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Flugzeugabsturz nach dem Weltkrieg: Der Propeller, der nach 66 Jahren aus der Kälte kam

Im Spätherbst 1946 ereignet sich in den Schweizer Alpen ein Drama. Eine Dakota stürzt ab. Es beginnt eine spektakuläre Rettung. Jahrzehnte später gibt der Gletscher erstmals ein großes Wrackteil frei.

Von Thomas Schmoll

Es ist nur ein Propeller, der da auf dem Gauligletscher in den Berner Alpen vor wenigen Tagen von drei jungen Bergsteigern entdeckt wurde. Aber in der Schweiz wird der Fund als Sensation gefeiert. Denn er gehört zu jener Douglas DC-3 Dakota, die im Mittelpunkt eines der größten Dramen der Luftfahrtgeschichte steht. Es war ein Unglück mit Happy End, das die Schweiz mit den USA wieder zusammenbrachte.

Das Flugzeug startet am 18. November 1946 in Tulln bei Wien mit sieben Passagieren und vier Besatzungsmitgliedern an Bord. Die meisten Insassen sind hochrangige Militärs der US-Besatzungsmacht in Österreich, teils im Generalsrang. In München nimmt die Maschine einen achten Fluggast auf. Ziel der Reise ist Pisa. Dort kommt die Dakota nie an. Denn der Pilot verliert bei starken Fallwinden die Orientierung.

Am 19. November 1946 um 14.25 Uhr kommt es bei einer Geschwindigkeit von 280 Kilometern in der Stunde zur Bruchlandung auf dem Schweizer Gauligletscher. Wie durch ein Wunder zerbricht die Maschine nicht. Der Flieger rutscht bergauf auf eine tiefe Gletscherspalte zu. Ein Sturz hinab wäre der sichere Tod für alle Insassen gewesen. Doch kurz vor dem Abgrund bringt eine mächtige Schneeansammlung vor dem rechten Flügel die Maschine zum Drehen - und dadurch zum Stehen. Es gibt Verletzte, aber keine Toten.

Amerikaner wollten mit Panzern den Gletscher hinauf

Das Flugzeug sendet "Mayday" ohne konkrete Ortsangabe. Es beginnt eine beispiellose Rettungsaktion. Teilweise setzen die Amerikaner 80 Flugzeuge ein, das Wrack zu finden. Die Verunglückten müssen in Eiseskälte in 3350 Meter Höhe ausharren. Begleitet wird die Rettungsaktion von einem bis dahin in Europa kaum gekannten Presseauflauf. Der kleine Ort Meiringen nahe des Gletschers wird belagert von US-Militärangehörigen sowie etwa 150 Journalisten und Fotografen aus der ganzen Welt. Sie berichten auch über den absurden Plan der Amerikaner, Panzer den Gletscher hinauf zu den Verunglückten zu schicken. Noch heute lebt in der Schweiz das "fast amüsant anmutende Bild einer verzweifelten Großmacht USA".

Damals allerdings beendet die Rettung der zwölf Vermissten die diplomatische Eiszeit zwischen Amerika und der neutralen Schweiz ein Jahr nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Die Eidgenossen werden in den Vereinigten Staaten hochgelobt für ihren selbstlosen und tapferen Einsatz, die Beziehungen beider Länder werden als Folge schlagartig deutlich besser. Am Ende sind es nämlich nicht amerikanische, sondern schweizerische Militärpiloten, die die Verunglückten nach fünf Tagen aus ihrer misslichen Lage befreien. Kurz vor Ultimo. Denn unmittelbar nach der Bergung bricht ein schwerer Sturm los, der tagelang tobt. Die Dakota wird zugeschneit. Nach der Schneeschmelze taucht sie wieder auf, ehe sie dann für Jahrzehnte im ewigen Eis verschwindet.

"Wir konnten unser Glück kaum fassen"

Die Schweizer sind bis heute stolz auf die Rettung der Dakota-Opfer. Schließlich handelt es sich um die weltweit erste Bergung Verunglückter im Hochgebirge mithilfe von Flugzeugen und damit die Geburtsstunde der Luftrettung. Kein Wunder also, dass die Entdeckung des Propellers von den Eidgenossen bedeutungsvoll ist. Zwar tauchten im Zuge des Gletscherrückgangs als Folge des Klimawandels ab und an Wrackteile auf. Aber ein solch spektakuläres Überbleibsel wie der Propeller - das gab es noch nie. Die drei Bergsteiger, zwei Schweizer und ein Kanadier, entdeckten das Teil während einer Mehrtagestour über den Gletscher.

"Wir kennen die Geschichte der Dakota, seit wir Kinder sind", berichtet Peter Flühmann aus Meiringen, also jenem Ort, der 1946 all die Reporter beherbergte. "Und wir hatten uns noch am Abend zuvor in einer Berghütte gefragt, ob wir wohl ein Stück der Dakota entdecken werden." Sein Begleiter Manuel Rufener erzählt in der TV-Sendung "Schweiz aktuell": "Wir haben von weit her etwas aus dem Eis ragen sehen. Da sind wir losgerannt. Als wir dann sahen, dass es sich um den Propeller der legendären Dakota handelt, konnten wir unser Glück kaum fassen." Und so wird dem Happy End vor 66 Jahren eine weitere glückliche Episode zugefügt: die Entdeckung eines Propellers.

  • Thomas Schmoll