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Auftakt im Lübcke-Prozess Die Angehörigen und ihr Kampf gegen das Phantom

Markus H., der wegen Beihilfe zum Mord an Politiker Lübcke angeklagt ist, wird in einen Gerichtssaal des Oberlandesgerichts gebracht
Markus H., der wegen Beihilfe zum Mord an Politiker Lübcke angeklagt ist, wird in einen Gerichtssaal des Oberlandesgerichts gebracht
© Thomas Lohnes/ / Picture Alliance
Heute begann der Prozess um die Ermordung des nordhessischen Regierungspräsidenten Walter Lübcke. Auch dessen Angehörige waren vor Ort, sie hatten angekündigt, dem Täter in die Augen sehen zu wollen. Nun hatten sie Gelegenheit dazu.
Von Ingrid Eißele, Frankfurt

Es war nur ein dezenter Einblick in ihr Inneres, den Ehefrau und Kinder von Walter Lübcke gewährten, wenige Sätze ihres Vertrauten Dirk Metz. Doch sie ließen ahnen, wie schwer der Familie des ermordeten Regierungspräsidenten dieser Tag fiel: Welche Gefühle die Familie umtreiben werden, das ließe sich "wirklich nicht voraussagen. Ich glaube, da kann sich keiner von uns in irgendeiner Weise reinversetzen", sagte der Familiensprecher am Morgen auf den Treppenstufen des Oberlandesgerichts in Frankfurt, das achtstöckige Gebäude mit der Aufschrift "Die Würde des Menschen ist unantastbar" im Rücken.

Der nordhessische Regierungspräsident Walter Lübcke war am 2. Juni 2019 getötet worden. Rund ein Jahr später steht Stephan Ernst wegen Mordes vor Gericht. Der 46-Jährige soll den CDU-Politiker auf dessen Terrasse im nordhessischen Wolfhagen-Istha erschossen haben, weil dieser sich für Flüchtlinge eingesetzt hatte. Die Bundesanwaltschaft sieht bei Ernst eine "von Rassismus und Fremdenfeindlichkeit getragene völkisch-nationalistische Grundhaltung" als Motiv. Nach seiner Festnahme legte Ernst zunächst ein Geständnis ab, dass er später widerrief.

Irmgard Braun-Lübcke, die Ehefrau von Walter Lübcke, ihre Söhne Christoph und Jan-Hendrik hatten schon vor Wochen angekündigt, dass sie als Nebenkläger am Prozess teilnehmen wollten. "Wir wollen den angeklagten mutmaßlichen Tätern in die Augen sehen," hatte die Familie erklärt. "Wir empfinden es als eine Verpflichtung gegenüber unserem Ehemann und Vater, den Prozess vor dem Oberlandesgericht im Sitzungssaal zu verfolgen." Nun waren sie da, abgeschirmt von der Öffentlichkeit.

Der Wunsch, dem Angeklagten gegenüber zu sitzen

Während der Prozess schleppend begann, die Verteidiger Befangenheitsanträge stellten und ausführlich begründeten, konnte die Familie den beiden Angeklagten in die Augen sehen. Warum dieser Wunsch aufkam, "das hat die Familie mir gegenüber nie erklärt", so Dirk Metz. Er wolle "da auch nichts reininterpretieren".

Tatsächlich habe der Blick auf die Angeklagten "eine tiefe Bedeutung", weiß der Waiblinger Anwalt Jens Rabe aus jahrelanger Erfahrung mit Nebenklägern in Gerichtssälen. Rabe, der auch die Tochter eines Ermordeten im NSU-Prozess vertrat, rät Mandanten dazu, sich dieser Konfrontation zu stellen, auch wenn sie extrem belastend sein könne. "Doch sie hilft, mit dem Phantom aufzuräumen, das in den Monaten seit der Tat in der eigenen Phantasie entstanden ist. " Selbst wenn sich im Laufe des Prozesses herausstelle, dass ein Angeklagter unfähig sei zu einer menschlichen Geste, könne er doch besser eingeordnet werden. "Alles ist besser, als dieses schwarze Loch."

"Ein klares Signal gegen Hass und Gewalt"

Der Blick auf den Angeklagten helfe später bei der Verarbeitung der Trauer. Viele setzen sich dem Prozess aus, weil sie noch einmal etwas für ihren Angehörigen tun wollen. Und manchmal sogar, wie im Fall der Familie Lübcke, sein Werte tradieren wollen. Sie seien hier, so der Familiensprecher um für Lübckes Überzeugungen einzustehen, und "ein klares Signal gegen Hass und Gewalt zu setzen."

Wann die Familie des Angeklagten nun wieder dem mutmaßlichen Täter gegenüber sitzen wird, ist allerdings noch unklar. Die Verteidigung fordert eine Aussetzung des Verfahrens. Wegen der Corona-Pandemie sei der Zugang der Öffentlichkeit zu dem Prozess stark eingeschränkt.


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