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Youporn One Night in Lieschen Müller


Für Paris Hilton war es Karriere-Viagra, als ihr ehemaliger Freund das berüchtigte Heim-Sexvideo "1 Night in Paris" ins Netz stellte und verkaufte. Wenn Lieschen Müller von ihrem Ex gefilmt und später auf Youporn ausgestellt wird, hat das ganz andere Folgen.
Von Johannes Gernert

Im San Fernando Valley in Kalifornien, im Pornotal der USA, werden immer noch Filme gemacht. Das ist fast ein wenig seltsam, denn die Konkurrenz produziert fleißig - und das gratis. Sie dreht ihre Videos in Mietwohnungen in Austin, Texas oder auch in der Umkleidekabine in Oldenburg. Rund 2300 meist junge Menschen von Portland bis Paris lassen täglich beim Sex die Kamera laufen, vermutet Thorsten Gems, der diese Filme zu seinem Job gemacht hat. Seine Firma Procomb hat vor einem Jahr eine Umfrage in Auftrag gegeben. Demnach landen 20 bis 25 Prozent der Privataufnahmen im Netz, auf Clip-Portalen wie Youporn, wo sie dann neben Produktionen aus dem San Fernando Valley stehen.

Dabei gibt es einen entscheidenden Unterschied: Die Frauen aus "Extreme Asses" oder "Big Natural 6" wissen beim Dreh, dass ihnen später jemand beim Sex zusehen wird. Es ist ihr Job. Lieschen Müller aus "Wie ich meine Freundin ficke" weiß es vielleicht nicht. Möglicherweise hat sie die kleine Kamera auf dem Nachttisch gar nicht bemerkt. Dann wird die Sache schnell zum Job von Thorsten Gems.

170.000 Dateien pro Tag

Der Mittdreißiger durchkämmt für seine Kunden, mehr Frauen als Männer, das Netz. Sie befürchten, dass Bilder oder Videos von ihnen auf irgendwelchen Pornoportalen gelandet sind. Gems braucht nur ein Foto - gerader Blick in die Kamera, keine Haare im Gesicht. Dann wirft er seine Maschinen an. Für 139 Dollar und nach 150 Tagen hat er ein Ergebnis. In den USA durchforsten die Rechner von Gems Firma mit Vorlage der biometrischen Daten rund 25 Millionen Fotos und Clips. Es ist ein spezielles Verfahren, das sie selbst entwickelt haben. Sehr geheim alles. Sie sind die einzigen, die das so machen.

Das kleine Unternehmen mit Sitz in Dortmund und Ft. Myers in Florida und seinen neun Mitarbeitern lädt jeden Tag rund 170.000 Dateien von Tauschplattformen, Galerien und Clip-Portalen herunter und speichert sie auf einer der riesigen Festplatten. Es ist wahrscheinlich die größte digitale Pornosammlung der Welt. Ein Abwehrarsenal, dient es doch dazu festzustellen, ob irgendwo da draußen private Bilder von Lieschen Müller unterwegs sind - und sie zu löschen, wenn das tatsächlich so ist.

Der "Paris Hilton"-Effekt

Der wohl berühmteste Privatporno im Netz zeigt Paris Hilton beim Sex mit Ex-Freund Rick Salomon. Der nannte es "1 Night in Paris" und landete einen Verkaufshit. Hilton hat anfangs auch gegen die Verbreitung des Videos im Netz gekämpft, doch dann begriff sie es als Chance: Der erotische Auftritt hat die exhibitionistische Hotelerbin noch ein bisschen berühmter und so noch ein bisschen reicher gemacht.

"Sex-Tapes" sind für Promis oder solche, die es werden wollen, mittlerweile ein Marketing-Tool. Kursierte nicht auch eines von der Ex-"Topmodel"-Ausscheiderin Gina-Lisa Lohfink im Netz, die zu dem Zeitpunkt ungefähr noch so bekannt war wie Zlatko aus der ersten "Big Brother"-Staffel? Eigentlich nicht, hat Lohfink später mal einer Promi-Bloggerin erzählt. Es kreiste zunächst angeblich höchstens im "Bild"-Intranet. Aber die "Bild"-Zeitung hat trotzdem darüber geschrieben und danach alle anderen. Plötzlich war Lohfink wieder ein bisschen wer. Mittlerweile steht das Video auf einem Privat-Pornoportal. Kostenpflichtig.

Frage der Technik

Die "Sex Tape"-Tradition fing nicht erst mit Hilton an. Ende der 90er gab es bereits ein sehr explizites Video mit Pamela Anderson und ihrem Schlagzeuger-Mann Tommy Lee zu sehen. Wahrscheinlich sind Videokameras, seitdem es sie gibt, nicht nur auf Familienfeiern, sondern auch im Schlafzimmer im Einsatz. Schon vor mehr als zehn Jahren hat der schottische Film "Trainspotting" davon erzählt, wie so ein Filmchen versehentlich von ein paar mehr Leuten als den Darstellern angeschaut wird.

Damals brauchte man allerdings noch Videobänder. Das Überspielen hat gedauert. Heute geht es wesentlich einfacher und schneller. Und je einfacher und schneller das geht, desto mehr Leute tun es auch. Einfach weil es möglich ist. Je mehr es tun, desto mehr davon gelangt ins Netz. Und je mehr Surfer es sehen, desto mehr denken, dass ja eigentlich nichts dabei ist. Und je mehr das denken, desto mehr tun es dann auch selbst. Und immer so weiter.

Zivilisation bedeutet Intimität, sagen Soziologen, Rückzug. Nähern wir uns also dem Ende der Zivilisation, wenn immer mehr Leute sich zuhause ausziehen, um ihre Genitalien in die Kamera zu halten? Aber es ziehen sich auch nicht alle aus. Die wenig Gebildeten seien es vor allem, stellt Gems fest. "Je intellektueller, desto weniger ist das verbreitet", so der Porno-Detektiv.

Rache an der Ex

Meist, sagt Gems, spiele - fast wie bei Hilton - der Ex-Freund eine entscheidende Rolle. Rick Salomon hatte seinen "Film" damals an die Pornofirma Red Light verkauft. Lieschens Freund lädt es heute bei Youporn hoch. "Meine Rache an mein Ex Freundin" heißt es dann etwa, und zu sehen ist eine Frau, die sich nackt auf der Couch hinterm Wohnzimmer-Glastischchen räkelt. "Die Beweggründe sind da sehr destruktiv", so Gems weiter. Der rachsüchtige Ex-Lover muss für die Rufschädigung nicht mehr tun, als die Datei auf eines der großen Portale zu stellen. Von Youporn geht es dann schnell zur Konkurrenz von Redtube oder Pornhost, landet bei Poppen.de und in Tauschbörsen, harmlosere Bilder auch zu Myspace oder Studivz.

Hat Gems verfängliche Bilder seiner Auftraggeber gefunden, schreibt er die Portalbetreiber an und bittet sie, die Aufnahmen zu löschen. Manche, Youporn etwa, machten das recht schnell. Andere reagierten überhaupt nicht. Er vermute, dass es oft Ein-Mann-Unternehmen seien, die ihre Rechner zuhause im Wohnzimmer stehen haben. Von denen gebe es hunderte, wenn nicht tausende, die dafür sorgen, dass sich Privat-Clips wie Spam verbreiten.

Die wenigsten wissen, wie schnell das gehen kann. Da reicht es schon, beim Chat vor der Webcam kurz die Brust zu zeigen - zuhause vor dem Computer, wo alles so vertraut und privat ist. Der Typ am anderen Ende der Datenleitung braucht die Szene bloß mitzuschneiden, das ist nicht schwierig. Ein Mausklick und dieser Moment bleibt für die Ewigkeit. Besonders Jugendliche sind vertrauensselig. Mädchen filmen sich selbst im Spiegel und präsentieren sich so auf Myspace. Mal sind sie dabei angezogen, mal tragen sie nur einen BH, manchmal weniger. Ihre Freunde lassen beim Sex das Handy oder die Kamera mitlaufen. Es fühlt sich an wie ein aufregender Spaß.

Porno verkehrt

Amateure spielen Porno und Pornodarsteller spielen Amateure, damit irgendetwas in dieser künstlichen Welt der getunten Brüste vielleicht doch echt wirkt. Am Ende sind sich die Filmchen in ihrer Grobkörnigkeit sehr ähnlich - ob nun bezahlte Profis und Gratis-Amateure. Die Frauen haben Sperma im Gesicht und grinsen schief.

Für die Amateure kann das allerdings existenzielle Probleme mit sich bringen. Das sind nämlich keine guten Bewerbungsbilder. Er kenne eine Lehrerin, die sich einen neuen Job suchen musste, weil zu viel altes Material in den Tiefen des Cyberspace unterwegs war, berichtet Gems. Das habe sie erpressbar gemacht. Er vermutet, dass es durchaus Arbeitgeber gebe, die Procomb auch mal Fotos aus Bewerbungsmappen schicken. Die Biometrie macht es möglich. Er lasse nur nach öffentlichem Material suchen, so der Procomb-Chef. Dinge, die früher oder später sowieso jemand finden könnte. Wer selbst so gründlich forschen wollte wie seine Computer, würde vierzig Jahre brauchen. Ein halbes Leben.

Angst am Strand

Die Leute, die Procomb beauftragen, sind meist zwischen 20 und 35 Jahre alt. In der Regel seien es Frauen, so Gems. Manche begründen es so: "Ich habe jetzt ein Kind gekriegt, das kommt in drei Jahren in den Kindergarten. Ich möchte nicht, dass später jemand sagt: 'Ich hab' deine Mutter nackt im Netz gesehen'."

Immerhin: Neben den ganzen Arglosen nehme die Zahl der Sorgenvollen langsam zu, beobachtet der Firmengründer. Und damit auch die Zahl seiner Kunden. Es sei ein Wachstumsmarkt. Immer mehr Leute seien sich bewusst, was es bedeutet, wenn jeder im Handy eine Kamera mit sich herumträgt. "Manche haben mittlerweile Angst, beim Bräunen am Strand mal ein bisschen die Beine zu spreizen." Es könnte ja jemand draufhalten. Das Risiko sei seiner Ansicht nach aber gering. Noch.


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