HOME

Bestürzung in Halle: "Was für ein Irrsinn! Wir können doch alle miteinander auskommen"

Nach dem antisemitischen Angriff auf eine Synagoge in Halle mit zwei Toten herrscht Fassungslosigkeit in der Stadt. Die Stimmung in den Straßen ist gespenstisch. Doch die Menschen stehen zusammen.

Im Dunkeln steht ein Mann mit Brille und grauen Locken vor einer von der Polizei bewachten Absperrung

Spät am Abend, als sich die Dunkelheit und die Kälte über die Stadt gelegt haben, brennen am Marktplatz von Halle Kerzen. Bürger stehen still vor dem Geoskop, einer der Sehenswürdigkeiten der Stadt. Jemand hat eine israelische Flagge ausgebreitet. Halle trauert und fühlt mit seinen jüdischen Mitbürgern.

Nicht weit entfernt, gleich um die Ecke der Synagoge, die als Tatort weiträumig abgesperrt ist, steht Hartmut Hedige hinter dem Tresen seiner Kneipe "Hartmut’s Gute Stube" und sagt: "Was für ein Irrsinn. Jeder soll seine Religion leben, wie er will. Wir können doch alle miteinander auskommen."

Nur knapp ist Halle offenbar einer noch größeren Katastrophe entgangen. Der Täter, Stephan B., hatte am Mittag versucht, in die viel besuchte Synagoge einzudringen - was ihm nicht gelang. Daraufhin erschoss er eine zufällig vorbeilaufende Passantin und fuhr mit seinem Auto vor einen Döner-Imbiss, wo er einen Mann erschoss.

"Dort war wirklich jeder willkommen"

In der Kneipe hat Hedige sich ein halbes Bier gezapft, er sagt: "Der hätte auf seinem Weg von der Synagoge auch hier anhalten können, dann würde es jetzt vielleicht heißen: Kneipenbesitzer erschossen. Das will ich mir gar nicht ausmalen." Auf dem Fernseher in der Ecke läuft die Live-Berichterstattung von RTL, die Stimme sagt: "Rechtsextremer und antisemitischer Hintergrund wurde soeben bestätigt."

Bei einem Schusswechsel mit der Polizei wurde der Täter verletzt, woraufhin er mit seinem Auto ins etwa 15 Kilometer entfernte Wiedersdorf floh, einen Ortsteil von Landsberg. Dort schoss er zwei Personen an, nötigte einen Werkstattbesitzer mit vorgehaltener Waffe dazu, ihm ein Auto auszuhändigen. Bei der weiteren Flucht baute der Täter einen Unfall und wurde festgenommen.

Vor einigen Jahren, erzählt der Wirt, hätte auch der Rabbi immer mal auf ein Bier an seiner Theke gesessen, er wurde sogar in die Synagoge eingeladen. "Ich wurde dort so herzlich aufgenommen, dort war wirklich jeder willkommen."

Gespenstische Stimmung in Halle an der Saale

An diesem Abend ist die Kneipe wie leergefegt, nur Hediges Mutter sitzt vor dem Tresen. Normalerweise wären schon lange die Stammkunden da, später würden dann auch die Studenten aus dem Viertel dazu stoßen, sagt der Wirt. Aber wegen der früher am Tag verhängten Notlage bleiben offenbar die meisten Haller zuhause. Auch Hedige wurde erst untersagt, die Kneipe überhaupt zu öffnen. Erst als klar war, dass Stephan B. ein Einzeltäter ist und in der Stadt keine Gefahr mehr herrscht, wurde das Verbot aufgehoben.

Immer wieder zuckt Blaulicht durch die Stadt

Streift man am Ende dieses Tages durch die Innenstadt, herrscht trotzdem eine beinahe gespenstische Stimmung. Kaum Menschen, an vielen Kreuzungen stehen vermummte, schwer bewaffnete Polizeibeamte. Immer wieder fahren Polizei- oder Rettungsfahrzeuge mit Blaulicht durch die Stadt. Hedige sagt, er hätte noch nie so viele Maschinengewehre gesehen in seinem Leben. "Ich dachte immer, so etwas würde nur in Paris oder London passieren." Hedige sagt, Halle sei so eine ruhige Stadt. "Umso wichtiger, dass wir jetzt alle zusammenstehen." Und das tun die Menschen in Halle an diesem Abend, nur wenige Stunden nach der Tat. Sie zünden Kerzen an, trauern und gedenken der Toten. Zusammen. 

Halle und Umgebung

Die Orte des Geschehens (rote Punkte):

In Halle fallen um die Mittagszeit Schüsse unmittelbar vor der Synagoge und des Jüdischen Friedhofs. Eine Frau wird erschossen.

Rund 600 Meter entfernt wird ein Mann in einem Döner-Imbiss erschossen. 

Auch im rund 15 Kilometer von Halle entfernten Landsberg fallen Schüsse. Im Ortsteil Wiedersdorf erpresst der Verdächtige in einer Autowerkstatt ein Fluchtfahrzeug und schießt zwei Menschen an.

Auf der B91 zwischen Weißenfels und Zeitz, knapp 40 Kilometer südlich von Halle, soll es schließlich zu einer Festnahme durch die Polizei gekommen sein.

rw