Die Grimaldis Traum und Tragödien


Fast 56 Jahre lang regierte Seeräuber-Spross Rainier III. eine absurde Mikro-Monarchie - übervölkert, überaltert, superreich. Die ganze Welt begleitete ihn durch Glanz und Leid - und fühlte mit, wenn ihn Eskapaden und Katastrophen seines Clans in Atem hielten. Das Drama der Familie hält auch nach seinem Tode an - jetzt bangt Caroline um das Leben ihres Mannes Ernst August.

Als Fürstin Gracia Patricia, née Grace Kelly, vor 23 Jahren in einer Haarnadelkurve der Moyenne Corniche ihr bewegtes Leben ließ, sagte ein Croupier im Kasino von Monte Carlo der Presse: "Wenn wir die Welt nicht blenden können, müssen wir sie wenigstens zum Weinen bringen." So geschah es. Wir schluckten, als Rainier III. die Kathedrale von Monaco verließ, ein gebrochener Mann. Wir schluchzten, als Caroline den Vater bei der Hand nahm und Albert ihn stützte. Wir seufzten, als wir an Stéphanie dachten, damals 17, die den Unfall miterlebt hatte.

So ist es auch diesmal. Wir werden einen Kloß im Hals haben, wenn die drei Fürstenkinder ihren Vater in der Kathedrale zu Grabe tragen werden, gleich neben seiner Frau. Und uns zugleich blöd vorkommen in unserer Rührung. Denn man muss kein Zyniker sein, um darauf zu verweisen, dass Monaco ein bedeutungsloser Krümel ist, geopolitisch gesehen, und Fürst Rainier III. zutiefst unwichtig war, weltpolitisch gesehen. Der kleine Mann hatte der Welt eigentlich nichts zu bieten - kein Imperium, keine Rohstoffe, keinen vergangenen Glanz, keine zukünftige Glorie, keine anständige Krone, noch nicht einmal ein gescheites Land. Beschenkt hat er sie gleichwohl, mit nicht enden wollenden Divertimenti.

Fast 56 Jahre lang regierte er, ohne zu teilen, und verwandelte seine winzige und karge Heimat in ein magisches Märchenland, mit Prinzessinnen und Prinzen auf Yachten und Galas. Die Front-Promotion überließ er seiner Familie. Er selbst, das dienstälteste Staatsoberhaupt der Welt, blieb stets im Hintergrund, als diskreter Intendant der Monaco-Show.

Und die scheint jäh beendet,

seit er am Mittwoch vor einer Woche im Alter von 81 Jahren starb. Plötzlich wird klar, dass er mehr war als der Gatte von Grace Kelly und der Vater von Caroline, Albert und Stéphanie. Dieser "geschickte, manchmal machiavellistische Mann" (so der Journalist und Monaco-Kenner Roger-Louis Bianchini), sorgte nicht nur für eine perfekte Buchhaltung - im letzten Jahr verzeichnete das Fürstentum einen Umsatz von über siebeneinhalb Milliarden Euro - , sondern auch dafür, dass in Monaco immer Auszeit herrschte, besonders für den Alltag. Die Realität, diese zähe Mischung aus Hühneraugen und Kontoauszügen, aus verstopften Klos und Stillgruppen, aus kaputten Staubsaugern und heilen Geschirrspülmaschinen, hatte Landesverbot.

Doch mit seinem Tod

hat sie Einzug gehalten im winzigen Wunderland. Die Welt sieht jetzt statt zweier Prinzessinnen und eines Prinzen drei verstörte und verwaiste Kinder, traurige Geschwister, unglückliche Erben.

Da ist die Erstgeborene, Caroline, 48, deren Mann Ernst August von Hannover einen Tag vor Rainiers Tod auf eine monegassische Intensivstation gebracht wurde, wegen einer Entzündung der Bauchspeicheldrüse, die fast immer die Folge von Alkoholmissbrauch oder eines Gallenleidens ist. Man hatte ihr von ganzem Herzen Glück gewünscht, als sie den Welfen-Spross vor sechs Jahren heiratete. Denn das hatte sich davor nur sporadisch eingestellt im Leben der Prinzessin.

Mit 21 ehelicht das hinreißend schöne Landeskind, das über gleich zwei Reifeprüfungen verfügt - eine britische und eine französische -, den 17 Jahre älteren Playboy Philippe Junot. Nach zwei Jahren ist sie geschieden, 1982 kommt ihre Mutter ums Leben. Carolines zweiter Mann Stefano Casiraghi verunglückt acht Jahre später tödlich bei einem Offshore-Rennen. Sie ist 33 Jahre und zutiefst beschädigt. Mit ihren drei Kindern zieht sie sich zurück in ein Haus in der Provence, eine schmale und melancholische Witwe.

Erst an der Seite

des rosigen Niedersachsen "mit dem schönen Nibelungengesicht" ("La Stampa") wird sie wieder zur "Inkarnation einer modernen Frau", wie ihr Fan Karl Lagerfeld sie nennt, der sie zudem "intelligent, aktiv, sportlich und romantisch, frei und leidenschaftlich" findet. Ernst August, der sich ihretwegen von seiner Gattin Chantal Hochouli trennt, dementiert nicht: "Sie ist hochintelligent, sanft, aber zugleich hart", sagt er kurz nach seiner Hochzeit mit Caroline dem "Daily Telegraph". Dem Gerücht, dass die verstorbene Mutter seiner neuen Frau in ihm schon Jahre zuvor einen perfekt passenden Schwiegersohn erkannt habe, widerspricht er indes energisch: "Wenn sie mich damals gesehen hätte, hätte sie gesagt: Den heiratest du auf keinen Fall, der ist unmöglich."

Womöglich hätte sie das später auch gesagt. Der Deszendent von Europas ältestem Adelsgeschlecht ist nicht groß geworden in der fleischgewordenen Klatschspalte Monaco, zu der die Skandalpresse gehört wie Dick zu Doof und Coca zu Cola, sondern aufgewachsen auf Schloßgut Calenberg in der platten Landschaft um Pattensen herum. Dort gedeiht die Zuckerrübe, aber nicht die Schlagzeile. Ernst August und seine fünf Geschwister leben in einem Haus, in dem schon mal ein "riesiger Eber" hängt, "mit einem Blecheimer darunter, in den das Blut tropft", wie sich ein Besucher erinnert. Inmitten von 15 000 Hühnern, 300 Schweinen und 100 Milchkühen reift der heute 51-jährige Prinz von Großbritannien und Irland sowie Herzog zu Braunschweig und Lüneburg fern der Öffentlichkeit zum Teenager heran. Später schicken seine Eltern den Stammhalter auf ein britisches Internat. Weitere Bildungsversuche sind nur fragmentarisch überliefert. Sicher ist, dass er das "Royal Agricultural College" in Circencester ein Jahr lang besuchte; seither gibt er als Beruf "Landwirt" an.

1981

heiratet er die Schweizer Architekten-Tochter Chantal Hochuli; zwei Söhne werden dem Paar geboren, das mondän, doch fern der Presse zwischen London und diversen Anwesen in Niedersachsen, Österreich und Kenia lebt. Der Welfe lässt es sich gut gehen. Sein Freund und damaliger Londoner Arzt Anthony Greenburgh ebenfalls. Während der zur Mittagszeit seine Zigarette mit dem ersten Wodka begießt, sagt er vergnügt zu einer Journalistin von "Vanity Fair": "Für mich ist ein Alkoholiker jemand, der mehr trinkt als sein Arzt."

Dieses Leben in weltläufig-geborgener Verborgenheit ändert sich jäh, als Ernst August eine Liaison eingeht mit Caroline. Die ist kein bleiches Produkt aus den Niederungen des Gotha, sondern Führerin eines wilden und wild bewegten Lebens sowie Ikone der Yellow Press, seit ihr Vater 1957 anlässlich ihrer Geburt nicht nur 21 Salutschüsse abfeuern ließ und Champagner an seine wenigen Untertanen verteilte, sondern auch die Fotos der winzigen Prinzessin für sieben Millionen Franc an die Presse versteigerte.

Seit aus der königlichen Hoheit Carolines Mann geworden ist, machen ihn die Medien "wahnsinnig", wie er einmal sagt. Schon vor der Heirat zertrümmert er einem Kameramann im heimatlichen Pattensen das Nasenbein, mit einem Schirm, immerhin von Harrod's. Danach beteuert, ja bettelt er: "Ich habe nichts zu verkaufen. Ich bin niemandem Rechenschaft schuldig" und verklagt als "selbst ernannter Medienpädagoge" ("Die Zeit") alle und jeden, die ihm zu nahe treten. Mal erstreitet er Schmerzensgeld in sechsstelliger Höhe, mal lässt er informative Gegendarstellungen veröffentlichen. So erfahren die Leser der "Bunten" 1999: "Ich habe kein einziges Glas Whiskey bestellt oder getrunken", worauf wiederum die "Süddeutsche Zeitung" schreibt: "Der Prinz hat keinen Whiskey getrunken".

Caroline, die sechs Monate

nach ihrer Heirat mit Ernst August die Tochter Alexandra zur Welt bringt, führt an seiner Seite ein Leben in Saus und Braus sowie zwischen einstweiligen Verfügungen - weit über hundert hat er erwirkt - und Strafprozessen wegen Körperverletzung. Im vergangenen Jahr wurde der Prinz in einem noch nicht rechtskräftigen Urteil zur Zahlung von fast einer halben Million Euro verdonnert, weil er 2000 einen deutschen Disco-Besitzer in Kenia krankenhausreif geprügelt hatte. "Nicht nur Milch und Brause" seien vorher getrunken worden, konzediert während des Prozesses sein Anwalt Jochen Heidmeier. Schon nach dem legendären Harnlass zu Hannover, als der Prinz auf der Expo 2000 am türkischen Pavillon die niedersächsische Scholle aus eigener Kraft gedüngt hatte, zeigten sich die damals regierenden Sozis barmherzig und nannten ihn "einen offensichtlich hilfebedürftigen Menschen".

Während Caroline die Eskapaden ihres Gatten bislang kommentarlos erträgt, schneidet sie ihre acht Jahre jüngere Schwester Stéphanie. Das Nesthäkchen der Grimaldis ist Rainiers unmöglichstes und unglücklichstes Lieblingskind, das längst von der Beletage der Gesellschaft in das Souterrain umgezogen ist. Die einstige Badeanzugsschneiderin ("Pole Position") und Sängerin ("Ouragan"), inzwischen auch schon 40, frönt nach zwei Ehen sowie drei außerehelich geborenen Deszendenten weiterhin der Devise "Seid umschlungen, Millionen". Einst behielten wir noch den Überblick, es kamen und gingen die Schauspieler-Söhne Paul Belmondo und Anthony Delon, der Musiker Ron Bloom, der Akteur Rob Lowe, der Kneipier Mario Jutard sowie der Leibwächter Daniel Ducruet, der sie erst zur zweifachen Mutter machte und anschließend heiratete. Es folgte die Skilehrer-Ära, von "Gala" seinerzeit "Alpensymphonie" geheißen. Aus der Bergwelt kehrte Stéphanie mit einem weiteren Kind zurück, um anschließend in die Zirkus-Arena zu wechslen. Derzeit befindet sich die Prinzessin in einer eklektischen Phase, ihr neuer Freund ist DJ, und der davor war Croupier. Ohnehin zählt für sie hauptsächlich ein Mann, nämlich ihr Vater. "Er ist der Einzige, der mich nie verraten hat", hat sie einmal gesagt.

Zwischen den beiden temperamentvollen Schwestern steht der künftige Fürst Albert, 47, freundlich bis zur Farblosigkeit, der hauptsächlich dadurch in Erscheinung tritt, dass er seine Prinzenrollen mit rastlosen Leibesübungen (Bobfahrt, moderner Fünfkampf, Fechten, Judo, Tennis) bekämpft und seiner Junggesellenschaft treu bleibt. Denn "230 Frauen - die Richtige war nicht dabei", wie "Frau im Spiegel" unlängst bilanzierte. Zu Lebzeiten seines übermächtigen und gelegentlich cholerischen Vaters "hatte er hauptsächlich das Recht, auf Vernissagen zu gehen und Orden zu verleihen", wie ein Familienfreund sagt. "Rainier war sehr hart zu seinem Sohn. Er liebte ihn und erniedrigte ihn zugleich ständig. Noch vor kurzem herrschte er ihn an: "Na los, dann nimm halt meinen Platz ein", als Albert ihm ein Immobilienprojekt vorschlug." Roger-Louis Bianchini beschreibt das Vater-Sohn-Verhältnis als "Duo und Duell zugleich" und verweist darauf, dass Albert in seiner Vatersprache Französisch gelegentlich stottert, aber nicht in Englisch, seiner Muttersprache. J

etzt muss er heraustreten aus dem Schatten des Patriarchen. Dieser häufig unterschätzte und zutiefst reservierte Mann war es, der das Monaco geschaffen hat, das wir kennen und das uns den Atem verschlägt: ein schreibuntes Gesamtkunstwerk mit Meerblick, ein Fettnapf mit Felsküste.

Als er 1949 als 33. Grimaldi-Herrscher den Thron der 1,95 Quadratkilometer großen Miniatur-Monarchie bestieg, besaß er wenig. Sicher, sein Schnurrbart war prächtig, zudem verfügte er fast über ebenso viele Titel wie Untertanen. Rainier Louis Henri Maxence Bertrand Grimaldi, Fürst von Monaco, Herzog von Valentinois, Markgraf von Baux, Graf von Carladès, Baron von Buis, Lehnsherr von Saint-Rémy, Lehnsherr von Matignon, Graf von Torigni, Baron von Saint-L™, Luthumière und Hambye, Herzog von Estouteville, von Mazarin und Mayenne, Fürst von Ch‰teau-Porcien, Graf von Ferrette, Belfort, Thann und Rosemont hieß der Mann unter anderem, und das ist immer noch nicht sein voller Name.

Indes, sein Palast war renovierungsbedürftig, sein Lego-Land langweilig und fast pleite. Zudem trug er schwer an der Geschichte seines Geschlechtes, einer eigentümlichen Mischung aus Addams- und Trapp-Familie, die sich seit 708 Jahren auf dem kargen Kleinstgrundstück am Mittelmeer festkrallt.

Den Anfang machte

François Grimaldi, aus Ligurien stammend, der den schroffen Felsen am Mittelmeer in einer dunklen und stürmischen Nacht am 8. Januar des Jahres 1297 in Besitz nahm. Rainiers Urahn, auch "der Heimtückische" genannt, hatte sich als Mönch verkleidet und Einlass begehrt in die Burg, die in der Hand von schwer bewaffneten Genuesern war. Arglos hatten die Wachen dem durchnässten Geistlichen das Tor geöffnet, worauf dieser ein unter seinem Gewand verborgenes Schwert zückte, die Anwesenden mit Hilfe von im Hinterhalt lauernden Kumpanen in Scheiben schnitt und fortan nicht mehr aus Monaco wich.

Lange Zeit war die Haupteinnahmequelle der Grimaldis das Schiffeversenken nach vorheriger Ausplünderung sowie Abschlachtung der Besatzung. Später brillierte der Clan hauptsächlich im Buhlen und Lieben. Dass ihnen 1861 neun Zehntel ihres Territoriums abhanden kamen, weil die Dörfer Roquebrune und Menton beschlossen, zu Frankreich überzulaufen, läuterte die Grimaldis nur mäßig. Charles III. beispielsweise verprasste den spärlichen Ertrag der monegassischen Olivenernte mit jungen Aktricen in Paris. Daheim auf dem Felsen betrachtete unterdes seine Mutter, Prinzessin Caroline, betrübt das mickerige Fürstentum - und hatte eine geniale Idee: "Casino!"

Mit Hilfe reicher Investoren entstand nicht nur ein prächtige Spielhölle, sondern auch eine Eisenbahnverbindung. Halbseidener Hoch- und Tiefadel aus aller Welt fiel ein, gefolgt von diversen Begleiterscheinungen, inklusive melodramatischer Selbstmorde nach dem Ruin im Casino. Als dann noch die amüsante Alice, verwitwete Fürstin von Richelieu, den Meeresforscher Albert I. ehelichte, wurde Monaco geradezu elegant. Eine Oper wurde gebaut, Sarah Bernhardt kam, und die britische Königin Victoria zog die Vorhänge zu, wenn ihr Zug durch das Sündenbabel schnaufte.

Seinen Sohn Louis, entsprungen aus der Ehe mit Lady Mary Victoria Douglas-Hamilton, fand Albert nicht ganz zu Unrecht langweilig und beschränkt. Was für Albert das Meer, war für Rainiers Großvater Louis das Militär: Nachdem er in der Fremdenlegion in Algerien gedient und im Ersten Weltkrieg gekämpft hatte, lebte er in Paris, umgeben von soldatischen Trophäen, und versäumte es, legitime Nachfolger zu zeugen. So blieb Albert nichts anderes übrig, als auf die uneheliche Leibesfrucht Charlotte zurückzugreifen, die sein Sohn in einem raren Anfall von Leidenschaft mit einer Kabarettistin gezeugt und anschließend zur Ausbildung in eine Klosterschule geschickt hatte. Albert setzte durch, dass Louis 1919 seine damals bereits 21-jährige Tochter adoptierte, fand schnell noch eine standesgemäße Partie für sie mit dem verarmten Grafen Pierre de Polignac und konnte zwei Jahre nach der Geburt seiner Enkelin Antoinette 1922 beruhigt ins Grab sinken. Die Zukunft seiner Familie war gesichert. Denn damals wie heute gilt: Bleiben die Grimaldis ohne Nachwuchs, geht der Felsen an Frankreich.

Als Rainier 1923 das Licht der Welt erblickte, war die Ehe seiner Eltern bereits zerrüttet, sechs Jahre später trennten sie sich. Charlotte hatte ihren eleganten Adelsmann nie leiden können und behauptete, er brauche selbst im Bett eine Krone. Seinerseits konnte der feinsinnige Graf mit der ruppigen Seeräuber-Dynastie wenig anfangen.

Seine Eltern hassten sich bis zu ihrem Tod, Antoinette hasste beide. Rainier hasste weniger seinen Vater als seine exzentrische Mutter, die ihr Leben später mit einem massiv vorbestraften Juwelendieb namens "René die Krücke" teilte. Auch seine Schwester bereitete ihm Kummer, denn sie wollte statt seiner auf das Thrönchen. "Ich habe Väter geerbt, die ihre Söhne hassen, Mütter, die ihre Töchter hassen, Kinder, die ihre Eltern hassen, Schwestern, die ihre Brüder hassen", resümierte einmal Antoinettes Sohn Chris- tian de Massy das Ambiente in seiner "bizarren Familie".

Dementsprechend war Rainiers Kindheit einsam. Zweimal floh er aus britischen Schulen, wo man ihn "den kleinen dicken Monaco" nannte; besser gefiel es ihm auf dem Schweizer Milliardärs-Internat Le Rosey. Nach Abitur und Studium der politischen Wissenschaften in Montpellier und Paris nahm er an der Befreiung Frankreichs an der Seite von de Gaulles Truppen teil. Sein Großvater Louis dagegen hatte zugelassen, dass sein Staatsminister Emile Roblot mit dem Nazi-freundlichen Vichy-Régime kollaborierte. Auch nach der Befreiung Frankreichs wollte er den Mann im Amt belassen, worauf sich Enkel Rainier erstmals als Staatsmann erwies und aus dem Palast auszog - bis Roblot kündigte.

Kaum Fürst, schickte Rainier sich an, sein winziges Land radikal zu verändern. Das Resultat wurde von einem Journalisten einmal zutreffend als "eine Torte im Dekolleté" beschrieben, "total deplatziert, aber sehr lecker". Erst brachte er Glanz auf das Gestein, indem er sich von seiner langjährigen Freundin, der Schauspielerin Gisèle Pascal, trennte und statt ihrer die Hollywood-Diva Grace Kelly nebst einer Mitgift von zwei Millionen Dollar heimführte. Deren Mutter Margaret verwechselte Monaco zwar wechselweise mit Macao oder Marokko und den Fürsten mit einem Sultan - "Gracie muss von nun an in einem Zelt schlafen, umgeben von Wüstensand und stinkenden Kamelen, das arme Ding". Doch Fürstin Gracia Patricia sorgte mit Anmut und Grazie dafür, dass der Mikro-Staat zu einem gesellschaftlichen Must mutierte. Ganz Hollywood von Gregory Peck bis Frank Sinatra erstürmte das Kasino, im Gefolge Graham Greene, der fand: "Es war so blödsinnig romantisch, dass ich hätte weinen können", wenngleich die Leute am Roulette-Tisch "aussahen wie vertrocknete Opiumraucher".

Anschliessend legte Rainier

sich mit dem übermächtigen Nachbarn Frankreich an, vordergründig zu seinem Schaden, letztendlich zu seinem Profit. Nachdem er versucht hatte, Radio Monte Carlo in monegassischen Besitz zu bringen, tobte der große General de Gaulle im fernen Paris gegen den kleinen Hobby-Schmied am Mittelmeer: Er wollte fortan Steuern von den Franzosen sehen, die im Fürstentum lebten. Zur Bekräftigung der Forderung schickte er Zollbeamte an die Grenze und schaltete den Monegassen kurzfristig den Strom ab. Rainier gab klein bei. Statt französischer kamen andere, noch reichere Fiskus-Asylanten, und die Mehrwertsteuer, die de Gaulle dem Fürsten aufzwang, macht mittlerweile 54 Prozent der Staatseinnahmen aus.

In der Folgezeit nahm der Zirkus-Fan - "Ich wäre so gerne Dompteur geworden" - den Tanker-Milliardär Aristoteles Onassis in Angriff, indem er ihn aus der "Société des Bains de Mer" SBM ausboo-tete. Die gehörte bis 1966 mehrheitlich dem Griechen, heute gehört sie mehrheit-lich Monaco, und das ist schön so. Denn die SBM besitzt ein Zwölftel des Landes, darunter das Casino, das H™tel de Paris und den Sporting Club.

Zwischendurch versetzte der kleine Fürst Berge. Tunnel wurden in die Felsen gefräst, der Bahnhof ins Souterrain verlegt, 40 Hektar Land ließ er aus dem Mittelmeer stampfen, darauf baute er das Viertel Fontvieille, wo er High-Tech-Firmen ansiedelte, davor platzierte er einen schwimmenden Kai, an dem Kreuzfahrtschiffe anlegen können. Mittlerweile sieht Monaco so aus, als habe ein wütendes Zyklopenkind seinen Baukasten gegen eine Felswand geknallt: ein steil abfallendes Universum aus Wolkenkratzern sowie pastellfarbenen Villen, umgürtet von kurvigen Überführungen und kringeligen Straßen, auf denen sich eine Blechlawine von quietschgelben Ferraris, silbrigen Bentleys, ostereiroten Baby-Benzen entlang- und praktisch durch Wohnzimmer hindurchwälzt, dazwischen Banken, Kirchen und Kräne, davor das Meer.

Monaco, das ist Disneyland für Millionäre, ein Ort, in dem es leichter ist, ein Kilo Brillis als ein Kilo Kartoffeln zu kaufen, ein Platz, an dem Comtessen im Kukident-Alter mit Geschmeiden ihre Cocktailglas-großen Hündchen nachts um zwei Gassi führen. Im feudalsten Senioren-Heim des Planeten sind nur 21 Prozent der Bewohner unter 25; macht nichts, so "fühlt man sich jünger, weil fast jeder älter ist", wusste schon Patricia Highsmith.

Monaco hält keinerlei Mass. Von allen Dingen gibt es entweder zu viel, oder es gibt sie gar nicht. Monaco hat die höchste Telefon-, Millionärs- und Menschendichte auf der Welt, 16 435 Personen pro Quadratkilometer, in Deutschland sind es nur 236. In Monaco gibt es mehr Arbeitsplätze (39 000) als Einwohner (32 000). Hundehaufen gibt es keine, ebenso wenig wie Verbrecher, darüber wachen 500 Polizisten und über 100 Videokameras. Dafür gibt es mehr Ausländer als irgendwo sonst (82 Prozent der Bevölkerung), allerdings kaum Staatsbürger (6089), stattdessen eine Oper, ein Symphonie-Orchester und eben: zwei Prinzessinnen, sieben Enkelkinder, fünf Schwiegersöhne, einer gestorben, drei abhanden gekommen, einer krank, obendrauf der neue, fürstinnenlose Fürst Albert, der letzte absolutistische Monarch Europas.

Als Gracia Patricia starb, sah es kurzfristig aus, als wäre das Monaco-Märchen zu Ende. "Die Wunde ihres Verschwindens hat sich nie ganz geschlossen", sagte Rainier vor sechs Jahren. Bis zu seinem Tod trauerte er um seine "sanfte, warmherzige und zärtliche" Frau. "Wir wären", so Albert, "alle anders, wenn meine Mutter nicht gestorben wäre."

Albert muss sich jetzt messen lassen am "Patron", wie seine Untertanen Rainier nannten. Sie wussten, was sie ihm zu verdanken hatten. Glanz und Gloria, Pomp und Plemplem, Tratsch und Tragö-dien, 53 Banken, die ein Vermögen von insgesamt 60 Milliarden Euro verwalten und manchmal laut OECD auch waschen, sowie einen Sitz in den Vereinten Nationen und im Europa-Rat. Stets hatte der Landesvater dafür gesorgt, dass die Monegassen mittendrin sitzen in der Monaco-Torte. Ihre Mieten werden subventioniert, bei der Vergabe von Arbeitsplätzen genießen sie Präferenz, als arm gilt ein Croupier, der 5500 Euro im Monat verdient. Und ein Jahr vor seinem Tod änderte der Fürst sein Testament zu ihren Gunsten, indem er drei Milliarden Euro aus seinem Privatvermögen dem monegassischen Staat vermachte. Da gönnten sie dem Business-Monarchen gern ein jährliches Salär von zehneinhalb Millionen Euro und den übrigen Grimaldis ihre Amouren und üppigen Apanagen.

Der neue Fürst, der am amerikanischen Amherst College Politik studiert hat, blieb bisher seltsam konturlos. Da konnte er noch so rastlos für die Monaco-GmbH reisen, zuletzt nach Sri Lanka zu Tsunami-Opfern, und die tiefsten Dinge sagen, etwa: "Der Papst hat seine Zeit geprägt" - wenige trauen ihm das perfekte Management zu, das Monaco braucht. Und auch nicht, dass er Glanz und Glamour auf den Felsen zurückholt. Für Bianchini ist die "Mediatisierung" des Mini-Landes neben seinen Steuervorteilen und seiner Sicherheit eines der drei Standbeine der Monaco-Firma. Rainier wusste das; er war der "Impresario des Schicksals der Grimaldis" und machte aus seiner Familie "einen Rohstoff" ("Evénement du Jeudi"). Doch derzeit ist Monaco eine Operetten-Monarchie ohne Operette.

Auf die Frage, ob er einmal Kinder haben werde, hat Albert kürzlich ziemlich müde geantwortet: "Das wird kommen, das wird kommen." Und wenn nichts kommt? Dann müssen Neffen und Nichten ran. The show must go on.

Stefanie Rosenkranz print

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