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Handy-Nachrichten von Flüchtlingen: "Ich wünschte, ihr wärt hier bei uns"

Viele Flüchtlinge hüten ihr Handy wie einen Schatz. Es ist ihre einzige Verbindung in die Heimat, zur geliebten Frau, zur Mutter, zum Bruder. Einige ihrer Nachrichten durfte der stern lesen.

Sie kommen aus Syrien, aus Nigeria, aus Afghanistan und Ghana. Sie waren in ihrer Heimat Apotheker oder Buchhalter, doch ihr altes Leben gibt es nicht mehr. Adam Abubakar, Rina Kamal ad Din und ihre Familie, Elham Rafat und Asuqua Udo leben als Flüchtling in Deutschland. Sie alle haben ihre vertraute Umgebung aus purer Not verlassen und stehen hier vor einem neuen Leben, von dem sie nicht wissen, was es bringen wird. Das wenige, das sie mit ihren zurückgebliebenen Verwandten verbindet ist ihr Handy.

Der stern hat im Heft 1/2015 einige ihrer Nachrichten dokumentiert, die wir hier noch einmal zeigen. Sie erzählen von schmerzenden Zähnen, fehlender Ruhe und der Sehnsucht.

Rina Kamal ad Din und ihre Familie

Rina Kamal ad Din und ihre Familie

Rina Kamal ad Din spricht mit ihrer Tante Fatima

Sie war Buchhalterin, er Anwalt. Nach der Arbeit gingen sie mit Kollegen Tee trinken oder mit Freunden ins Kino. Sie lebten ein gutes Leben in Damaskus - und flohen gerade noch rechtzeitig, als der Krieg kam. Wenige Tage nachdem sie aufgebrochen waren, wurde ihr Haus zerstört. Sie stiegen auf ein Boot in Richtung Italien, Hunderte Menschen an Bord - und sie mit den kleinen Kindern. Sie hatten keine andere Wahl, sagt Rina Kamal ad Din. "In Syrien kann es jeden treffen, jederzeit und überall." Sie hat Angst um ihre Familien. Ihre Tante Fatima lebt bis heute in Damaskus.

Fatima:

Wie geht es dir?
Und wie geht es den Kindern?

Rina:

Uns geht es gut. Alle sind sehr nett zu uns hier.

Fatima:

Wie ist das Wetter?

Rina.

Es ist kalt draußen, aber drinnen ist es warm.

Fatima

: Hier ist es draußen kalt und drinnen auch.

Rina:

Warum? Was ist los?

Fatima:

Es gibt seit Tagen kein Gas und keinen Strom. Nur manchmal für etwa zwei Stunden. Wir frieren, und meine Knochen schmerzen vor Kälte. Meine Migräne ist auch wieder schlimmer. Und dann ist auch noch das Fenster kaputt, von einer Bombe. Heute Morgen. Sie ist in unserer Straße explodiert. Menschen lagen auf der Straße, Autos haben gebrannt.

Rina

: Ich wünschte, ihr wärt hier bei uns und in Sicherheit. Aber es ist kompliziert.

Fatima

: Es ist unmöglich.

Rina Kamals Unterhaltung mit ihrer Tante auf ihrem Handy

Rina Kamals Unterhaltung mit ihrer Tante auf ihrem Handy

Familie Rafat

Familie Rafat

Elham Rafat spricht mit Schwester Modschgan

Die Familie Rafat führte die angesehenste Apotheke der afghanischen Stadt Herat. Sie wohnten zu dritt in einem zweistöckigen Haus, im Garten blühten Blumen. Doch wenn Ahmad morgens zur Arbeit ging, wusste Elham nie, ob er abends wiederkehren würde. Die Mafia erpresst Schutzgeld, Attentäter reißen Menschen in den Tod. "Heratburg" nennt man ihre Heimatstadt auch – nach "Hamburg". Weil die Städte die gleiche Telefonvorwahl haben: 040. Und weil so viele in den deutschen Norden fliehen. Die Rafats kamen vor drei Monaten an. Noch hausen sie in einem Container-Aufnahmelager zwischen Autobahn, Rangierbahnhof und Müllverbrennungsanlage. Sie leben von der Hoffnung: Ahmad will einen Blumenladen oder ein Hotel eröffnen. Elham will so gern studieren, IT oder Pharmazie, in ihrer Heimat waren Frauen an der Universität eher unerwünscht. Jeden kleinen Fortschritt berichten sie ihren Schwestern und Brüdern. Jeden Tag, über Skype, Viber und Facebook nach Heratburg.

Modschgan

: Wo immer du hinschaust, in jedem Haus gibt es hier Probleme.
Ich würde gern irgendwo hingehen, wo keiner ist. Ach, mein Herz ist schwer.
Sag mir, wie lange soll ich so noch leben?

Elham:

Oh weh, sag so etwas nicht, was sind das für Worte?

Modschgan

schickt einen Kussmund
Deine Zukunft ist jetzt gesichert, wo ist meine?

Elham:

Ok

Modschgan:

Gott sei Dank hast du nun die Welt gesehen, bist kosmopolitisch geworden.

Elham:

Bete für mich, dass ich eine Arbeit finde, dann kann ich für euch alle sorgen.
Und was glaubst du, wo ich hingekommen bin?
Der Gesang der Trommel klingt von Weitem gut. Aus der Ferne scheint alles besser, als es ist.

Die Unterhaltung zwischen Elham und ihrer Schwester auf dem Handy

Die Unterhaltung zwischen Elham und ihrer Schwester auf dem Handy

Asuquo Udo

Asuquo Udo

Asuquo Udo spricht mit seiner Frau Uduak

Vor zehn Jahren hat er seine Heimat verlassen, aber nicht Uduak, seine Liebe. Die Familie hatte ihnen gedroht: "Uduak, eine Muslima, und du, ein Christ, das darf nicht sein!" Er floh nach Libyen. Und schickte ihr das Geld, das er als Fliesenleger verdiente. Dann kam der Krieg. Er stieg auf ein Boot. Die Italiener gaben ihm 500 Euro und eine Reiseerlaubnis. Er fuhr nach Hamburg. Wie so viele, die Italien loswerden wollte, mehr als 300. Die Lampedusa-Gruppe. Er wurde ihr Sprecher. Sie fordern, aus humanitären Gründen bleiben zu dürfen. Die Stadt Hamburg wartet ab. Wie lange hält er aus, ohne Arbeit, Geld, Wohnung, immer angewiesen auf Freunde, auf Almosen? "Sie machen dich mürbe, töten deine Talente, deine Interessen", sagt er. Sein Prinzip: in Bewegung bleiben. Er war in Nigeria Radiojournalist, also gründet er gerade ein Flüchtlingsradio. Uduak und er schreiben sich fast täglich. Sie müsste zum Arzt. Aber ihr fehlt das Geld. Weil er keines schicken kann.

Uduak.

Dieser Zahn tut mir wirklich so weh, ooo. Wirklich.

Asuquo:

Ich hatte vergangene Woche eine finanzielle Krise.
Hab ein bisschen Geduld.
Ich melde mich wieder.
Hallo

Uduak:

Ok

Asuquo:

Aber du musst weiter heißes Wasser und Salz auf den Zahn geben.

Uduak:

Mache ich, aber der Schmerz ist trotzdem so stark.

Asuquo:

Ich weiß, hatte das ja auch schon mal.

Uduak:

Guten Morgen, Schatz.
Wie war deine Nacht?
Danke für all deine Hilfe Gott, der Allmächtige, wird dir seine Gnade schenken, in Jesu Namen. Amen.

Adams Handy

Adams Handy

Adam Abubakar

Adam Abubakar

Adam Abubakar würde gern seiner Mutter schreiben

Wie Glück sich anfühlt, hat Adam Abubakar nur kurz erfahren. Damals in Libyen hatte er Arbeit, strich Häuser und schickte seiner Mutter Geld. Wie Unglück sich anfühlt, erfährt er oft. Als sein Vater starb, musste er die Schule verlassen, die Familie satt bekommen. Das gelang ihm immer schlechter. Deshalb ging er wie so viele junge Männer seiner Generation fort nach Libyen. Doch dann kam der Krieg. Abubakar überlebte das Meer, landete in Hamburg und versteht nicht, wieso er nicht arbeiten darf. Es ist zwei Monate her, dass er seine Mutter sprechen konnte, Telefonieren ist so teuer. Er sitzt vor seinem alten Handy, sagt, er würde ihr gern diese Worte schreiben: "Ich finde keine Ruhe hier, keine Arbeit. Gott wird alles richten. Irgendwann kommt das Glück zurück." Er würde ihr schreiben, wenn er denn das Schreiben hätte lernen dürfen.

Adams Handy

Adams Handy

M. Becker, N. Büchse, F. Hunfeld, M. Lauerer, M. Lehmann, K. Stawski / print