HOME

Angriff auf US-Abgeordnete: USA ringt um Fassung

Die US-Abgeordnete Gabrielle Giffords ringt nach einem Kopfschuß immernoch um ihr Leben. In Tuscon, Arizona, können die Menschen nicht fassen, was am Samstag hier auf einer Wahlveranstaltung geschah. Bei dem Angriff auf die Parlamentarierin kamen sechs Menschen ums Leben, elf weitere werden verletzt.

"Ich kann es einfach nicht glauben", sagt eine Frau vor dem University Medical Center in Tucson. Sie ringt um Fassung - drinnen ringt die US-Kongressabgeordnete Gabrielle Giffords mit dem Tod. Fassungslosigkeit herrscht am Sonntag in der Stadt im US-Bundesstaat Arizona, nachdem am Vortag ein junger Mann bei einer Veranstaltung der Demokratin insgesamt 18 Menschen niedergeschossen hatte - sechs von ihnen starben. Und Fassungslosigkeit herrscht auch im politischen Washington. Wie konnte so etwas passieren?, lautet eine von vielen Fragen, die ein Schlaglicht auf eine Nation werfen, deren politische Lager so tief gespalten sind wie lange nicht mehr.

Während die Motive des 22-jährigen mutmaßlichen Täters Jared Lee L. noch im Dunkeln liegen, ist der Tathergang weitgehend rekonstruiert: Die 40-jährige Giffords hält am Samstag vor einem Einkaufszentrum eine ihrer Bürgerbegegnungen ab, die sie seit den für die Demokraten verlorenen Kongresswahlen häufiger veranstaltet. Ihren Sitz im Abgeordnetenhaus hatte die zweifache Mutter am 2. November nur denkbar knapp gegen die ultrakonservative Tea Party-Bewegung behauptet. Die Unterstützerin von Präsident Barack Obamas Gesundheitsreform geriet ins Visier von deren Frontfrau Sarah Palin. Die Republikanerin bezeichnete Giffords Mandat als eines ihrer "Ziele".

Mit einem gezielten Kopfschuss wird Giffords von dem Täter niedergestreckt. Sechs Menschen, darunter eine Neunjährige und ein Bundesrichter, sterben im Kugelhagel, elf weitere werden verletzt. "Es war wie ein Feuerwerk", erinnert sich Restaurantbesitzer Tony Martinez, der Einkäufe erledigte. Giffords Körper sei mit einem Tuch bedeckt worden. In Medienberichten ist schnell die Rede von ihrem Tod. Doch dann heißt es, sie lebe - die Ärzte sprechen von einem Durchschuss durchs Gehirn. Chefunfallchirurg Peter Rhee äußert sich zunächst sogar "optimistisch". Ein anderer Arzt dämpft die Zuversicht aber später: Es sei eine "verheerende Wunde".

Verheerend für den politischen Diskurs im Land waren in den vergangenen Monaten viele Äußerungen - vor allem von Tea-Party-Vertretern und den ihnen gewogenen konservativen Medien. Obama als Hitler auf Protestplakaten gegen die Gesundheitsreform gehörte zu besonders entwürdigenden Entgleisungen.

Jared Lee L., der laut Polizei vermutlich einen Komplizen hatte, dürfte anfällig gewesen sein für Hasspropaganda. Im Internet ließ er im Netzwerk MySpace und auf YouTube Blicke in sein Innerstes zu, gab als Lieblingsbücher Hitlers "Mein Kampf" an, faselte von der der Schaffung einer "neuen Währung", bezeichnete andere Menschen in Giffords Wahlkreis als "Analphabeten" und machte seiner Wut über seine Lehrer und seine Schule Luft, von der er rausgeflogen war. Wenige Stunden vor seiner Tat schrieb L., den die US-Armee nicht haben wollte und dem ein psychiatrisches Gutachten bescheinigte, für andere keine Gefahr zu sein: "Goodbye" und: "Bitte, seid nicht sauer auf mich."

Giffords bot Menschen wie dem mutmaßlichen Täter viele Angriffspunkte. Die dem konservativen Lager der Demokraten zugehörige Politikerin stimmte für Obamas Gesundheitsreform, die dem Land einen regelrechten Glaubenskrieg bescherte und selbst Obamas Demokraten spaltete. Sie ist zudem die erste jüdische Abgeordnete Arizonas. Und sie widersetzte sich den scharfen Einwanderungsgesetzen ihrer republikanischen Gouverneurin Jan Brewer.

Sheriff Clarence Dupnik erinnerte an zwei Vorfälle aus dem Wahlkampf Giffords: Einmal habe einer unter den Zuhörern eine Schusswaffe zum Vorschein gebracht, ein anderes Mal wurden Fenster von Giffords Wahlkreisbüro eingeschlagen. Auch der am Samstag getötete Bundesrichter John Roll hatte Drohungen erhalten.

Obama sprach nach dem Blutbad von einer "Tragödie". Brewer sorgte sich um Arizonas Ruf. Palin teilte mit, sie bete für die Opfer. Und Frank Woerth, ein Augenzeuge, beklagte: Menschen wie L. hörten auf "diese Idioten im Fernsehen und in den Blogs". Und dann sagt er: "Macht ihm den Prozess, gebt ihm 30 Tage und dann tötet ihn."

Shaun Tandon, AFP / AFP