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Finanzspritze von Instagram-Followern Louisa Dellert kassiert Shitstorm wegen Crowdfunding – das sagt sie selbst dazu

Louisa Dellert: Wenn du dich mit dem Thema Klimapolitik auseinandersetzt, dann darfst du kein Ei mehr essen, dann darfst du nicht mehr fliegen, dann darfst du kein Auto haben. Dann dürfte ich eigentlich gar nichts mehr außer nackt sein.
Über 380.000 Menschen folgen ihr auf Instagram: Louisa Dellert ist hauptberufliche Influencerin. Dabei versprüht sie aber nicht nur gute Laune, sondern nutzt ihre Reichweite, um über Themen wie Nachhaltigkeit, Umweltschutz oder Selbstliebe zu sprechen. Am Anfang ihrer Social-Media-Karriere dreht sich bei der gelernten Bürokauffrau noch alles um das Thema Fitness.
Louisa Dellert: Ich habe viel Sport gemacht, wollte, dass man mein Sixpack sieht. Hab immer mehr abgenommen und war dann irgendwann in so einer Spirale drin, dass ich die reale Welt nicht mehr von der Instagram-Welt unterscheiden konnte.  Ich hatte dann irgendwann eine Herz-OP und habe danach erst festgestellt: Ah okay, es gibt Dinge im Leben, die sind viel wichtiger als ein Sixpack. Deswegen ist es mir so wichtig, diese Message auf Instagram weiterzutragen. 
Louisa Dellert in einem Instagram-Video:
"Dellendrama. Schwabbelshow. Oh eine Popanne – auch ganz gut. Liebes "Inside"-Magazin, was für eine gequirlte Scheiße schreibt ihr da eigentlich?"
Mit ihren ehrlichen, ungeschönten Posts probiert Dellert ihren Followern ein gesundes Körperbild zu vermitteln.
Doch auch das Thema Klimapolitik ist der 29-Jährigen enorm wichtig geworden.
Louisa Dellert: Ich treffe mich seit circa einem halben Jahr immer mal wieder mit Politikerinnen und Politikern in Berlin, um über das Thema Klimapolitik zu sprechen. Nicht, weil ich mich mit dem Thema super gut auskenne, sondern weil ich mich eben nicht damit auskenne und dazu lernen will. Ich möchte erfahren, was die verschiedenen Parteien sagen und was sie zum Thema Klimapolitik beitragen können. Meine Follower versuche ich miteinzubinden, in dem sie mir Fragen schicken können, die ich dann mit in den Bundestag nehme. Dort entsprechend nachhake und das Ganze dann hinterher auf Instagram  onlinestelle.
Dabei wird die Braunschweigern für ihr Engagement auch immer wieder angefeindet.
So brachte ihr jüngst ein Crowdfunding-Aufruf zur nichtkommerziellen Finanzierung von Projekten einen handfesten Shitstorm ein. Es war nicht der erste.
Viele Menschen im Internet erwarten von mir – weil ich über Themen wie Nachhaltigkeit und Umweltschutz blogge – dass ich zu hundert Prozent perfekt bin und zu hundert Prozent verkörpere, was man sich darunter vorstellt. Leute erwarten, dass ich nicht mehr fliege. Als ich nach Kalifornien geflogen bin, habe ich einen mega Shitstorm bekommen. 
Wie reagierst du auf Kritik von deinen Followern?
Louisa Dellert: Inzwischen reagiere ich auf Kritik sehr offensiv. Das heißt, wenn ich etwas öffentlich unter einem Beitrag geschrieben bekomme, dann nehme ich das häufig als Beispiel und veröffentliche das, um zu zeigen: Hey, das ist die Kritik, die ich bekomme. Manchmal schreibe ich darauf zurück. Meistens beachte ich das aber gar nicht mehr und lasse das gar nicht an mich heran – vor allem wenn es Beleidigungen sind. Wenn du dich mit dem Thema Klimapolitik auseinandersetzt, dann darfst du kein Ei mehr essen, dann darfst du nicht mehr fliegen, dann darfst du kein Auto haben. Dann dürfte ich eigentlich gar nichts mehr außer nackt sein.
Was ist das schönste Feedback, was du je von einem Follower bekommen hast? 
Louisa Dellert: Ich bekomme eigentlich jeden Tag mega schönes Feedback von meinen Lesern und Leserinnen. Richtig schön war mal, dass mir ein Mädchen geschrieben hat, dass ich so etwas wie eine digitale Schwester bin. Dass sie sich jeden Tag freut, von mir zu hören. Dass sie sich mit diesen Weg, den ich gegangen bin, total identifizieren kann und auch mit mir gegangen ist. Das war total schön. Ich bin aber auch total froh, wenn ich konstruktive Nachrichten bekomme. Da lerne ich auch oft dazu.
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Louisa Dellert hat ihre Instagram-Follower um finanzielle Unterstützung gebeten – und kassierte einen Shitstorm dafür. Im Interview mit NEON spricht sie über das schwierige Influencer-Dasein, ihre Pläne und was sie sich von den Spenden leisten wird.

Louisa Dellert hat einen Wandel hinter sich, den man auf Instagram selten erlebt. Sie fing als Fitnessbloggerin an, kehrte dem Schönheitswahn dann aber den Rücken, warb für mehr Selbstliebe und macht sich nun stark für Nachhaltigkeit und Politik. Mit dem Wandel gingen aber leider die Kooperationspartner, die als Influencer Haupteinnahmequelle sind. Mittlerweile kann die 29-Jährige von den wenigen Einnahmen nicht mehr ihre Miete bezahlen, wenn sie weiter Videos und Beiträge zu politischen Themen finanzieren muss.

Also bat sie ihre Follower in einem Instagram-Video um finanzielle Unterstützung – und kassierte prompt einen Shitstorm. Es hagelt Unverständnis und Sprüche à la "Dann such dir halt einen richtigen Job!" Mit NEON hat Louisa über ihre Crowdfundingaktion gesprochen und verrät, was sie sich dank der Hilfe ihrer Follower endlich leisten kann. 

Louisa Dellert im NEON-Interview

Louisa, du hast in deinem Video gesagt, dass du mit einem Shitstorm gerechnet hast. War es so schlimm wie befürchtet? 

Louisa: Ehrlicherweise hatte ich es sogar noch ein bisschen intensiver befürchtet, was die Wortwahl angeht. Ansonsten ist es eigentlich so ausgefallen, wie ich gedacht hatte. Die meisten haben nicht unbedingt rumgepöbelt, aber trotzdem Dinge gesagt, die bewusst so formuliert waren, dass es mich verletzt oder ärgert. Es war viel dabei, das jetzt nicht unbedingt konstruktiv war. Aber keine Kritik geht spurlos an einem vorüber. Ich mache Social Media jetzt schon ein paar Jahre und da muss man sich kopfmäßig einfach auf sowas einstellen. 

Was sagst du zu den Vorwürfen, dass das, was du machst, kein richtiger Job sei? 

Am liebsten hätte ich mal ein Kamerateam an meiner Seite, das mich eine Woche lang begleitet. Damit man wirklich mal sieht, was ich den ganzen Tag so mache. Influencerin ist halt eine neue Art von Beruf – ich bin da ja auch nur irgendwie reingerutscht. Aber zu sagen, das sei kein richtiger Job, ist für mich so typisch deutsch. Sobald du etwas machst, mit dem du nicht super viel Geld verdienst und Unterstützung brauchst, sagt man in Deutschland sofort: "Dann such dir halt einen vernünftigen Job!" Das finde ich schwierig, weil es ja trotzdem etwas Vernünftiges sein kann, auch wenn man erstmal nicht ganz so viel damit verdient. 

Hast du deine Entscheidung zwischendurch mal bereut?

Nee, überhaupt nicht. Ich brauche gerade die Unterstützung, weil ich diesen Beruf Influencerin gerne transformieren möchte, um zu zeigen, dass man damit Sinnvolles machen kann. Und ich möchte gleichzeitig zeigen, dass es im Moment noch schwierig ist, im Bereich Nachhaltigkeit und Politik damit Geld zu verdienen. Da muss ich erst einen Weg finden. Wenn ich den gefunden habe, kann ich vielleicht auch andere damit inspirieren. 

Der Aufruf ist für mich auch keine langfristige Lösung. Das ist eher dafür, dass ich jetzt, wenn bald die Landtagswahlen kommen, ein Team um mich herum aufbauen kann. Ich kriege das als One-Woman-Show einfach nicht mehr alleine hin. 

Wie hast du es vorher geschafft, Geld zu verdienen? Hattest du Nebeneinkünfte? 

Früher hatte ich mehr Kooperationen. Wenn du jetzt mal auf meinen Account guckst, ist da vielleicht eine bezahlte Kooperation pro Woche – und dann vielleicht mal ein Gewinnspiel für ein nachhaltiges Produkt. Dafür werde ich aber meistens nicht bezahlt. Früher hatte ich bestimmt drei Kooperationen, die mir bezahlt wurden. Da war einfach viel mehr Geld da. 

Hast du einen Plan B, falls das mit dem Crowdfunding nicht funktioniert? 

Ja, Freunde fragen. Keine Ahnung. Ich glaube, wenn man etwas wirklich machen will, dann bekommt man das immer irgendwie hin. Es hört sich auch schlimmer an, als es ist. Es ist nicht so, dass ich gar kein Geld verdiene. Aber ich muss halt trotzdem noch Miete und Versicherung und alles andere bezahlen. Deswegen habe ich beschlossen, meine Follower zu fragen. Es ist nicht so, dass ich das Geld dann für einen Urlaub, Verpflegung oder ein Fünf-Sterne-Hotel ausgebe. Das würde ich mir niemals anmaßen. 

Aber egal, wie ich's mache, würde ich es sowieso falsch machen. Wenn ich jetzt wieder mehr Kooperationen mache, würden die Leute meckern. Wenn ich wieder im Fitnessbereich anfange, würden die Leute erst recht meckern. Wenn ich nach finanzieller Unterstützung frage, meckern sie auch. Und wenn ich jetzt aufhören würde, über politische Themen zu berichten, würden sie auch meckern. Ich kann es nicht allen recht machen. 

Nach Shitstorm wegen Crowdfunding: Louisa Dellert im Interview
Louisa Dellert setzt sich als Influencerin auf Instagram besonders für Nachhaltigkeit ein
© Privat

Wieviel Geld kam bis jetzt durch dein Crowdfunding zusammen? 

Ich war total sprachlos, dass mir so viele das Vertrauen schenken. Bis jetzt konnte ich mir von dem Geld eine Bahncard 100 kaufen. [Anm. d. Red.: Eine Bahncard 100 in der zweiten Klasse kostet momentan 4395 Euro.] Das ist für mich total gut, weil ich so jederzeit zum Klimainstitut oder zu Wissenschaftlern fahren kann, ohne mir Gedanken darüber machen zu müssen, ob ich mir das Bahnticket gerade leisten kann. So habe ich die Freiheit, in der Woche noch mehr Interviews und Recherchetermine zu machen als bisher. Das machen mir meine Follower jetzt möglich. Ich hoffe, ich kann ihnen das irgendwie zurückgeben, indem ich wichtige Themen anspreche und aufkläre. 

Was ist dein Ziel? Wie viel Geld bräuchtest du, um deine laufenden Kosten zu decken? 

Das ist schwierig zu sagen, weil ich gerne erstmal jemanden einstellen würde. Das Gehalt muss dann natürlich bezahlt werden. Durch meine Bahncard fallen jetzt natürlich noch viele Kosten weg. Ansonsten brauche ich eigentlich gar nicht so viel. Aktuell würde ich gerne zu den Landtagswahlen mit einem Team anreisen und berichten. Ich kann noch gar nicht genau einschätzen, wie teuer das wäre. 

Ich hätte aber auch nie gedacht, dass überhaupt eine Bahncard zustande kommt. Und ich werde jetzt auch nicht jeden Monat sagen: Bitte, bitte, unterstützt mich. Das ist jetzt erstmal einfach ein Konto, das ist da, und ich werde jeden Monat transparent zeigen, was ich davon bezahlt habe. Die Leute können dann überlegen, wenn ich einen Beitrag hochgeladen habe, ob sie mich dann noch mal via Paypal mit einem Euro unterstützen wollen, weil er ihnen gefallen hat. 

Du sagst, dass du jemanden einstellen willst.

Momentan mache ich alles alleine mit einem Selfiestick oder einem Stativ. Das geht natürlich nicht, wenn ich jetzt wirklich mal eine Reportage machen will. Deshalb bräuchte ich jemanden, der mich filmt, der Equipment mitbringt, die Videos schneidet, der mit mir die Recherche vorher macht ... Meine E-Mails und so, das beantworte ich alles selbst, das werde ich auf jeden Fall auch noch weiter machen. Aber in dem anderen Bereich brauche ich Hilfe. Ich kann nicht vor der Kamera stehen, nebenbei die Kamera halten und noch den Ton einrichten. 

Bezahlst du von dem gespendeten Geld auch deine Miete?

Nee, auf gar keinen Fall. Es ist ja nicht so, dass ich gar keine bezahlten Kooperationen habe – es sind bestimmt ein, zwei, drei im Monat. Von dem Geld bezahle ich Miete, Versicherung und sowas. Und ich versuche natürlich, wie jeder andere auch, ein bisschen was zur Seite zu legen. Momentan habe ich keine Ersparnisse, weil alles in meine Arbeit oder meinen Zero-Waste-Shop "Naturalou" geflossen ist. Von dem gespendeten Geld würde ich niemals etwas bezahlen, das nichts mit meiner politischen Arbeit zu tun hat. 

[Anm. d. Red.: Louisa hat in ihrem neuesten Instagrampost geschrieben, das bisher (Stand: 17. Juli 2019, 16:30 Uhr) 7300 Euro an Spenden für ihre Arbeit zusammen gekommen sind.]


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