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Die USA unter Trump: Diese Deutsche lebt seit drei Jahren in Los Angeles. Sie ist eine von elf Millionen illegalen Einwanderern

Marie steht in Deutschland vor einem Burnout, bevor sie 2016 in die USA reist. Als ihr Touristenvisum abläuft, fliegt sie einfach nicht zurück. Sollte sie erwischt werden, drohen ihr nun harte Strafen. Wieso sie dennoch lieber mit dieser Angst lebt als in ihrer Heimat.

Von Ronja Ebeling

Illegal in den USA

Marie in den Straßen von Los Angeles: Einer von elf Millionen Menschen in den USA, die ständig auf der Flucht sind

150 Dollar haben lautlos den Besitzer gewechselt, und der Fremde auf dem Fahrrad ist wieder verschwunden. Marie* steht mit einem Freund im McArthur Park in Los Angeles und sieht dem Kerl nach, von dem ihre Zukunft abhängig ist. Hier ist der Boden vermüllt und die Palmen vertrocknet.

Eine Stunde muss sie warten, bis er schließlich wiederkommt und ihr die gefälschten Papiere gibt: einen amerikanischen Personalausweis und eine Sozialversicherungsnummer. "Es war das erste Mal in meinem Leben, dass ich kriminell wurde", erinnert sich Marie heute zurück. "Zuvor war ich nie in einer Situation, in der es ums reine Überleben ging."

"Ich habe mich verloren. Irgendwo auf dem Weg."

Die Deutsche gehört zu den elf Millionen Menschen in den USA, die keine Papiere haben und ständig auf der Flucht sind. Während die meisten illegalen Immigranten aus Südamerika oder Osteuropa stammen, hat Marie ihr privilegiertes Leben in Deutschland aufgegeben und teilt sich nun ein Zimmer mit drei anderen Frauen. Sie lebt von ihrem Trinkgeld, das sie in einer Hostessen-Bar verdient: "Ich komme aus einem guten Elternhaus und war immer das brave Mädchen, habe ein gutes Abitur gemacht, mich an Regeln gehalten", beschreibt Marie das einengende Gefühl in ihrer Heimatstadt Essen. "Es stand außer Frage, dass ich eine akademische Laufbahn einschlagen würde. Irgendwann hat mich dieses typisch deutsche Leben aber fast erstickt."

Rückblick: Nach der Schule verbringt sie ein Jahr in Südamerika, lernt spanisch und reist durch das Land. "Freiheit auf Zeit", nennt sie diese Erfahrung. Sie ist sich bewusst, dass sie im Anschluss an diese zwölf Monate an die Universität gehen wird. Und so kommt es auch: Das Studienfach Kulturanthropologie bereitet ihr anfangs noch Freude. Kurz vor dem Bachelor fällt sie aber in ein schwarzes Loch: Burnout. Wie aus dem Arztreport der Krankenkasse Barmer hervorgeht, leidet jeder sechste Student unter psychischen Störungen. Der Druck der Leistungsgesellschaft zwingt auch Marie in die Knie, sie bricht ihr Studium ab. Heute weiß die 30-Jährige: "Ich habe mich verloren. Irgendwo auf dem Weg."

Aber hat sie sich in ihrem illegalen Leben in der Traumfabrik wiedergefunden?

Bevor Marie 2015 das erste Mal während eines Urlaubs nach Los Angeles reist, hat sie viele Vorurteile: "Ich hatte nur Hollywood, die Filmindustrie und diesen rosafarbenen Himmel am Santa Monica Pier im Kopf. Die Leute habe ich mir ziemlich versnobt vorgestellt." In Downtown L.A. verliebt sich Marie aber schnell: "Das Viertel gilt nicht wirklich als Repräsentation von Los Angeles, aber ich finde diese Gegend so spannend: Architektur aus den 20er Jahren, alte Kinos und als Gegensatz Wolkenkratzer und buntes Graffiti." Für sie ist schnell klar, dass sie Los Angeles ihr Zuhause nennen möchte. Fast genauso schnell stellt sie allerdings fest, dass es kaum einen legalen Weg geben wird. 

Halbherzig probiert sie es nochmal in Essen

Während einer weiteren USA-Reise besucht Marie einen Tour-Director-Kurs in Denver. Mit diesem Zertifikat will sie sich für Jobs und Sponsorships in der Tourismusbranche bewerben: "Mit einem Sponsorship darf man im Land bleiben, aber es kostet die Firma mehrere Tausend Dollar. Ich spreche zwar fließend Deutsch, Spanisch und Englisch, aber das allein hat den Reiseveranstaltern nicht gereicht. Wieder musste ich feststellen, dass ich nichts Großartiges vorzuweisen hatte."

Zurück in Essen probiert sie sich nochmal an der Uni. Halbherzig schreibt sie sich für die Fächer französische und spanische Romanistik ein, wechselt zu Sozialwissenschaften und später sogar zu Jura. "Ich war auf der Suche", erklärt Marie. "Eigentlich auf der Suche nach allem. Der Winter 2015 war sehr dunkel. In dieser Düsternis habe ich festgestellt, dass ich in Europa nicht fündig werden würde." Kurz darauf verlässt Marie die Uni wieder.

In Deutschland bricht jeder Dritte sein Studium ab. Diese Nicht-Absolventen werden von Politik und Gesellschaft gerne wie Stiefkinder behandelt. Ein Stempel mit dem Aufdruck "versagt" wird ihnen auf die Stirn geknallt. Die giftige Tinte dringt in die Köpfe der jungen Menschen und gibt ihnen tatsächlich das Gefühl, ungeeignet und nicht ausreichend zu sein. "Ich verdamme das Bildungssystem in den USA und die Tatsache, dass Leute für ihren College-Abschluss einen Kredit aufnehmen müssen, aber es hat auch eine gute Seite", so Marie: "Der finanzielle Aufwand hält viele vom Studieren ab."

Marie ist von alternativen Lebensläufen fasziniert. In Los Angeles scheint sich jeder selbstständig zu machen oder spontan das Berufsfeld wechseln zu können. "Wieso brauche ich einen Bachelor oder gar einen Master, um erfolgreich und in erster Linie glücklich zu sein?", fragt sie. Fast 34 Prozent der Ausbildungsstellen in Deutschland bleiben unbesetzt, weil ein Studium als unerlässlich erachtet wird. Marie sieht den Fehler im deutschen System, das in erster Linie Druck ausübe: "Es verspricht zwar auf der einen Seite Sicherheit, aber gleichzeitig gleicht es einem goldenen Käfig!"

Irgendwann habe sie gelernt, dass sie Regeln brechen müsse, um dem Gittergestell zu entkommen. Am 10. Mai 2016 fliegt sie erneut nach Los Angeles. Sie hat ihren Rückflug auf den 7. August gelegt – aber in diesen Flieger wird sie nie steigen. Die amerikanische Behörde droht bei diesen Umständen mit einem Einreiseverbot von bis zu zehn Jahren, einer Geldstrafe oder sogar einer zweijährigen Haftstrafe.

Bei der Einreise besitzt sie noch 1000 Dollar

Marie ist das egal. Sie besitzt zum Zeitpunkt ihrer Einreise nur noch 1000 Euro, doch die halten einen in einer Stadt wie Los Angeles nicht lange über Wasser. Sie braucht dringend einen Job.

Aber wie soll sie ohne ein gültiges Visum eine gescheite Anstellung finden? Es scheint unmöglich. Online hat sie die Stellenausschreibung einer Hostessen-Bar entdeckt, wo Frauen mit Männern tanzen. "Ich hätte nie gedacht, dass ich eines Tages in so einer Bar arbeiten würde, aber ich brauchte Geld", erklärt Marie, die seither in dem Club tanzt. Weder Kunden noch Tänzerinnen dürfen Alkohol trinken. An der Bar werden nur Tee, Kaffee und Softdrinks serviert. Es darf kein Sex angeboten werden. Die Frauen dürfen die Männer nicht ansprechen, die Initiative muss vom Gast ergriffen werden.

"Ich könnte niemals in einem normalen Stripclub arbeiten", sagt Marie. "In der Bar erzählen einem die Männer oft nur von ihren Sorgen und suchen einen Gesprächspartner. Eigentlich ist es recht sozial. Das mag ich an dem Job." Bezahlt wird sie nur durch Trinkgeld. Manche Abende sind ernüchternd, wenn sie nur mit 40 Dollar nach Hause geht. Andere sind lukrativ und bringen ihr bis zu 200 Dollar in einer Nacht ein. Die Voraussetzung des Arbeitgebers sind simpel: kurze Kleider, keine Drogen.

Die russischen und mexikanischen Arbeitskolleginnen erklären ihr, dass sie sich eine gefälschte ID und Sozialversicherungsnummer kaufen müsse. Marie stutzt zunächst: "Ich musste meine eigenen Grenzen von Legalität überschreiten. Alles, was mir mein Leben lang eingetrichtert wurde, sollte ich vergessen. Das fiel mir nicht leicht." 

Im McArthur Park ist Marie froh, einen Freund dabei zu haben. "Er hat einen anderen Typen angequatscht, so kumpelhaft, wie es nur Kerle machen können. Ich hatte furchtbare Angst, dass wir jemanden Falsches ansprechen, einen Undercover-Beamten oder so", gesteht sie.

Im November 2016 wird Trump gewählt

Dann nähert sich ihnen ein anderer Kerl auf einem Fahrrad. Marie schreibt möglichst diskret ihre persönlichen Daten auf einen Zettel und reicht dem Fremden 150 Dollar. Sie hält die Situation selbst nicht für wahr: "Was machst du hier?", fragt sie sich. Eine Stunde später wird ihr eine gefälschte ID und die Sozialversicherungsnummer gebracht. Das Mädchen auf dem gefälschten Ausweis ist heute deutlich schmaler, ihr Haar ist dunkler. 

Im November 2016 wird Donald Trump zum neuen Präsidenten gewählt. Marie ist fassungslos: "Ich war davon überzeugt, dass Clinton am Ende gewinnen würde. Trumps politische Haltung gab mir die Gewissheit, dass ich zur Gejagten werden würde." Menschen um sie herum geraten in Panik. Marie solle sich ja nicht politisch äußern oder ihre Meinung sagen, heißt es im Club. "So muss es sich zu Zeiten der Gestapo angefühlt haben", beschreibt Marie die Situation. "Angst, dass es jeden Moment an der Tür klopfen könnte. Es werden noch immer Horrorgeschichten aus Gefängnissen erzählt, wahllose Kontrollen finden statt, Familien werden auseinandergerissen." 

2018 sammelt Trump durch ICE, die Behörde für illegale Migration, insgesamt rund 158.581 Einwanderer ein und lässt sie abschieben. Eine Steigerung von etwa 11 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Marie schüchtert nicht nur die Zahl ein, sondern auch die Tatsache, dass sie alleine ist: "Die Russen und Mexikaner haben jeweils eine riesige Community. Sie unterstützen sich mit Wohnungs- und Jobsuche. Wenn man sich für WGs bewirbt, muss man seinen Beruf angeben. Alles ist super offiziell. Das war dramatisch, weil ich niemanden erzählen wollte, dass ich in dieser Bar arbeite."

Marie wittert in einfachsten Dingen eine Bedrohung: Das Abschließen einer Mitgliedschaft im Fitnessstudio wird zu einer heiklen Situation, der Smalltalk mit dem Uber-Fahrer zum Slalomlauf – ständig gilt: bloß nichts Privates preisgeben! Doch während Donald Trump seine Geschütze auffährt, wappnet sich auch Marie. Organisationen wie die ACLU informieren die Illegalen über ihre Rechte. Los Angeles gehört zu den Sanctuary Cities, die Immigranten Schutz bieten und ihnen sogar Schlupflöcher ermöglichen. "Durch eine Putzfrau erfuhr ich, dass ich einen amerikanischen Führerschein machen konnte, ohne irgendwas vorlegen zu müssen", sagt Marie. "Politikern ist es ja bewusst, dass es gerade in Kaliforniern viele illegale Immigranten gibt, die allerdings die Wirtschaft aufrechterhalten."

Schätzungen des US-Außenministeriums belegen, dass besonders die Landwirtschaft von den illegalen Arbeitern profitiert. Größtenteils sollen es Mexikaner sein, die fast 70 Prozent der Belegschaft in landwirtschaftlichen Betrieben ausmachen. Fallen diese weg, würde sich eine wirtschaftliche Katastrophe ereignen. Marie weiß: "Diese Menschen fahren so oder so Auto. Da ist es doch besser, wenn man es mit einem legalen Führerschein sicher gestaltet." Sie selbst bevorzuge auch den Ausdruck "out of Status" anstelle des Wortes "illegal". 

"Deutschland ist keine Option für mich"

Marie nimmt Fahrstunden und kauft sich über Facebook-Marketplace einen Roller. "Der Führerschein gab mir ein Gefühl von Zugehörigkeit. Ich gehörte zu den anderen Illegalen, die auch dazugehören. Das hört sich komisch an, aber als Deutsche fühle ich mich häufig inadäquat." Sie vermutet, dass es vielleicht auch an ihrer manchmal doch konservativen Denkweise liegen könnte. Sie weigere sich zum Beispiel eine Scheinehe einzugehen, wie es viele ihrer Arbeitskolleginnen tun: "Ich bin 30 Jahre alt und würde mittlerweile gerne heiraten. Die meisten jungen Mädels, die eine Scheinehe eingehen, sind sich der Folgen nicht bewusst. Dann hängt nicht nur ihr eigener Kopf in der Schlinge, sondern auch der des amerikanischen Partners."

Wenn die Fake-Liebe auffällt, droht nicht nur ein Einreiseverbot, sondern eine Geldstrafe in Höhe von 250.000 Dollar oder sogar eine fünfjährige Haftstrafe. Auf die Frage, wie sie sich ihre Zukunft vorstelle, scheint Marie trotzdem entschlossen: "Ich bleibe hier. Deutschland ist keine Option für mich und trotzdem vermisse ich manchmal das Gefühl, Nachhause zu kommen und bei meiner Mutter zu sein."

Irgendwann, sagt Marie, werde sie jemanden kennenlernen, den sie liebt und der sie liebt: "Dann heiraten wir legal. Im Idealfall gibt es bald auch einen anderen Präsidenten. Es kann also nur besser werden."

*Name von der Redaktion geändert