VG-Wort Pixel

Freizeit Quentin Tarantino: »Ich bin viel ruhiger geworden«

Porträt des US-Regisseurs Quentin Tarantino. Mit NEON spricht er über die Rolle der Gewalt in seinen Film.
Was bedeutet Gewalt für Horror-Regisseur Quentin Tarantino?
© Amanda Demme/Art Partner
Regisseur Quentin Tarantino erklärt, warum wir über Splatterszenen lachen und wie er nach dem Geballer am Set wieder runterkommt (nicht ganz legal).

Ein Gespräch mit Quentin Tarantino über Gewalt, gemeine Ratten und den Kampf gegen Rassismus

Foto: Amanda Demme | Art Partner

Über welche Ihrer Gewaltszenen lachen Sie noch heute?
Einer meiner besten Gags ist definitiv Marvins Kopf, der in »Pulp Fiction« plötzlich auf dem Autorücksitz explodiert.

Klassiker.
Steht bei mir in einer Reihe mit Komikern wie Buster Keaton und Jacques Tati.

Was ist denn so witzig an Gewalt? Um sich gegen Kritiker zu verteidigen, haben Sie mal gesagt: »Ich verherrliche Gewalt nicht, ich bringe damit Leute zum Lachen.«
Eine der größten Errungenschaften meiner 22 Jahre langen Karriere ist, dass die Leute in meinen Filmen über kranken Scheiß lachen. Das ist nicht einfach. Denn wenn Zuschauer über kranken Scheiß lachen, haben sie zwar eine richtig gute Zeit, geraten aber auch in einen Konflikt: »Oh, mein Gott, ich kann nicht glauben, was ich eben gesehen habe! Und ich kann nicht glauben, wie ich darauf reagiert habe!« Auf diese Art und Weise rüttelt man etwas im Publikum auf. Sie haben für den Film bezahlt und für ihr Geld kriegen sie jetzt was!

Gibt es Filme, bei denen selbst der Gewaltexperte Tarantino nicht hinsehen kann?
Ich wende meinen Blick eher ab, wenn ich etwas eklig finde. So skatologisches Zeug schaue ich mir ungern an: Filme, in denen es um Scheiße oder so geht. Igitt.

Sie fürchten sich also nie im Kino?
Ein Film, während dem ich immer wieder aufspringen musste, war die wirklich gute Horrorkomödie »Unheimliche Begegnung« von George Pan Cosmatos aus dem Jahr 1983. In dem Film wird angedeutet, dass ein Monster oder ein Alien sein Unwesen treibt. Doch eigentlich kämpft der Held in seiner Wohnung gegen eine große Ratte. Eine gigantische, clevere Ratte, aber, am Ende des Tages: eine Ratte. Und ich habe eine Rattenphobie! Deshalb hat mich das, was diese verdammte Ratte dem Typen antut, echt fertig gemacht. Ich habe die ganze Zeit rumgequietscht und mich hin- und hergewendet. Ein Film, der mich wirklich getroffen hat. Eine Achterbahnfahrt. Eine tolle Zeit.

Klingt anstrengend. Aber so geht es vielen Ihrer Zuschauer ja auch. Wie entspannen Sie sich eigentlich nach einem harten Tag am Filmset oder im Kino?
Wenn ich chillen will, treffe ich mich zum Essen mit Freunden oder gehe einfach heim, schalte den Fernseher ein und kiffe. Vielleicht trinke ich einen Cocktail. Oft lege ich Musik auf und laufe im Raum hin und her. Das beruhigt mich irgendwie.

Man hört, dass an Ihren Filmsets an freien Tagen Drogenkonsum jetzt nicht total verboten sei. Ist da was dran?
Ich nehme eigentlich keine Drogen, wenn ich einen Film drehe, aber während der Arbeit an »Kill Bill« fuhr ich mit fast der ganzen Crew zu einem großen Rave an der Chinesischen Mauer. Wir hatten eine großartige Zeit.

Im Januar kommt Ihr achter Film »The Hateful 8« in die Kinos. Wie haben Sie während den Dreharbeiten entspannt?
Das Tolle an »The Hateful 8« war, dass wir den Großteil des Films in dem echt lustigen Städtchen Telluride in Colorado gedreht haben: Gras ist dort legal, aber wir mussten es nicht einmal käuflich erwerben. Die Leute gaben uns das Zeug einfach in den Bars und so. Wir waren viel feiern, hingen rum und haben eine Menge Einheimische kennengelernt. Einer der lustigsten Drehs seit
»Kill Bill« in China.

Sie sind nun auch schon 52 Jahre alt. Haben Sie das Gefühl, dass Sie heute mehr Ruhe brauchen als früher?
Früher war ich ein ziemlicher Partyhengst und konnte gut mit Exzessen umgehen. In letzter Zeit komme ich aber ein bisschen runter und genieße die neue Ruhe. Es ist schon wichtig, sich Zeit zur Entspannung zu gönnen. Ich will nicht klingen wie ein Opa, der sich dauernd wiederholt, aber: Alle sind heute an ihre Geräte und die sozialen Medien angeschlossen, fotografieren ihr Essen und twittern, als würde sich irgendjemand für ihre Meinung interessieren. Die Folge davon ist, dass die Leute keine Ruhe mehr finden. Sie sind immer verbunden, eingestöpselt, erreichbar. Sie haben Angst, etwas zu verpassen. Also schauen sie permanent auf ihre Bildschirme. Und selbst wenn sie versuchen, abzuhängen und fernzusehen, machen sie noch drei andere Sachen nebenbei.

Vor diesem Interview habe ich mein Handy zum gefühlt ersten Mal seit Wochen ausgeschaltet.
Ich war auf Dinnerpartys, bei denen die Leute am Tisch einander nicht zuhörten und permanent auf ihre Telefone guckten. Wenn man die Aufmerksamkeit seines Gegenübers erregen wollte, musste man ihm eine SMS schicken. Ich finde das unhöflich.

In »The Hateful 8« sind acht Leute, die sich nicht kennen und die nichts gemeinsam haben außer einer zweifelhaften Vergangenheit, in einer Berghütte eingesperrt abgeschnitten von der Welt. Mit welchem Fremden würden Sie gerne irgendwo festsitzen?
Die erste Person, die mir einfällt, ist der Autor Michael Lewis. Er hat das Buch geschrieben, auf dem der Film »Moneyball« basiert. Ich freue mich immer darauf, ihm zuzuhören, wenn er in Talkshows auftritt. Mit ihm würde ich gerne ein paar Stunden im Aufzug feststecken. Wir würden uns wahrscheinlich gut unterhalten.

Und mit wem möchten Sie auf keinen Fall in so einer Situation landen?
Was soll ich sagen? Den Kardashians? Aber ich will kein fieser Arsch sein.

Vielleicht eine Figur aus Ihren Filmen?
Mit dem Sklavenhändler Calvin Candie, den Leonardo DiCaprio in »Django Unchained« spielt, wäre ich nur sehr ungern in einem Raum.

In einer Szene lässt Candie zwei Sklaven in seinem Salon auf Leben und Tod kämpfen. Eine brutale Choreografie, in der Knochen brechen und Blut spritzt und das Stöhnen der Männer so echt klingt. Finden Sie diese Bilder eigentlich schön?
Gewalt im Kino ist unterschiedlich zu bewerten. »Nekromantik«, den Low-Budget-Horror von Jörg Buttgereit, finde ich nicht wirklich schön. Aber wenn wir über Sam Peckinpahs Filme sprechen, in denen Blutstropfen in Zeitlupe durch die Luft fliegen und eine Art Ballett aufführen, finde ich das schön! Die Ästhetik tritt an die Stelle purer Brutalität. In den späten 80er Jahren erzielte der chinesische Regisseur John Woo einen ähnlichen Effekt, indem er das Mündungsfeuer zelebrierte: Diese orange Flamme, die aus Schusswaffen austritt, ist am Ende etwas sehr Schönes.

So sehr Sie die Gewalt in Ihren Filmen ästhetisieren, so kritisch stehen Sie wirklicher Waffengewalt gegenüber. Vor acht Jahren sagten Sie in einem Interview mit NEON: »Wenn du von Amerika nach Europa reist, ist es, als würdest du Urlaub von einer Atmosphäre der Gewalt nehmen.« Ist das immer noch so?
Mir kam das so vor, als ich mit Ende zwanzig zum ersten Mal Amerika verließ und nach Amsterdam reiste.

Dort haben Sie dann »Pulp Fiction« geschrieben.
Genau. Ich lebte also zum ersten Mal in einem anderen Land. In großen US-Städten wie Los Angeles oder New York ist es zwar nicht so, dass permanent Schlägereien und Schießereien stattfinden. Aber die Gewalt hängt immer in der Luft. Das betrifft vor allem Frauen. Wenn man als Mann spazieren geht und zufällig hinter einer Frau herläuft, weiß man, dass sie nach einer gewissen Zeit Angst bekommt. Und dann kriegt man selber ein mulmiges Gefühl, weil man einem anderen Menschen Angst einjagt. Das kann einem egal sein, man kann sich sagen: Verdammt, habe ich nicht das Recht, einfach spazieren zu gehen? Und die Antwort lautet: Klar. Nur: Die Frau leidet ja auch unter der Angst. Man kann also die Situation entschärfen, indem man die Straßenseite wechselt. Das ist ein Tanz, der in amerikanischen Großstädten dauernd aufgeführt wird.

Und in Amsterdam war das anders?
Mir fiel auf, dass die Frauen dort mit Freunden abhingen und um zwei Uhr nachts alleine nach Hause liefen. Sie fürchteten sich nicht. Und ich konnte einfach hinter ihnen hergehen. Das ist nur ein Beispiel für den Kulturschock, den mein erster Trip nach Europa bei mir ausgelöst hat. In Amerika haben wir aber immer noch größere Probleme mit Schusswaffen als andere Länder. Viele Menschen sind frustriert und wissen nicht, was man dagegen machen soll dazu gehört auch und vor allem Präsident Barack Obama. Die Resignation, die Obama zeigt, wenn er mal wieder eine Rede halten muss, weil wieder ein Amoklauf stattgefunden hat, spiegelt die Stimmung gut wider. Wir werden in Blut ertrinken müssen, bis sich etwas ändert.

Sie engagieren sich aktuell gegen Polizeigewalt, unter der vor allem unschuldige Afroamerikaner leiden. Nachdem der 25-jährige Freddie Gray 2015 in Polizeigewahrsam starb, kam es zu schweren Unruhen in Baltimore. Kommt es einem nur so vor, oder häufen sich Zwischenfälle dieser Art?
Das passiert schon seit langer Zeit. In den vergangenen eineinhalb Jahren wird darüber nur häufiger berichtet, weil plötzlich Handyvideos auftauchen, in denen man sehen kann, wie zum Beispiel Eric Garner von der New Yorker Polizei getötet wird. Cops sehen offenbar eine normale Verhaftung, wenn sie sich das Video anschauen, normale Menschen sehen etwas anderes: Das war doch ein verdammter Mord.

Würden Sie sagen, die Situation der schwarzen Amerikaner hat sich seit der Bürgerrechtsbewegung in den 60er Jahren gar nicht verbessert?
Die Dinge haben sich seitdem schon verändert. Aber das Ungeheuer der Ungerechtigkeit hat eben viele Köpfe. Nur weil man einen Kopf abschneidet, hat man das Monster nicht besiegt. Einen großen Einfluss hatte auch der War on Drugs. Damals verwandelte sich die Polizei in eine Art Armee, die in Gegenden einrückte, in denen vor allem Schwarze lebten. Weiße Amerikaner sehen Cops heute ganz anders als schwarze. Wenn ich einem Polizisten auf der Straße begegne, gehe ich davon aus, dass er da ist, um mich, mein Grundstück und meine Nachbarschaft zu beschützen. Unsere schwarzen Mitbürger haben hingegen dreißig Jahre lang miterleben müssen, wie die Polizei unzählige Freunde und Familienmitglieder wegen mickriger Drogendelikte verhaftete.

Sie sind einer von wenigen Hollywoodstars, die sich zu dem Thema äußern. Warum engagieren sich nicht mehr Ihrer Kollegen?
Keine Ahnung. Ich glaube aber, dass das Problembewusstsein wächst, und will als gutes Beispiel vorangehen. Vielleicht fangen die Leute an, nachzudenken: Warum äußert sich Tarantino ein weißer, reicher, unantastbarer Promi dazu? Ein Grund, warum die US-Polizeigewerkschaft zum Boykott meiner Filme aufgerufen hat, ist, dass sie eine Botschaft an andere Prominente senden will: »Das ist nicht euer Kampf, also haltet euch gefälligst raus! Wer sich engagiert, kriegt, was Tarantino gekriegt hat.«

Glauben Sie, dass diese Drohungen wirkungsvoll sind?
Wir haben in letzter Zeit zu oft gesehen, wie Polizisten auf unbewaffnete Zivilisten losgegangen sind. Diese Videos dokumentieren den institutionalisierten Rassismus. Die Lage ist mittlerweile so übel, dass die Bürger immer lauter nach Reformen rufen. Ich bin ein Bürger meines Landes und ich will, dass sich die Dinge zum Besseren ändern. Deshalb muss ich was tun. Ich kann nicht warten, bis das jemand anderes für mich übernimmt.

Neu von Quentin Tarantino: »The Hateful 8«


Worum geht’s?
Der Kopfgeldjäger John Ruth (Kurt Russell, links) hat die Gangsterin Daisy Domergue (Jennifer Jason Leigh) gefangen genommen und will in Red Rock seine Belohnung abholen. Er nimmt Kopfgeldjägerkollege Major Marquis Warren (Samuel L. Jackson, rechts) und den Sheriff in seiner Kutsche mit. Doch ein Schneesturm zwingt die Gruppe, in einer Hütte einzukehren. Dort warten vier weitere Männer. Schnell wird klar: das Treffen ist kein Zufall.

Worum geht’s wirklich?
Natürlich auch um Rassismus nach dem Amerikanischen Bürgerkrieg. Aber das Splatterkammerspiel dreht sich vor allem um die Cluedo-Frage: »Wer war’s?«

Wermutstropfen:
Man wünschte sich während der 167 Minuten manchmal, Tarantino hätte ein paar Szenen ein wenig gestrafft.

Start: 28. Januar
Mit: Samuel L. Jackson, Channing Tatum
Regie: Quentin Tarantino

Dieser Text ist in der Ausgabe 02/16 von NEON erschienen. Hier können Einzelhefte nachbestellt werden. NEON gibt es auch als eMagazine für iOS & Android. Auf Blendle könnt ihr die Artikel außerdem einzeln kaufen.


Mehr zum Thema