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13.000 Kilometer auf der Flucht: Saids Odyssee

Als Neunjähriger flüchtet Said Tohow aus Somalia. Nach drei Jahren und 13.000 Kilometern landet der Junge in Bayern. Es ist eine Geschichte über Gefangenschaft, Gewalt, Hunger - und große Sehnsucht.

Von Malte Arnsperger, München

Said Tohow sitzt an einem langen Tisch, vor ihm stehen belegte Brötchen, mehrere Kuchenstücke, Kaffee, Wasser, Apfelsaft. Said rührt nichts an. Der hagere dunkelhäutige Junge aus Somalia massiert seine langen feingliedrigen Finger. "Ja", "nein", "kann sein", antwortet er auf die ersten Fragen. Er meidet den Augenkontakt, schaut durch seine runden Brillengläser lieber zum Fenster raus. Es schneit. "Nein", sagt er, Schnee könne er auch nach drei Jahren in den bayerischen Bergen nicht leiden.

Dass der 16-Jährige überhaupt hier sitzt, ist ein riesiger Zufall und ein ebenso großes Wunder. Saids Geschichte ist die eines Jungen mit erstaunlichem Überlebenswillen und Zielstrebigkeit, sie handelt von skrupellosen Ausbeutern und barmherzigen Menschen. Es ist die Geschichte einer rund 13.000 Kilometer langen Flucht, die immer noch nicht zu Ende ist.

Said ist der Sohn eines Polizisten und einer Verkäuferin aus Mogadischu. In dem gescheiteren Staat herrscht seit Anfang der 90er-Jahre Bürgerkrieg. Saids Vater und ein Bruder fallen wie so viele der grenzenlosen Gewalt in dem ostafrikanischen Land zum Opfer. Mit seiner Mutter und einem weiteren Bruder wohnt er im Herzen Mogadischus. Saidia Tohow verdient zwar vergleichsweise gut, sodass sie ihren Sohn auf eine Privatschule schicken kann. Aber anstatt mit seinen Freunden nach der Schule unbeschwert spielen zu können, muss sich Said mit seiner Familie zuhause vor dem alltäglichen Tod auf den Straßen verschanzen. "Ich nie eine Stunde ohne Krieg gelebt", sagt er nuschelnd und in gebrochenem Deutsch.

Auf dem Weg ins gelobte Europa ist sich jeder selbst der Nächste

Said ist gerade neun Jahre alt, da droht ihm wie so vielen jungen Somaliern das Soldatendasein. Die islamistischen Al Shabab-Milizen, die weite Teile des Landes kontrollieren, verheizen jeden, der eine Waffe tragen kann, und sei er noch so jung. Saids Mutter will das verhindern, bringt ihren Sohn zunächst bei einer Tante unter. Sie verkauft mehrere Wohnungen, um ihrem Sohn die Flucht zu finanzieren und gibt einem entfernten Verwandten Geld, damit er Said in Richtung Europa mitnimmt. An einem Morgen brechen sie heimlich nach Äthiopien auf. Von seiner Mutter kann er sich nicht verabschieden, niemand darf von ihrer Abreise erfahren. "Komisch war das, ich war sehr traurig", sagt Said mit langsamen Worten. Ein T-Shirt, eine Hose und Schuhe habe er am Leib gehabt, erzählt Said. Sonst nichts. Kein Foto der Familie, kein Andenken.

Quer durch Somalia fahren sie mit dem Auto, überqueren die Grenze nach Äthiopien. Nach etwa einer Woche erreichen sie ein Flüchtlingslager - "Camp", sagt Said. Sie bekommen einen Flüchtlingsausweis, "refugee pass". Die überlebenswichtigen Wörter kann Said nur auf Englisch. "Viele Menschen" habe es dort gegeben, "nicht viel zu essen", erzählt der Junge. Said telefoniert kurz mit seiner Mutter, bittet sie um Geld. Nach einigen Tagen kann er es in einer Art Wechselstube abholen, 500 Dollar für die nächste Etappe, die Busfahrt in die Hauptstadt Addis Abeba. Sie landen schließlich in einem Hotel der Millionenstadt.

Scheinbare Sicherheit für das Kind. Doch dann macht sich der Verwandte aus dem Staub, als Said gerade schläft. Auf dem Weg ins gelobte Europa ist sich jeder selbst der Nächste - eine Erfahrung, die Said prägen wird. Denn es soll nicht die letzte Enttäuschung für den Jungen bleiben auf seiner Odyssee. Zunächst hat Said Glück, eine Frau aus der Gruppe somalischer Flüchtlinge kümmert sich um ihn. Mit ihr hat er heute noch Kontakt, sie hat es letztlich bis nach Norwegen geschafft.

"Wir sind gelaufen, gelaufen, gelaufen, 18 Stunden"

Doch noch ist Europa viele tausend Kilometer entfernt. Sechs Somalier, unter ihnen Said und seine Beschützerin, schleppen sich zu Fuß in den Sudan, geführt von einem Araber, einem professionellen Schlepper. "Wir sind gelaufen, gelaufen, gelaufen", erzählt Said. "18 Stunden, nur ein bisschen zu trinken." Kaum sind sie über der Grenze, lässt sie der Schlepper im Stich. Sie werden von der Polizei aufgegriffen und in ein Flüchtlingslager in der Nähe der sudanesischen Hauptstadt Khartoum gebracht. Sie warten einen Monat, vielleicht auch länger. Dann finden sie einen Schleuser, der sie für 500 Dollar pro Person in einem Viehtransporter durch die glühende libysche Wüste mitnehmen will. 30 oder 40 Flüchtlinge, darunter auch mehrere Kinder, hätten sich zwischen die Schafe gezwängt. Zu trinken habe es nur warmes Wasser gegeben, wer auf einer Rast eingeschlafen sei, sei in der Wüste zurückgelassen worden, erinnert sich Said. Die Flüchtlinge werden erwischt, landen im Gefängnis und werden dort von den Wärtern geschlagen. "Weil man illegal ist", sagt er und zeigt auf den Stamm eines kleinen Baumes, der neben ihm in einem Topf wächst. "Damit geschlagen."

Barbarische Zustände, selbst für Erwachsene. Es ist schwer herauszufinden, wie das Kind Said diese Situationen erlebt hat. Die Sprache ist dabei ein Hindernis, aber man merkt auch, wie schwer es Said fällt, darüber zu reden. Er macht immer wieder lange Pausen, knetet wie wild seine Finger. Dann sagt er Sätze wie diesen: "Man kann nicht an Hunger denken, weil ich habe verlassen meine Familie." Sie lassen erahnen, wie der kleine Junge leidet auf dieser Flucht, die ihn immer weiter von der Heimat entfernt.

Die Flüchtlinge kommen nach rund 30 Tagen frei, wohl durch Bestechung der Wärter. Beim zweiten Versuch gelingt die über 4000 Kilometer weite Fahrt nach Libyen. In der Nähe der Hauptstadt Tripolis kommen sie in einer Art Flüchtlingsdorf unter. Said meldet sich bei seiner Mutter, die hat inzwischen sogar ein Haus verkauft. Er schwindelt, um sie zu beruhigen. "Ich habe gesagt, mir geht's gut. Wenn ich sagen, es gehen schlecht, dann ist meine Mutter traurig."

Nach einigen Wochen bekommt die Gruppe aus Somalia für 900 Euro pro Person Plätze auf einem Boot, das sie auf die italienische Insel Lampedusa bringen soll. "Man kann nicht Boot sagen", berichtet Said, er lacht zum ersten Mal. Viel kleiner als ein Zimmer sei es gewesen. Auf dieser Nussschale drängen sich 70 vielleicht auch 90 Menschen, so genau weiß er das nicht mehr. Somalier, Algerier, Nigerianer, Ghanaer und "immer Kinder", sagt Said. "Ich habe nur geweint."

Mitten auf dem Meer fällt der Außenbordmotor aus. Sie haben Glück, die Küstenwache entdeckt sie und bringt sie nach Lampedusa. Am 25. Februar 2008 betritt Said Europa. Das Auffanglager dort platzt aus allen Nähten, nach wenigen Tagen wird Said nach Sizilien verschifft. Er wird in ein Jugendheim für Flüchtlinge gesteckt. Betreuung? "Nichts", sagt Said. "Nichts zu tun, nur essen und schlafen." Die teilweise schwer traumatisierten und gelangweilten Kinder aus allen Herren Länder prügeln sich um den Fernseher. Said türmt nach zwei Wochen mit zwei anderen somalischen Kindern und deren Onkel, wird aber auf dem italienischen Festland aufgegriffen und wieder zurückgebracht. Sechs, vielleicht auch acht Monate verbringt er in Sizilien. Erstaunlich: Im Nachhinein beklagt sich Said nicht über miserables Essen oder den fehlenden Fußballplatz im Lager. "Schlechtes Leben", sagt er, in Somalia sei er wenigstens auf der Schule gewesen und habe etwas gelernt. In Europa dagegen, "keine Schule überhaupt nichts zu tun. Geht überhaupt nicht".

Said will einfach nur weg. Er steigt ohne Fahrkarte in einen Zug, wird von den Schaffnern rausgeschmissen, und nimmt einfach die nächste Bahn. Unterwegs schläft er in Bahnhöfen, schlägt sich bis Turin durch. Aber auch in der dortigen Asylbewerberunterkunft sind die Bedingungen katastrophal. Es gibt kein fließend Wasser, Matratzen müssen sie sich auf dem Müll besorgen. Said lernt eine somalische Familie kennen, die in Amsterdam wohnt. Er zahlt ihnen 300 Euro, dafür nehmen sie ihn im Auto mit in die Niederlande. Er landet vom Regen in der Traufe, denn auch im dortigen Flüchtlingslager wird er ohne Betreuung nur aufbewahrt. Die Behörden schicken ihn nach Rom zurück, die Italiener sind zuständig, dort hat er seinen ersten Asylantrag in Europa gestellt. Aber Said gibt nicht auf. Er telefoniert mit einem Somalier, der in Deutschland lebt: "Komm hierher, hier ist es besser." Im Mai 2010 erreicht Said den Münchner Hauptbahnhof und wird in das Jugendheim gebracht, in dem er seitdem wohnt.

"Er kann es auf jeden Fall schaffen, aber er braucht Hilfe"

Den Kuchen, den Saft vor sich hat Said immer noch nicht angerührt. Er weiß jetzt schon, dass er in der folgenden Nacht schlecht schlafen wird, weil die ganzen furchtbaren Erinnerungen an die Flucht wieder in ihm hochsteigen. "Ich träume oft", sagt er, "ich denke immer über Vergangenheit nach, überlege, warum bist du weggegangen? Aber in meinem Land immer nur Krieg." Was war denn das Schlimmste in den drei Jahren auf der Flucht? "Alles schlimm", sagt er, "gar nix Schönes." Eine bemerkenswerte Antwort bekommt man, wenn man ihn fragt, ob es hier in Deutschland besser sei als in Italien oder Niederlande. Das bejaht er, denn hier dürfe er lernen und zur Schule gehen. "Mein Leben besser machen."

Said sei ein sehr ehrgeiziger Junge, sagt seine wichtigste Vertrauensperson, seine ehemalige Deutschlehrerin Steffi Hoffmann. Obwohl sein Deutsch noch sehr holprig ist, bekommt er in der Hauptschule durchweg gute Noten, schafft vielleicht sogar den qualifizierten Abschluss. Steffi Hoffmann (Said: "Nur ihr vertraue ich, sie ist wie Mama") drückt Said die Daumen, dass es mit seinem Wunsch, einer technische Ausbildung, klappt. Sie hofft auf einen verständnisvollen Arbeitgeber, der sich wirklich um ihren Schützling kümmert: "Dann kann er es auf jeden Fall schaffen, aber er braucht Hilfe."

Denn Said hat zwar einige Kumpels, spielt mit ihnen Fußball oder hält sich auch mal im Jugendhaus auf. "Aber er ist nun mal einfach alleine ohne Familie hier", sagt Steffi Hoffmann. Said selber sagt, er würde die Zeit außerhalb der Schule eigentlich am liebsten auf seinem Zimmer verbringen, zwischen dem Poster des FC Bayern München, seinem Computer und Koran-Versen an der Wand. Er denke öfter an Selbstmord, aber er sei gläubiger Muslim, so was "kann ich nicht machen".

Und Said hat ein Ziel: Somalia. Denn er fühle sich zwar in Deutschland sicher und er sei froh und dankbar, dass kurz vor seinem 16.Geburtstag die drohende Abschiebung zurück nach Italien gestoppt wurde und er eine Aufenthaltsgenehmigung bekommen hat. Aber richtig gut gehe es ihm nicht. "In Somalia sagen alle 'Europa, Europa, Europa'. Sie denken, Europa ist das beste der Welt", sagt Said. Wenn keine Gefahr durch die Al Shabab-Milizen mehr drohe, dann wolle er wieder zurück nach Somalia. "Auf jeden Fall, ist mein Land, meine Heimat."