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"So viele Ohrfeigen": Auch Männer werden Opfer von häuslicher Gewalt. Ein Betroffener erzählt seine Geschichte

Die Männer sind das starke Geschlecht, die Ernährer der Familie. So das gängige Klischee. Doch auch sie können Opfer von häuslicher Gewalt werden. Ein Betroffener erzählt, wie seine Partnerin ihn jahrelang quälte.

Tami Weissenberg (Deckname), Gründer des Vereins Weissenberg, steht im Treppenhaus

Sachsen, Plauen: Tami Weissenberg (Deckname), Gründer des Vereins Weissenberg, steht im Treppenhaus eines Wohnhauses, in dem sich eine Schutzwohnung für männliche Opfer häuslicher Gewalt befindet

DPA

Es fing mit Beleidigungen an. Dann habe sie gedroht, ihn vor die Tür zu setzen. Später kamen die Schläge. Jahrelang ertrug der heute 40-Jährige die Misshandlungen, ohne sich zu wehren, ohne sich jemandem anzuvertrauen. "Das ist eine peinliche Sache für einen Mann", sagt er, als er an diesem Tag in Nürnberg seine Geschichte erzählt. "Ich habe so viele Ohrfeigen von der Frau bekommen wie zuvor in meinem ganzen Leben nicht."

Im April eskaliert die Situation, die Partnerin des 40-Jährigen ruft die Polizei - und diese hält ihn zuerst für den Täter. Er stammt aus Spanien und ist ein großer Mann mit breiten Schultern. Viele denken da sofort an einen Macho, hat er erlebt. "Diese Vorurteile sind in der Gesellschaft sehr geprägt." So sei es auch den Polizisten gegangen. Sie hätten ihm erst geglaubt, als er die vielen blauen Flecken auf seinen Armen und die Bissspuren auf der Brust gezeigt und Tonaufnahmen abspielt habe, in denen die Frau ihn beschimpft hatte.

Er ist Opfer, und doch muss er sofort die gemeinsame Wohnung verlassen, weil die Frau den Mietvertrag allein abgeschlossen hat. Zeitweise wohnt er bei Freunden und in einer Obdachlosenunterkunft. Dann erfährt er von einer anonymen Schutzwohnung, die der Caritasverband Anfang des Jahres in Nürnberg eingerichtet hat. Er hat Glück und bekommt einen der drei Plätze. Denn die Nachfrage danach ist nach Angaben des Trägers groß.

"Das ist ein Tabuthema – auch unter Männern"

Bundesweit gibt es 7 dieser Schutzwohnungen, die insgesamt 18 Plätze für Männer und ihre Kinder bieten. 5 Plätze davon sind erst in diesem Jahr entstanden, in Nürnberg und Augsburg. Etwas, das Matthias Becker, Vorsitzender der Landesarbeitsgemeinschaft Jungen- und Männerarbeit in Bayern, schon seit Jahren fordert. "Das hat lange Kopfschütteln ausgelöst", sagt er. Denn dass auch Männer in ihren Beziehungen Opfer von häuslicher Gewalt werden könnten, sei lange Zeit kaum beachtet worden. "Das ist ein Tabuthema – auch unter Männern."

Frauen werden deutlich häufiger Opfer von häuslicher Gewalt. Doch es sind keine Einzelfälle, wenn Männer von ihren Partnerinnen oder Partnern bedroht, geschlagen, sexuell missbraucht oder gar getötet werden. Nach einer Auswertung des Bundeskriminalamts von 2018 sind knapp 20 Prozent der Opfer von häuslicher Gewalt Männer. In den vergangenen Jahren habe der Anteil der männlichen Opfer von Partnerschaftsgewalt nahezu kontinuierlich zugenommen, heißt es darin. Und das sind nur die bekannten Fälle: Dem Opferhilfeverein Weißer Ring zufolge liegt die Dunkelziffer bei häuslicher Gewalt bei mindestens 80 Prozent, bei den betroffenen Männern sei diese besonders hoch.

"Männlichkeit hat immer etwas mit Stärke zu tun", erläutert Becker diese Situation. "Männer sind die Beschützer, die Ernährer der Familie, die Deuter der Welt. Ein Mann, der Hilfe braucht – ein schwieriges Thema in unserer Gesellschaft." Und wenn Männer dann ihre Frau anzeigten, erlebten sie, dass man sie nicht ernst nehme. Immer wieder hört Becker von Männern, denen vorgeschlagen werde, eine Nacht bei einem Freund zu schlafen und den Streit am nächsten Tag zu klären. Das Ganze sei doch bestimmt nicht so schlimm, sei der Tenor.

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Die Vorbehalte der Männer nehmen allmählich ab

Ähnliches berichtet Andreas Schmiedel vom Münchner Informationszentrum für Männer. Wenn Polizisten in eine Wohnung kämen, wo es Spuren von partnerschaftlicher Gewalt gebe, werde wie bei dem 40-Jährigen in Nürnberg immer erst der Mann verdächtigt. Das erhöhe natürlich die Hemmungen der Männer, sich zu öffnen. Dazu komme, dass die Gewalt von Frauen weniger offensichtlich sei. "Die Partnerin terrorisiert systematisch den Mann und macht ihn fertig." Oft vergingen viele Jahre, bis Männer versuchten, aus einer gewalttätigen Beziehung auszubrechen.

Die Vorbehalte der Männer, sich Hilfe zu suchen, nehmen jedoch allmählich ab, wie der Weiße Ring beobachtet hat. "So wie sich die gesellschaftliche Sicht auf diese Rollenbilder verändert, verändert sich auch der Umgang mit dem Tabu", sagt Sprecher Karsten Krogmann. So sei der Anteil der männlichen Hilfesuchenden beim Opfertelefon des Weißen Rings in den vergangenen Jahren konstant gestiegen: von 9 Prozent in 2017 auf mehr als 16 Prozent in 2019.

Auch bei Deutschlands erstem Hilfetelefon für von Gewalt betroffene Männer ist die Resonanz nach Angaben des nordrhein-westfälischen Ministeriums für Gleichstellung hoch. Nordrhein-Westfalen und Bayern haben die kostenlose Hotline Ende April freigeschaltet. Seitdem meldeten sich täglich vier bis neun Anrufer, die unter häuslicher Gewalt, sexuellen Übergriffen, aber auch Konflikten in der Nachbarschaft litten, hieß es aus dem Ministerium.

Aus der Sicht von Becker ist das ein wichtiger Schritt - vor allem jetzt, wo Experten wegen der Corona-Krise eine Zunahme der häuslichen Gewalt befürchten. "Solche Stresszeiten machen sich bemerkbar. Jetzt explodiert vieles", sagt er.

So war es auch bei dem 40-Jährigen in Nürnberg. "Früher habe ich immer versucht, so viel Zeit wie möglich draußen zu bleiben", sagt er. Er habe lange gearbeitet, Freunde besucht. Doch dann kam die Coronakrise, und er war der Gewalt zu Hause pausenlos ausgeliefert.

Irena Güttel / fs / DPA