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Interview mit Alice: "Ich bin eher eine Lolita"

Als Alice war sie in Hamburg zu sehen, in Berlin, in Frankfurt und München. Überall. Auf Werbeplakaten. Im stern.de-Interview erzählt das 17-jährige Model Vanessa Hessler von ihrer Karriere, ihren Eltern - und der Sache mit den sexy Fotos.

Von Florian Güßgen

Ich bin verzweifelt. Seit Monaten verfolgt sie mich nun schon in der ganzen Republik. In Hamburg grüßte sie vom Trockendock 11 aus, ihr Astralkörper war so groß wie ein chinesisches Container-Schiff. Später, in Berlin zierte sie die Politikmeile "Unter den Linden", irritierte mich und so manchen Parlamentarier. In München war sie, in Stuttgart und sogar in Frankfurt. Alice. Alice. Alice.

Kindsfrau mit Kussmund

Wer war diese Kindsfrau mit dem Kussmund und mit dem roten Kleid, die mich, mal mehr, mal weniger bekleidet, von diesen Plakatwänden herab begrüßte. War Alice ein echtes Weib oder nur eine Montage? Warb sie für eine neue Männerzeitschrift, für ein neues Waschmittel - oder gar für die FDP? Ich war verzweifelt, denn auf meine Fragen gab es keine Antworten, schon gar nicht auf den Plakaten, von denen Alice so schön prangte.

"Teaser-Kampagne" nennen die Werbe-Schelme so etwas. Der Betrachter wird gelockt, er wird neugierig gemacht. Aufmerksam verfolgt er den Werbefeldzug - bis ihm endlich verraten wird, um welches Produkt es sich handelt. Bei mir hat das funktioniert. Alice, erfuhr ich nach einigen Wochen, macht Reklame für eine Telefongesellschaft aus Italien, die mir den Weg ins Internet erleichtern will, per DSL und für ganz wenig Geld. In Deutschland ist der Konzern-Ableger Hansenet für die Expansion verantwortlich.

Das Model aus Italien

Ich kannte nun das Produkt. Aber war ich glücklich? Nein, denn es war nicht das Produkt, das mich interessierte, sondern der Mensch. Wer war Alice denn nun wirklich? War sie die Schönheitskönigin von Wanne-Eickel oder doch nur eine Computer-Grafik? Hansenet gab mir eine erste Antwort. Das Model heiße Vanessa Hessler, sie lebe in Rom, sei gerade erst einmal 17, halb Italienerin, halb Amerikanerin - und auf dem besten Weg, ein Top Model zu werden. Hessler habe die "Traummaße 90-63-90", informierte Hansenet, und sie habe schon für bekannte Marken gearbeitet, für Armani und Calvin Klein, für Korff und Fendi.

Hessler und das Telefon

Ich war im Zwiespalt. Konnte dies Information genug sein? Durfte man denn eine Recherche aufgeben, sich ein Urteil bilden, ohne den betreffenden Menschen zu kennen. Nein, das Gebot der Sorgfältigkeit zwang mich herauszufinden, wie die Frau spricht, was sie zu sagen hat, wenn sie schon von den wichtigsten Plätzen dieser Nation herablugt. Ich hatte quasi einen Auftrag im nationalen Interesse. Ich bat, ich flehte um ein Interview, stellte mir vor, wie ich nach Rom fliegen, mit ihr in einem sonnendurchfluteten Café ein anregenden Gespräch mit ihr führen würde - über das Leben an sich, ihre Modellkarriere und schnelle Internetzugänge.

Heute ist es soweit. Das mit dem Gesichtskontakt, dem Café und dem Capuccino hat zwar leider nicht geklappt, aber ich habe sie am Telefon. Die Auflösung naht. Am Apparat ist Vanessa Hessler. Sie in Rom, ich in Berlin. Alice, wer bist Du?

stern.de

Hallo, Frau Hessler, wie lange haben sie denn Zeit?

Hessler Hallo, solange Sie wollen.

Sie klingt wunderbar offen, hat eine etwas rauchige Stimme, spricht breitestes Amerikanisch. Cool. Jetzt vorsichtig heranpirschen.

Wie verbringt ein Supermodel wie Sie denn so seinen Tag?

Ich stehe auf, gehe zur Schule, esse mit meiner Mutter zu Mittag. Heute bin ich danach in die Agentur gekommen, weil die gesagt haben, ich hätte ein Interview.

Autsch. Das tat weh. Dumme Frage, dumme Antwort. Sie lässt sich nichts anmerken, stellt mich nicht bloß, sondern erzählt weiter, was sie so macht. Zum Beispiel, dass sie hauptberuflich in die elfte Klasse geht, auf eine Schule, auf der sie's mit Sprachen haben, mit Französisch zum Beispiel. Sie berichtet, dass sie in Italien aufgewachsen ist, bis sie acht war, dann nach Washington umgezogen ist, wo der Vater herkommt. Sehr professionell. Neuer Anlauf.

Wie sind Sie zum Modeln gekommen?

Ich bin mit meiner Mutter eine Straße in Rom hinuntergegangen, als mich plötzlich jemand von der Agentur ansprach. Ich wurde zu einem Foto-Shooting eingeladen - und eine Woche später ging's los. Ich war damals fünfzehneinhalb. Zuerst haben sie mir beigebracht, weiblich zu gehen. Ich habe vier jüngere Brüder, da muss man sich durchsetzen. Am Anfang war mein Gang deshalb etwas maskulin.

Interesting. Das Gespräch fängt an zu fließen. Sie fasst Vertrauen, berichtet, dass sie für verschiedene Firmen schon vorher einzelnen Shootings gemacht hat, aber das die Hansenet-Sache ihre erste große Kampagne war. Noch etwas Unverfängliches.

Wie war es denn für Sie, sich auf Plakaten überall in Deutschland zu sehen?

Ich dachte, das darf nicht wahr sein. Ich sagte zu meinen Eltern: Ihr müsst das sehen. Das ist unglaublich.

In Berlin sei sie gewesen, erzählt sie, um die Kampagne zu bewerben, in Hamburg und in Frankfurt. All diese Orte habe sie zuvor nicht gekannt. Hamburg möge sie sehr gerne. Den Hafen. Und Berlin sei sehr groß und Frankfurt, na ja, zumindest "sehr interessant". Hessler hat Humor. So, jetzt, the time is right, Sexfaktor erhöhen.

Was macht Sie Ihrer Meinung nach für die Deutschen attraktiv?

Ich bin wirklich, wirklich einfach. Und ich bin jung. Einige deutsche Jungs haben mir sogar Fanbriefe geschrieben. Das ist cool.

Sie sagt nicht wirklich "einfach". Auf Englisch sagt sie, sie sei "simple" - irgendwie einfach, natürlich. Ach ja. Das italienische Magazin "Gentleman's Quarterly" hat das anders ausgedrückt, sie eine Mischung aus Lolita und einer Femme Fatale genannt. Sexfaktor noch mal erhöhen.

Werden Sie lieber als eine Lolita gesehen oder lieber als ein Vamp?

Vielleicht bin ich eher eine Lolita, denn ich bin jung. Die Kritiker haben mich als Lolita bezeichnet, seit dem ich angefangen habe zu modeln.

Hoho. Volltreffer. Soll ich weiter machen? Frage ich nach ihrem Freund, ihrem Ideal-Mann, ihrem letzten Date? Oder ist das zu ölig? Wohin jetzt nur mit dem Sexfaktor. Ich gerate in Panik. Doch wieder unverfänglich.

>Sie haben sich bei einzelnen Aufnahmen eher sexy abbilden lassen. Würden sie das wieder machen?

Nein. Ich mache das nicht mehr wieder. Die Aufnahmen, die ich bei einigen Shootings gemacht habe, waren in Ordnung, aber es war trotzdem ein wenig zu sexy. Meinen Eltern hat das überhaupt nicht gefallen.

Das ist doch was, Model mit Moral. Vergiss die öligen Fragen, ein wenig Konsumkritik ist angebracht.

Unter den Alice-Plakaten in Deutschland stehen manchmal zweideutige Sprüche. Etwa: Alice kommt schnell. Hat Sie das gestört?

Ich finde das nicht provozierend. Das bezieht sich nur auf Internet-Verbindungen - und die sind, soweit ich weiß, eher schnell.

Bravo. Bestens pariert. Ich bin beeindruckt. Hessler erzählt mir noch, dass sie kaum Sport treibt, selten ins Fitness-Studio geht und dass sie studieren möchte, wenn sie erst einmal mit der Schule fertig ist. Modeln könne man nur bis zu einem gewissen Alter, sagt sie, aber mit 25 sei dann wohl doch Schluss. Danach bräuchte man eine Perspektive. Recht hat sie. Ich wünsche ihr alles Gute, bedanke mich für das Gespräch und lege auf. Ich weiß nun, wer auf mich herabblickt, in Hamburg, Berlin oder München: Eine imponierende Frau. Das erste Mal seit Monaten fühle ich mich frei.