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Tom Hanks: "Egon Krenz hatte keine Ahnung, wer ich bin"

Er sieht so was von normal aus. Und ist wohl gerade deshalb Hollywoods Nummer eins. Tom Hanks über seinen neuen Film, der jetzt anläuft, über fiese Grenzkontrollen, Witze im Knast und ein sehr merkwürdiges Treffen.

Von Dirk van Versendaal

Mister Hanks, was haben Sie 1988 gemacht?

Das ist lange her. Ich habe geheiratet. Ich bezog das Haus, in dem ich noch heute wohne. Mehr fällt mir nicht ein.

Seit damals lebt der Iraner Merhan Karimi Nasseri auf dem Pariser Flughafen Charles De Gaulle. Der Mann, auf dessen Geschichte Ihr neuer Film "Terminal" beruht.

Er muss ein seltsamer Mensch sein. Längst könnte er überall leben, ich glaube, die UN haben ihm einen Flüchtlingsausweis gegeben. Aber er will dort bleiben, auf seiner Sitzbank in Terminal 1, Untergeschoss. Ich habe ihn nie getroffen, aber sollte ich jemals in Paris landen, werde ich mich bei ihm vorstellen.

Wann sind Sie zuletzt mit einer Linienmaschine geflogen?

1998. Von New York nach London. Seitdem reise ich in Privatmaschinen - was ein großartiger Luxus ist.

Erinnern Sie sich noch, wie es sich anfühlt, auf einen Flug zu warten?

Vage. Deshalb habe ich vor Drehbeginn auch Feldstudien in der exotischen Welt der Flughäfen betreiben müssen. Ich habe mich im Transitbereich von Los Angeles umgesehen und war dort, wo die enden, bei denen alles schief gegangen ist. Sie hören Walkman und lesen ihr Buch zum achten Mal, sie essen ein Flughafen-Sandwich nach dem anderen und sehen verzweifelt aus. Das alles tun sie auf 100 Quadratmetern! Einige Leute harrten dort schon seit sieben Tagen aus.

Was konnten die Ihnen über die Qualen des Wartens erzählen?

Ich durfte nicht mit ihnen reden. Die Beamten der Einwanderungsbehörde, die übrigens mitfühlender sind, als im Film gezeigt, haben mir aber ein Buch voller Polaroidfotos gezeigt. Da sind alle abgebildet, die mal Drogen eingeschmuggelt haben. Es ist die traurigste Sammlung von Gesichtern, die ich je gesehen habe.

Egal, woher man kommt: Wer neuerdings in den USA landet, ist heilfroh, wenn er es durch die Passkontrolle geschafft hat.

Sie meinen: Wer kommt, muss jederzeit die Hand fürchten, die sich einem auf die Schulter legt? Ja, seit das Homeland Security Department die Aufsicht hat, ist jeder verdächtig. Amerika ist nicht mehr das Land, das Menschen aus aller Welt mit offenen Armen aufnehmen kann.

Waren Sie schon mal einem Verhör an der Grenze ausgesetzt?

Als ich 27 und noch nicht berühmt war, hielt man mich bei der Ausreise in einem kleinen, fernen Land fest, das ich jetzt nicht nennen werde. Man befragte mich, bis mir der Angstschweiß floss. Noch heute finde ich es bedrohlich, in einem fremden Land zu sein, wenn ich die Sprache nicht verstehe. Und ließe man mich plötzlich allein in Berlin, ich wüsste nicht einmal eine Telefonzelle zu bedienen.

In "Terminal" spielen Sie Viktor Navorski aus dem fiktiven Land Krakozhia. Wo haben Sie Ihr Balkan-Russisch erlernt?

Die Familie meiner Frau ist griechisch, mein Schwiegervater ist Bulgare, da bleibt mit den Jahren etwas hängen. Er hat mich auch beim Aussehen beraten: Meine Frisur ist kastenförmig, der Anzug sitzt schlecht, sein Stoff ist zu dick. Bei den Schuhen habe ich auf echten kommunistischen Tretern bestanden: Sie sind formlos, klumpig.

Brauchen Sie, wie etliche Ihrer Kollegen in Hollywood, einen eigenen Stilberater?

Das wäre reine Zeitverschwendung. Nur bei den Oscar-Verleihungen verlasse ich mich auf einen Stylisten.

Wenn Clooney seine Hotelzimmer betritt, dann türmen sich auf seinem Bett schon die Anzüge und Schuhe der Modedesigner.

Solche Geschenke bekomme ich bei Festivals auch. Jede Menge Zeugs. Das meiste gebe ich weg. Ich bin jemand, der einmal im Jahr losgeht und dann sechs Anzüge mit Hemden kauft. Ich habe keine Zeit für die Mode. Ich bin ein Mann der Familie.

Sind Sie eher bei Frauen beliebt oder bei Männern?

Die Marketingleute Hollywoods würden sich ein Stück Fleisch herausschneiden, um solche Fragen beantworten zu können. Filme lassen sich mit wissenschaftlichen Methoden nicht fassen. Die Zuschauer wissen nicht, was sie im Kino sehen wollen; das wissen sie erst hinterher.

Werden wir Sie jemals nackt auf der Leinwand sehen?

In einem Horrorfilm vielleicht. Den "full frontal nude" werde ich Ihnen in diesem Leben nicht mehr liefern. Und meinen Hintern werde ich auch im nächsten nicht nackt präsentieren. Urghh!

Warum spielen Sie nicht mal einen richtig miesen Typen?

Einen eindimensionalen James-Bond-Schurken werde ich nie spielen. Gut gegen Böse - solche Filme gucke ich mir nicht mal im Kino an. Charaktere aber, die innere Kämpfe austragen, faszinieren mich. Figuren, die gute Gründe haben dafür, dass sie diabolisch sind.

Stellen Sie sich vor, in 20 Jahren würde der Film "George W. Bush und der Irak-Krieg" gedreht. Werden Sie die Rolle des Präsidenten spielen?

Na klar. Solange das Drehbuch realistisch ist.

Nach dem Wahlsieg Bushs vor vier Jahren sagten Sie: "Wir sind ein großes, starkes Land. Es wird schon alles gut werden...

...und ich hoffe, er macht seinen Job so gut, dass ich für seine Wiederwahl werde stimmen können." Das waren naivere Zeiten. Ich stimme nicht für seine Wiederwahl.

Noch nie gab es so viele bekennende Stars, die aktiv den demokratischen Kandidaten unterstützen. Warum Sie nicht?

Ich mache kein Geheimnis daraus, dass ich John Kerry wähle. Aber 1972 habe ich Sonny Bono einmal auf dem Parteitag der Republikaner erlebt. Was turnt dieser Popsänger da herum?, fragte ich mich. Später stellte sich heraus, dass er eigene politische Ambitionen hatte. Mit Schauspielern ist es dasselbe: Sie sollten sich nicht in die Politik einmischen.

Während der Ära Bill Clintons haben Sie regelmäßig im Weißen Haus übernachtet.

Das war damals nichts Aufsehenerregendes, dort waren immer massenhaft Leute zu Besuch. Die Leute traten sich gegenseitig auf die Füße, in jedem Schlafzimmer saßen sie auf den Betten.

Mit dem ehemaligen SED-Vorsitzenden Egon Krenz haben Sie auch schon Bekanntschaft geschlossen.

Weil ich einen Film über den amerikanischen Country-Sänger Dean Reed drehen will. Der "Rote Elvis" emigrierte in die DDR, wurde ein Star und starb 1986 unter ungeklärten Umständen. Eine faszinierende Geschichte. Und noch immer gibt es Millionen unbeantworteter Fragen.

Hat Krenz ein paar davon beantworten können?

Nicht wirklich. Und er hatte keine Ahnung, wer wir waren. Er stand damals unter Hausarrest, war Freigänger und traf uns in seinem Berliner Lieblingsrestaurant. Wir aßen an seinem Stammtisch. Das war eine surreale Begegnung.

Sie bezeichnen sich als einen "Jefferson-Anarchisten". Was ist das?

Ich bin kein Anarchist, wenn Sie das meinen. Ich glaube daran, dass Gesetze und Eigentum respektiert werden müssen. Thomas Jefferson, dritter Präsident der USA, war überzeugt davon, dass Regierungen bescheiden auftreten sollten: Straßen bauen, Strom legen und dann die Leute in Ruhe lassen. Er setzte auf Eigenverantwortung. Noch mal in Kurzversion: Ich bin ein Bauer, der vom Leben eigentlich nicht mehr verlangt, als dass man ihn sein eigenes Gemüse anpflanzen lässt. Mein Gott, die Schüler Jeffersons würden mich für so ein Geschwafel zerreißen.

"Macht ist das wirksamste Aphrodisiakum" hat Henry Kissinger behauptet. Zu Recht?

Bei ihm hat es vielleicht funktioniert. Ich setze da mehr auf Humor.

War es Ihre Idee, in "Terminal" gegen eine Schaufensterscheibe zu laufen?

Ja. So doofe Witze plant man nicht, die können bloß aus der Situation kommen.

Steven Spielberg hat sich über die Filmschauspieler im Allgemeinen beklagt: Sie würden schrecklich verwöhnt, sie alle hätten Masseure, persönliche Fitnesstrainer, riesige Wohnwagen am Set.

Was viel problematischer ist: In den USA gibt es weniger und weniger Theater. Viele junge Schauspieler haben ihren Beruf also in Werbespots gelernt, ohne je einen Fuß auf Bühnenbretter gesetzt zu haben. Ich gehöre zur letzten Generation von Schauspielern, die jederzeit am Theater arbeiten könnten.

In all Ihren Rollen kämpfen Sie ein und den- selben Kampf: Das Schicksal schleudert Sie aus der Bahn, in die Fremde, ins All, auf einsame Inseln, und am Ende wollen Sie nur das Eine: wieder nach Hause! Ist das eine Zwangsvorstellung?

Meine Mutter hat viermal geheiratet, mein Vater dreimal; als ich zehn Jahre alt war, hatte ich zehn Umzüge hinter mir. Warum das so war, haben meine Eltern mir nie erklärt. Ich hatte es also lange Zeit schwer, mich irgendwo zu Hause zu fühlen. Im Übrigen: Diesen Kampf kämpft jeder. Alle großen Geschichten handeln von Einsamkeit. Hamlet ist ein einsamer Mann, Othello auch. Und deshalb schauspielere ich auch - um mich nicht einsam zu fühlen. Einsamkeit macht krank.

Auch Ihr Freund Steven Spielberg hat sich immer und immer wieder mit ihr beschäftigt. Hat er Sie damals nicht gefragt, ob Sie E.T. spielen wollen - die einsamste aller einsamen Kreaturen?

Wenn wir uns damals schon gekannt hätten - er hätte es getan. Damals fühlte er sich selbst wie E.T. Zum Glück verschwindet mit dem Alter das Gefühl, entwurzelt und fremd zu sein. Wenn man es bis 40 nicht abgeschüttelt hat, ist man ruiniert. Ich werde in zwei Jahren 50 und habe vier Kinder. Spielberg hat sechs. Denen müssen wir helfen, dass es ihnen gut geht. Für Selbstmitleid bleibt da keine Zeit.

Glauben Sie an das Happy End als Prinzip?

Im Kino glaube ich an das glaubwürdige Ende. Jeder Film kann nur ein einziges echtes Ende haben, die Geschichte seiner Charaktere führt nur auf einen einzigen Punkt hin. Im Leben ist es so: Wir geben unser Bestes, manchmal schaffen wir es, manchmal scheitern wir.

Als man Picasso fragte, was er täte, wenn er lebenslänglich eingesperrt wäre, antwortete er: "Ich würde mit meiner Scheiße malen." Wie würden Sie überleben?

Ich würde schauspielern. Ich wäre der lustigste Schauspieler im ganzen Gefängnis.

Nein, Sie säßen in einer Einzelzelle.

Dann würde ich mich vor lauter Lachen selbst zum Platzen bringen.

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