Entführung der "Arctic Sea" Moskau mauert


Aus dem Osten nichts Neues: Auch am Tag nach der Befreiung der "Arctic Sea" schweigt sich Russland über die Hintergründe des Falls aus. Fakt ist: Die angeblich geretteten Seeleute dürfen ihre Angehörigen nicht anrufen. Fakt ist: Finnland hatte die Holzfracht auf radioaktive Strahlung untersucht. Warum eigentlich?

Eigentlich hatte Russland versprochen, so rasch wie möglich das Rätsel um die fast drei Wochen lang verschollene "Arctic Sea" aufzuklären. "Alle interessierten Parteien" würden informiert, hatte Präsident Dmitri Medwedew am Montag in Moskau angekündigt. Zu diesem Zeitpunkt war gerade bekannt geworden, dass die russische Marine den Frachter in der Nähe der Kapverden aufgebracht hatte. Am Dienstag teilte der russische Verteidigungsminister Anatoli Serdjukow dann mit, Frachter und russische Besatzung seien in der Hand von acht Piraten gewesen - vier Esten sowie zwei Letten und zwei Russen. Bei ihrer Festnahme sei kein Schuss gefallen. Seitdem herrscht wieder Schweigen.

Die dürren Fakten sind rasch erzählt. Am 23. Juli bricht das unter Maltas Flagge fahrende Schiff von Finnland in Richtung Algerien auf. Offiziellen Angaben zufolge hatte der 18 Jahre alte Frachter nur Holz im Wert von 1,3 Millionen Euro geladen. In Algerien sollte er am 4. August eintreffen. Laut Serdjukow wird die "Arctic Sea" aber schon am 24. Juli von Piraten in einem Schnellboot in der Ostsee gekapert. Sie zwingen die Besatzung, alle Funk- und Ortungsgeräte zu kappen. Anfang August meldet Interpol den Frachter als vermisst, Medwedew befiehlt seine "Suche und Befreiung", die Nato kooperiert. Mitte August wird das Schiff dann in der Nähe der Kapverden an Afrikas Westküste gesichtet und am Sonntagabend von Russland dort aufgebracht.

Bewusste Fehlinformationen

Dazwischen liegen verwirrende Meldungen und Dementis zu zwei Überfällen vor den Küsten Schwedens und Portugals, zu den unterschiedlichsten Positionen der "Arctic Sea" sowie zu Lösegeldforderungen. Einiges davon mag gezielten - und inzwischen eingeräumten - Fehlinformationen der Behörden geschuldet sein. Doch erklärt das längst nicht alles.

Unklar ist beispielsweise noch immer, wann der Kontakt zu dem Schiff der finnischen Reederei Solchart abbrach. Die britische Küstenwache meldete den letzten Funkkontakt am 28. Juli, da befand sich das Schiff im Ärmelkanal. In der Nacht zum 30. Juli soll es noch ein Signal an der französischen Westküste abgesetzt haben. Am 31. Juli dann meldet die schwedische Polizei ein letztes Telefonat - da war die "Arctic Sea" bereits weit entfernt von Schwedens Hoheitsgewässern. Um was es in dem Gespräch ging, wurde nicht bekannt.

"Keine Zeit für eine plausible Erklärung"

Im Dunkeln aber bleibt vor allem das Motiv der Kaperung und wie es den Piraten gelingen konnte, so lange Katz und Maus zu spielen. Was wollten die Seeräuber? Die Holzfracht, Lösegeld oder mehr? Hatte das Schiff etwa Drogen geladen, Waffen für Afrika oder gar Atommaterial, wie es in Gerüchten hieß? Letzteres wurde am Wochenende von der finnischen Atomaufsicht dementiert: Die Feuerwehr habe bei Kontrollen keine radioaktive Strahlung an Bord des Frachters gemessen, meldete sie. Warum die Holzfracht überhaupt auf derartige Strahlung untersucht wurde, ließ sie offen.

Russische Schifffahrtsexperten vermuten, Moskau hält wichtige Informationen bewusst zurück. Chefredakteur Michail Woitenko von Sowfracht, dem Online-Portal für Schifffahrtsnachrichten, wundert sich am Dienstag öffentlich, warum der Frachter während des Überfalls keinen Notruf absetzte. Er fragt, wie es den Piraten gelingen konnte, die 15 Handys an Bord "binnen einer Sekunde" auszuschalten und das Schiff unentdeckt mitten durch europäische Gewässer zu steuern. Gewöhnliche Kriminelle könnten das nicht - zumindest nicht ohne Beteiligung der Besatzung, sagt er.

"Ich glaube, den beteiligten Ländern fehlte einfach die Zeit für eine plausible Erklärung - deshalb einigten sie sich, 'dass es in der Familie bleibt'", vermutet Woitenko. "Interessierte Parteien kamen überein, über die Umstände der Kaperung Stillschweigen zu bewahren", titelt auch die liberale Zeitung "Kommersant".

Geheimdienst verhindert angeblich persönlichen Kontakt

Angehörige der geretteten Seeleute und die russische Seefahrergewerkschaft beklagten am Dienstag zudem, dass der Geheimdienst den persönlichen Kontakt verhindere. "Ich weiß bisher nur aus den Nachrichten von der Befreiung", sagte Jelena Sarezkaja, die Ehefrau des "Arctic Sea"-Kapitäns Sergej Sarezki. Über den Verbleib der Männer hat das russische Verteidigungsministerium noch immer keine Angaben gemacht. Die Gewerkschaft forderte, die Seeleute umgehend nach Hause zu fliegen.

Die finnische Polizei konnte die Festnahme der Piraten am Dienstag nicht bestätigen. Die internationale Zusammenarbeit in dem mysteriösen Fall sei zwar bis zum Auffinden des Schiffs "sehr gut" gewesen, sagte der leitende Kommissar der finnischen Kriminalpolizei, Rabbe von Hertzen. Doch funktioniere die Kooperation nicht "Minute für Minute". An der Befragung der Seeleute sei die finnische Polizei ebenfalls nicht beteiligt gewesen. Die finnischen Behörden baten Moskau darum, an der endgültigen Aufklärung mitwirken zu können.

Nach den Worten eines Sprechers der EU-Kommission wird der Fall "Stoff eines Hollywood-Films" sein - eines Tages. Denn solange die Ermittlungen andauerten, "können wir keine Details mitteilen".

AFP/DPA/AP AP DPA

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