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Natürlich leben: Sarah Wiener, die Bienen-Königin: "Es gibt in mir eine Rebellin"

Sie kann kochen, backen, kämpfen und imkern. Nun wagt sie den Schritt in die Politik. Sarah Wiener hat ein Buch über ihre Liebe zu den Bienen geschrieben und tritt bei den Grünen in Österreich an.

Sarah Wiener und ihr Bienenstock

Bienenwohnung auf Idealhöhe: Sarah Wiener mit ihrem  Bienen-Volk.

STERN

Sarah Wiener hat einen Stich. Das ist nichts Neues, werden ihre Kritiker jetzt einwenden. Vor ein paar Wochen verkündete Wiener, dass sie für die österreichischen Grünen bei der Europawahl antreten will. Die Kritiker werden nun vielleicht hinzufügen, dass sich ja auch schon Dolly Buster vergebens um einen Sitz im Europaparlament beworben habe. Doch Fernsehköchin und Biolandwirtin Sarah Wiener wollte schon immer ein bisschen die Welt retten. Jetzt also im EU-Parlament in Brüssel.

Aber Wiener hat wirklich einen Stich: eine winzige Beule an der Stirn. Bis zum 16. März wird die längst abgeschwollen sein, wenn der Bundeskongress entscheidet, ob Wiener den zweiten Listenplatz bekommt. Aktuell sitzen drei österreichische Grüne im Europaparlament, könnte also klappen. Bis dahin ist die Biene, die sich ihr todesmutig entgegengestellt hat, wahrscheinlich schon verschwunden im Magen einer uckermärkischen Meise.

Auf Gut Kerkow bei Angermünde, kurz vor der polnischen Grenze, deutet wenig auf das nahende Frühjahr. Der Atem der zotteligen Angusrinder steigt in Wölkchen auf, die Bienen verstecken sich noch dicht zusammengedrängt in ihren Beuten. Sarah Wiener steigt aus einem schrammeligen Offroader mit Rehdekor auf der Ersatzradhülle, unterm hochgeschlagenen Rollkragen blitzt eine Wunde hervor. "Blutegel haben so tolle Wirkstoffe", sagt sie, "das wollte ich mal ausprobieren. Aber es blutet grauselig." Man müsse schon ein robustes Verhältnis zu seinem Körper und der Natur haben, um das auszuhalten, ergänzt sie. Eine Empfehlung klingt anders.

Sarah Wiener und ihr Biohof

Vor vier Jahren hat Wiener den Betrieb am Rande des Biosphärenreservats Schorfheide-Chorin mit zwei Partnern gekauft und zu einem Biohof mit rund 80 Schweinen, 300 Rindern, 800 Hektar Landwirtschaft und hofeigener Metzgerei entwickelt. Auf ihren Feldern führten sie die siebenjährige Fruchtfolge ein, um den Boden nicht wie in Monokulturen auszulaugen und hofeigenes Futter für die Tiere zu gewinnen.

An den ersten sonnigen Tagen, als das Thermometer auf über zwölf Grad kletterte, brach Sarah Wiener auf, um ihre rund um Gut Kerkow verstreuten Bienenbeuten zu inspizieren. Acht Völker hütet sie derzeit, eines davon direkt an ihrem Wohnhaus, damit sie den kleinen Nachbarn morgens beim ersten Ausflug zuschauen kann.

An einer Beute hing noch das Mäuse­gitter, das die Bienen im Winter schützte. "Es war am Summen und am Tun, und da wollte ich denen helfen, die toten Bienen wegzuräumen, und habe dann die lebendigen auch gleich mit rausgefegt. Und dann ist eine gekommen und fuzzzz!" Mitten auf die Stirn.

In ihrem Buch "Bienenleben", das nun im Aufbau Verlag erscheint und in dem sie anschaulich erzählt, wie sie ihre Liebe für die Bienen entdeckt hat, schwärmt sie vom Sanftmut ihrer Immen. Einen Imkerschleier brauche sie nicht, auch keine Handschuhe, im Gegenteil: Streicheln könne man die Pelztierchen, wenn man sich ihnen mit Respekt und Demut nähere.

"Es kostet weniger, es macht mehr Freude, und es bringt besseren Honig"

Und dann: "Fuzzzzz!" Wiener lacht. "Ja, selber schuld, dachte ich mir, wie kann man nur so unsensibel beim ersten Mal nach dem Winter an die Bienen herantreten. Die wollten mir sagen: ‚Ja nö, Mädel, so aber jetzt nicht! Was ist denn mit dir los?’" 

Sarah Wiener: Bienenleben

Sarah Wieners Buch "Bienenleben - Vom Glück, Teil der Natur zu sein" erscheint am 15.3.2019 beim Aufbau Verlag. Hier können Sie das Buch kaufen.

Hersteller

Wiener versucht, aus der Sicht der Bienen auf die Welt zu schauen: Wie würde man wohnen wollen, als Biene? Was wäre das ideale Futter für den Winter? Und wie müsste die Welt beschaffen sein, damit sie gut schmeckt? Also ließ sie ihren Völkern Hochstände bauen und stellte die Einraumbeuten, in denen die Bienen ihre Brutnester, Pollen- und Nektarvorräte anlegen, auf etwa dieselbe Höhe, auf der Honigbienen ursprünglich in hohlen Bäumen nisteten. Honig entnimmt sie so zurückhaltend, dass die Bienen auf ihren eigenen Vorräten überwintern können – und nicht auf Zuckersirup, wie es in der Erwerbsimkerei üblich ist.

"Ich liebe es, dass sie mir so viel Freiheit geben. Wenn man wesensgemäß imkert, muss man sich kaum um sie kümmern. Es kostet weniger, es macht mehr Freude, und es bringt besseren Honig."

Am Schicksal der Biene ist "all das zu beobachten, was in dem Beziehungsgeflecht Mensch – Tier – Pflanze – Umwelt passieren kann", schreibt Wiener in ihrem Buch. Die Bienen sind also ein Gradmesser für das, was wir uns und der Welt antun.

Die Monokultur auf den Feldern macht ihnen das Überleben auf dem Land schwer. Nektarloser Mais so weit das Auge reicht, der der Biene nichts nützt. Eine lückenlose Tracht von der Haselnuss und Kornelkirsche im März bis zum Buchweizen im Oktober gibt es nur noch selten. Viele Imker müssen schon im Sommer mit Zuckerwasser zufüttern.

Und überall funkt der Mensch dazwischen: Unkrautkiller wie Glyphosat rotten Kräuter und Blumen aus, die Wildbienen als Lebensraum benötigen. Zudem soll das Gift die Darmflora der Bienen schädigen, was sie anfällig für Krankheiten macht. Als der BUND 2016 Honig aus dem Supermarkt testen ließ, fanden sich in 13 von 22 Sorten Rückstände von Pestiziden.

Neonikotinoide, also Insektenvernichter, die in der Landwirtschaft und in Hobbygärten eingesetzt werden, greifen das zentrale Nervensystem von Insekten an. Sie beeinträchtigen das Immunsystem, die Orientierung und die Fortpflanzung.

Ihren privaten Garten hat Sarah Wiener so angelegt, dass Mensch und Biene gleichermaßen profitieren. Maulbeerbäume, Quitten, Mispeln, Birnen, Pfirsiche, Süß- und Sauerkirschen und Äpfel wachsen dort, vor allem alte Sorten. Erst bestäuben die Bienen und futtern sich satt, dann erntet die Köchin und legt wochenlang ein. Statt eines Rasens gibt es eine Blumen­wiese. Und der Gemüsegarten? Verwildert. "Weil die Natur auch dort Disteln und Wicken, Kamille, Margerite und Klatschmohn wachsen lassen will und ich es nicht schaffe, durchzusetzen, wer die Herrin über meinen Garten ist. Oft sieht das wilde Durcheinander einfach auch schön aus. Ich lerne, die Kontrolle abzugeben und mich dem Leben hinzugeben."

Ihre Bienenvölker tragen Namen

Wenn sie über ihre Bienen, den Garten und den Hof spricht, schwingt viel Gefühl, Zuneigung mit. Alles hat seinen Wert. Das Holzhaus, das ein österreichischer Förster entwickelt hat, ist zusammengedübelt aus bei Neumond geschlagenem Holz. "Das ist nichts Esoterisches", winkt Wiener ab, "sondern altes Forstwissen. Das Holz ist so beschaffen, dass mein Haus wohl noch in 300 Jahren steht." Kein Klebstoff, kein Plastik, kein Metall wurde verwendet, um es aufzubauen. "Wenn man sich länger darin aufhält, gehen Blutdruck und Pulsschlag runter", sagt Wiener. Der Boden ist belegt mit handgeformten Fliesen aus der Uckermark, in der Küche regiert ein Sammel­surium aus getöpferten Tellern und Schüsseln. "Wenn es etwas in Nicht-Plastik gibt, dann habe ich das. Für mich besitzen all diese Gegenstände Energie, sie verbreiten Schönheit."

Ihre Bienenvölker tragen Namen: Oglala, Toffie, Selawie, Ataraxia, Athos, Marta, Izeta, Mr. Bien. Und sie dürfen alles: "Die hauen auch mal ab – ist auch okay." Auf genau diesen Schwarmtrieb setzte Wiener vergangenen Sommer, als ein Profi-Imker seine Kästen in ihrer Umgebung aufstellte. "Der hat 40 Beuten in der prallen Sonne auf einen Betonparkplatz geknallt. Da habe ich sofort 200 Meter weiter eine leere Beute hingestellt und gedacht, ein Schwarm von euch muss es jetzt bitte schaffen. Los doch, haut ab!" Schwärme gehören demjenigen, der sie fängt. Aber sie müssen schon freiwillig kommen. Wieners Beute blieb leer.

Kein Bienen-Scout hatte die neue Behausung für gut befunden. Wiener liebt diese Spurbienen, die allein losziehen, um neue Futterquellen und Nistplätze auszukundschaften und dem Volk schließlich vortanzen, welcher Weg dort hinführt. "Wenn ich mir eine Position aussuchen dürfte, dann wäre es sicher, so eine kleine verwegene Spurbiene sein zu dürfen. Es gibt in mir eine Rebellin, die sagt, bei aller Bewunderung für euer Sozialverhalten, nööö, Individualität ist genauso wichtig. Das hat sicher etwas mit meiner Familie und der unkonventionellen Art, groß geworden zu sein, zu tun."

Groß geworden im Mädcheninternat

Sarahs Mutter, die Künstlerin Lore Heuermann, zieht ihre drei Kinder allein auf. "Das war in den 60er Jahren in Wien ein No-Go, da warst du geächtet. Für meine Mutter war das eine ganz harte Zeit." Vater Oswald Wiener, Schriftsteller, Jazzmusiker und einer der Köpfe der "Wiener Gruppe", drohen nach einer radikalen Kunstaktion an der Universität juristische Konsequenzen, und er flieht 1969 nach Berlin. Dort eröffnet er das legendäre Künstlerlokal "Exil".

"Ich bin im Mädcheninternat groß geworden und in einem fast reinen Frauenhaushalt. Die Kraft, die Energie, der Optimismus und das Zukunftsweisende von Frauen habe ich immer unmittelbar erlebt." Wiener schmeißt die Schule, lässt sich durch Europa treiben und landet schließlich auch in Berlin. In der Küche des "Exil" lernt Sarah backen. Die Künstlerin Ingrid Wiener, neue Frau an der Seite des Vaters, bringt es ihr bei. Sarah Wiener wird Mutter, zieht ihren Sohn Artur allein groß, gewinnt zweimal den Berliner Meistertitel im Taekwondo. Langweilig wird es in ihrem Leben nie. 1990 gründet sie eine Cateringfirma, später kommen Restaurants, eine Bäckerei, ein Feinkostvertrieb dazu, Wiener gründet eine Stiftung für Ernährungsbildung, dreht TV-Serien, wird Fernsehköchin – ein Star auf den roten Teppichen der Republik.

Politik als Chance

Manches gelingt, manches nicht. Drei Ehemänner kommen und gehen. "Ich finde, meine Beziehungen waren, solange sie ­gedauert haben, immer sehr erfolgreich. Und wenn es nur war, dass ich danach etwas gelernt hatte! Es war eine erfolgreiche Lernkurve. So muss man das sehen." Heute, mit 56, sagt sie über ihr Liebesleben: "Ich lerne noch immer, stetig, auf vielen Ebenen, mit Freude und Lust!"

Dass sie nun für Österreichs Grüne ins Rennen geht, sieht sie als "die Chance, für meine Überzeugungen einzutreten. In der Verbindung mit anderen das Gemeinsame zu stärken – darin bin ich nicht ganz schlecht." Die Grünen hatten die partei­lose Öko-Aktivistin gefragt, ob sie kandidieren wolle. Inhaltlich sieht sie es als eine logische Fortsetzung ihres Engagements für nachhaltige Landwirtschaft, gesunde Ernährung und Artenvielfalt.

Aber sie hat auch Respekt vor dem, was da auf sie zukommen könnte. Die Tage bei den Bienen sind in diesem Frühjahr gezählt. Schon flattern die ersten EU-Verordnungen und Studien zur Vorbereitung auf den Wahlkampf auf den Tisch ihres Hofladens. "Es ist ein großes Abenteuer", findet sie. "Aber: Es ist keine ,g’mahte Wiesn’, wie der Wiener so sagt." 

Sarah Wiener hat 15 Gläser selbst geschleuderten Honig in der Berliner Redaktion abgegeben. Die ersten 15 Leserinnen und Leser, die sich per Mail bei uns melden, können sich ein Glas im Stern-Büro in Berlin Mitte abholen. Mail an: mueller.silke@stern.de

 

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