Ein altes Zechenhaus in Dortmund, hinten im Garten weht eine schwarz-gelbe Fahne, BVB 09. In diesem Haus wohnt Familie Gössling. Silke, die Mutter. Uwe, der Vater. Joline, die Schwester. Und Jacqueline, genannt Jackie, die wohnte hier auch.
An der Tür kommt einem Gizmo entgegen, ein Chihuahua. Und ein langsamer Collie, sein Name ist Prinz. Auf dem Kratzbaum streckt sich eine vornehme Katze.
Der Kaffeetisch ist gedeckt, der Kuchen selbst gemacht. Familie Gössling ist bereit, die Geschichte ihrer jüngsten Tochter zu erzählen. Im März haben sie ihren 18. Geburtstag gefeiert. Sie haben Herzluftballons mit Helium aufgeladen und mit Glückwünschen in den Himmel geschickt. Vier Tage später standen sie dann wieder am Grab und haben geweint. Jackies erster Todestag.
Hinter dem Haus der Gösslings verlaufen Bahnschienen, es ist die Strecke Hamm–Dortmund. Man hört das Pfeifen der Züge in ihrem Garten. Die Schienen sind für die Gösslings eine Art Metapher für die Ungerechtigkeit des Lebens geworden. Drei Menschen brachten sich im vergangenen Jahr auf der Strecke um. "Der eine darf leben und will nicht", sagt Uwe Gössling, "der andere will und darf nicht."
Jackie wollte leben. Aber sie durfte nicht. Vergangenes Jahr starb sie an Krebs. Seitdem versucht ihre Familie, den Schmerz auszuhalten, den sie hinterlässt. Und zu verstehen, warum sie ihr Kind überleben mussten – statt umgekehrt. Kein Vater, keine Mutter sollte ihr Kind zu Grabe tragen, heißt es. Was aber, wenn sich das Leben nicht daran hält?
Uwe Gössling war Bergmann, sein Vater war Bergmann, sein Urgroßvater, sein Ururgroßvater. Wenn er von früher erzählt, dann holt er ein Foto aus seinem Portemonnaie. Auf dem Foto stehen fünf dreckverschmierte Männer unter Tage. Zeche Grimberg 3 und 4. Einer von ihnen ist Uwe. Er zeigt dieses Foto, weil er stolz darauf ist, dass er ein Bergmann war. Einer, der seine Kameraden nicht im Stich ließ. Der Werte hat.
Uwe arbeitete als Hauer, er kloppte Kohle aus dem Gestein. Es war eine harte, ehrliche Arbeit, er mochte sie gern. Mit 20 lernte er Silke kennen, sie gerade 18, er gerade Bergmann. Sie verliebten sich, zogen zusammen, wussten, dass es für immer sein sollte, heirateten. 1994 bekamen sie ihr erstes Wunschkind, Joline. Uwe arbeitete im Schichtdienst, es kümmerte ihn nicht, denn er wusste ja, wofür. Für seine Familie.
Am 2. März 1997, drei Jahre nach Joline, kam Jacqueline zur Welt. Katharinenhospital in Unna. Eine unkomplizierte Geburt. Uwe konnte nicht dabei sein. Zwei Wochen vorher war er unter eine Rangierlok geraten. Ein schlimmer Arbeitsunfall. Sein rechtes Bein musste amputiert werden. Seitdem läuft er auf einer Prothese und arbeitet im Innendienst, als Disponent bei der Dortmunder Eisenbahn.
Silke blieb zu Hause, kümmerte sich um den Haushalt, den Garten, kochte Lieblingsgerichte. Die Kinder sollten unbeschwert aufwachsen. Die Gösslings sind Familienmenschen, geht man mit ihnen raus auf die Straße, trifft man alle paar Meter eine Tante, Cousine oder einen guten Bekannten, der sie umarmt.
Jackie wechselte wie Joline nach der Grundschule auf die Gesamtschule. Schule mochte Jackie nie; Mathe, Deutsch, fand sie alles furchtbar. Sie liebte Schminken, Stylen, Tanzen, Sport. Das echte, bunte Leben. Rausgehen, was erleben.
Im Tanzen-und-gestalten-Kurs lernte sie Lea kennen. Lea war ein Mauerblümchen. Jackie eine, nach der sich alle umdrehten, wenn sie den Raum betrat. Sie wurden beste Freundinnen. Jackie zeigte Lea, wie man sich schminkt. Sie führten zusammen Pussycat Dolls im Schwarzlicht auf, "Don’t cha". Sie fuhren in die Innenstadt und shoppten stundenlang, aßen bei Burger King. In der Thiergalerie, einer Ruhrgebietsshoppingmeile, wurde Jackie in manchen Läden mit Vornamen begrüßt. Sie kaufte Schminke bei Kiko Milano und mochte Minimal und Elektro.
Sie unterrichtete Kinder im Tanzen, ging ins Fitnessstudio, hatte gerade eine Probestunde Pole-Dance gemacht. In ihrem Zimmer erfand sie elektronische Lieder und stellte sie auf Spotify.
Es begann im Oktober 2012, mit Leistenschmerzen. Jackie rief ihre Mutter aus der Schule an und sagte, ihr tue die Hüfte so weh. Bestimmt zu viel Sport, dachte Silke Gössling. Sie holte ihre Tochter ab, und weil Freitag war, fuhr sie mit ihr in die Notaufnahme. Sie mussten lange warten, dann kam ein Arzt. Der Verdacht auf Leistenbruch stellte sich als falsch heraus. Der Arzt verschrieb Ibuprofen, und sie fuhren heim.
Zwei Tage später hatte Jackie 40 Grad Fieber, konnte kaum laufen. Ihre Leiste war angeschwollen, rot und heiß. Wieder ins Auto, wieder in die Klinik. Biopsie. Dreieinhalb Wochen später rief der Arzt auf der Frühschicht bei Uwe an und sagte: "Es sieht nicht gut aus."
Die Ärzte sagten den Gösslings, sie müssten mit Jackie zu einer Onkologie. "Onkologie?", hatte Uwe gefragt, "ich kenn nur Urologie, für die Eier, was ist eine Onkologie?" Eine Krebsstation, sagte ein Arzt.
***
Sie wollten nach Münster, hatten sich informiert, dass diese Klinik einen guten Ruf hat. Hier kam Jackie in den Kernspintomografen, und danach saßen sie einer Ärztin in hübschen Korbsessel gegenüber. Diagnose: Alveoläres Rhabdomyosarkom. Stadium IV. Ein Weichteiltumor, der das quer gestreifte Muskelgewebe befällt. Eine seltene Krebserkrankung, schnell wachsend.
Uwe schluckte.
Silke weinte.
Die Ärztin sagte: "Unter zehn Prozent Überlebenschance."
Und wenn sie nicht zu den zehn Prozent gehört?
"Sechs Wochen, maximal drei Monate."
So muss es sich anfühlen, wenn ein Flügelschlag ein Erdbeben auslöst. Oder ein harmloses Ziehen in der Leiste dir plötzlich dein Kind nehmen kann.
Die Ärzte zeigten ihnen eine PET-CT-Aufnahme. Darauf sahen sie Jacquelines Körper mit vielen schwarzen großen Stellen. Bis auf das Gehirn und die Blase waren alle schwarzen Stellen Krebs. Die Gösslings fühlten sich wie Hauptfiguren in einem Horrorfilm, den sie nie sehen wollten. Sie schauten sich Jacqueline an. Sie war jung, schlank, blond, schön. Dieses Kind konnte unmöglich krank sein in Stadium IV. Dieses Kind würde leben, dachten sie. Und als sie Jackie vorsichtig erzählten, dass sie Krebs habe und ein paar Untersuchungen machen müsse und eine Chemotherapie, um wieder gesund zu werden, da antwortete sie: "Wenn ich dieses Arschloch in mir habe, dann treten wir dem Arschloch einfach in den Arsch, dass es wieder rausfliegt!" Uwe, Silke und Jacqueline sagten: "Genau so machen wir das."
Danach begann die Phase: dem Arschloch in den Arsch treten. Acht Chemoblöcke, acht Bestrahlungen waren zur Therapie angesetzt.
Scheiße, sagte Lea. Und: Ich hab dich lieb. Jackie: Ich dich auch.
Später nach der Schule sagte Jacqueline Lea, dass sie Krebs habe, aber alles halb so wild sei. Scheiße, sagte Lea. Und: Ich hab dich lieb. Jackie: Ich dich auch.
Aus Jacqueline, dem Teenager, wurde Jacqueline, der Krebspatient. Sie ging zur Chemo wie andere zur Arbeit: weil sie es musste. Wenn sie nach Hause kam, schminkte sie sich als Erstes. Fuhr zu Lea, ging Party machen. Uwe und Silke ließen sie ziehen, das bisschen Normalität sollte sie haben.
Wenn Uwe nicht arbeitete, saß er vor dem Rechner, nächtelang, und recherchierte im Internet. Nach Behandlungsmethoden, unterstützenden Mitteln. Er bestellte gläserweise Manuka-Honig aus Neuseeland und homöopathische Mittel in Wuppertal. Vieles von dem, was er da las, klang für ihn wie eine andere Sprache, wie Chinesisch. Aber was er tun konnte, wollte er tun.
Sie kauften dieses Buch: "Krebszellen mögen keine Himbeeren". Darin steht, welche Lebensmittel krebskranke Kinder essen sollen, welche nicht. Grüner Tee ist gut, Kurkuma auch. Das Buch wurde für Jacqueline, die Bücher nie mochte, eine Bibel.
Jackies Chemotherapie begann, nach der ersten fielen ihre Haare aus. Sie bekam Perücken auf Rezept. Sie bestellte welche in blond, brünett, schwarz, rot. Und Echthaarbänder, die sie mit Bommelmützen aufsetzte.
In der Schule wurde sie für die zehnte Klasse beurlaubt. Sie lebte für das Wochenende, die Zeit mit ihrer Familie und Lea. Mit ihr probierte sie die besten falschen Wimpern und Augenbrauenstifte und fotografierte das Ergebnis. Sie schminkten sich und schauten Filme, "Spirit der wilde Mustang" zum Beispiel. Manchmal tranken sie heimlich Sekt oder Desperados. Sie hörten KC Rebell, einen Rapper aus Essen, in Dauerschleife. Ihr Lieblingslied: Adler. "Lass mich fliegen wie ein Adler. Ich will fliegen. Frei sein. Frei von dem Leid sein."
Am 14. Februar wurde Jackie zum zweiten Mal in den Kernspintomografen geschoben. Bis auf zwei, drei kleine schwarze Stellen war Jackies Körper frei von Krebs. Die Ärzte sprachen von einem Wunder, die Gösslings weinten. Jackie sagte: "Sag ich doch, ich tret dem Arschloch in den Arsch, bummm!" Einer der Ärzte sagte, sie sei wie ein Phönix aus der Asche gestiegen.
Die Ärzte der Krebsstation waren sehr nett zu ihnen, nie wurden sie schlecht behandelt. Silke und Uwe fragten sich, wie sie das bloß aushielten. All diese kleinen, glatzköpfigen, kotzenden Kinder. Sie hatten noch nie so viel Elend gesehen.
Ker, Mama, hör auf zu heulen!
Das Kinderzimmer von Jaqueline ist heute immer noch so, wie es war, als sie ging. Ihr Bett wird frisch bezogen. Auf den Regalen Staub gewischt. In ihrem Schrank liegen ihre Sachen. Unzählige Jeans und T-Shirts. Auf dem Regal steht ihr Schminkkoffer. Die Uhr ist stehengeblieben. Es ist jetzt immer zwanzig nach fünf.
Uwe hat Joline vor Kurzem gefragt, möchtest du nicht, dass wir die Wand durchbrechen und aus den beiden kleinen Zimmern ein großes machen? Und Joline sagte: "Nein, Papa, das möchte ich nicht. Ich will, dass Jackie ihr Zimmer behält."
Dieses Haus soll ihr Zuhause bleiben. Wenn Joline mal Mutter wird, möchte sie ihren Kindern sagen: Hier wohnte eure Tante Jacqueline. Alles andere würde sich anfühlen wie ein Abschied.
Silke sagt, sie denke ganz oft daran, dass sie die Trauer nicht mehr aushalte. Manchmal hört sie dieses Lied von Paul Kalkbrenner, das Jackie immer so gern gehört hat, "Sky And Sand".
"In the nighttime/When the world is at it’s rest/You will find me/In the place I know it’s best/Dancin’, shoutin’/ Flyin’ to the moon/ You don’t have to worry/cause I’ll be back soon!" Keine Sorge, ich bin bald zurück.
Dann denkt sie daran, was Jacqueline jetzt sagen würde, wenn sie ihre Mutter so sehen würde. Bestimmt: "Ker, Mama, hör auf zu heulen!"
Die Ärzte haben ihnen eine psychologische Betreuung angeboten, aber erst mal wollen sie nur zusammen sein und trauern. Silke sagt, vielleicht irgendwann. Uwe sagt, auf keinen Fall.
Lea sagt, ihr Tod hat alles verändert. Zuerst hat sie geheult "wie ein Affe". Dann sei sie in ein tiefes Loch gestürzt. Erste große Liebe, Ausbildung, ausziehen. Alles ohne ihre beste Freundin. Ihr fehlt Jackies Optimismus, ihr Gesinge, Getanze, die Insider-Witze, die nur sie beide kannten. Seit Jackie weg ist, kommt ihr die Welt verlogen vor. Als ob das Echte mit ihr gegangen wäre.
Joline hat sich den Phönix stechen lassen, den eigentlich Jackie unter ihrer Haut haben wollte. Manchmal, sagt Joline, fühlt sie sich wie jemand, der jetzt zwei Leben leben muss. Ihr eigenes und das ihrer Schwester. Wenn sie jemand hört, der sagt, sein Leben sei scheiße, wird sie wütend. "Weißt du eigentlich, wie gern meine Schwester gelebt hätte?", sagt sie dann.
Sie vermisst den Alltag mit ihr, selbst die Zickereien, das Drama. Wenn sie noch leben würde, sie dürfte ihr Sachen aus dem Kleiderschrank klauen, selbst den Personalausweis aus dem Portemonnaie. Sie dürfte sie nerven. Sie würde sie mit in die Disco nehmen. Zu Hardcore-Partys. Mit ihr "Minions" gucken, zu Burger King fahren, sie zu Freunden bringen, sie abholen. Sie dürfte sogar ihre Schuhe leihen. Obwohl sie das immer gehasst hat.
Für Uwe ist das Schlimmste, dass er sie nicht beschützen konnte. Wenn Jackie das Bett plötzlich woanders haben wollte, hat er es umgestellt. Wollte sie einen Fernsehtisch, hat er ihr einen gebaut. Wollte sie in die Stadt, steckte er ihr 20 Euro zu. "Ich hätte mein anderes Bein, das gesunde, für ihr Leben hergegeben", sagt Uwe.
Er hat alles zu Geld gemacht, um den teuren Honig zu kaufen und den Sprit nach Münster und die ganzen alternativen Heilmittel. Einen VW Tiguan kaufte er, damit Jackies Rollstuhl in den Kofferraum passte. Einmal dachte er darüber nach, das Haus zu verkaufen und nach Amerika zu gehen, weil es dort bessere Behandlungen gibt, aber da sagten Silke und Joline: Papa, das ist doch unser Zuhause hier. Dann sagte er, stimmt, tut mir leid. Ich war bloß so verzweifelt.
Wie soll man begreifen, was nicht zu begreifen ist? Wie soll man etwas verarbeiten, was man nicht verarbeiten will? Eine Mutter gebiert ein Kind und muss mit ansehen, wie es den letzten Atemzug nimmt. Ein Vater kann bei der Geburt seines Kindes nicht dabei sein, weil ihm ein Bein amputiert wurde, aber er muss an ihrem Totenbett sitzen, da ist sie gerade 17. 17, sang Peggy March, mit 17 hat man noch Träume. Mit 17 kann man noch hoffen, da sind die Wege noch offen.
Jacqueline hatte Träume. Sie wollte Visagistin werden, die Welt erkunden, einen Führerschein machen, mit dem Auto durch Deutschland fahren. Mit Lea nach Tomorrowland, einem Musikfestival in Belgien. Sie wollte in Clubs als DJane auflegen zu ihrer "Bum-Bum-Bum"-Musik. Sie wollte Jungs kennenlernen. Was man halt so macht, wenn man jung ist. Ein bisschen Rambazamba, ein bisschen Scheiß-die-Wand-an.
Lea sagt, dass sie gar nicht viel verlangt haben. Ein normales Teenagerleben. Einfach nur erwachsen werden.
Uwe sagt, seinem ärgsten Feind wünsche er dieses Unglück nicht. Silke nickt.
Sie sitzen vor Jackies altem Laptop und klicken sich durch die Ordner mit ihren Bildern. Jackie mit Kussmund, mit Lea, im Stadion, unzählige Selfies. "Da ist der Herrgott durch den Garten gegangen und hat sich die schönste Blume gepflückt", sagt Uwe. Sie fühlen sich betrogen, die Gösslings. Auf der virtuellen Gedenkseite für Jackie schreiben sie:
"Wir dachten niemals, dass das passieren könnte. Voller Lebensmut, Stärke, Willenskraft wurdest du uns genommen.
Wir haben mit Dir bis zum Schluss um dein Leben gekämpft. (...)
Wir wurden betrogen. Betrogen um deine Ausbildung als Visagistin, deine erste Fahrstunde,deine eigene Wohnung,deine Hochzeit und unsere Enkelkinder. Um jede schöne Stunde mit Dir.
Niemals mehr ein ‚Hallo Mama‘, ‚Hallo Papa‘.
Niemals mehr ein ‚Ich will gern in die Stadt fahren‘
Niemals mehr lachen, bis Tränen kommen.
Niemals mehr diskutieren, bis der Arzt kommt.
Das alles, niemals mehr!"
Als Silke bei Freunden in Wolfsburg war, ging sie zu einer Wahrsagerin, die ihr die Karten legte. Die Wahrsagerin sagte: In deiner Familie ist ein naher Mensch gestorben. Silke sagte: meine Tochter. Und die Wahrsagerin: Hör auf,so viele Bilder zu gucken, du und dein Mann, ihr guckt zu viele Bilder, das macht euch krank.
Am 20.12.2013 spielte Borussia Dortmund gegen Hertha BSC. Jacqueline wollte unbedingt ins Stadion, aber sie konnte schon nicht mehr ohne Schmerzen stehen, musste sich immer wieder setzen. Der BVB verliert 2 : 1. Es wird das letzte Spiel sein, dass Jacqueline und Uwe Gössling zusammen im Stadion sehen.
In der Klinik erfuhren sie, dass der Krebs zurückgekommen war. Die Chemo schlug nicht mehr an. Unter Jacquelines Haut bildeten sich Knubbel, Metastasen überall. Schlimmer denn je. Es war der Moment, in dem sie zum ersten Mal daran dachten, nicht gewinnen zu können.
***
Berlin, das war Jackies Lieblingsstadt. "Berlin Tag & Nacht" ihre Lieblings-Soap. Dort tanzten die Stars immer in dieser Diskothek, dem Matrix. Da wollte sie so gern auch mal hin. Also sagte ihre Patentante Anja: Dann fahren wir halt. Silke kam auch mit. Zu dritt mit dem Auto nach Berlin, in die große Stadt. Fotos vorm Brandenburger Tor mit Bommelmütze.
Abends ins Matrix, Jackie mit Perücke, sorgfältig geschminkt in engen Jeans und weißer Bluse, aber kurz vor dem Ziel sagte der Türsteher, Einlass erst ab 18.
Sie gingen geknickt weg, aber nach ein paar Metern drehte die Patentante um, rannte zurück und sprach mit dem Türsteher. Er ließ sie durch den VIP-Eingang rein.
Bis morgens um drei tanzte Jackie mit einem Spanier, der sie zum Tanzen aufgefordert hatte. Silke und Jackies Tante standen am Rand und schauten zu. Was für ein schöner Abend, was für ein schöner Ausflug. Es war wirklich so, Jackie sah gar nicht krank aus. Sie sah einfach aus wie ein junges Mädchen, das tanzt. Danach musste sie wieder ins Krankenhaus. Wieder MRT. Morphiumpumpe. Atemnot. Noch mehr Metastasen.
Ich hätte auch heulen können, aber hab ich extra nicht, dann wäre ja meine Schminke verlaufen.
25. Januar 2014, Auftritt der Band Fighting Spirits, einer Gesanggruppe für krebskranke Kinder und Jugendliche, Friedenskirche Düsseldorf. Sie hatten Jackie Medikamente gegeben, extra starke, damit sie mitmachen konnte. Uwe hatte 240 Partybrötchen bestellt. Jackie sang "Hurt" von Johnny Cash, und Silke weinte. Als sie nach dem Auftritt interviewt wurde, sagte Jackie: "Ich hätte auch heulen können, aber hab ich extra nicht, dann wäre ja meine Schminke verlaufen." Die ganze Kirche lachte.
So war sie. Ruhrpottschnauze. Drama-Queen. Danach mussten sie wieder in die Klinik. Überall waren diese Knubbel, und ihr Rücken schmerzte so. Immer mehr Morphium. Immer weniger Hoffnung. Und kurz danach im Krankenhaus, da saß sie schon im Rollstuhl und Silke und Uwe neben ihr, und ihre Ärztin kommt, und Jackie dreht sich um und fragt: "Muss ich sterben?"
Und die Ärztin sagt: "Ja. Aber wir werden es so lange wie möglich hinauszögern."
24. Januar 2014, letzter Post von Jackie auf Facebook. "Man muss das Unmögliche versuchen, um das Mögliche zu erreichen."
Irgendwann kam die Krankenschwester, Lea wurde rausgeschickt. Sie stand auf dem Flur und konnte nicht mal weinen.
Im Februar 2014 lag Jackie viel auf der Couch. Einmal am Tag kam eine Krankenschwester, sonst bediente Silke die Morphiumpumpe. Jackie sagte: "Boah, Mama, meine Beine sind so fett geworden und mein Gesicht, das sieht so scheiße aus. Schau mal, Mama." Und Silke sagte: "Jacqueline, das ist doch jetzt egal." Und sie antwortete: "Mir nicht."
Silke sagt heute, dass sie manchmal bereut, mit Jackie nicht über das Sterben gesprochen zu haben. Aber wenn Silke damit anfing, sagte ihre Tochter nur: "Ker, Mama, hör auf."
Ende Februar konnte Jackie die Schmerzen, die Knubbel, das Dahindarben nicht mehr ertragen und sagte: "Bringt mich ins Krankenhaus!"
***
Einen Tag vor ihrem 17. Geburtstag kam Lea dazu, die Gösslings hatten ihre Eltern angerufen und gesagt, sie müsse sich verabschieden. Lea hatte einen Kuchen gemacht, Dr.-Oetker-Backmischung, Crumble Cake. Davon hat Jackie sich noch ein Stück hinuntergewürgt, obwohl es ihr in der Speiseröhre so wehgetan hat. Sie hatten dagesessen. Zwei Freundinnen. BFF, best friends forever. Lea hielt Jackies Hand. Irgendwann kam die Krankenschwester, Lea wurde rausgeschickt. Sie stand auf dem Flur und konnte nicht mal weinen.
2. März 2014, Jackies 17. Geburtstag. Jackie erlebte ihn im Dämmerzustand. Die 17. Kerze zündete sie nicht mal mehr an, so schwach war sie. Sie hatte sich gewünscht, dass nur Mama, Papa und Joline da sind, sonst niemand. Es war schon mehr ein Warten als ein Leben.
Joline hatte zwei Armkettchen prägen lassen. Eins für Jacqueline, eins für sich selbst. Darauf jeweils die Namen des anderen. Sie legte es Jackie um und sagte: "Egal, wo du bist, damit sind wir dann immer verbunden, okay?" Und Jackie nickte.
Papa, leg mich wieder hin. Ich will nach Hause.
6. März 2014. Um halb zwei nachts schlug Jackie die Augen auf, Silke war kurz eingenickt, Uwe noch wach. Joline hatte sich für ein paar Stunden in ein Zimmer im Angehörigenheim gelegt. Jackie hatte Durst. Uwe Gössling nahm seine Tochter hoch auf seine Knie, wie ein Baby. Wie sie ihn anschaute aus ihren großen Augen, sagt er heute, wird er sein Lebtag nicht mehr vergessen. Er gab ihr zu trinken mit der Trinkflasche, aber das Wasser rann ihr rechts und links aus den Mundwinkeln, sie war zu schwach zum Schlucken.
Da flüsterte Jackie: "Papa, leg mich wieder hin. Ich will nach Hause."
Und Uwe Gössling sagte: "Ich liebe dich, mein Kind. Wir sind da, wir gehen nicht weg. Das verspreche ich dir. "
Kurz bevor es so weit war, hatten sie noch Joline angerufen im Angehörigenheim, und sie war gerannt, wie sie noch nie gerannt war. In einem Film hätte sie es noch pünktlich geschafft, aber dies war kein Film und wenn überhaupt, dann ein Horrorfilm, denn Jackie war schon tot. Um sieben Uhr rief Silke Lea an und sagte: "Es ist vorbei."
Sie öffneten die Fenster, damit Jackies Seele davonfliegen konnte. Draußen zwitscherten die Vögel. Das Leben ging einfach weiter. Stunden später kamen die Krankenschwestern und wollten den leblosen Körper waschen. Da sagte Silke Gössling: "Mein Kind, das wasche ich noch selbst."
Sie zogen Jackie vorsichtig aus. Uwe legte ihr seine Halskette mit dem Kreuz um. Sie streichelten ihre Wangen. Sie küssten sie ein letztes Mal.
Uwe, Silke, Joline und Jacqueline Gössling. Sie hatten alles getan, 15 Monate lang.
Am Ende wurden sie nicht belohnt.
Am Ende hatte das Arschloch gesiegt.
Was es ihnen nie nehmen konnte, war ihre Liebe zueinander. Und als Jackie ihren Schmerzen entkommen war, war es das, was ihnen blieb.
***
Sie begruben Jacqueline sechs Tage später auf dem Friedhof Dortmund-Husen in einem weißen Sarg unter pink-weißen Rosen. Sie trug ihre blonde Echthaarperücke mit der Bommelmütze, ihre Lieblingsleggins und die Bluse aus Berlin. Es kamen über 400 Leute. Das Schluchzen der Menschen war bis auf die Straße zu hören. Auf den Schienen pfiffen, bremsten und beschleunigten die Züge.
Sie legten sie so hin, dass sie nach Hause schauen kann.
Veröffentlicht am 16. August 2015
Nora Gantenbrink entdeckte Jacquelines Todesanzeige in der Lokalzeitung - und wagte Monate später einen Anruf bei den Gösslings. Sie dankt der Familie für ihr Vertrauen und die langen Gespräche. Sie kann auch nicht mehr Paul Kalkbrenner hören, ohne an Jacqueline zu denken.
Fotos: Dominik Asbach, Familie Gössling
Video: Philipp Weber
Umsetzung: Florian Gossy, Patrick Rösing, Nikolas Stein
