt hat, woher ich komme und wieviel mir Europa bedeutet.

Ich vermisse den kulturellen Hintergrund, mit dem ich aufgewachsen bin, und brauche meine regelmäßigen Reisen nach Europa. Manchmal spüre ich es wie einen leeren Fleck im Herzen, dass ich nicht in dem Land aufgewachsen bin, in dem ich so gern lebe. Ich vermisse Mauern, die älter als 400 Jahre alt sind, Landschaften, deren Geschichte und Märchen ich kenne. Die meisten Amerikaner kennen solche Wurzeln nur als die, die ihre Vorfahren aus anderen Ländern mitgebracht haben.

Befreiend, dass die USA stets in die Zukunft blicken

Die indianische Kultur hat sich nie wirklich mit der der Invasoren vermischt, wie wir es in Europa kennen, wo Mythen und Religionen, die Landschaft und Leben interpretieren, sich zu einem großen spirituellen Brei verschmolzen haben. Manchmal vermisse ich diesen Brei, aber das Vermissen ist natürlich eine wunderbare Inspirationsquelle, wie meine "Reckless"-Romane zeigen.

Andererseits ist es so befreiend, in einem Land zu leben, das nicht ständig in die Vergangenheit blickt - es hat ja keine! -, sondern in die Zukunft. Dieser Optimismus! Amerikaner können alles angucken, als wär's am ersten Tag. Es gibt keine Probleme, hat mein australischer Anwalt mal zu mir gesagt (ein anderes Pioniervolk!), nur Herausforderungen und Lösungen. Mir und meiner Familie hat dieser amerikanische Pragmatismus sehr geholfen nach dem Tod meines Mannes.

Die Sehnsucht, alles richten zu können

Während die Deutschen dazu neigen, sich bei so einem Verlust zurückzuziehen, riefen jeden Tag meine amerikanischen Freunde an: Sollen wir Pizza vorbeibringen? Sollen wir die Kinder mit an den Strand nehmen? Die Schulen wollten wissen, wie sie helfen können. Meine Kinder sagen, sie hätten es ohne diese Offenheit, über Schmerz zu reden, nicht halb so gut geschafft. Da steckt natürlich auch die Sehnsucht der Amerikaner dahinter, alles richten zu können.

Und das kann dir als Europäer manchmal zu viel werden. Nein, man kann auch mal einen schlechten Tag haben, möchte man sagen. Nein, nicht jeder kann seine Träume verwirklichen! Und es geht nicht alles gut aus, soll es auch gar nicht. Es gibt diese fürchterliche amerikanische Einstellung: Wenn du dir etwas nur stark genug wünschst, geht es auch in Erfüllung. Ich halte es lieber mit den Rolling Stones: You don’t always get what you want, you get what you need.

Die USA haben mich gelehrt, wie deutsch ich bin.

Vielleicht habe ich deshalb immer noch keinen amerikanischen Pass. Weil dieses Land mich gelehrt hat, wie deutsch ich bin. Ich verdanke Amerika sieben wunderbare, inspirierende Jahre und werde sehr sentimental, wenn der Immigration Officer mir bei der Einreise mit einem "Welcome Home!" den Pass zurückgibt. Aber den öffentlichen Eid, die Flagge... ich schätze nichts am Deutschsein mehr als die Aversion gegen patriotisches Getöse. Trotzdem liebe ich dieses wilde seltsame Land, ganz besonders für die natürliche Freundlichkeit seiner Menschen gegenüber Fremden.

Amerikaner wissen noch, dass wir uns gegenseitig brauchen, nicht nur als Freunde, sondern als menschliche Gemeinschaft. Vielleicht ist das ein Überbleibsel aus der Pionierzeit. Ihre Hilfsbereitschaft ist ganz wunderbar, die Neugierde auf andere. Bei den Deutschen musst du einfach länger warten, bis du all dies findest. Wenn ich in Deutschland in einen Bus steige und guten Morgen sage, gucken mich alle ganz erschrocken an. Und ich finde Amerikaner (wie Engländer) oft wesentlich kosmopolitischer. Wir sind oft erschreckend provinziell. Wie Frösche, die um einen Teich herumsitzen und denken, das ist der Ozean.

Eine Bankrotterklärung der Demokratie

Ich finde es aufregend, in einem Land zu leben, das nach vorn schaut. Und ich habe das Gefühl, dass ich hier sehr genau mitbekomme, wohin die Welt gerade geht. Im Guten wie im Schlechten. Man sieht die Trends hier schärfer. Zum Beispiel die Wahlen: Natürlich haben die auch in Deutschland mit wirtschaftlicher Macht zu tun, auch bei uns wird gefördert, gesponsort und bestochen. Aber hier in Amerika sind Wahlen ganz klar nur mit Geld zu gewinnen. Ich habe reichlich gespendet, aber der Gedanke, dass Obama davon tatsächlich abhängig ist, schockiert mich.

Dass man ohne flächendeckende Werbung ungebildete Wähler gar nicht motivieren kann... was für eine Bankrotterklärung der Demokratie. Hier spielt auch die Attraktivität, das Charisma der Kandidaten eine noch größere Rolle als in Deutschland. Es wird eher die Person gewählt als die Politik oder Partei. Ja, Obama hat mich auf einigen Gebieten enttäuscht, zum Beispiel was seine Guantanamo-Entscheidung betrifft. Aber es gibt doch wohl keinen Zweifel, wer der bessere Kandidat ist. Selbst wenn Obama sich den Kopf amputieren würde, wäre er immer noch ein besserer Präsident als Romney.

Aufgezeichnet von Christine Kruttschnitt

Hartmut Esslinger: "Kalifornien ist eine tägliche Inspiration"

Eigentlich war ich schon im beruflichen Paradies, ehe ich für immer nach Amerika kam. Sony sagte: "Bleib in Tokio, Hartmut, du kriegst alles, was du willst!" Aber meine wahre Heimat war immer das Design - egal, wo ich meine Kunden fand -, und in Kalifornien gab es mit Apple neue Aufgaben. Dabei war ich immer ein kreativer Rebell: lange Haare, Jeans, Sneakers. "Ist das wirklich sicher?", hieß es meist in Deutschland. Hier feuert man sich gegenseitig an: "Was machst du? Oh, großartig, weiter so!"

Kreativität ist der Motor der Wirtschaft - nicht die Zahlenkünstler und Absahner, die fast immer nur den Notstand verwalten. Design bedeutet das Schaffen von etwas menschlich-sinnvoll Neuem. Das ist auch der Spirit im Silicon Valley und ganz Amerika.

Die alte puritanische Einstellung zum Leben

Motivierte Menschen aus aller Welt kommen hierher, und Risiko wird angenommen. Zwar ist es schmerzhaft, wenn's mal schief geht. Aber dann rappelt man sich wieder auf; das ist die alte puritanische Einstellung zum Leben.

Als ich meinen ersten großen Bonus für den Apple II bekam, am 4. April 1984, habe ich mir spontan einen weißen Porsche 911 gekauft. Neben mir an der Ampel standen zwei junge Männer in einem Honda und riefen: "Cooles Auto, Mann! Eines Tages fahren wir auch so einen." Ein paar Tage später besuche ich Freunde in Stuttgart, stehe mit meinem deutschen Porsche an der Ampel, und die Leute sagen: "Scheißkapitalist!"

Wir Amerikaner können besser teilen

Nicht alles ist schwarzweiß, gewiss: Während in Deutschland Neid und Intoleranz sehr stark sind, können wir Amerikaner besser teilen - etwa, wenn Menschen in der Community in Not geraten. Allerdings haben wir hier auch eine zynische Ideologie der Habgier, wie sich an der Finanzkrise und der Politik der Republikaner zeigt. Obama hat zumindest die Finanzreform versucht und die Autoindustrie gerettet. Aber die Gesundheitsreform ist unnötig kompliziert geworden, weil die extremen Linken genauso dogmatisch sind wie die Naivlinge der Tea Party. Keine Kompromissbereitschaft. Da hätte Obama härter mit seinen eigenen Leuten umgehen und sagen müssen: "Ich mache, was richtig ist für unser Land!"

Trotz allem werde ihn wieder wählen. Er steht einfach für die bessere Politik. Mit Romney käme auch noch die eiskalte Sozialpolitik des 19. Jahrhunderts zurück, die sich gegen Frauen, Kinder und Arme wendet. Und von Erziehung keine Spur. Ja, das Land liegt mir am Herzen, und Kalifornien ist eine tägliche Inspiration. Trotzdem reise ich gerne, sehe oft meine Mutter in Deutschland und bin mir meiner Wurzeln im Schwarzwald bewusst. Aber meine Heimat ist Amerika.

Aufgezeichnet von Karsten Lemm

print