HOME

Lapo Elkann: Italiens heimlicher Prinz

Bisher machte Fiat-Erbe Lapo Elkann vor allem mit Sex, Drugs und Rock'n'Roll von sich reden. Doch nun versucht das Enfant Terrible des Agnelli-Clans sich an einer eigenen Designlinie.

Von Luisa Brandl, Rom

Lapo Elkann ist das Enfant Terrible des Agnelli-Clans. Der Fiat-Erbe machte Schlagzeilen mit Sex, Drogen und Jet-Set. Vor zwei Jahren kam der Zusammenbruch: Man fand ihn mit Überdosis auf dem Sofa eines Transvestiten. Elkann ordnete sein Leben neu, wechselte von der Autoindustrie in die Branche der Kreativen. Auf den Mailänder Modeschauen präsentierte der Exzentriker jetzt sein neues Label "Italia Independent". Zwölf Design-Produkte von Jacken über Accessoires bis zu Reisetaschen, allesamt aus innovativen Techno-Materialien. Gerade 30 geworden, will der Industriellen-Spross beweisen, dass er unabhängig ist von seiner Familie.

Dabei ist der Italiener schon jetzt die vielleicht bedeutendste Stil-Ikone seines Landes. Elkann ist mitreißend, überschäumend, sprüht vor Ideen und scheint getrieben von seiner Mission wider die Angepasstheit. Als er noch Marken-Verantwortlicher bei Fiat war, tauchte er eines Tages unter all den Anzugträgern in Mirafiori in grünen Stiefeln im Büro auf. Er trägt die Haare wie ein Dandy, die obersten drei Knöpfe des Hemds offen, das Einstecktuch des Jacketts lässig heraushängend, Mokassins ohne Strümpfe und Jeans mit umgeschlagenen Hosenbeinen. Was er in die Hand nimmt, erhält Stil, schwärmt die italienische Lifestyle-Presse. Elkann zierte sogar schon den Titel der amerikanischen "Vogue". Deren legendäre Chefredakteurin Anna Wintour erkor ihn zum "elegantesten Mann des Planeten".

Die heimliche Königsfamilie Italiens

Er hat den Sex-Appeal des großen Gianni Agnelli. Der verstorbenen Patriarch ist Lapos Großvater und gab lange den Playboy, bevor er spät in die Firma eintrat. Er raste im Ferrari über die Côte d´Azur, eroberte in Folge Rita Hayworth, Jackie Kennedy und Anita Ekberg. Der Alte hatte, wie heute sein Enkel, Marotten, die alle nachahmten: Er ließ den Schlips über dem Pullover baumeln, trug die Button-down-Knöpfe des Hemds aufgeknöpft und die Armbanduhr über der Manschette. Elkann kokettiert damit, dem Großvater zu ähneln, er hat sich das rollende R abgewöhnt, um ihm auch in der Aussprache zu gleichen. Er trägt die gleichen Nadelstreifenanzüge, hat die gleiche saloppe Eleganz, den Hang zur Exzentrik und die Vorliebe für das Schöne.

Die Agnellis waren das heimliche Königshaus Italiens. Patriarch Gianni war bis zu seinem Tod 2003 unangefochtener Firmenchef von Fiat und zugleich das Oberhaupt der Familie. Er bestimmte allein seinen Nachfolger an der Spitze des Autokonzerns. Der alte Agnelli schickte Lapos ein Jahr älteren, etwas blass wirkenden Bruder John Elkann, genannt Jaki, in den Vorstand des Familien-Unternehmens. Lapo bekam die Verantwortung fürs Marketing übertragen.

Zu dem Zeitpunkt war das Autohaus am Boden, die Werkshallen veraltet, die Konzernspitze bedrängt von Gläubigerbanken. Lapo Elkann sollte der angeschlagenen Marke so etwas wie Glamour einhauchen. Er nahm das Fiat-Logo aus den Zwanzigern und ließ es in begrenzter Auflage auf Trainingsjacken drucken. In Magazinen erschienen Fotos von Supermodel und Agnelli-Freundin Elle MacPherson in der Fiat-Trainingsjacke mit ihrem Sohn auf dem Schulweg. Die sündteure Sportjacke hing plötzlich in allen Edelboutiquen.

"Niemals aufgeben"

Elkann machte seinen Job gut. Er sorgte dafür, dass James Bond in einem low-budget Fiat-Panda Gangstern hinterher jagte. Er gründete einen hippen Club, das Fiat-Cafés in Mailand. Aber die Brand-Promotion für die Familienfirma war vielleicht nie wirklich sein Ding. Nicht für einen, der vier Sprachen fließend spricht, in Rio de Janeiro und Paris zur Schule ging, in London studierte, in Washington Assistent von Henry Kissinger war und mit 18 beim "America´s Cup" mitsegelte. Elkann versuchte immer wieder dem biederen Milieu der Turiner Autobauer zu entkommen und endete mit zuviel Drogen und Alkohol auf dem Sofa eines Transvestiten, der vom Alter her sein Vater sein konnte.

Elkann trägt eine tätowierte alte Samurai-Weisheit auf dem Oberarm: "Niemals aufgeben". Nach diesem Grundsatz jettet er jetzt durch die Zeitzonen von Mailand nach New York, London und Kuwait City, überall dorthin, wo er Kunden für sein neues Label ausmacht. "Italia Independent" ist in den einschlägigen Geschäften vertreten: 10 Corso Como in Mailand, Colette in Paris, Harrods in London und The Corner am Berliner Gendarmenmarkt. Die Marke ist betont made in Italy und verzichtet bewusst auf ein Logo.

Auf der Mailänder Modemesse beeindruckte Elkann das Publikum mit seiner Sonnenbrillen-Kollektion. Die Brillen sind ultraleicht und stabil, aus 47 Schichten Karbon von Hand gefertigt und individuell veränderbar. Das futuristische Design lässt sie auf den ersten Blick aussehen wie die unzähligen Brillenmodelle der großen Luxusmarken. Der Unterschied liegt in der Qualität und im Preis ab 1000 Euro. "Meine Produkte sind für Leute, die mit sich zufrieden sind und mit dem, was sie machen, die selbstbewusst sind und keine Marke brauchen, um selbstbewusst zu sein", sagte Elkann in Mailand dem TV-Sender Starstyle.

Hommage an seine halbjüdischen Wurzeln

Elkann vermarktet geschickt sein Image, unabhängig und unangepasst zu sein. Gegen die glitzernde Luxuswarenwelt setzt er auf Techno-Materialien, die in der Mode bisher kaum vorkamen. Karbon zeichnet seine Marke aus. Er verwendet aber auch andere resistente Materialien aus den Bereichen Sport und Militär wie bei seinen Vasen aus wasserundurchlässigem Stoff oder den Reisetaschen aus dem Material kugelsicherer Westen. Seine maßgeschneiderten Jacketts in breiten Karos oder pechschwarz mit Borte sind aus dem Stoff, aus dem Soldatenrucksäcke genäht werden.

Die siebenarmigen Karbon-Leuchter, eine Hommage an seine halbjüdischen Wurzeln, lässt Elkann von jungen Leuten herstellen, die am Strand von Jesolo Kitesurf-Bretter und Snowboards bauen. Es ist sein erklärtes Ziel, junge Kreative zu fördern. Neben Italia Independent gründete er die Kommunikationsfirma Independent Ideas, einen Think Tank für innovative Produktwerbung.

Doch der quirlige Trendsetter sucht längst nach neuen Herausforderungen. Ab November moderiert er in New York ein Radioprogramm des hippen Senders Sirius Radio. Er will eine Volleyballmannschaft übernehmen, denn diese Sportart sei nicht so verdorben wie Formel Eins und Fußball, erklärte er kürzlich. Und in den nächsten drei Jahren plane er, mit dem Segelboot um die Welt zu segeln.