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Interview

"Human Flow": Neuer Film von Ai Weiwei: Warum Schreckliches auf der Leinwand auch schön sein darf

Der chinesische Künstler Ai Weiwei kommt mit "Human Flow" in die Kinos. Im NEON-Interview spricht seine Beraterin Anne C. Richard über das Zustandekommen des Films, über Kunst als Mittel der Politik, und erklärt, warum Schreckliches auf der Leinwand auch schön sein darf.

Von Petra Sorge

Ai Weiwei: Am 7. November feierte sein Film "Human Flow" Deutschlandpremiere, am 16. November kommt er in die Kinos

Ai Weiwei: Am 7. November feierte sein Film "Human Flow" Deutschlandpremiere, am 16. November kommt er in die Kinos

Anne C. Richard war Barack Obamas Flüchtlingsberaterin im Weißen Haus - und wichtigste Beraterin für "Human Flow", plante den Film mit ihm in Berlin. Richard, die selbst einmal in Deutschland gelebt hat, weltweit mehrere Dutzend Flüchtlingslager besuchte und Obama zu einer menschenfreundlicheren Aufnahmepolitik bewegen konnte, spricht im NEON-Interview über das Zustandekommen des Films, über Kunst als Mittel der Politik, und erklärt, warum Schreckliches auf der Leinwand auch schön sein darf. Sie nimmt auch Stellung zu Trumps Vorschlag, die Green-Card-Lotterie abzuschaffen. 

Frau Richard, wie haben Sie Ai Weiwei kennengelernt?

Wir haben eine gemeinsame Bekannte in Genf. Als ich im vergangenen Jahr nach flog, sagte sie, du musst unbedingt Ai Weiwei treffen und sein Studio sehen! Ich dachte, das könnte interessant werden. Nach meinem Termin im Innenministerium fragte ich also meinen Sicherheitsbeamten: Hab ich jetzt frei? Er sagte, ja, "wo wollen Sie denn hin"? Ich sagte, in den Prenzlauer Berg. "Das ist ein echt hipper Kiez, wer sind denn diese Leute, die Sie besuchen wollen?" Ich sagte, Künstler. Als wir dort ankamen, standen wir vor einer schwarzen Tür. Meine Begleiter fragten mich: "Ist das wirklich der richtige Ort?"

Die waren wohl nervös.

Sie wollten mich nicht alleine in diesem Innenhof lassen, bis jemand kam und mich hereinließ. Schließlich begrüßten mich Ai Weiwei und seine Assistentin und führten mich durch diese alte mit Fliesen an den Wänden. Sie hatten gerade ihre erste Reise nach Lesbos hinter sich, und waren sehr an Flüchtlingen interessiert.

Wollten sie von Ihnen Ratschläge haben?

Genau. Wir haben über die Flüchtlingslager Dadaab in Kenia und Zaatari in Jordanien gesprochen. Ich habe ihnen aber auch erklärt, dass die meisten gar nicht in Lagern leben, sondern in Städten, wo man sie nur schwer findet. Ich habe ihnen auch empfohlen, nach Bangladesch zu gehen, denn dort leben die nicht-registrierten Rohingya unter wirklich harten Umständen. Also haben sie das gefilmt.

Und wie bewerten Sie das Ergebnis auf der Leinwand?

Ich habe den Film jetzt dreimal gesehen. Bei der Preview in New York war ich sehr beeindruckt. Ich war an all diesen Orten und hatte trotzdem das Gefühl, auf einiges einen neuen Blick zu bekommen. Dann sah ich den Film auf der Premiere in Venedig – eine wirklich seltsame Erfahrung. Ich fuhr im Motorboot zu meinem Hotel und all diese Paparazzi drängelten sich und wollten sehen, wer da kam. Sie verloren das Interesse, weil nur ich es war. Bei der Vorstellung bekam "Human Flow" dann stehende Ovationen. Das Publikum hat den Film sehr ernst genommen – sie waren fast schon ehrfürchtig. Ich fand, dass darin auch Humor steckt, aber niemand hat gelacht. Ai Weiwei hat ja auch eine schelmische Seite.

Sie sagten zuvor, dass einige der Bilder wunderschön sind. Wie kann das Elend von Menschen ästhetisch sein?

Eine der Eröffnungsszenen ist in den griechischen Inseln gedreht, einem Top-Tourismusziel weltweit. Man sieht herrliches Wasser, und plötzlich kommt dieses Boot in den Blick, mit kleinen orangenen Pünktchen. Es wird herangezoomt. Und da erkennt man, dass das Menschen sind, die diese orangenen Westen tragen, die dir bei einem Unfall das Leben retten – oder nicht. Viele Szenen in dem Film spielen draußen. Tatsächlich sind diese Menschen den Elementen vollkommen ausgesetzt.

Und bei der dritten Vorstellung …

… die war in Washington, D.C., und wurde von Mitgliedern des Kongresses veranstaltet.

Wie waren die Reaktionen?

Eigentlich waren nur zwei Abgeordnete da, aber das war gut – ein Republikaner und ein Demokrat unter den Organisatoren. Ich muss sagen, das erste Mal, als ich Ai Weiwei traf, wusste ich nicht viel über seine Kunst. Ich glaube, er war schockiert, denn Leute, die normalerweise sein Studio besuchen, wissen wahrscheinlich deutlich mehr. Zum Beispiel hat meine Tante an der High School Kunst unterrichtet – sie war so aufgeregt, dass ich mit Ai Weiwei herumhing. Als er nach New York kam, erlaubte er mir, meine Tante zu seiner Show mitzunehmen. Ai Weiwei neckte mich auch und sagte zu meiner Tante, sie weiß nicht viel über Kunst, stimmt‘s? Aber wie soll ich denn auch alles über moderne Kunst wissen? Ich war die vergangenen Jahre sehr beschäftigt (lacht).

Sie haben sich in der Zeit um Flüchtlinge gekümmert – und es ist manchmal schwierig, Leute von diesem Thema zu überzeugen. Kann ein Film, kann Kunst dabei helfen, Politik zu machen?

Absolut. Ich bin überzeugt, dass Fotografie sehr mächtig ist. Ob Videos, ein echter Dokumentarfilm oder Bilder – viel mehr Leute würden auf ein Foto klicken, als auf eine politische Erklärung, an der ich das ganze Wochenende gefeilt habe.

Wie haben Sie das selbst eingesetzt?

Als Hillary Clinton mich im April 2012 ins State Department holte, war meine erste Aktion zu sagen, okay, lasst uns einen Twitter-Feed starten. Einige Beamten, die schon jahrelang gedient hatten, fassten sich schockiert ans Herz: Was? Ein Twitter-Feed? Ich sagte, wenn das das ist, was junge Leute lesen, dann ist das die Art, wie wir mit ihnen kommunizieren werden.

Haben Sie in den sozialen Medien also auch mit Kunst gearbeitet?

Ja, vor allem mit Fotografie. In der Welt der Hilfsorganisationen wurde Kunst schon seit langem eingesetzt, um Kindern zu helfen, ihre Gefühle auszudrücken. Das ist sehr wichtig. Wo immer ich Flüchtlinge getroffen habe, wurden Kinder zum Malen und Zeichnen ermutigt – auch als Mittel des Heilens.

Welches Bild ist Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?

Oh, Kinder malen Flugzeuge, die Bomben fallen lassen, Feuer, und mittendrin Menschen. In Liberia hat sich ein Junge etwas aus Draht gebastelt, das wie ein Geländewagen aussah, und er schob es mit einem Besenstiel umher. Geländewagen sind die einzigen Fahrzeuge, die er sah, weil die Hilfsarbeiter darin fuhren. Alle Kinder folgten ihm, weil er dieses fantastische Spielzeug hatte. Ich realisierte, wie wenig man zum Überleben braucht, wie belastbar Flüchtlinge sind, und wie gesegnet und glücklich wir sein können.

Jetzt sind Sie wieder auf dem Balkan unterwegs: Wie hat sich dieser Ort verändert im Vergleich zu der Zeit, als die Grenzen noch offen waren?

Nein, das letzte Mal, als ich hier war, war vor dieser großen Migration. Wir haben ein Hausprojekt unterstützt, um den Flüchtlingen der 1990er zu helfen. Wir wollten die Leute daran erinnern, dass es auch Jahre nach den Jugoslawien-Kriegen immer noch Vertriebene gibt. Ich war stolz auf dieses Programm, das ein bisschen ihr Dilemma löste. Es war nicht mal eine große Investition – 10 Millionen US-Dollar, um die Europäer an Bord zu holen. Und tatsächlich: Als die USA dort waren, hat das viele andere Regierungen überzeugt, auch zu spenden. In den letzten paar Jahren bin ich allerdings immer weniger zu Flüchtlingsorten gegangen und zunehmend zu internationalen Konferenzen. Deutsche, Briten und Schweden wollten diese Gipfel haben, um Lösungen zu finden. Sie kamen mit immer größeren Delegationen – sie wollten einen Plan. Als Präsident Barack Obama vor einem Jahr im September ein großes Treffen bei den Vereinten Nationen hatte, meldete ich mich freiwillig, um mit den Vertretern des Tschads, Kameruns und anderer Staaten, die nicht in den Nachrichten vorkommen, zu verhandeln. Diese Regierungen beherbergen viele Flüchtlinge, haben aber nur sehr wenige Ressourcen.

Wenn Sie diese Periode mit der aktuellen US-Regierung vergleichen, was denken Sie dann?

Ich war total schockiert, als Donald Trump am 27. Januar – also nach sieben Tagen im Amt – den Reisebann verkündete und den Zustrom von Flüchtlingen in die USA regelrecht kappte. Seitdem habe ich begonnen, als Privatperson Vorträge zu halten. Es gibt so viele Falschinformationen über Flüchtlinge – wer sie sind, warum sie kommen. Viele Leute denken, das seien Terroristen. Nachdem ich so viele Flüchtlinge und muslimische Hilfsarbeiter weltweit getroffen habe, kann ich nur sagen, dass das überhaupt nicht wahr ist. Und ich möchte versuchen, Leute davon zu überzeugen, dass die US-Führerschaft in der Menschenrechts- und Hilfspolitik ein sehr kluger Weg ist, und dass wir das weiterführen sollten. Wir sollten angesichts des Ausmaßes der Krise sogar noch viel mehr geben.

Trump hat angekündigt, mehr als 30 Millionen Dollar für die Rohingya-Krise zu geben.

Nun, es ist großartig, dass das Weiße Haus erkennt, dass es eine Rohingya-Krise gibt. Ich denke, Trump möchte sagen: Wir bringen sie nicht in die USA, weil wir viel mehr Leute in Übersee helfen können.

Er sagt, man kann entweder einen Flüchtling in die USA holen – oder zehn in den Heimatländern helfen.

Es stimmt schon, dass dasselbe Geld im Ausland weiter reicht. Das Problem ist doch aber, dass die USA stolz darauf sind – oder waren – ein Land von Einwanderern und Flüchtlingen zu sein. Diese Flüchtlinge in die USA zu holen, revitalisiert unser Land. Und es sagt wirklich viel über uns und unsere Prioritäten. Das aufzugeben, was wir immer getan haben, schockiert mich wirklich. Ich war auch überrascht, dass nach den Anschlägen in Paris die Hälfte der Amerikaner dagegen war, Syrer hereinzulassen. Ich denke, sie glauben fälschlicherweise, dass die alle Terroristen seien.

Aber Sie sollten das Thema doch kennen – Sie haben selbst ein Buch geschrieben mit dem Titel "Fighting Terrorist Financing” ("Terroristenfinanzierung bekämpfen").

Nein, ich bin kein Experte. Das war einmal.

Im Jahr 2005.

Die Recherche dafür habe ich 2004 gemacht. Natürlich ist mir bewusst, wie verängstigt die Amerikaner nach den Anschlägen des 11. September 2001 waren. Wir haben nie wirklich verstanden, warum manche radikale Gruppen uns als dermaßen böse ansehen. Aber es hat mich geärgert, dass einige Kongressangehörige nicht auf mich hören wollten, weil sie dachten, ich sei nur eine naive Lady, die Leuten helfen möchte. Ich habe jahrelange Arbeitserfahrung in nationalen Sicherheitsbehörden. Und ich war draußen im Feld, wo ich wahrscheinlich mehr Flüchtlinge gesehen habe als andere Menschen. Ich weiß, worüber ich rede.

Nach dem Terroranschlag von New York möchte Trump nun auch eine andere Form der Migration stoppen – die Green-Card-Lotterie. Was sagen Sie dazu?

Ich unterstütze einen vernünftigen Prozess, bei dem Reisende in die USA überprüft und durchleuchtet werden. Aber dass Trump gleich die gesamte Diversitäts-Lotterie stoppen will, zeigt erneut, wie er auf drastische Maßnahmen setzt, wo es eigentlich vorsichtige, gezielte Lösungen braucht.

Sie haben in den 1980ern auch ein Jahr in Deutschland gelebt. Wie sehen Sie die deutschen Bemühungen bei dem Thema Flüchtlinge?

Ich bin um die ganze Welt gereist, war oft in Afrika – in französisch- wie englischsprachigen Teilen – und konnte jahrelang kein Deutsch sprechen. Der Vorteil dessen, was in den letzten paar Jahren passiert ist, war also, dass ich das wieder etwas auffrischen konnte. Ich habe Beziehungen zu Diplomaten aufgebaut, denen ich zeigen konnte, dass ich mich in Deutschland auch zu Hause fühle. Das war ein schöner Nebeneffekt, als Flüchtlingsexpertin der USA hier zu landen.

In einem Titel, der selbst fast schon ein Kunstwerk war, hat das TIME-Magazin Angela Merkel zur Person des Jahres 2015 gewählt. Teilen Sie diese Botschaft?

Ich bewundere Merkel. Wir hatten all diese Staats- und Regierungschefs, die gefährliche Propaganda über Flüchtlinge verbreiteten. Und dann gab es eine Handvoll Anführer wie Obama, Justin Trudeau, den Papst oder Angela Merkel, die sich für Flüchtlinge aussprachen. Ich kann mich noch an diese großen UN-Sitzungen erinnern, als Ungarns Premierminister Victor Orbán aufstand und forderte, den Zustrom an Menschen zu stoppen: Vertriebene, Migranten, Terroristen. Er hat sie alle in einen Topf geworfen. Das hat mich entsetzt. Da habe ich Merkel als Gegengewicht betrachtet und als Anführerin, die dieser Ansicht entgegentritt.

Braucht es nun einen Chinesen, um gewissen amerikanischen Ansichten entgegenzutreten?

Ich bin begeistert, dass Ai Weiwei diesen Film gedreht hat. Ich finde das großartig. Aber wahrscheinlich ist das etwas, das vor allem die Eliten sehen werden, und er wird wohl kaum so viele Zuschauer wie Batman oder Superman bekommen.

Und heute, welche Perspektiven gibt es? Was erwarten Sie für Flüchtlinge in der Zukunft?

Die aktuelle Krise ist leider gewaltig: Selbst wenn einige Menschen wieder in ihre Heimat zurückkehren können, werden viele entwurzelt und auf Hilfe angewiesen bleiben. Wir müssen besser darin werden, Mittel aufzubringen und Hilfe zu leisten. Ich hoffe, dass die USA zu einer breiten Unterstützung für Flüchtlinge zurückkehren werden – und zwar in beiden politischen Parteien. Und dass die Deutschen anerkennen, welchen Beitrag Flüchtlinge in der Gesellschaft leisten.