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Beste Reportage (Egon Erwin Kisch-Preis): Der gute Müller

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Erschienen in DIE ZEIT vom 25.05.2005

Stefan Willeke

Der gute Müller


Ob sie Geologen waren, Historiker oder Schauspieler - um die erwerbslosen Akademiker hat sich beim Arbeitsamt in Saarbrücken Ludwig Müller gekümmert. Er hat sie getröstet und mit allerlei Maßnahmen in Arbeit gehalten. Vorbei, jetzt gilt Hartz IV. Niemand wird mehr aufgefangen.

Besser sei, hat Müller am Telefon gesagt, er komme mal schnell persönlich nach unten, dann könne nichts schief gehen. Den Herrn Müller von oben kennen die Aufpasser am Eingang, und wenn Müller einen fremden Besucher durch die Pforte schleust, muss der Besucher in Ordnung sein, weil ja auch Müller in Ordnung ist, ganz einfach. » Alles nicht mehr so einfach«, sagt Ludwig Müller. Ein paar Mal haben sich Kunden vor der Arbeitsagentur Saarbrücken geprügelt, einer hat ein Messer aus seiner Manteltasche gezogen. Das war Anfang Januar. Es waren die Tage, an denen der Arbeitsvermittler Müller zu spüren begann, wie sich Hartz IV auswirkt. » Herr Müller «, sagte später eine Kundin, » werfen Sie eine Bombe in diesen Laden, und gehen Sie vorher raus! « Am Eingang des fünfstöckigen Gebäudes stehen nun immer Sicherheitsleute, die Besucher nach Waffen abtasten. Neulich hat ein durchgeknallter Arbeitsloser einen dieser Aufpasser zusammengeschlagen. Das Wort » Kunde « klingt seither noch absurder als früher.

» Kommen Sie «, sagt Müller, » Frau Doktor Horberg wartet bestimmt schon. « Er steigt ein paar Treppen hoch und läuft einen hellen Flur entlang. Ein kleinwüchsiger Mann von 55 Jahren, grauer Haarkranz, ovale Brillengläser, ein schweres braunes Tweedjacket. Er geht schnurgerade und mit eiligen Schritten, seine Schultern schwingen rhythmisch hin und her. Sieht man Müller von weitem, glaubt man, Norbert Blüm müsse einen jüngeren Bruder haben. Dieser Müller ist vielen bekannt und dennoch ein Rätsel. Er traut sich, sehr unmodern zu sein. Es scheint, als sei er sogar stolz darauf. Kollegen gaben ihm den Spitznamen » ABM-Müller «. Das hört sich spöttisch an, aber es war als Auszeichnung gemeint.

» Jetzt wollen wir mal «, sagt Müller und öffnet die Tür, » bitte, Frau Doktor Horberg, setzen Sie sich. « In seinem Dialekt klingt eine gedämpfte Melodie durch, Frankreich ist hier sehr nah, und die erdschweren deutschen Töne lockern sich durch die herübergewehte Leichtigkeit. Bei Müller hört sich das immer an, als könne das Leben niemals ein schlechtes Ende nehmen, wenn er nur erst gesagt hat: » Nun setzen Sie sich mal! «

Elisabeth Horberg (Namen aller Arbeitslosen geändert) weiß nicht, wo sie anfangen soll, so viel ist durcheinander geraten. Ludwig Müller verschränkt die Arme vor dem Bauch und schweigt. Seit fünf Jahren ist Frau Horberg ohne Arbeit, sie trägt einen schwarzen Rollkragenpullover, hat einen Doktortitel in Vor- und Frühgeschichte. » Man nimmt mich nicht ernst «, sagt sie, » es hat keinen Sinn. « Ihren Titel verschweige sie bei Bewerbungen, weil sich ein Doktor ganz schlecht mache, wenn man sich darum bemühe, Kisten stapeln zu dürfen. Aldi, Lidl, McDonald's, sagt sie, »alles habe ich probiert. Die nehmen mich nicht. « Müller nickt freundlich. » Studium «, sagt Frau Horberg, » wenn ich >Studium< sage, ist es vorbei. « - » Sie sind 42 Jahre alt «, habe einer von Aldi zu ihr gesagt, » tut mir leid, Sie können keine Paletten mehr heben. « Niemanden will Müller verletzen, deshalb darf er nicht unaufmerksam werden, nur selten mischt er sich ein. Dabei sind solche Geschichten in Müllers Büro in tausend Varianten schon tausend Mal erzählt worden. Für Geisteswissenschaftler, Biologen, Geologen, Juristen, Lehrer und Künstler ist er zuständig, 750 Namen stehen in seiner Computerdatei. Müller kennt sie fast alle persönlich, er ist eine Institution. » Geh zum Müller «, sagen arbeitslose Akademiker im Saarland und meinen damit nicht ihren Ministerpräsidenten Peter Müller.

»Ich fühle mich so veräppelt, 'tschuldigung, so verarscht«

Fragt man den Arbeitsvermittler Müller, wo er denn die Stellenangebote für seine Kundschaft aufbewahre, dann wendet er sich vom Schreibtisch ab, bückt sich und schließt einen niedrigen Aktenschrank auf, holt eine speckige Plastikbox mit kleinen Karteikarten heraus und sagt: » Mal zählen. Drei. Vier. Fünf. Fünf Stellen in der Umgebung. Zwei habe ich gerade vergeben. Bleiben drei. « Deswegen liegen auch keine Bewerbungsmappen von Arbeitslosen mehr in Müllers Schränken. Diese Mappen sollen bei ihm nicht dasselbe Gefühl auslösen wie ein Stoß Werbung zu Hause im Briefkasten.

» Wir können doch nicht alle Mappen zurückschicken «, hörte Frau Horberg Sekretärinnen am Telefon sagen, » wo denken Sie hin? « Wohl hundert Mal hat sie ihren Lebenslauf in ein großes schwarzes Loch gesteckt.

Mit ihrem Eberhard, sagt Elisabeth Horberg, werde es unerträglich. Müller nickt, auch der Eberhard ist bei ihm Kunde. Der Eberhard brülle oft herum, »ich kann nicht mehr schlafen«, sagt Elisabeth Horberg, » unsere Ehe geht kaputt «. Der Eberhard ist Archäologe, spricht sehr gut französisch, aber auch die Franzosen wollen ihn nicht. Er wirft seiner Frau vor, dass sie nie gearbeitet habe seit ihrer Promotion, er selbst brachte es auf ein Jahr. Der 15-jährige Sohn, der Markus, und wieder nickt Müller wissend, wolle jetzt von der Schule abgehen und Gebrauchtwagenhändler werden, und als seine Mutter auf den Jungen einredete, er brauche doch Bildung, da habe der Junge geantwortet: » Mama, Bildung? Man sieht ja, was aus dir geworden ist. « Wie versteinert sitzt sie da. Ludwig Müller hat ihr schon eine Bildungsmaßnahme besorgt, beim Hörfunk, später hat es als Aushilfe in einem Archäologiepark geklappt. » Den haben wir seit Jahrzehnten gesponsert «, sagt Müller, » jetzt geht das nicht mehr. « Bisher gab es bei Müller eigentlich immer was. Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen und Strukturanpassungsmaßnahmen, ABM und SAM, Fort- und Weiterbildungskurse, FBW, Eingliederungszuschüsse, EGZ, Lohnkostenzuschüsse, Müller kennt sich da aus. Aber die Zeiten haben sich geändert. Hartz IV. Die allermeisten Maßnahmen sind gestrichen. Der Sozialstaat soll Arbeitslose nicht länger durchfüttern, er soll sie aufrütteln. Er soll sie befreien aus einem Gefängnis, das ihnen wie eine beschützte Werkstatt vorkam. Hat Müller einen Fehler gemacht?

Frau Horberg will demnächst als freiberufliche Wissenschaftsjournalistin arbeiten, aber weil sie nie eine richtige Stelle hatte und deshalb nie in die Arbeitslosenversicherung einzahlte, darf Müller ihr für den Berufseinstieg kein Geld geben, keinen Kurs bezahlen, nichts. » Ich würde Ihnen gerne helfen «, sagt er, » aber diejenigen, die es am nötigsten haben, darf ich nicht mehr fördern. « - »Ich fühle mich so veräppelt «, sagt Elisabeth Horberg, » 'tschuldigung, Herr Müller, so verarscht. « Müller schaut traurig über den Rand seiner Brillengläser, keiner sagt mehr was, es gibt nichts mehr zu sagen. Damit er etwas tun kann, tippt Müller fahrig auf den Tasten seines Computers herum. » Was macht eigentlich der Peter? «, fragt Frau Horberg. Müller schaut auf seinen Monitor und sagt: » Der kriegt vielleicht ein Stipendium. « » Morgen komme ich noch mal kurz vorbei «, sagt Elisabeth Horberg, streift ihre Jacke über und geht. Nie war sie glücklich, wenn sie Müllers Büro verließ, aber immer ein bisschen weniger unglücklich.

Erster Stock, dann links, Hans-Ludwig Müller, die letzte Station auf einem langen, unübersichtlichen Weg. Müller kann nicht viel tun, er hat ja so gut wie keine Stellen, kaum noch »Maßnahmen«, dafür 1-Euro-Jobs. Müller muss nicht viel tun, die Menschen kommen trotzdem, es reicht, wenn er ihnen zuhört. Raum 1022, das Wartezimmer einer deutschen Elite. Zwar ist das Risiko, keine Stelle zu finden, für Akademiker auch heute noch viel kleiner als für weniger gut Ausgebildete, aber die Gruppe der arbeitslosen Hochschulabgänger vergrößert sich besonders schnell, nachdem die Wirtschaftsflaute auch Technologie- und Planungsfirmen erfasst hat und die Flure der fest Angestellten sich leeren. Bei Müllers Kunden, den Sozial- und Kulturwissenschaftlern, war es schon immer schwierig, jetzt wird es dramatisch.

Als im vergangenen Herbst der Kulturdezernent in Saarbrücken feierlich verabschiedet wurde, bevor er in den Ruhestand ging, war auch Müller eingeladen. 600 Leute kamen zusammen, im Festsaal des Rathauses plauderte die Stadtprominenz an Stehtischen, und Müller hielt ein wenig Abstand. Er mag das Spiel mit Floskeln und Eitelkeiten überhaupt nicht, alles Aufgeblasene ist ihm zuwider. Trotzdem fühlte er sich angezogen von diesem Abend, weil es um die Kultur ging. Als der scheidende Dezernent zu einer Abschiedsrede anhob, bauten sich hoch gewachsene Manager aus umliegenden Firmen in den ersten Publikumsreihen auf, lächelten souverän zum Dezernenten und verdeckten den kleinen Müller. Bei der Carlsberg-Brauerei bedankte sich der Politiker für die großzügige Förderung, bei Saar-Toto, Peugeot, und Müller war ziemlich enttäuscht. Immer werde so getan, als sei der Staat nur Kostgänger und der private Unternehmer der Mäzen. » Es ist ihm wohl peinlich, mit dem Arbeitsamt in Verbindung gebracht zu werden «, dachte Müller still, ging nach der Rede zum Dezernten und sagte aufgebracht: » Das war ja wohl nix. Sie haben uns vergessen. Auch wir haben die Kultur gefördert. Wir vom Arbeitsamt. «

Vor ein paar Wochen hat Ludwig Müller eine erste, noch sehr unvollständige Bilanz seines Lebenswerks aufgestellt, erst handschriftlich, später hat er alles in seinen Computer getippt. Bibliothek in der Staatskanzlei, musische Erziehung in Schulen, Naturpark Spicherer Höhen, Verein zur Förderung der Medienarbeit, Filmfestival Max Ophüls, französisches Theaterfestival, Verein der Freunde der Biosphärenregion Bliesgau, Musikfestspiele Saar, Jugendkulturfestival Sankt Ingbert, Bund für Zupf- und Volksmusik, Schuldnerberatung, Fotodokumentation der städtischen Denkmalpflege, Mobilitätsberatung am Bahnhof Burbach, Chronik der saarländischen Polizeigeschichte, Heimatmuseum Auersmacher, Freunde des Radiosymphonie-Orchesters Saarbrücken, Jazz-Syndikat Saarbrücken, Landesverband Psychiatrieerfahrener, deutsch-französisch-polnische Jugendbegegnungen, Hurenselbsthilfe e. V., Stadtgalerie, Rockmusiker-Verband. Die Aufzählung könnte noch lange weitergehen. 149 Namen von Vereinen, Behörden und Einrichtungen sind zusammengekommen, da hat sogar Müller gestaunt. Dabei dokumentieren seine zwölf maschinengeschriebenen Seiten lediglich die Jahre 2001 bis 2004 und auch nur die wichtigsten Maßnahmen. » Wir haben das alles nie an die große Glocke gehängt «, sagt Müller, » wir sind bescheiden. « Und wenn es noch eines Beweises für die Bescheidenheit bedarf, dann ist es das Wörtchen » wir «. Zeitungsmuseum, kommunales Kino, Notrufgruppe, Museum für Vor- und Frühgeschichte ... » Wir waren ganz groß im Geschäft. « Wer die Liste zu Ende liest, ist fest davon überzeugt, das Saarland sei allein Müllers Maßnahme. Es bricht sehr viel weg, wenn Müllers übrig gebliebene Maßnahmen in diesen Wochen auslaufen. Es geht nicht allein um 1-Euro-Jobs, es geht um einen Teil der Gesellschaft, der früher wie selbstverständlich bezuschusst wurde und niemals ohne Staatsgeld auskommen kann. Um Bücher geht es zum Beispiel, um Kinos, Schauspielbühnen, Museen, um lauter öffentliche Angelegenheiten, für die sich der Staat nicht mehr zuständig fühlen will, weil dieser ganze Staat auf einen Prüfstand geraten ist. Der Staat ist schlecht, behaupten die Prüfer von McKinsey in einem fort, die den Staat untersuchen, erschütternde Befunde notieren und dem Staat Rechnungen schreiben. Der Staat verplempert Geld, macht es sich gemütlich, verwaltet seine eigene Unfähigkeit, man kennt das ja. Seither fährt der Staat einen Entlastungsangriff gegen sich selbst, schließt Kulturbetriebe und soziale Einrichtungen, all die Orte, an denen Müller früher seine Leute unterbrachte. Ludwig Müller fühlt sich getroffen, wenn der Staat auf sich selbst schießt.

»Jetzt sag' halt Ludwig zu mir!«, fordert Müller einen Kunden auf

» Walter «, ruft Müller, als sich wieder die Bürotür öffnet, » Walter, jetzt warte noch einen Moment! « Walter Hinze ist heute 49 Jahre alt, und seine Arbeit begann immer dann, wenn jemand gestorben war. In einer Bildungsstätte war Hinze der mobile psychosoziale Dienst, er fuhr hinaus zu trauernden Familien, versuchte mit Worten zu helfen, dann aber liefen die Fördergelder aus, und Hinze musste gehen. » Ich weiß gar nicht genau, was Müllers Beruf ist «, sagt Hinze, » er war jedenfalls gut für mich «, und Müller lacht. In dieses Lachen kann sich Müller richtig hineinsteigern, sein Körper beginnt leicht zu beben, die Oberschenkel wackeln im Takt, das Lachen läuft in gleichförmigen Wellen an Müllers rundlichem Körper herunter, und kurz verwandelt sich Müller dann wieder in einen bärtigen Norbert Blüm.

Es war ein langes Hin und Her mit dem Kunden Hinze, mal Arbeit, mal keine, mal eine Maßnahme, mal keine. Hinze kam öfter, die beiden unterhielten sich angeregt, sie kamen einander näher, und irgendwann meinte Müller: » Jetzt sag halt Ludwig zu mir. «

Aus den Saarbrücker Maßnahmen ist so manche Ehe hervorgegangen

Hinze schulte um, die Behörde zahlte, er wurde Familientherapeut, und während des Kurses verliebte er sich in eine Frau, die er später heiratete. Auch sie war eine Kundin, auf demselben Behördenflur, gleich bei Müller nebenan. Aus Ludwig Müllers Maßnahmen ist schon so manche Ehe hervorgegangen. Müller denkt eine Weile nach, kräuselt die Stirn, dann sagt er: » Mindestens sechs Ehen. « Einmal war Müller sogar zum Polterabend in einem Museum eingeladen, nachdem sich ein arbeitsloser Mann und eine arbeitslose Frau in einem ABM-Projekt gefunden hatten. Die beiden hielten Müller für ihren Ehestifter, aber Müller fand das reichlich übertrieben. » Es war ein rauschendes Fest «, sagt Müller.

Als junger Mitarbeiter, rund 30 Jahre ist es her, hatte Müller noch Flausen im Kopf. Da glaubte er, man werde etwas im Menschen bewirken, wenn man ihn ständig bedrängt und zwingt. » Man muss nur Druck machen «, dachte er, » dann hat man auch Erfolg. « Aber der Mensch ist erfinderischer, als Müller damals annahm. » Alle, die ich hart angefasst habe, sind danach ausgebüxt. « So erging es Müller, so ergeht es vielen seiner Kollegen. Als Müller einige seiner Kunden zwingen wollte, sich auf unangenehme Jobs einzulassen, meldeten sich Arbeitslose krank, andere stellten sich in Vorstellungsgesprächen unerhört dumm an, wieder andere verpassten plötzlich ihren Bus und kamen bei Bewerbungsterminen viel zu spät, wieder andere liefen zu Anwälten. Verhängte Müller Sperrzeiten, sodass Arbeitslose eine Zeit lang kein Geld vom Amt mehr bekamen, hoben Sozialgerichte die Strafen oft auf. Wenn nicht, versuchten einige der Bestraften, in die Schwarzarbeit zu flüchten. Sie wurden für Müller unsichtbar, sie entzogen sich ihm, und Müller dachte viel nach. Er kam zu dem Schluss, er müsse auf einem Irrweg gelandet sein. » Dieser Druck «, sagt er, » war ja ohnehin gegen meine Überzeugung. « Ihr gehorchte Ludwig Müller fortan, er nimmt sich Zeit für seine Leute, gibt ihnen das Gefühl, wichtig zu sein, zumindest eine halbe Stunde lang. Sie sollen das Flüchten verlernen. Fritz Rösler klopft energisch, bevor er Müllers Büro betritt. Doktor Fritz Rösler, habilitiert in Jura, trägt einen hellgrauen Anzug, sein Gesicht ist voller roter Flecken. Er sieht sehr mitgenommen aus und sagt empört: » Herr Müller, die Männer da unten haben mir ins Jackett gefasst! Die denken wohl, ich sei ein Verbrecher. Was ist hier los? «

Als Rösler das erste Mal hier war, sagte er: » Ich brauche jetzt eine Risikoberatung. « Rösler wirkte arrogant, einer, der Forderungen stellt und erwartet, dass jemand sie exakt erfüllt. » Es war ein Fehler von Ihnen, so lange an der Uni zu bleiben «, antwortete Müller, von da an war es aus. » Dieser Müller steht mir im Weg «, dachte Rösler. Sein ganzes Berufsleben hatte Rösler auf eine akademische Karriere gesetzt, fast alles war ihm gelungen, aber nicht der entscheidende letzte Schritt, der Ruf zum Professor blieb aus. Nun ging es bergab mit Fritz Rösler, auch seine Ehe zerbrach. Rösler bewarb sich nur auf Professorenstellen, er sah nicht ein, dass er etwas anderes suchen musste. Zornig klammerte er sich an seine erträumte Biografie, und Müller ließ ihn gewähren, fast zwei Jahre lang.

» Ich hielt mich zuerst für einen Zeugen entfernter Vorkommnisse«, sagt Rösler, »ich stand neben mir. « Er konnte sich von seinem Schock ein wenig erholen, weil Müller ihm die Erholung finanzierte. » Ich zwinge Sie zu nichts «, sagte Müller einmal zu Rösler, aber Rösler blieb skeptisch. Müller schrieb ihm Briefe, Rösler möge sich melden, alle drei Monate. Müller besorgte ihm eine Stelle als Praktikant, aber Rösler weigerte sich, er sei doch Privatdozent. Erst vor wenigen Monaten ließ er sich helfen, Müller vermittelte ihn als Freiberufler an eine Anwaltskanzlei. Müller hatte gerechnet und Rösler einen Zuschuss für Existenzgründer bewilligt, eine der letzten Geldquellen in Müllers Büro. Ein übersichtlicher gelber Taschenrechner mit fingerdicken Tasten steht auf Müllers Schreibtisch, das Gelb war mal weiß. » Der geht immer noch «, sagt Müller, die neueren Apparate hätten nach kurzer Zeit alle schlapp gemacht. Müller erklärt seinen Taschenrechner, wenn er sich selbst erklären will.

Unaufhörlich hat Müller dazugelernt in seinem Beruf, zum Beispiel etwas über mittelalterliche Numismatik, über die Geschichte der Arbeiterbewegung an Saar und Mosel, die Begriffswelt des Aristoteles. Viele Magister-, Diplom- und Doktorarbeiten seiner Kunden hat Müller gelesen. Er will etwas von den Menschen verstehen, die sich an ihn wenden, und manchmal gelingt das ganz und gar nicht, aber sie lieben ihn allein für den Versuch. » Wenn ich die Leute nicht kenne «, sagt Müller, » weiß ich auch nicht, welcher Job zu ihnen passen könnte. « Ruft ein Neuer an und gibt als Erstes seine Kundennummer durch, antwortet Müller: » Nee, sagen Sie mir Ihren Namen! «

Auf Müllers Fensterbrett stehen Bücher, die ihm Kunden aus Dankbarkeit schenkten oder zum Abschied. Eine Germanistin bastelte ihm eine Weihnachtskarte, ein Romanist überreichte ihm ein Relief aus Italien, eine Frühgeschichtlerin brachte ihm Ton-Nachbildungen von einer Grabung in Bulgarien mit, ein Althistoriker schenkte Müller rumänische Ikonen. Viele Bildbände hat Müller nach Hause getragen. Ein persischer Germanist brachte ein Jesusbild vorbei, eine afrikanische Germanistin eine Holzskulptur, eine Islamwissenschaftlerin eine Steinskulptur mit Derwischen. Hinter ihm an der Wand hängen Madonnenreliefs, und wenn Müller zur Tür schaut, durch die seine Leute kommen und gehen, blickt er auf ein Poster, das einen grauenerregenden Ausschnitt des Isenheimer Altars in Colmar zeigt. Die lodernde, meuchelnde Hölle. Das Verderben im Blick, die Madonna hinter sich - Ludwig Müller fühlt sich gut aufgehoben an diesem Fleck.

Ludwig Müller ist ein sehr gläubiger Mensch. Er glaubt, dass es im Leben keine Zufälle gibt, dass jemand das irdische Schicksal lenkt und dass der Mensch zum Guten fähig ist. Tritt ein Arbeitsloser aus der Kirche aus, vielleicht aus Wut auf die Welt, vielleicht aus Enttäuschung über das eigene Leben, dann sagt Müller immer: » Das ist ein Fehler. « Ludwig Müller fühlt sich einer höheren Instanz verpflichtet als nur der Bundesagentur für Arbeit, und deswegen kümmert es ihn manchmal wenig, was diese Agentur gerade für opportun hält. » Du mit deinen Leuten «, sagen sie jetzt öfter in der Agentur, und das ist nicht mehr nur anerkennend gemeint. Dieser Müller, heißt es hinter vorgehaltener Hand, ist von gestern. ABM, das kostet nur und bringt nichts, in tausend Studien kann man es nachlesen, ABM, das war Unfug und wird es immer bleiben, Verschwendung von Versicherungsbeiträgen, irrsinnig teurer Unfug, das kann man inzwischen sogar in der SPD laut aussprechen, ohne dass einer dagegenhält. Ist Ludwig Müller durchgedreht?

Das Telefon klingelt, Müller nimmt ab. » Ach, Sie sind es, die Opernsängerin. Schön, von Ihnen zu hören. « So geht das den ganzen Tag. Wieder bimmelt es, Müller hört eine Weile stumm zu, und als er aufgelegt hat, sagt er lächelnd: » Das war die Frau des Professors, er hat Norbert Schuster einen Job gegeben. Die Frau des Professors braucht jetzt auch einen Job, genau wie Schuster. « Norbert Schuster hat sein Gesicht hinter einem dichten Vollbart verborgen, die schulterlangen Haare hängen in Strähnen herab. Magisterarbeit über Strafjustiz in der frühen Neuzeit, ausgebildeter Historiker. Schuster musste neulich wieder bei seinen Eltern einziehen, es ging nicht anders, dort zahlt er wenigstens keine Miete. » Arbeitslose sind selbst schuld, wenn sie keine Arbeit kriegen«, sagte Schusters Vater früher, nun schweigt er. » Mein Vater leidet sehr, wenn er mich sieht«, sagt Norbert Schuster. Der Vater schimpft, wenn der Junge in seinem Zimmer die Musik laut dreht. Norbert Schuster ist 46 Jahre alt, arbeitet wieder in dem historischen Institut, wo er vor langer Zeit sein Studium beendete, dort verdient er jetzt einen Euro in der Stunde. Er sortiert alte Zeitungen. » Mit ABM wird nichts mehr sein «, sagt Müller. » Vielleicht in ein paar Monaten «, antwortet Schuster. » Ich kann Ihnen keine Hoffnung machen. « » Ich hoffe darauf. Ich habe keinen Job. « » Sie sind aber auch so etwas wert. «

Vor gut zwanzig Jahren, als Massenarbeitslosigkeit ein deutsches Thema zu werden begann, glaubte man noch, dass sich eine bedrohte Arbeitsgesellschaft sinnvoll ersetzen lasse durch so etwas wie eine Bürgergesellschaft der Ehrenamtlichen. Man glaubte, dass man bloß etwas anderes an die Stelle der Lohnarbeit setzen müsse, damit Arbeitslosigkeit erträglich würde. Nichts davon hat sich bewahrheitet. Die Menschen in Müllers Büro zweifeln oft an sich, manche beginnen sich zu verachten, ihre Vorstellung vom Leben ist ohne Arbeit bedrückend leer. Sie haben etwas aus sich machen wollen, sonst hätten sie nicht studiert. Ihr geschulter Geist setzt ihnen zu. Sie lassen sich nichts vormachen, sie durchschauen ihre Misere ganz und gar, sie durchschauen die Folgen, pausenlos grübeln sie und drohen darüber zu zerbrechen. Erst wenn sie völlig verzweifelt sind, kann man ihnen etwas vormachen.

Wenn erst mal die Würde zerfällt, ist nicht mehr viel zu retten

Weil richtige Arbeit nicht da ist, gibt ihnen Müller seine Art der Arbeit. » Die Würde der Menschen erhalten « nennt er das, » ihre seelische Gesundheit «. Zerfällt die Würde eines Arbeitslosen, dann ist nicht mehr viel zu retten. Kleiner und kleiner wird das Selbstbewusstsein von Mal zu Mal, so deprimierend klein, dass die Menschen in Müllers Büro verloren sind für große Aufgaben, zum Beispiel für verantwortungsvolle Arbeit. Dann scheitern Arbeitslose sogar an harmlosen Hindernissen, schon an dem abweisenden Blick einer schlecht gelaunten Sekretärin. Einen solch hilflosen Bewerber würde nicht einmal ein Firmenchef Ludwig Müller noch einstellen.

Vor ein paar Monaten ist in Müllers Büro etwas passiert, über das er nicht gerne spricht. » Das war wohl nicht sehr professionell «, sagt er nur. Es war jener Tag, an dem diese junge Biologin wieder bei ihm auftauchte und deprimiert vor ihm saß. » Ich will nicht mehr «, brachte sie schluchzend hervor, » wenn das alles nicht klappt, mache ich Schluss. « - » Nein! «, schrie Müller plötzlich. » Hören Sie auf, hören Sie auf! « Müller versuchte noch, sich zusammenzureißen, aber das gelang ihm nicht, er konnte sich einfach nicht mehr beruhigen, Tränen liefen über sein Gesicht. Er weinte und weinte wie ein Kind. Als die Biologin ihn erschrocken anstarrte, sammelte Müller sich langsam wieder, wischte die Tränen weg und sagte: » Entschuldigung, ich habe diesen Satz in letzter Zeit öfter gehört. « Er musste an etwas denken. Ein arbeitsloser Sprachwissenschaftler hatte in Müllers Büro einmal gedroht, sich umzubringen, zehn Jahre ist es her. Müller kannte diesen Mann nur flüchtig. Man fand den Arbeitslosen später tot in seiner Wohnung, er hatte sich ein Messer in die Brust gerammt. Dass einer so weit gehen könnte, schien für Müller damals undenkbar.

» Möchtest du was trinken? «, fragt Müller, als sich die arbeitslose Schauspielerin Tanja Kirst auf einen Stuhl im Büro fallen lässt. Tanja Kirst könnte stundenlang schimpfen auf das Arbeitsamt, den Staat, seine feindseligen Gerichte, die gnadenlosen Banken. Schon bei Kleinigkeiten geht sie an die Decke, das gefällt Müller sehr. » Die meisten Arbeitslosen resignieren ja nach einer Weile «, sagt er. Tanja Kirsts Agent, der ihr Rollen im Theater beschaffte, starb vor vielen Jahren, danach probierte sie vieles, und vieles misslang, so wurde Müller ihr Agent. Tanja Kirst schnaubt wütend: Der andere Müller, der Peter, der Ministerpräsident, der immer behaupte, » der Name Müller bürgt für Qualität «, der wolle sogar das Staatstheater klein hauen. Als Tanja Kirst fortfahren will, unterbricht Ludwig Müller sie: » Komm. Ich habe Karten besorgt. «

Ein Arbeitsvermittler und eine aufbrausende Kundin mit rot lackierten Fingernägeln wühlen sich durch die Menschenmenge im Kinocenter hinter der Agentur für Arbeit. » Hallo, Herr Müller «, » Warten Sie doch mal, Herr Müller! «, überall bekannte Gesichter, eine ehemalige Kundin wendet sich brüsk ab, eine andere küsst ihn zärtlich auf die Wange, es dauert eine Weile, bis er im Kinosaal ankommt. Ein Filmfest hat begonnen, » auch da haben wir über Jahre investiert «, sagt er. Müller setzt sich und schaut sich im Publikum um, sein Kopf bewegt sich nickend in einem Halbkreis. Gleich wird das Werk eines unbekannten Nachwuchsfilmers gezeigt, Willkommen im Club. Vor der Leinwand steht ein schlaksiger junger Regisseur mit einem Mikrofon. Als er mit einem Mal dem Arbeitsamt dankt, streckt sich Müller und rutscht im Sessel hoch, blickt mit großen Augen zum Regisseur, aber der redet achtlos weiter. » Ach, ich dachte jetzt, der meint mich «, sagt Müller und sinkt kichernd aufs Polster zurück.

Schalke-Fan Weller braucht dringend einen Job, die arbeitslose Tonja lässt sich von wohlhabenden Zechbrüdern an den Hintern fassen, und als am Ende des Films auch der überkorrekte Mann vom Arbeitsamt seine Stelle verloren hat, trifft er beim Ausleeren des Mülleimers auf den herumlungernden Weller und sagt zu ihm: » Ich kenne da jemanden, dem können Sie gerne mit meiner Erlaubnis die Eier abreißen. « Ludwig Müller klatscht, und Tanja Kirst hat anzumerken, dass den Filmemachern ein blöder Fehler unterlaufen sei: Auf den Umschlägen von der Agentur für Arbeit kleben doch niemals Briefmarken. » Ach, du immer! «, sagt Müller, und nach einem Glas Rotwein fährt er heim in seine Kleinstadt Spiesen-Elversberg. Dort steht er nicht im Telefonbuch, dort ist er nur ein Nachbar. Müller braucht dieses Reservat, damit sein Beruf ihn nicht zerfrisst. Am nächsten Morgen wacht er schon wieder um Viertel vor fünf auf, liegt erschöpft in seinem Bett und sieht Gesichter aus seinem Büro. » Ich bin jetzt wie Don Quichotte «, sagt sich Müller, » Ich kann nichts mehr ausrichten. «

»Noch einmal eine ABM, nur noch einmal, bitte, Herr Müller, bitte!«

Geht man mit Müller durch Saarbrücken, muss man ständig stehen bleiben. Ein junger Kunsthistoriker eilt aus einem Museum, sagt: » Herr Müller, mein Vertrag läuft bald aus. « Zwei Straßenecken weiter schwärmt die Leiterin einer Bibliothek: » Den Müller würde ich zum Bürgermeister wählen. « Ein Linguist lädt ihn zum Bier ein, ein Rechtswissenschaftler schüttelt dankbar Müllers Hand, 500 Meter in dicht bewohntem Gebiet können Müller eine Stunde kosten. Um einige Szenekneipen macht Müller abends einen großen Bogen, weil er weiß, dass sich dort ein paar seiner Kunden mit Freunden treffen. Sie kämen vielleicht in Erklärungsnöte, wenn man sähe, dass ABM-Müller ihnen zunickt. Was tut dieser Müller nur? Hat er sich Bewunderer gekauft von dem Geld der Arbeiter und Angestellten, die in die Arbeitslosenversicherung einzuzahlen haben? Ist der gute Mensch von Saarbrücken in Wahrheit ein schlechter Berater?

Die Frau, die Ludwig Müller nicht in Ruhe gelassen hat, macht den Eindruck, als sei sie ein unkomplizierter Fall. Schlank, strahlende Augen, Mitte 30, temperamentvoll, gewitzt. Katja Reiler, ihre Bewerbungsmappe ist durchgestylt. Im Marketing einer jungen Firma könnte sie sein, Verkaufsleiterin, irgendetwas in dieser Richtung. » Sie sind ja gar nicht vermittelbar «, hat ein Personalberater zu ihr gesagt, » Sie haben ja schon eine ABM-Karriere hinter sich. « Er hätte genauso gut sagen können: Sie waren zu oft bei Müller. Einen Zettel legt Katja Reiler auf den Tisch. » Herr Müller, es gibt jetzt Stressbewältigung für Arbeitslose. « Sie lacht spitz. Kunstgeschichte studierte sie mal, träumte von einem Job in New York, aber sie blieb in Müllers ABM-Republik. Erst eine Stiftung, dann ein Archiv, dann ein gemeinnütziger Verein, immer auf Müllers Fährte. Im vergangenen Dezember, als wieder eine Maßnahme auslief, konnte sie nicht mehr schlafen. Hartz IV stand kurz bevor, die Zeit der Arbeitsbeschaffung lief nun ab. » Sie müssen aufpassen, Sie werden langsam zu alt«, hatte Müller sie gewarnt, aber Katja Reiler wollte nicht hören. » Noch einmal «, bettelte sie, » nur noch einmal, bitte, Herr Müller, bitte! « Fast jeden Tag rief sie ihn an, oder sie stand plötzlich in Müllers Büro und war wie von Sinnen. Sie weinte, sie flehte, sie schrie.

Wochen später sagte Müller zu ihr: » Ihre ABM geht weiter, ein letztes Mal noch, ein halbes Jahr. « Katja Reiler konnte ihr Glück kaum fassen, sie geriet in einen Zustand, den sie schwer beschreiben kann. Es war, als habe ihr ein Drogendealer ein Tütchen Stoff zugesteckt. Da erwachten sie plötzlich, Müllers Zweifel, aber nur für einen kurzen Moment. Kann der fürsorgliche Sozialstaat süchtig machen? » Wenn ich merkte, dass sich einer einrichten will in der ABM «, sagt Müller, » dann habe ich damit sofort Schluss gemacht. «

»Herr Müller, Sie sind die alte Welt«, hat ein Kollege gemäkelt

98 Prozent der Namen, die in Müllers Kundendatei stehen, verschwinden aus dieser Datei. Irgendwann. Manchmal ziehen welche weg und kehren nicht zurück. Manchmal machen sich welche selbstständig, und es geht gut. Manchmal stellen Vereine oder Verwaltungen welche ein, die während der ABM-Zeit ihr Können gezeigt haben. Manchmal kostet es den Staat 5000 Euro, bis einer irgendwo unterkommt, manchmal 50 000, ohne dass so etwas gelingt. Manchmal brechen welche zusammen, verfluchen den Tag ihrer Geburt, und alles scheint für die Katz. Manchmal dauert es zehn Jahre, bis einer was findet. Für dieses manche Mal lebt Ludwig Müller.

» Nie bin ich auf die Idee gekommen, auch nur einen Euro verschwendet zu haben «, sagt Müller, » es gibt für mich keine Argumente gegen ABM, es gibt keine, wenn man die Menschen sieht. Wenn ich sie vor mir sehe, denke ich nicht an einen ökonomischen Sinn. « Hin und wieder benutzt Müller sogar die Begriffe der Wirtschaft, die Logik jener Welt ist ihm vertraut, schließlich studierte er früher Betriebswirtschaft. » Den Markt gestalten «, sagt Müller dann, » den Arbeitsmarkt gestalten «, aber meistens meint er den » zweiten Arbeitsmarkt «, den staatlich alimentierten.

Vielleicht ist Ludwig Müller gar nicht die Vergangenheit, vielleicht ist dieses Gefühl nur eingeredet. Vielleicht hat er sogar die Zukunft vorweggenommen. Ein wenig Fantasie, und alles sieht ganz anders aus. Man müsste nur die fünf Millionen Arbeitslosen nicht immer als Rekordzahl in der Geschichte der Bundesrepublik betrachten. Man müsste sich vorstellen, die fünf Millionen seien die niedrigste Arbeitslosenzahl in den kommenden Jahrzehnten. Vielleicht fließt ja mehr Arbeit ab, als neue angeschwemmt wird. Vielleicht fließt ja so viel Arbeit ab, dass jeder kleine Damm, den Politiker errichten, sofort überspült und niedergerissen wird. Vielleicht stellt sich bald eine vergessen geglaubte Frage ganz neu, die soziale Frage. Was, wenn deutsche Arbeitskosten gemessen würden an indischen? Wenn die westliche Krankheit Arbeitslosigkeit nicht heilbar sein sollte? Wenn sie sich ausbreiten würde wie eine Epidemie? Wenn man den ganzen Organismus zerstören müsste, um den Erreger zu treffen? Solche Fragen stellt sich Ludwig Müller hin und wieder, meist in den Pausen, dann, wenn die aufgeregte Katja Reiler Müllers Büro verlassen hat und der verzagte Norbert Schuster noch nicht da ist. Was, wenn es bald sechs Millionen Arbeitslose werden sollten, danach sieben? Dann hätte es wohl keinen Sinn mehr, öffentlich so zu tun, als handele es sich um eine Grippewelle, die man in den Griff bekommen werde. Dann dürfte man diese Volkskrankheit nicht mehr nur politisch betrachten oder volkswirtschaftlich, sie wäre ein seelsorgerisches Problem. Dann wäre Arbeitslosigkeit ein deutscher Zustand wie der Nieselregen und die Tagesschau.

Wenn es so weit kommen sollte, müssten Arbeitsvermittler wohl ein bisschen so sein wie Müller. Es käme dann darauf an, Menschen auszuhalten, die eine Leere aushalten. Es ginge dann um Beschäftigung in einem erschreckend weiten Sinne. Müller sagt: » Wir sollten uns an die Vorstellung gewöhnen, dass zwei Drittel unserer Gesellschaft das restliche Drittel unterstützen müssen. Man kann das dann nennen, wie man will, es bleibt eigentlich so was wie ABM. « Jeden Donnerstag nach dem Dienst fährt Ludwig Müller zu der Turnhalle eines Gymnasiums im Nachbarort Neunkirchen. Mit früheren Kollegen spielt er Fußball und genießt diese Stunden sehr. Er schreit herum, wenn einer aus seiner Mannschaft einen dummen Pass spielt. » Idiot «, brüllt Müller dann, » Scheiße! « Es ist ein ganz anderer Müller, der da zu sehen ist. Er muss etwas loswerden, die vielen hilflosen Gesichter, zu oft hat Müller die Sorgen aus Müllers Büro zu seinen eigenen gemacht. Verteidiger war Müller früher auf dem Platz, inzwischen ist er der Älteste in seiner Mannschaft und spielt auf jeder Position. Müller glaubt, er sei immer besser geworden mit den Jahren. » Wo ich bin, ist der Ball «, sagt Müller und lacht. Den ganzen Tag lang könnte er scherzen und lachen, aber die Zeiten sind nicht danach. Freitagabends fühlt er sich oft so kraftlos, dass er auf einer Liege vor der Sauna sofort in den Schlaf fällt. Freitags geht Müller immer mit seinem Vater und den immergleichen Freunden in die immergleiche Sauna, im Keller eines Altenheims. Müller schläft dann oft zwei Stunden, ohne auch nur einmal hochzuschrecken. Wie erschlagen liegt er da. » Herr Müller, Sie sind die alte Welt «, hat neulich ein Kollege in der Agentur gemäkelt. Der Wind hat sich gedreht, Menschen werden klassifiziert, heißen neuerdings » Marktkunden «, wenn der Arbeitsmarkt sie aufnimmt, oder »Beratungskunden«, wenn der Markt sich weigert, oder » Betreuungskunden «, wenn für sie kein Marktmehr existiert. Marktkunden sollen nicht mehr als 15 Minuten ihren Arbeitsvermittler beschäftigen, plus 15 Minuten für Nachbearbeitung, Beratungskunden 30 Minuten, Betreuungskunden 15. Unter diesem Druck ist ein Kollege auf Müllers Büroflur vor ein paar Wochen zusammengebrochen, Kreislaufkollaps, und viele Kundennamen aus dessen Computer sind zu Müller herübergeschoben worden. Jetzt fühlt sich auch Müller am Ende seiner Kräfte, sein Kollege wird wohl nicht ins Nachbarbüro zurückkehren, es geht ihm zu schlecht.

Bald will Müller aufhören, eher als geplant. Über seinen Antrag auf Altersteilzeit hat er im Personalbüro schon gesprochen. Nach wie vor strömen Langzeitarbeitslose in Müllers Büro, obwohl er für sie nicht mehr zuständig ist. Seit Hartz IV begonnen hat, sind die Aufgaben in der Agentur neu verteilt. Ludwig Müller hat sich auf die Empfänger von Arbeitslosengeld I zu konzentrieren, die leichteren Fälle, Menschen, die meist weniger als ein Jahr ohne Job sind. Die schwierigen Fälle bekleckern die Leistungsbilanz der Agenturen, die Schwierigen will keiner mehr haben. Warum sich noch um einen angegrauten, arbeitslosen Historiker bemühen, wenn es einem niemand mehr dankt? So denken einige, Müller denkt so nicht.

Für wen Müller neuerdings zuständig ist, schert die Langzeitarbeitslosen nicht, sie halten sich weiterhin an ihn, als sei nichts geschehen, und Müllers Büro steht ihnen offen. » Pass auf, Ludwig «, warnte ihn neulich ein besorgter Kollege. Der Chef der Saarbrücker Arbeitsagentur hat Müller schon ausrichten lassen, dass ihm eine Abmahnung drohe, falls er sich weiterhin um die falschen Menschen kümmern sollte. Das war die gelbe Karte, der Typus Müller ist nicht mehr erwünscht.

Es wird schon dunkel vor dem Fenster, als Müller sein Büro abschließt und die Treppen hinunter läuft. In der Tiefgarage steht nur noch Müllers silbergrauer Peugeot. Mit seinem Auto fährt er im Urlaub bis zur portugiesischen Küste. Zwei, drei Tage hinter dem Steuer machen Müller wenig aus. Vom Fahrersitz aus verfolgt er neugierig, wie Fichtenwälder zu baumlosen Hochebenen zerfließen, und am Ende der Reise rinnt die Welt in ein stahlblaues Meer. Müller genießt es, wenn sich alles sanft zum Guten wendet. Er möchte nur dabei sein, wenn es geschieht.

Drüben, im Kino, sagt Müller, laufe wieder etwas über Arbeitslose. Er zieht sein Portemonnaie heraus, eine Karte hat er sich schon besorgt. Im Portemonnaie steckt auch ein Lottoschein. Seltsam, eigentlich passt Lotto überhaupt nicht zu Ludwig Müller. Schließlich hat er sich sein Leben lang geweigert, dem Zufallsprinzip etwas abzugewinnen. Aber diese Haltung gibt er neuerdings auf, sobald ein Jackpot anschwillt, und diesmal stehen 21 Millionen Euro auf dem Spiel. » Wenn ich gewinne «, sagt er, » soll mir Hartz IV egal sein. Dann kaufe ich mir ein eigenes Theater und stelle sie alle ein. « In diesen Gedanken kann er sich richtig verlieben. Ein Theater nur für Müllers Leute. Natürlich würde in diesem Schauspielhaus jeder seine eigene Rolle kriegen, ein Lebenstraum würde wahr. ABM. Arbeitsbeschaffung Müller.

Nach der Ziehung der Lottozahlen am Samstagabend steht fest, dass Hans-Ludwig Müller aus 66583 Spiesen-Elversberg im Saarland tatsächlich gewonnen hat. Am Montag, sofort nach dem Dienst, lässt sich Müller im Lottoladen an der Eisenbahnstraße seinen Gewinn bar auszahlen, acht Euro und siebzig Cent. Ludwig Müller wird weiterspielen.

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