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Impfen : Angst vor HPV: Warum sich viele Eltern mit der Impfung so schwer tun

Infektionen mit HPV, Humanen Papillomviren, können Krebs auslösen. Dennoch tun sich viele Eltern schwer mit der Impfung. Dabei könnte eine konsequente Impfung das Risiko für Gebärmutterhalskrebs drastisch senken.

Ja oder nein? ist eine Impfung gegen HPV-Viren wirklich sinnvoll?

Ja oder nein? ist eine Impfung gegen HPV-Viren wirklich sinnvoll?

Japan war 2013 eines der ersten Länder, das eine kostenlose HPV-Impfung angeboten hat. Frauen leiden hier besonders oft an Gebärmutterhalskrebs. Es gibt fast doppelt so viele Fälle wie in den USA. Die Impfrate stieg, der Weg zu einer Eindämmung dieser Krebsart war geebnet. Doch dann kamen die Impfgegner und ihre Medienkampagne. Die Impfrate fiel von fast 80 Prozent auf unter ein Prozent. Und niedrig ist sie heute immer noch.

Impfen ist ein hochsensibles Thema

Soll ich oder soll ich nicht? Bei Impfungen tun sich viele Eltern schwer. Immer wieder kommt das Thema Impfschäden auf den Tisch. Und gerade bei einer "neuen" Impfung, wie der HPV-Impfung, haben besonders viele Eltern Bedenken. Und das ist auch gut so. Denn vorher zu überlegen und sich beraten zu lassen, welche Impfungen sinnvoll sind und welche nicht, sollten alle Eltern. Sie von vornherein zu verteufeln wäre allerdings falsch.

Jüngst geriet die Impfung gegen HP-Viren wieder in Verruf, nachdem das SWR-Magazin "Report Mainz" über mögliche Nebenwirkungen der Impfung berichtete. Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) weist diesen Bericht klar zurück und bezieht sich auf die HPV-Impfempfehlung der Ständigen Impfkommission (STIKO) am Robert Koch-Institut (RKI).

STIKO-Empfehlungen gelten als medizinischer Standard.

Die STIKO prüft dabei nicht nur den Nutzen der Impfung für das Individuum, sondern auch für die gesamte Bevölkerung. Das heißt, die Empfehlungen zielen auch darauf ab, bestimmte Erkrankungen einzudämmen. "Außerdem entwickelt die STIKO Kriterien zur Abgrenzung einer üblichen Impfreaktion von einer über das übliche Ausmaß einer Impfreaktion hinausgehenden gesundheitlichen Schädigung. STIKO-Empfehlungen gelten als medizinischer Standard", heißt es auf der Seite des Robert Koch-Instituts.

Doch auch das überzeugt nicht alle Eltern. Will die Pharmaindustrie vielleicht doch nur an den Impfstoffen verdienen? Und welchen Studien kann man eigentlich wirklich trauen? Auch mögliche Impfschäden wie Autoimmunerkrankungen oder Autismus sind immer wieder im Gespräch. Obwohl Autismus als Impfschaden längt widerlegt ist und dem britischen Arzt Andrew Wakefield, der diese These vertritt, die Zulassung entzogen wurde, ist es kein Wunder, dass Skepsis bei vielen Eltern besteht. Es geht ja schließlich um das Wohl des Kindes. Die Frage bleibt: Impfe ich,  und schütze mein Kind so vor den Folgen von HP-Viren? Oder impfe ich nicht und bewahre mein Kind so vor möglichen Impfschäden?

Wir haben diese Frage Tanja Fehm, Direktorin an der Universitätsfrauenklinik Düsseldorf, gestellt:

Es gibt keine Spätfolgen durch die Impfung.

"In keiner der großen Impfstoffstudien und auch in der Auswertung großer Datenbanken von geimpften Frauen [...] konnte ein gehäuftes Auftreten von Autoimmunerkrankungen [...] nachgewiesen werden", erklärt Fehm.

Eine Frage des Alters

Okay, also zurücklehnen und das Kind sofort impfen lassen? So einfach ist es nicht. Das Alter entscheidet mit. Eine Impfung macht nur Sinn, solange Jugendliche noch nicht sexuell aktiv sind. Empfohlen wird der Zeitraum zwischen neun und vierzehn Jahren. Das Robert-Koch-Institut geht davon aus, dass HPV-Infektionen zu den häufigsten sexuell übertragbaren Infektionen gehören. Fast jeder Menschen infiziert sich im Laufe des Lebens mit HPV.

2014 gab es in Deutschland 4540 Frauen, die an Gebärmutterhalskrebs erkrankt sind. Hauptverantwortlich für die Erkrankungen sind HP-Viren. Vor allem zwei Formen von HP-Viren (HPV 16 und 18) sollen Tumore verursachen. Dazu gehört nicht nur Gebärmutterhalskrebs, sondern auch Tumore im Mund und Rachenraum. Deshalb wird inzwischen auch empfohlen, nicht nur Mädchen zu impfen, sondern auch Jungen. Denn HP-Viren können durch Oral- und Analverkehr auch in andere Körperregionen gelangen.

Mit dem Kind über Sex reden

Aber genau hier vermuten Experten das Problem: Viele Eltern sind gehemmt oder überfordert, mit ihren Kindern über eine sexuell übertragbare Krankheit zu sprechen. Viele Eltern können oder wollen sich nicht vorstellen, dass ihr vielleicht gerade zehnjähriges Kind demnächst sexuell aktiv sein könnte und hüllen sich in Schweigen. Verständlich, aber dennoch nicht sinnvoll. Denn sobald ein Jugendlicher sexuell aktiv ist, besteht Ansteckungsgefahr.

In Deutschland liegt die Durchimpfungsrate gegen HPV bei 15-Jährigen nach zehn Jahren Impfempfehlung der STIKO bei rund 31 Prozent. Im Vergleich zu anderen Ländern ist das gering. In Australien, England und Skandinavien sind die Impfquoten weitaus höher. In Australien liegt die Durchimpfungsrate bei rund 80 Prozent.

Was kann die HPV-Impfung bewirken?

Beispiel Australien: Bereits 2007 wurde in Australien die HPV-Impfung fest etabliert. Berechnungen der australischen Stiftung Cancer Council NSW zufolge könnte schon 2035 Gebärmutterhalskrebs auf vier Fälle bei 100.000 Frauen sinken. Das käme einer "Eliminierung" dieser Tumorart gleich, berichtet das "Deutsche Ärzteblatt". "Die Akzeptanz war zuletzt mit 78,6 Prozent bei Mädchen und 72,9 Prozent bei Jungen sehr hoch", so die Fachzeitschrift. Ein Beispiel dafür, wie eine konsequente Impfung vor Gebärmutterhalskrebs schützen kann.

Angebrachte Vorsicht oder einfach nur Dummheit?

Laut der Studie  "The State of Vaccine Confidence 2016: Global Insights Through a 67-Country Survey" lag die Rate der Impfgegner in Deutschland 2016 bei rund 10,5 Prozent. Im Vergleich zu Frankreich mit rund 41 Prozent recht wenig. Dennoch: Nicht nur die Impfung gegen HPV hat es schwer. Auch anderen Impfungen, wie zum Beispiel gegen Masern, stehen Eltern kritischer als früher gegenüber. Und auch, wenn die Masernfälle weltweit und in Deutschland rückläufig sind, tötete die vermeintlich harmlose Kinderkrankheit laut WHO 2018 immer noch rund 100.000 Menschen. Ein Großteil davon waren Kinder unter fünf Jahren.

Impfgegner sprechen gerne über Impfschäden. Doch hier überwiegt oft gefährliches Halbwissen oder schlichtweg Angst anstatt einer Risiko- und Nutzenabwägung. Das Paul-Ehrlich-Institut, das deutsche Bundesinstitut für Impfstoffe und biomedizinische Arzneimittel, hat von 2000 bis 2019 alle Verdachtsfälle von Impfschäden aufgeführt. Insgesamt gab es in diesen 19 Jahren 43.669 gemeldete Fälle. Ein bleibender Schaden entstand in 669 Fällen. Dazu gehört Taubheit an der Einstichsstelle oder die Verletzung von Nerven. 

Was können Eltern tun?

Sich informieren. Wer gut informiert ist, kann eine Impfung zwar hinterfragen, aber muss keine Angst vor ihr haben. Gute Ärzte informieren objektiv und klären Eltern über mögliche Folgen von Impfungen auf. Aber sie erklären auch, was die Folgen sein können, wenn nicht geimpft wird. Und das auch für das Allgemeinwohl. Denn ungeimpfte Kinder können andere anstecken und so zur Verbreitung von Krankheiten, die eigentlich durch Impfungen eingedämmt werden könnten, beitragen.

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