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Interview

Jörg Kachelmann: "Ich wollte kämpfen, nicht um Gnade winseln"

Jörg Kachelmann hat vor Gericht gegen seine Ex-Geliebte gewonnen. Mit dem stern sprach der frühere ARD-Wettermoderator über Lügen, Albträume - und über sein Verhältnis zu Frauen.

Von Rupp Doinet und Nina Poelchau

Jörg Kachelmann

Jörg Kachelmann am 28. September im Verhandlungssaal des Oberlandesgerichts in Frankfurt am Main.

Eine Sommerwiese am Rande der Schweizer Gemeinde Schaffhausen. Der ehemalige ARD-Wettermoderator Jörg Kachelmann hat diese Wiese für das Gespräch mit dem stern gewählt, weil sie nahe der Wohnung seiner Mutter liegt, in der Ehefrau Miriam und ihr gemeinsames kleines Kind auf ihn warten. Er ist guter Dinge. Einen Tag zuvor hat das Frankfurter Oberlandesgericht seine ehemalige Geliebte Claudia D. dazu verurteilt, ihm rund 7000 Euro Schadenersatz zu zahlen.

D. hatte ihm 2010 vorgeworfen, sie vergewaltigt zu haben. Vier Monate lang saß Kachelmann in U-Haft, im Mai 2011 sprach das Mannheimer Landgericht ihn frei, weil eine Vergewaltigung nicht zu beweisen war. Die Frankfurter Richter gehen nun nach einem neuen rechtsmedizinischen Gutachten davon aus, dass Claudia D. "wissentlich eine unwahre Strafanzeige erstattet" hat. Das Urteil ist rechtskräftig.

Herr Kachelmann, fühlen Sie sich als Sieger?

Ich bin dankbar, dass sich die ganze Wahrheit durchgesetzt hat. Um das Gericht zu zitieren: Frau D. hat sich ihre Verletzungen selbst beigebracht, ich wurde bewusst verleumdet, und die gegenüber mir vorgebrachten Vorwürfe sind frei erfunden.

Sie sind nicht nur gegen Ihre Ex-Geliebte vorgegangen, sondern auch gegen den, wie Sie es formuliert haben, "medialen Kloakenmahlstrom", dem Sie sich vor einigen Jahren ausgeliefert sahen.

Journalisten haben mich vorverurteilt und sogar nach meinem Freispruch noch nachverurteilt. Sie haben mein tatsächliches und mein vermeintliches Privat- und Intimleben an die Öffentlichkeit gezerrt. Sie haben Dinge geschrieben, die nachweislich frei erfunden waren. All das war rechtswidrig, und in der Summe hatte es einen katastrophalen Effekt. Mein Ruf ist nicht nur durch das Strafverfahren zerstört worden, sondern durch den unseriösen medialen Umgang damit. Natürlich musste ich mich gegen diesen Schmutz mit meinen Medienanwälten wehren. Mit einigen Verlagen habe ich mich gütlich geeinigt. Mit Springer war das nicht möglich. Die sind jetzt verurteilt worden, mir mehr als eine halbe Million Euro Schmerzensgeld und Zinsen für ihre rechtswidrige Berichterstattung zu zahlen.

Lange war Alice Schwarzer eine Ihrer großen Gegnerinnen. Sie hat Ihren Prozess vor dem Mannheimer Landgericht für "Bild" kommentiert und feiert Ihre ehemalige Geliebte bis heute als mutige Frau.

Eigentlich hatte ich mit Frau Schwarzer ein entspanntes Verhältnis. Sie hat mich mal in ihrer "Emma" gelobt, weil ich mich dafür eingesetzt hatte, die meteorologischen Tiefs, die für das schlechte Wetter verantwortlich gemacht werden, auch nach Männern zu benennen und nicht nur nach Frauen, wie es damals üblich war. Einmal haben wir in meiner Talkshow, in der sie zwei Stunden zu Gast war, sogar miteinander Discofox getanzt.

Und heute?

Frau Schwarzer hat mich benutzt, um Ihrer Rubrik "Was macht eigentlich?" zu entgehen. Ein kluger Kollege von Ihnen hat einmal gesagt, dass sie in meinem Fall nicht als unabhängige Journalistin, sondern als politische Aktivistin agiert hat. Dass ich unschuldig bin, war ihr vollkommen egal. Aus ihrer Sicht war es absolut notwendig, dass ich verurteilt werde. Nur das passte in ihre politische Agenda.

Sie haben angeboten, als Reporter tätig zu werden, wenn Alice Schwarzer wegen Steuerhinterziehung vor Gericht kommen sollte.

Stimmt, ich wollte zeigen, dass man das nicht ahnungslos machen muss, ich habe in den letzten sechs Jahren viel über Zivil- und Strafrecht gelernt. Ich wollte beweisen, dass man auch ohne Vorurteile und Hass schreiben kann, ohne Schaum vor dem Mund. Es gab sogar schon einen mündlichen Vertrag mit einer Schweizer Mediengruppe. Aber Alice Schwarzers Steuersache ist dann ja leider mit einem Strafbefehl entschieden worden.

Wie denken Sie heute über Ihre ehemalige Geliebte?

Sie hat sich dafür rächen wollen, dass sie nicht die einzige Frau in meinem Leben war. Ich hatte damals in Beziehungsdingen ein Chaos, ich bin nicht stolz auf diese Zeit, auch wenn ich wahrscheinlich nicht der einzige Mensch bin, der in seinem Leben solche Fehler gemacht hat. Diese Frau hat daraufhin versucht, mich zu zerstören. Sie hat ihre erfundene Geschichte außerdem für einen sechsstelligen Betrag verkauft. Manche Medien haben auch andere Frauen aus meinem Leben fürstlich bezahlt und diese Frauen dann zu falschen Aussagen gedrängt, um eine bessere Geschichte zu bekommen. Wobei einige nicht bedacht hatten, dass sie später richterlich gezwungen sein würden, eine noch größere Summe als Strafe wegen uneidlicher Falschaussage zu zahlen - was dann nicht mehr in den Medien kam.

Wie hat die ARD auf das jüngste Gerichtsurteil reagiert?

Die ARD hat sich nie mehr gemeldet. Damals, nach dem freisprechenden Urteil des Landgerichts Mannheim, bin ich auf meinen ehemaligen Sender zugegangen. Ich wollte wenigstens noch drei oder vier Wettersendungen gestalten. Die Klägerin sollte nicht den Triumph bekommen, mich aus dem Sender gekippt zu haben. Aber bei der ARD hieß es damals wörtlich: "Wir müssen uns überlegen, was die Leute sich vorstellen, wenn die Sie im Fernsehen sehen."

Und jetzt, nach dem Frankfurter Urteil - wollen Sie noch mal zurück zur ARD?

Mit der ARD wird das vermutlich eher nichts mehr. Dazu habe ich mit ein paar Unfreundlichkeiten gegenüber dem Sender ja auch beigetragen. Ein Sender, der mit seinen Mitarbeitern nicht mal solidarisch ist, wenn sie nichts verbrochen haben, ist nichts für mich.

Womit verdienen Sie heute Ihr Geld?

Die Anteile an Meteomedia, dem von mir gegründeten Unternehmen, habe ich im Jahr 2013 verkauft. Inzwischen habe ich eine Internetplattform, kachelmannwetter.com, und mit einem Dutzend Experten ein Unternehmen für hochqualitative Wettervorhersagen mit Tochterfirmen in der Schweiz und jeweils einer in den USA und in Australien.

Und das läuft?

Wir sind die Besten. Aber das muss sich natürlich noch mehr herumsprechen. Hier und weltweit. Das ist eine Branche, in der niemand auf uns gewartet hat.

Haben Sie eigentlich in den vergangenen Jahren auch mal daran gedacht, aufzugeben? Das Handtuch zu schmeißen, um zu retten, was zu retten ist?
Mich haben diverse PR-Berater und Personal Coaches angerufen oder mir gemailt. Sie hatten alle den gleichen Rat: Geh ein halbes Jahr ins Kloster, komm raus und sag: 'Jetzt bin ich geläutert.' Aber das war keine Sekunde lang eine Option. Ich wollte kämpfen, nicht um Gnade winseln.

Wie denken Sie heute über Frauen?

So wie ich immer über Frauen gedacht habe: Es gibt wunderbare Frauen, und es gibt schlimme Frauen. Wie bei den Männern. Ich habe auch schon vor Frau D. einiges erlebt. Es war nicht schön, zweimal als Kuckucksvater missbraucht zu werden, aber Kinder sind auch immer ein Glück.

Haben Sie Kontakt zu den Kindern?

Ich liebe sie und sehe sie, so oft es geht, auch wenn sie weit weg leben. Ich bin gleichberechtigter Vater. Allerdings gab es einen sehr unschönen Rechtsstreit mit der Mutter der Kinder, die ganz viel Geld wollte, nicht aber, dass ich die Kinder sehen kann.

Hat das Ihren Umgang mit Frauen beeinflusst?

Es hat mich damals sehr misstrauisch gemacht. Heute ist mir das egal. Ich habe eine Frau und ein kleines Kind, ich bin glücklich mit meiner Familie. Aber früher war das schon ein Problem.

Inwiefern?

Der Kampf um die beiden Kinder damals war alles für mich. Das Restleben war mir relativ wurscht. Und die Menschen, mit denen ich noch zu tun hatte, waren mir auch relativ wurscht. Ich habe Beziehungen zu spät beendet, weil ich Angst hatte, dass mir das im Sorgerechtskampf schaden könnte, wenn rauskäme, dass ich damals kein Kind von Traurigkeit war. Für die Kinder alles zu tun bedeutete, für andere Menschen zu wenig zu tun. Allerdings, wenn ich das auch mal anmerken darf: Die Medien haben damals "Exfreundinnen" geglaubt, die keine waren. Es war damals so viel Geld zu holen. Man musste nur irgendeinen erfundenen Blödsinn über mich erzählen - so leicht kam man nie mehr wieder zu 5000 bis 50.000 Euro.

Es gibt Leute, die vor einem möglichen Nebeneffekt des Frankfurter Urteils warnen. Könnte es sein, dass Frauen jetzt aus Angst davor, selbst angeklagt zu werden, nicht mehr wagen, "die Wahrheit über männliche Gewalt laut zu sagen", wie "Emma" Claudia D. in ihrer aktuellen Online-Ausgabe zitiert?

Vergewaltigung ist ein schreckliches Verbrechen, und ich bin absolut dafür, es auch hart zu bestrafen. Im Laufe meines Lebens habe ich elf Frauen mehr oder weniger gut kennengelernt, die vergewaltigt worden sind. Von ihren eigenen Vätern, im Ponyhof, in einem Hotel und so weiter. Für jede dieser großen Frauen eine lebenslange Katastrophe. Ich bin mit Frau Schwarzer einig, dass 15 bis 20 Prozent der Frauen von sexueller Gewalt betroffen sind. Keine dieser Frauen, denen ich begegnet bin, hat angezeigt, leider. Alle wussten, dass sie die Verbrecher ohne Problem in den Knast bringen würden - aber alle haben eine andere Form der Verarbeitung gesucht, ohne anzuzeigen, leider.

Haben Frauen ein "Opferabo"? Das Wort sollen Sie ja erfunden haben.

Das habe nicht ich erfunden, sondern meine Frau. Aber es passte natürlich besser in das Kachelmann-Bestiarium der damaligen Berichterstattung, es mir zuzuschreiben.

Und: Gibt es ein "Opferabo" für Frauen?

Es gibt Männer, die zu Unrecht wegen Vergewaltigung verurteilt wurden und die daran zerbrachen oder sogar starben, während man die angeblichen Opfer bedauert hat. Was meinen eigenen Fall betrifft: D. wurde während des Prozesses von ganzen Heerscharen von Opferunterstützern gepampert. Manche Opferschutzorganisationen betreuen blind gerne auch Verbrecherinnen, solange sie weiblich sind, und stabilisieren so auch brüchige Lügengebäude. Der Irrglaube des Schwarzer-Feminismus, dass man Unschuldige einbuchten sollte, damit vor Begeisterung darüber noch mehr echte Opfer anzeigen, ist gefährlicher Wahnsinn. Polizei und Justiz tun heute schon richtigerweise alles für echte Opfer, es gibt Opferambulanzen und mehr, um diese Katastrophe für die Opfer in die Bestrafung der Verbrecher umzusetzen. Das nutzen wiederum Lügnerinnen und Falschbeschuldigerinnen und versuchen neuerdings auch noch, nach Verurteilung Ikonen des Feminismus zu werden. Das ist mehr als ekelhaft. Ein Verbrechen ist nicht anbetungswürdig oder nichtig, nur weil es von einer Frau begangen wird.

Es existiert ein Zitat von Ihnen: "Nach allem, was ich erlebt habe, vermeide ich jede Situation, in der ich alleine mit einer unbekannten Frau bin, Aufzug, Straße, Räume, wo auch immer."

Ja, das habe ich mal so formuliert.

Haben Sie Angst, Frauen, die allein mit Ihnen sind, könnten sich die Bluse aufreißen und hinterher tränenblind ins Fernsehstudio rennen?

Quatsch. Aber ja, ich achte schon auf bestimmte Verhaltensweisen. Ich im Aufzug, der hält, Frau will rein, bedeutet: ich raus. Ich lasse die Türen offen, wenn ich mich mit einer Frau in einem Zimmer aufhalte. Aber das ist anderswo, zum Beispiel in den USA, längst selbstverständlich. Sicher ist sicher, wie gesagt: Es gibt auch Verbrecherinnen.

Haben Sie eigentlich damals, als Ihre ehemalige Geliebte Sie anzeigte, auch mal einen Psychotherapeuten aufgesucht?

Nur den im Knast, den man sehen muss und dem ich versicherte, dass ich mich nicht umbringen würde, weil ich kämpfen werde.

Fühlen Sie sich traumatisiert?

Das ist doch so ein Modewort, Trauma geht immer und ist das Elixier für Falschbeschuldigerinnen. Mir wurden meine materielle Basis und Teile meiner Gesundheit durch die Mannheimer Lügen zerstört. Nicht mehr und nicht weniger. Ich war früher gesund. Am zweiten Tag im Knast Blutdruck 170/110. Seither Medikamente. Und es pfeift so laut in den Ohren seither. Frau D. hat ja mehrfach straflos gedroht, mich umzubringen.

Haben Sie Albträume?

Ich kann mich generell schlecht an Träume erinnern. Ich sah manchmal noch in Träumen das Gitter der Haftzelle als Schattenwurf an der Decke wie in Mannheim. Das ist jetzt nicht mehr so. Geblieben ist, dass ich ein unbehagliches Gefühl habe, wenn viele Menschen auf mich zukommen. Wahrscheinlich eine Folge der Jagdszenen, als Fotografen auf das Auto meiner Anwältin einstürzten, wenn sie mich in die Gerichtstiefgarage fuhr.

Sie übertreiben.

Ich wurde nach meiner Freilassung aus der Untersuchungshaft Tag und Nacht gejagt. Durch Journalisten, wenn man die so nennen darf. Auch durch Ausbremsen auf der Autobahn. So etwas heißt heute "Recherche". In Wahrheit ist es eine Menschenjagd, deren Auswirkungen man erst nachempfinden kann, wenn man sie selbst erlebt hat.

Sie sagen, Ihre ehemalige Geliebte habe versucht, Sie zu zerstören. Haben Sie nicht das Gefühl, auch einen Teil ihres Lebens zerstört zu haben?

Ich habe ihr Leben sicher nicht zerstört. Was sie sich denkt, kann ich nicht sagen.

Hat sich Ihr Kampf gegen Ihre ehemalige Geliebte mit dem Urteil und dem Schmerzensgeld erledigt?

Das kommt auf die Staatsanwaltschaften in Frankfurt und Mannheim an, ob sie gegen Frau D. auch strafrechtlich vorgehen wollen. Das Oberlandesgericht Frankfurt hat mir das Vertrauen in die Justiz zurückgegeben. Ich harre der Dinge, die da kommen oder auch nicht. Ich habe erreicht, was ich erreichen wollte: erwiesene Unschuld, Freispruch erster Klasse, keine Zweifel mehr.

Aber die alten Sachen bleiben, denn das Internet vergisst bekanntlich nichts. Wie erklären Sie Ihrem kleinen Sohn später, was da alles über Sie zu finden ist?

Mami und Papi haben alles getan, um das Böse zu bekämpfen. Und dass es sich immer lohnt, standhaft zu bleiben. Und dass am Ende Recht und Gerechtigkeit gewinnen.