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Was macht eigentlich...: Heinrich Kwiatkowski

Der Torwart von Borussia Dortmund stand während der Fussball-WM 1954 nur einmal für Deutschland zwischen den Pfosten - beim 3 : 8 in der Vorrunde gegen Ungarn.

Der Torwart von Borussia Dortmund stand während der Fussball-WM 1954 nur einmal für Deutschland zwischen den Pfosten - beim 3 : 8 in der Vorrunde gegen Ungarn.

Zur Person:

Heinrich Kwiatkowski, 77, wohnt mit seiner Frau Katharina in einem Dortmunder Mietshaus. Das Paar hat eine 50-jährige Tochter und zwei erwachsene Enkel. Der gebürtige Gelsenkirchener spielte bei Schalke 04, Rot-Weiß Essen und anschließend zwölf Jahre bei Borussia Dortmund, bis er seine Karriere 1964 beendete. 1954 und 58 zählte er zum WM-Aufgebot der deutschen Nationalmannschaft. 35 Jahre lang arbeitete er als Druckplattenhersteller und ging 1989 in Ruhestand.

Sie haben bei der WM 1954 in einem Spiel mehr Tore kassiert als Toni Turek während des ganzen Turniers. Verfolgt Sie diese Niederlage bis heute?

Ich bin seit drei Monaten darüber hinweg. Nein, das war ein Witz. Ich hatte das Thema schnell abgehakt. Nach der WM musste ich bei Borussia Dortmund wieder meine Leistung bringen, und das wäre nicht gegangen, wenn ich diesem einen Spiel nachgetrauert hätte. Aber noch heute höre ich oft die Frage: "Sag mal, wie war das mit den acht Toren?"

Es war das Vorrundenspiel gegen Ungarn in Basel, und 25 000 deutsche Fans pfiffen, weil Sepp Herberger die zweite Mannschaft auflaufen ließ...

...o ja, die Fans waren sauer! Aber wir hatten das erste Spiel gegen die Türken mit 4 : 1 gewonnen. Ungarn war damals die beste Mannschaft der Welt, und im Fall einer Niederlage bestand die Möglichkeit, dass wir uns in einem Entscheidungsspiel - wieder gegen die Türken - für die nächste Runde qualifizieren. Und so schickte Seppl vor allem die Auswechselspieler auf den Platz.

Er hat das Spiel bewusst verschenkt?

Na, verschenkt würde ich nicht sagen - oder glauben Sie, ich hätte mir freiwillig acht Dinger reinhauen lassen?

Hatten Sie einen schlechten Tag?

Herbergers Taktik war: Lasst die Ungarn kommen, riegelt den 16-Meter-Raum ab, zwingt sie da zum Schießen. Aber die spielten uns in der Abwehr aus, standen frei vor mir und suchten sich die Ecke aus. Der Trainer nahm mich später beiseite und sagte: "Heinz, Sie sind jetzt nervlich etwas angekratzt, ich kann Sie in den nächsten Spielen nicht bringen." Und der Stammtorwart war eben Toni Turek.

Wie war Ihr Verhältnis zu ihm?

Es war eher lose. Ich hatte vor der WM in Gelsenkirchen gegen England ein sehr gutes Spiel gemacht. Meine Frau saß damals in der Nähe von Toni. Sie sagte, sein Gesicht sei immer länger geworden.

Jeder deutsche Fußballfan kennt die Elf von 1954. Zählen Sie sich auch zu den Helden, oder sind Sie der Dussel?

Dussel? Nein. Das war ein Kader von 22 Spielern, die dazu auserwählt waren, um die WM zu spielen - und da haben alle das Recht, sich Weltmeister zu schimpfen. Und vielleicht waren die acht Tore auch gut fürs Endspiel: Die Ungarn haben unseren Haufen unterschätzt, die dachten wohl, im zweiten Spiel ginge das so weiter.

Waren Sie wirklich so eine verschworene Truppe?

Nach der WM war der Geist von Spiez weg. Wir gingen alle zurück in unsere Vereine und riefen uns auch nicht ständig an. Aber wir waren gute Kameraden. Da hat niemand gestänkert - und was der Trainer sagte, war Evangelium. Man hat höchstens mal gefragt: "Herr Herberger, wie wär's mit einem Glas Bier?" Und nach einem gewonnenen Spiel gab's dann auch eins.

Stimmt's, dass Helmut Rahn nachts ausgebüxt ist, um noch ein zweites zu trinken?

Er hat gern mal getrunken, aber dass er dauernd gesoffen hätte? Nein. Helmut war sehr eigen. Er konnte Spiele entscheiden, bildete sich aber nichts darauf ein. Er hatte immer ein großes Wort, war aber nie vorlaut. Er teilte das Zimmer mit Fritz Walter, war immer früh wach, und wenn Fritz noch schlief, schrie er aus dem Fenster: "Leute, kauft schnittfeste Tomaten, die schönsten Tomaten zum Schleuderpreis!"

Nun kommt "Das Wunder von Bern" in die Kinos. Sind Sie zur Premiere geladen?

Ich soll dabei sein. Man ist gefragt wie ein bunter Hund, wenn es um die WM 54 geht. Ich kriege Einladungen, aber wenn es meiner Frau nicht so gut geht, sage ich ab. Sie hatte zwei Schlaganfälle, und da versorge ich sie. Ich kaufe ein, koche, halte die Wohnung sauber. Aber jetzt habe ich Gott sei Dank eine Putzfrau gekriegt. Interview: Ulrike von Bülow