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Kriegsopfer aus dem Irak: Gesten der Wiedergutmachung

Im Irak fehlt es an Ärzten. Sie sind ermordet worden, verschollen oder haben das Land verlassen. Weil es im Land selbst zu gefährlich ist, versorgt die Hilfsorganisation "Ärzte ohne Grenzen" irakische Kriegsopfer in Jordanien. Über die Arbeitsbedingungen und seine Patienten vor Ort erzählt der deutsche Chirurg André Eckardt im stern.de-Interview.

Herr Eckardt, wie kommt es, dass ein deutscher Chirurg in der jordanischen Hauptstadt irakische Kriegsopfer operiert?

Die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen ist in Amman tätig, weil sie den Irak vor vier Jahren verlassen musste - die Sicherheitslage hat es nicht mehr zugelassen. Die Opfer des Kriegs wollte man aber weiter versorgen, also suchte man nach einem Ort außerhalb des Landes, an dem das möglich war. Der Jordanische Rote Halbmond, der in Amman über ein Krankenhaus verfügt, bot an für das Projekt 20 Betten und zwei Operationsräume zur Verfügung zu stellen. Dort werden die Opfer seit August 2006 behandelt.

Das heißt im Irak selbst können die Opfer des Krieges gar nicht mehr versorgt werden?


Ein Gesundheitssystem, das auch nur annährend mit den Folgen dieser humanitären Katastrophe fertig werden könnte, ist nicht mehr in Kraft. Es gibt kaum noch Spezialisten, zum Beispiel rekonstruktive Chirurgen oder Unfallchirurgen, die in der Lage sind komplexe rekonstruktive Operationen durchzuführen. Auch fehlt ihnen das entsprechende Material, Schrauben- und Plattensysteme, für derartige Eingriffe.

Weiß man denn, wie viele Ärzte es überhaupt noch im Land gibt?

Laut Angaben der Vereinten Nationen sind seit 2003 etwa 800 Ärzte verschwunden - sie wurden ermordet, sind verschollen oder haben das Land verlassen. Von denen, die da geblieben sind, weiß man, dass viele in den Krankenhäusern bei ihrer Tätigkeit bedroht werden.

In Amman sind auch einige gelandet?


Ja, viele von ihnen sind aus dem Irak, aber nicht alle. Nach ein paar Monaten merkte man, dass der Patientenansturm so riesig und das Ausmaß der Verletzungen so katastrophal ist, dass es bisweilen die Kompetenz und die Expertise der Kollegen vor Ort übersteigt. Im September 2006 hat man mich dann angefragt.

Ist Ihnen die Entscheidung, nach Jordanien zu fliegen, leicht gefallen?

Es war eine spontane Entscheidung. Ich bin seit zehn Jahren in humanitären Projekten in Vietnam und Westafrika engagiert. Doch Amman ist etwas Anderes. Das merkte ich, als man mir die ersten Fotos und Computertomographien per Email nach Hannover schickte. Da wurde mir klar: Was mich erwartet, ist reine Kriegs-Chirurgie.

Hatten Sie so etwas schon mal irgendwo vorher gesehen?

Nein. Durch mein Studium und meine chirurgische Tätigkeit bin ich natürlich für komplexe Gesichtsrekonstruktionen ausgebildet, aber was ich in Amman an furchtbaren Verletzungen und Schicksalen gesehen habe, hat meine Erwartungen bei weitem übertroffen. Es liegt jenseits unserer Vorstellungskraft.

Internationale Organisationen schätzen, dass seit Beginn des Kriegs vier Millionen Iraker geflüchtet sind, fast eine Million von ihnen hält sich in Jordanien auf. Wie oft waren Sie in Amman?

Fünf Mal. In ein paar Wochen werde ich wieder hinfliegen.

Wie kann man sich Ihre Arbeit vor Ort vorstellen? Wie sind Sie untergebracht?

In Amman habe ich freie Unterkunft, Ärzte ohne Grenzen plant die ganze Reise für mich, für den Aufenthalt dort nehme ich Urlaub. Morgens um halb acht werde ich abgeholt, gegen neun Uhr fangen wir an mit den Operationen, das dauert dann bis 17, 18 Uhr.

Wie sind die Arbeitsbedingungen in dem Krankenhaus? Gab es Umgewöhnungen?

Die Menschen in der islamischen Welt nehmen am Schicksal ihrer Mitpatienten sehr leidenschaftlich teil. Für uns bedeutete das, dass wir anfangs bei unserer morgendlichen Visite ein Pulk von Mitpatienten hinter uns herzogen - bei jeder Diagnose hörten sie zu und nickten und sprachen dem jeweiligen Patienten Mut zu. Das zu unterbinden hat uns viel Überredungskunst gekostet, es war nicht einfach. Man muss davon ausgehen, dass die meisten Patienten durch die Art der Verletzungen chronische Knochen- und Weichteilinfektionen haben, es sind ja meist Schuss- und Explosionsverletzungen. Inzwischen hat sich aber alles sehr gut eingespielt. Das Pflegepersonal berücksichtigt die Vorschriften, und auch die Patienten spielen mit. (Lächelt)

Bekommen Sie Reaktionen aus den USA?


Man sendet Gesten der Wiedergutmachung. Vor den Operationen zum Beispiel schicken wir Computertomographien der Patienten per Email an eine amerikanische Firma. Die stellt daraus 3-D-Modelle her und sendet sie per Kurier zurück nach Amman, ganz ohne Kosten für Ärzte-ohne-Grenzen. Für einen Operateur ist das viel wert: Man kann besser planen, etwa wie viel Knochentransplantat man braucht.

So erging es auch Abdullah, einem ihrer kleinsten Patienten...

Ja, Abdullah ist während der Beerdigung seines Großvaters durch eine Autobombenexplosion verstümmelt worden. Das war im November 2006. Die Bilder wurde weltweit herumgeschickt. Bei der Explosion hat er den Großteil seines Gesichts verloren, eine Wange, sein linkes Auge, die Oberlippe. Im Irak wurde versucht, die klaffende Wunde mit einem Hautlappen aus der Schulter abzudecken. Das Gewebe infizierte sich jedoch und wurde abgestoßen.

So haben Sie ihn kennen gelernt?


Ja. Nicht nur ihn, auch seine Eltern, die waren mit ihm nach Amman gekommen, traumatisiert, es muss furchtbar gewesen sein. Vor allem nachdem der erste Rekonstruktionsversuch gescheitert war, waren sie in einer psychologisch katastrophalen Situation. Und dann reist da noch ein Chirurg aus dem Ausland an... Die erste Operation hat 13 Stunden gedauert.

Wir haben ein Stück Gewebe aus dem Rückenbereich transplantiert; so etwas war in dem Krankenhaus in Amman noch nie zuvor durchgeführt worden. Nach der OP haben wir Abdullah 24 Stunden nachbeatmet, damit er Ruhe bekommt. Die Mitpatienten wussten ja, dass etwas Großes mit ihm passiert war, und natürlich wollten ihn alle sehen, doch wir sagten: Bitte, bitte, bitte, lasst ihn und die Familie zur Ruhe kommen. Nach fünf Tagen waren wir sicher, dass der Hauttransplantat angewachsen ist.

Hatten Sie Angst, dass es nicht klappt?


Die ersten Nächte habe ich unruhig geschlafen, es kann schließlich ständig etwas passieren. Nach zehn Tagen konnte Abdullah bereits wieder Nahrung mit dem Strohhalm aufnehmen und konnte mit den anderen Kindern spielen, es war großartig anzusehen.

Und nun nimmt sein Gesicht immer mehr Formen an...

Beim zweiten Einsatz im Februar, haben wir weitergemacht, wir haben das linke Auge rekonstruiert, das Oberlid und Unterlid. Beim nächsten Mal sind dann die Nase und der Nasensteg dran.

Der Junge ist jetzt schon seit über einem Jahr in der Klinik?

Ja, seit Dezember 2006. Seine Mutter und sein Onkel sind inzwischen wieder in Bagdad, und natürlich möchten Abdullah und sein Vater auch wieder zurück, der Junge geht ja seit anderthalb Jahren nicht mehr zur Schule. Sein Vater arbeitet nicht mehr, er war in einer Behörde tätig, der Familie ging es relativ gut. Leider ist es auch so, dass Abdullah immer wieder chirurgische Korrekturen brauchen wird. Er wächst ja noch. Und durch die massiven Narbenbildungen kann das Wachstum beeinträchtigt sein.

Schauen Sie eigentlich noch Nachrichten im Fernsehen?

Wenn ich in den Nachrichten so einen 30-Sekunden-Beitrag sehe, ein Bombenattentat im Irak mit 20 Opfern, da denke ich mittlerweile: Das ist doch nur die halbe Wahrheit. Wenn es 20 Tote gibt, dann gibt es auch 100 Schwerstverletzte. Aber da hat man schon lange umgeschaltet. Oder der Bericht ist zu Ende.

Haben Sie selbst eigentlich Kinder?


Ich habe zwei Kinder, die natürlich schon wissen, wo ich mich in der Welt herumtreibe. Beide wissen auch von Abdullah, haben auch mal Bilder gesehen. Aber um ehrlich zu sein, ich kann es nicht dauernd thematisieren.

Wie verkraften Sie selbst die Tage in Amman?

Ich muss gestehen, nach dieser Woche Amman - ich bin körperlich erschöpft. Ich weiß auch nicht warum. Ob es die Art der Anspannung ist, das andere Arbeitsumfeld, die andere Kultur... Es nimmt mich mit. Und was hinzukommt: Ich stelle mir immer wieder dieselbe Frage: Wieso musste das passieren? Doch es hilft ja nichts. Wir müssen jetzt versuchen, für das weitere Leben Abdullahs einen gangbaren Weg zu finden.

Fällt es Ihnen schwer, zurück in den Alltag an der Medizinischen Hochschule zu finden?


Die Tage in Amman helfen mir, eine Balance zu finden. Man kann sich ja über vieles aufregen, aber man darf nie vergessen: Es gibt viel, viel wichtigere Sachen. Und es gibt einen Punkt, den ich begriffen habe und den ich hier sehr deutlich machen möchte: Wir leben in einer Zeit, in der wir mit kriegerischen Auseinandersetzungen konfrontiert sind, und als eine der führenden westlichen Nationen ist es auch unsere Aufgabe, diesen Opfern zu helfen. Es muss ja nicht immer der Arzt sein, der im OP-Saal steht und die Verletzten rettet, im Gegenteil. Im Prinzip kann jeder auf seine Art helfen. Jede noch so kleine Spende ist ein wichtiger Beitrag.

Spendenkonto Ärzte ohne Grenzen: Spendenkonto 97 0 97, Bankleitzahl 370 205 00, Bank für Sozialwirtschaft

Um schnell, unabhängig und allein den Bedürfnissen der Menschen in unseren Einsatzländern entsprechend zu arbeiten, ist Ärzte ohne Grenzen besonders auf so genannte freie Spenden angewiesen. Spenden mit Stichwort verpflichten die Organisation moralisch und rechtlich, das Geld ausschließlich für den angegebenen Zweck zu verwenden, auch wenn ein Projekt bereits ausreichend finanziert ist. Sollten Sie dennoch ein Stichwort angeben wollen, wäre "Amman und andere Hilfseinsätze" denkbar, da die Spenden so, falls mehr Geld eingenommen wird als in Amman sinnvoll eingesetzt werden kann, auch in anderen weniger in der Öffentlichkeit stehenden Projekten wie beispielsweise im Südsudan oder in Kolumbien eingesetzt werden kann.

Interview: Iris Hellmuth