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Mordprozess: Mosis letzte Geheimnisse

Im spektakulärsten Mordprozess der vergangenen Jahre muss sich ab heute Ali Abdullah Herisch verantworten: Er soll Rudolph Moshammer erdrosselt haben. Der stern zeichnet die letzten Stunden bis zum bizarren Tod des "Modezaren" nach.

Er hat so oft den harten Mann gegeben, geprahlt, dass er als kurdischer Freiheitskämpfer mit seiner Pistole zwei irakische Geheimdienstler erschossen habe. Doch jetzt kniet der Iraker Ali Abdullah Herisch, 25, in Tränen aufgelöst auf dem Fußboden in der Münchner Mordkommission. Seinen Kopf hat er im Schoß eines Kripobeamten vergraben. "Ja", sagt er, er habe diesen schweren Mann getötet. Er sei es gewesen, ganz allein. Und sein Kopf sei jetzt so müde, und wenn man ihm nicht verspreche, dass er hingerichtet werde, dann werde er nichts mehr sagen. Das aber können ihm die Beamten nicht zusagen.

Ob er den Herrn Moshammer kenne, haben sie ihn in jener Nacht gefragt. Ob er wisse, was eine DNA-Spur bedeute. Ob möglicherweise so ein genetischer Fingerabdruck von ihm in dem Rolls-Royce des kurz zuvor ermordeten Modemachers gefunden werde, wenn man da erst richtig suche. Einen habe man schließlich schon - und zwar aus dem Haus Rudolph Moshammers. Das war der Augenblick, in dem sich der Iraker weinend zu Boden warf und gestand.

Vom 2. November an sitzt er nun in München vor Gericht. Wegen Mordes oder, wie es juristisch heißt, weil er "heimtückisch aus Habgier und um eine andere Straftat zu ermöglichen, einen Menschen getötet und zugleich mit Gewalt gegen eine Person fremde bewegliche Sachen einem Anderen in der Absicht weggenommen (hat), die Sachen sich oder einem Dritten rechtswidrig zuzueignen, wobei er den Tod eines Anderen verursacht hat". Der stern hat den Weg der beiden Männer bis zu ihrer tödlichen Begegnung nachgezeichnet.

Kein Verbrechen seit dem Tod des Schauspielers Walter Sedlmayr im Sommer 1990 hat die Münchner so bewegt wie der Mord an dem bizarren Oberbekleider. Sie verabschiedeten ihn mit dem angeblich drittgrößten Begräbnis nach König Ludwig II. und Franz Josef Strauß. Der Freistaat Bayern öffnete für die Trauerfeier leise murrend, aber immerhin, die Allerheiligen-Hofkirche in der Residenz. Die städtische Bestattung erteilte Schoßhund "Daisy", einst Bayerns First Dog, eine Sondergenehmigung für den Friedhofbesuch. Nur die bodenständige Schickeria, mit der Mosi sich - und die sich mit ihm - zuvor gern geschmückt hatte, blieb dem Friedhof fern. Zu schlüpfrig empfand sie plötzlich Leben wie Sterben des Rudolph Moshammer. Obwohl dessen Hang zu schönen Männern und gekauften Knaben seit vielen Jahren ein öffentliches Geheimnis war.

Drei Bücher sind seit dem Mord über den "Modeschöpfer" - der nie eine Schneiderlehre absolviert hat - veröffentlicht worden. Sie beschreiben (erstes Buch Mosi), wie er als junger Liebhaber in Paris erste Erfahrungen sammelte. "Gigi" hieß die Dame, und ihre "flachen Brüste" schmiegten sich ganz anders in Mosis Hände als die der Münchner Zenzis, deren Busen "ihn anstarrten, wie tödliche Kanonenkugeln, die auf ihn abgeschossen wurden". Doch auf der Suche nach Gigis letztem Geheimnis stieß Mosi auf einen unerwarteten Widerstand. Und Gigi sprach: "Isch bin ein Transvestit".

Das zweite Buch Mosi erschöpft sich in weniger aufreibenden Anekdoten. Die dritte Biografie, aus der Feder des Münchner Zeitungsreporters Torsten Fricke, wurde selbst ein Fall für die Justiz. Silvio Belli, 47, der von den Medien immer wieder als Lebensgefährte Moshammers gehandelt wurde und sich per Anwalt erfolgreich dagegen wehrte, hat per gerichtlicher Verfügung gleich ein ganzes Kapitel verbieten lassen. Wegen der Privatsphäre.

"Ich war ein Freund und Berater", sagt Silvio Belli dem stern, "zu früheren Zeiten wie ein Seelenverwandter." Einer, der ihm sagte, wann er eine längere Krawatte nehmen musste, weil der Bauch schon wieder gewachsen war. Einer, der ihm dazu verhalf, dass Mosi eine Marke wurde. Man kochte zusammen, Schweinebraten und Kaiserschmarrn, stritt sich über George W. Bush, spielte Schach und mit der Modelleisenbahn. "Wer gleichzeitig die meisten Loks steuern konnte, ohne dass sie zusammenstießen, hatte gewonnen."

Zwischen all den Krisen und Katastrophen in der Welt sei Moshammer ein "bunter Farbklecks" im Leben gewesen, sagt Belli. "Er hat seinen Moshammer gelebt, ob es den anderen gepasst hat oder nicht." Im Mai vor einem Jahr erlitt die Freundschaft einen schweren Bruch, als Bellis geparkter Jaguar auf Moshammers Grundstück von einem Unbekannten zerkratzt wurde. "Da hat er sich in einer Form gebärdet, dass ich gesagt habe: Sorry, lass es gut sein", sagt Belli. "Heute ist mir klar, dass sich da offensichtlich aus seiner zweiten, finsteren Welt jemand bemerkbar gemacht hat."

Das Image des leutseligen

Bonvivants Rudolph Moshammer, der gut zu den Obdachlosen und Armen war, besonders aber zu sich selbst, der jeden Dreikönigstag sein Haus neu weihen ließ, mit Weihrauch, Weihwasser sowie einem echten Monsignore, und der sich halt ab und zu einen netten jungen Mann gönnte, dieses Bild hat im Laufe weniger Monate mehr als nur einen Riss bekommen. Es meldeten sich nämlich Menschen wie jener Francesco, der Reportern und der Polizei erzählte, wie er im Jahr 2000, da war er gerade mal 14 Jahre alt, Mosi getroffen hatte. Das war in einer schmierigen Münchner Pension, in die der Junge von seinem Zuhälter aus Nürnberg gebracht worden war, um dem bereits wartenden Meister zu Diensten zu sein. 200 Mark habe er damals bekommen. Und 250 Mark Schweigegeld.

Einige Dutzend Mal will eine ehemalige Nachbarin den Boutiquier beobachtet haben, wie er junge Männer ansprach. Ein paar davon offenbarten nun, es sei ihnen schon sehr unangenehm gewesen, neben ihm zu sitzen, während er es sich selbst besorgte. Vom versuchten Crossover ganz zu schweigen. Denn meist waren es keine Schwulen, die er nachts aufgabelte, nach dem Weg fragte und einlud, bei ihm zu Hause mit seiner Modelleisenbahn zu spielen oder ein Video anzusehen. Bekennende Homosexuelle, da sind sich langjährige Bekannte einig, waren Moshammer eher unangenehm. Er hatte einen Traum: von jungen weichhäutigen heterosexuellen Männern, die bei seinem Anblick flugs die Fronten wechselten.

Oft aber waren es Asylbewerber, die er sich in sein Auto holte. Männer, die kaum Deutsch sprachen und ihn meist auch nicht kannten. Von ihnen, so hoffte er offenbar, waren die wenigsten Schwierigkeiten zu erwarten, wenn es darum ging, sie wieder los zu werden.

Immer wieder hatten Freunde ihn vor den nächtlichen Ausflügen gewarnt. Immer wieder hatte Mosi, der ohne Leibwächter nicht einmal zur feierlichen Eröffnung einer neuen Hundefutterdose mittags um zwölf ging, sie ausgelacht. Er habe das "im Griff" - ein tödlicher Irrtum, wie sich in der Nacht auf den 14. Januar erwies.

Der 13. Januar, ein Donnerstag, war ein kalter, unfreundlicher Tag in München, und die Stimmung in der kleinen, aber pompösen Boutique des Stoffdesigners an Münchens Nobelmeile Maximilianstraße war auch nicht viel besser. Die Lufthansa hatte Mosi von ihrer "Senator-Liste" gestrichen, was ihn fast noch mehr traf als die Tatsache, dass der Umsatz im Ladengeschäft eingebrochen war. Von bis zu 10 000 Euro täglich in der Vorweihnachtszeit auf höchstens 1000 Euro. Unter den sechs Angestellten, die einander mit "Herr" und dem jeweiligen Vornamen ansprachen, kursierten Gerüchte über mögliche Kündigungen.

In den Laden kamen fast nur noch Japanisch oder Sächsisch sprechende Touri-sten, die sich mit ihm fotografieren lassen wollten. Kurz zuvor war sogar ein Mann im Geschäft gewesen, der lediglich eine leere Plastiktüte haben wollte. Er bekam sie nicht, obwohl er immer lauter behauptete, den Herrn Moshammer gut zu kennen - aus einer Homo-Videothek, die auf Sado-Maso-Filme spezialisiert sei. Alle konnten es hören. Auch Mosi, der sich hinter einem riesigen Blumenstrauß versteckt hatte und dem das alles sehr peinlich schien. Diese Ausdrücke, noch dazu vor den Domestiken.

Der Mann, dem die Welt

die Hose mit den vier Bügelfalten verdankt, war längst selbst aus der Mode gekommen. Vorbei die Zeiten, in denen er neben seiner heftig blauhaarigen Mama Else im Laden stand, ein eigener Diener die Pfützen beseitigte, die Daisys Vorgängerinnen auf dem edlen Parkett hinterlassen hatten. Vorbei die Zeiten, da vom Luxushotel "Vier Jahreszeiten" schräg gegenüber ganze Karawanen von Haremsdamen zu ihm herüber trippelten, um sich von ihm nach dem letzten Schrei verschleiern zu lassen.

Die Krupps und die Flicks und der Schwarzenegger sollen in seiner Kundenkartei gestanden haben. Zuletzt durfte der "Modezar" noch ein paar Kostümchen für "Holiday on Ice" schneidern (lassen). Und selbst die namenlosesten Vorstadtschreiber mokierten sich über seine Perücke, die er fast schon verzweifelt als Echthaar ausgab, und darüber, dass er roch "wie eine Vorstadtdisco". Wo es doch angeblich "Habit Rouge" von Guerlain war.

Es war ruhig im Laden an diesem 13. Januar 2005. Kurz nach 17 Uhr rief Moshammer seine ehemalige Klassenkameradin und langjährige Freundin Angie Opel, 66, an, verabredete sich mit ihr zu einem frühen Abendessen. Um 18.15 Uhr holte er sie ab, fuhr mit ihr in seinem schwarzen Rolls-Royce zu einem Italiener in Grünwald. Es gab Nudeln mit Tomatensauce und eine Portion Steinbutt, die sie sich teilten, Rotwein und Mineralwasser.

"Mosi", so Angie Opel zum stern, "war in letzter Zeit immer so pessimistisch gestimmt." Die Leute, so klagte er, würden nur noch nach Autogrammen fragen, nichts mehr kaufen. Tatsächlich bezog der Immobilienbesitzer Rudolph Moshammer seine laufenden Einnahmen fast nur noch aus seinen hochdotierten Auftritten in TV-Werbespots und Talkshows. Sein Traum vom eigenen Oktoberfest-Zelt wurde offiziell geradezu belächelt, obwohl er die Hackfleischverordnung auswendig gelernt und einen Lehrgang zum Wirt gemacht hatte.

Es gab allerdings auch gute Nachrichten. Der Tumor, der einige Monate zuvor im Darm diagnostiziert worden war, hatte sich als gutartig erwiesen. Und auch die findigsten Münchner Boulevard-Schnüffler hatten nie etwas davon erfahren, dass Mosi sich monatelang in einem Krankenhaus regelmäßig untersuchen lassen musste. Zu gut hatte er sich da getarnt - als arabischer Scheich.

Um 20.15 Uhr an diesem 13. Januar

war das Essen beendet. Rudolph Moshammer zahlte, brachte Angie nach Hause und verabschiedete sie mit einem keuschen Kuss. Er wollte, sagt sie, "noch ein paar Mickymaus-Filme sehen, die ihm seine Angestellten zu Weihnachten geschenkt hatten, und ein bisschen mit Daisy kuscheln". Üben wollte er auch noch. Die ARD hatte nämlich Rudolph Moshammer eingeladen, als Promi eine aus drei jungen Männern bestehende WG zu beglücken. Die drei dürften sich etwas wünschen, wenn es Moshammer gelänge, innerhalb von 150 Sekunden einen Apfel so zu schälen, dass die Schale mindestens 1,70 Meter lang wäre.

Seitdem schälte Moshammer ständig Äpfel. Andreas Kaplan, 44, sein Chauffeur, Vertrauter und Mädchen für alles, hatte ihm am Morgen noch eigens eine Meißner Porzellanschale randvoll mit Äpfeln auf den Kaminsims seines luxuriös möblierten Reihenhauses gestellt. Doch Moshammer stand der Sinn an diesem Abend nicht nach Obst. Er setzte sich an das Steuer seines Rolls und fuhr auf der Suche nach jungen Männern in die Nacht.

Ali Abdullah Herisch hatte, so sagte er später aus, an diesem Nachmittag und Abend fünf Flaschen Bier getrunken und 900 Euro verspielt. 800 davon gehörten seiner Freundin Magdalena, die als Tänzerin in der Bermuda-Bar arbeitete. Er hatte sie dort besucht, seine Spielschulden gebeichtet, ein bisschen geweint, wie immer, wenn es ihm schlecht ging und er sich selbst leid tat. Gegen 23 Uhr verließ er den Strip-Schuppen. Zu Fuß wollte der Aushilfskoch einer Fastfoodkette in seine Wohnung in München-Sendling. Auf dem Weg dahin, im Bahnhofsviertel, stoppte Rudolph Moshammer neben ihm und sprach den jungen Mann an.

"Wo gehst du hin in dieser Nacht?", habe er gefragt. "Wohin kann ich dich bringen?" Dann habe er ihm Geld geboten. "Viel Geld, so viel Geld, wenn du mit mir kommst." Da sei er eingestiegen zu dem Mann und mitgefahren, nach Grünwald in die Robert-Koch-Straße 11, Moshammers Privatwohnung.

Moshammer öffnete die Haustür und sperrte sie hinter sich und dem jungen Mann wieder ab. Das machte er immer so, wenn er sich einen Fremden mitgebracht hatte. Den Schlüssel steckte er in die Tasche seiner Weste. Daisy wurde in das Schlafzimmer im ersten Stock ausquartiert. Die beiden Männer gingen in das Kaminzimmer, wo eine Spielzeugeisenbahn steht und ein DVD-Player. Moshammer legte einen Porno ein und forderte seinen Gast auf: "Das alles mach so."

Er sei nicht schwul,

sagte Ali Abdullah Herisch der Kripo. So wie Moshammer wollte er es nicht. Angeblich ließ er sich von dem "dicken Mann" zwar lustlos oral befriedigen, weigerte sich aber, selbst aktiv zu werden. Schon gar nicht anal, obwohl ihn Moshammer zweimal mit herabgelassener Hose dazu aufgefordert habe. Nicht mal den Po massieren wollte er dem fremden Mann, der darüber immer wütender wurde, ihm nun vorwarf, wozu er denn überhaupt da sei, er hätte doch gesagt, dass man mit ihm alles machen könne. Schließlich habe sich Moshammer selbst befriedigt, während Ali Herisch zusah. Und dann habe der Mann ihn geschubst, geohrfeigt, beleidigt, ausgelacht, immer wieder ausgelacht, am Arm gepackt und gedroht: "Raus jetzt. Raus hier, sonst hole ich die Polizei." Da habe er Angst gehabt, dass die Polizei kommen und ihn mitnehmen könnte.

Warum? Das weiß der Iraker nicht so genau. Als aber Moshammer sich zur Treppe wandte, sei er in Panik geraten. Plötzlich sei das Kabel in seiner Hand gewesen, das auf einem Tischchen hinter der elektrischen Eisenbahn lag, insgesamt 4,75 Meter lang. Mit dem schlug er nun auf Rudolph Moshammer ein, um ihn aufzuhalten. Aber der konnte die Schläge abfangen und das Kabel festhalten. Ein paar Sekunden zerrten beide daran, so heftig, dass es bereits nach wenigen Sekunden riss.

Das größere Stück, 2,60 Meter, hielt der Iraker in seiner Hand. Den Rest hatte Moshammer. Beide Männer, so schilderte es der Iraker, schlugen nun aufeinander ein, bis Ali Herisch seinen Teil des Kabels von hinten rechts um den Hals seines Gegners schlang und zuzog: "Da habe ich ihn gedrosselt." Sehr schnell muss das alles gegangen sein. Moshammer hatte keine Chance, nach der Gaspistole zu greifen, die er unter einem Sofakissen versteckt hatte und die einer echten Waffe täuschend ähnlich war.

Am Ende lag er

leblos auf dem Rücken, oben im Flur neben der Treppe "durch Gewalteinwirkung gegen den Hals im Sinne des Drosselns auf nicht natürliche Weise verstorben", wie die Rechtsmediziner bei der Obduktion des Toten feststellten. An seiner Seite kniete Ali Herisch, der hektisch die Taschen seines Opfers nach dem Schlüssel durchsuchte. Er lief, nachdem er ihn gefunden hatte, aus dem Haus, ohne die Tür hinter sich zu schließen. Den Schlüssel warf er ein paar Häuser weiter in die Büsche. Dort fand ihn die Polizei nach drei Tagen.

Als Rudolph Moshammer starb, war er 64 Jahre alt, 1,76 Meter groß und 119 Kilo schwer. Ein Mann, der Angst davor hatte, in der Badewanne zu liegen, wenn niemand erreichbar war, weil er fürchtete, zu schwer und zu unbeholfen zu sein, um sich aus eigener Kraft wieder aus dem Wasser wuchten zu können. Ob dieser Mann wirklich behände genug war, den Angriffen des jungen Irakers auszuweichen, sie eine Zeit lang zu parieren und selbst zurückzuschlagen, das ist für die Ermittler sehr fraglich.

Vor allem aber war Moshammer

ein pedantischer Mensch. Undenkbar für die Ermittler, dass da ein fast fünf Meter langes Verlängerungskabel in der katzengoldenen Wohnung herumliegen konnte. Die Haushälterin hat das bei ihrer Vernehmung auch denkbar resolut ausgeschlossen. Woraus die Staatsanwaltschaft folgerte, dass Mosis Mörder möglicherweise heimlich die Schubladen durchstöbert und dabei das Kabel an sich genommen haben könnte.

Mysteriös ist auch der Verbleib der goldenen Geldklammer in Form eines großen "M", ohne die Mosi nie das Haus verließ und der er erst ein paar Stunden zuvor, beim Italiener, einen 100-Euro-Schein entnommen hatte. Aber den Schmuck, den Moshammer trug, und das Geld, das in einer Kommode lag, ließ der Mörder zurück. Auch die schwarze American-Express-Karte des Opfers. Man fand sie später in der Toilette - ohne verwertbare Spuren.

Für die beiden Münchner Anwälte Jürgen Langer und Adam Ahmed, die Herisch vertreten, geht es nun darum, die Mordanklage zu erschüttern. Über ihre Chancen wollen sie sich nicht äußern. Sicher ist: Das Kabel war tatsächlich gerissen, wofür ein Kraftaufwand von etwa 90 Kilo notwendig war. Am linken Ober- und rechten Unterarm von Herisch fanden sich braunrote Verfärbungen, die möglicherweise Spuren eines Kampfes mit Moshammer sind. Vielleicht aber auch nur die Folgen der robusten Festnahme durch ein Spezialeinsatzkommando der Polizei am 15. Januar um 22.10 Uhr, noch nicht einmal zwei Tage nach der Tat.

Als Magdalena, die Tänzerin aus der Bermuda-Bar und Freundin von Ali Herisch, in den Morgenstunden des 14. Januar nach Hause kam, lag Ali ruhig schlafend im gemeinsamen Bett. Nichts habe sie ihm angemerkt. Er sei ein zärtlicher Mann, der nur dann aggressiv werde, wenn er zu viel getrunken habe. Aber selbst dann hätte er sie niemals geschlagen. Sie habe auch nicht bemerkt, dass er Kontakte zu Männern hatte, obwohl die Leute in ihrer Umgebung immer wieder darüber sprachen. Glücklich sei er allerdings nicht gewesen. Er habe oft geweint, gesagt: "Das Leben ist schwer. Mein Kopf ist müde."

Ali Abdullah Herisch war am 21. April 2001 illegal nach Deutschland eingereist. Sein Antrag auf Asyl hatte keine Chance. Aber als Iraker wurde er nicht abgeschoben. Warum er aus dem Irak floh, ist ungewiss. Angeblich war er mit 14 Jahren Freiheitskämpfer geworden, nachdem irakische Milizen vor seinen Augen seinen Vater massakriert hatten. Zwei irakische Geheimdienstler habe er selbst erschossen, ein Polizeifahrzeug mit einer Handgranate gesprengt.

Von all dem ist in seiner Begründung für den Antrag auf Asyl nicht die Rede; da beruft er sich lediglich darauf, "verfolgte Minderheit" zu sein. Über Hamm, Salzgitter und Augsburg war er nach München gekommen. Dort hatte er am Bahnhof ein Mädchen kennen gelernt, Nina - ohne die der Fall Moshammer nicht so schnell aufgeklärt worden wäre.

Bei ihrem ersten Treffen im November 2001 war Nina 16 Jahre alt gewesen. Er war ein bisschen schüchtern, der Ali. Aber das legte sich schnell. Beim zweiten Treffen schon machte er ihr einen Heiratsantrag. Ninas Mutter versuchte zu bremsen, das "Kind" gehe ja schließlich noch in die Schule. Aber das tat der Liebe keinen Abbruch. Und irgendwie war der junge Mann ja auch sehr nett. Zum ersten Treffen mit den Eltern der Freundin hatte er einen Rosenstrauß für die Mutter mitgebracht, dem Vater küsste er die Hand und bat ihn um die der Tochter.

Er bekam sie nicht. Nach der Schule vielleicht, vertröstete ihn der Vater, in etwa zwei Jahren. Wenig später war Nina schwanger, und das große Glück, von dem die 16-Jährige geträumt hatte, zerbrach, bevor es richtig begonnen hatte.

Er habe sie vergewaltigt,

erzählte Nina zunächst ihrer Mutter. Aber vor der Polizei zog sie diesen Vorwurf wieder zurück, sprach davon, dass Ali sie zwar gewürgt und gegen ihren Willen ausgezogen habe, aber dann sei er doch nett und zärtlich gewesen, habe sie geküsst, und sie habe gedacht, dass er sie doch liebe, so wie sie ihn liebt, und deshalb habe sie schließlich zugestimmt.

Er sei allerdings oft gewalttätig gewesen, und hinterher habe er immer geweint. Als sie im 7. Monat schwanger war, da habe er sich nach Griechenland absetzen wollen. Freunde von ihm hätten sie davor gewarnt, auf den Bahnhof zu gehen. Denn Ali, so behaupteten sie, hätte 500 Euro geboten, falls einer sie auf der Rolltreppe herunterstieße, damit sie ihr ungeborenes Kind verlöre. Für eine Anklage reichte das alles nicht. Eine DNA-Probe allerdings, die Ali mehr oder weniger freiwillig bei der Polizei hinterlassen hatte, kam in das Archiv.

Am Morgen des 14. Januar, um 8.50 Uhr, es nieselte leicht, fuhr Andreas Kaplan in Moshammers Zweit-Rolls-Royce vor dem Reihenhaus vor. Er wunderte sich nicht darüber, dass der Erstwagen vorwärts in der Toreinfahrt stand; Moshammer konnte nicht rückwärts einparken und hatte erst Tage zuvor seinen Rolls angekratzt. An der Parkposition des Autos erkannte Kaplan, dass Moshammer in der Nacht mal wieder auf Spritztour gewesen war.

Auch dass die Haustür offen stand, war nicht ungewöhnlich. Kaplan, obwohl engster Vertrauter von Rudolph Moshammer, hatte keinen Schlüssel zum Haus, und Moshammer hatte es sich angewöhnt, morgens, wenn er nach unten in die Küche ging, für Kaplan schon mal die Tür zu öffnen. "Hallo, Hallo", rief der. Doch Mosi antwortete nicht.

Kaplan dachte sich nichts dabei. Er ging in den Keller, um seine grüne Schürze zu holen und den Staubsauger, ging nach oben, rief wieder "Hallo". Und hatte plötzlich ein mulmiges Gefühl. Daisy bellte, wie er sie nie zuvor gehört hatte, "so dumpf". Das Licht im ersten Stock brannte. Als der Chauffeur nach oben kam, sah er Moshammer am Boden liegen, inmitten der Blumen des Teppichmusters. Kaplan rüttelte ihn, rief: "Aufwachen! Aufwachen!", fühlte, dass sein Chef bereits starr war.

In diesem Augenblick

kam Arnulf Borchers, Moshammers Hausarzt. Der wollte ihm, wie dreimal wöchentlich, eine Aufbauspritze geben. Jetzt musste er den Tod seines langjährigen Patienten feststellen. Im Vorbeigehen sah er das Cover der Pornokassette auf der Ablage im Flur, die Mosi nachts mit seinem Mörder gesehen hatte. Es war ein Hetero-Porno. "Was", so Borchers zum stern, "eigentlich nicht seine Richtung war. Ich habe mich darüber gewundert."

Schließlich traf auch Erna, die Haushälterin, ein. Zu dritt standen sie nun beieinander, was Rudolph Moshammer nie geduldet hätte. Er argwöhnte immer, man würde über ihn klatschen, wenn zwei Angestellte miteinander sprachen, und bestellte sie deswegen immer zu verschiedenen Zeiten. Polizeibeamte brachten den Chauffeur und die Haushälterin zur Vernehmung. Sie durften nicht mehr miteinander reden, um ihre Erinnerungen nicht zu vermischen.

Am Samstag gegen 16 Uhr entdeckten die Kripo-Beamten am Tatwerkzeug, dem Elektrokabel, eine brauchbare DNA-Spur. Sie war identisch mit der DNA-Spur, die im Polizeiarchiv seit knapp vier Jahren lag. Der Fall war gelöst.

Nina hat inzwischen einen neuen Freund, der ihre Tochter adoptieren will. Aus Mosis Boutique wird demnächst ein weiterer Luxusladen in der Münchner Maximilianstraße - diesmal für Schweizer Uhren. Das Erbe ist verteilt. Münchens Obdachlose bekamen den Erlös der drei Rolls-Royce des Toten, des Schmucks und eines Hemdes, das angeblich Napoleon einst trug (insgesamt 450 000 Euro). Chauffeur Andreas Kaplan erbte Daisy, eine Eigentumswohnung im Nobelvorort Harlaching und 1500 Euro monatlich aus der Erbmasse. Mosi hat, wie es bodenständig heißt, "sei Sach bestellt". Was bleibt, ist, so die Münchner Staatsanwaltschaft, "ein ganz normaler Mordprozess".

Selbst die in derlei Verfahren obligatorische Seelenfreundin für den Angeklagten hat sich bereits gefunden. Aus den Schweizer Bergen meldete sich eine Frau. Die hatte in der Zeitung ein Foto von Herisch gesehen, einen guten Kern in ihm erkannt und wollte nun von den Justizbehörden wissen, ob sie ihm schreiben darf.

Sie darf.

Rupp Doinet und Martin Knobbe / print