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New Orleans: Sumpf voll Chemikalien, Müll und Öl

80 Prozent von New Orleans stehen unter Wasser. In den Fluten mischen sich Ab- und Frischwasser - dazu Chemieabfälle und Müll. Diese Umweltkatastrophe könnte nicht die letzte sein, warnen Experten, vor allem, wenn sich die US-Klimapolitik nicht ändere.

Zunächst sah es so aus, als wäre New Orleans vom Schlimmsten verschont geblieben. Doch zwei Tage nach dem der Hurrikan "Katrina" vorbeigezogen ist, wird die Lage in der Südstaatenstadt nicht besser, sondern immer schlimmer. Nach zwei Dammbrüchen ist der Wasserspiegel in einigen Stadtteilen bis auf sechs Meter angestiegen. 80 Prozent der Stadt sind überschwemmt.

Der Strom ist ausgefallen, und weder Toilettenspülungen noch Klimaanlagen funktionieren. Dazu kommen giftige Chemikalien und Abfälle der Mülldeponien, die durch die Flutwellen überallhin verteilt werden. Die Leichen werden von den Rettungskräften in den Booten einfach beiseite gestoßen. Zudem werden aus den Friedhöfen der teilweise unter dem Meeresspiegel liegenden Stadt Särge aus den Gräbern geschwemmt - bei Temperaturen von 33 Grad.

Greenpeace-Klimaexperte Karsten Smid sieht noch ein weiteres Problem: "Der Golf von Mexiko und die Küste sind das Herz der amerikanischen Ölindustrie. Es ist davon auszugehen, dass Öl ausgetreten ist", so Smid. Er befürchtet, dass die enorme Wucht des Hurrikans Teile von Raffinerien und petrochemischen Anlagen beschädigt hat.

Die teils veralteten Anlagen stünden direkt am Mississippi, so dass Öl oder Ölprodukte leicht in den Fluss geraten könnten. Zudem bestehe die Gefahr, dass Giftstoffe aus den belasteten Böden der Industrieareale ausgeschwemmt wurden. "Davon geht eine deutliche Bedrohung aus", sagte Smid.

Das Deutsche Rote Kreuz warnt außerdem davor, dass das saubere Trinkwasser knapp wird. "Bis die Wasserversorgung wieder funktioniert, muss die Bevölkerung mit Hilfe von Tankwagen, Wasserflaschen und mobilen Aufbereitungsanlagen versorgt werden", sagt Achim Müller, Leiter der DRK-Katastrophenschutzes. "Durch stark verschmutztes Trinkwasser besteht sonst die Gefahr von schweren Durchfallerkrankungen", so Müller weiter.

Durch den Ausfall der Pumpen und der Klärwerke hätten sich Trinkwasser und Abwasser vermischt. Das Schmutzwasser müsse abgepumpt werden, sobald es möglich ist. Das dauere zwei Tage. Es gebe wohl keine andere Möglichkeit als die giftige Brühe ins Meer zu leiten, "ein mögliches Fischsterben ist in diesem Fall wohl das kleinere Übel", sagt Müller.

Dadurch, dass der Strom in weiten Teilen ausgefallen ist, können die Bewohner der Stadt das Trinkwasser auch nicht nicht abkochen. Es wird daher mit einer Vielzahl von Magen-Darm-Erkrankungen gerechnet. Zudem rechnen Experten damit, dass die Mücken-Population unter diesen Umständen anwachsen werde. In Louisiana kommt das West-Nil-Fieber vor, eine Virus-Erkrankung, die von Mücken übertragen wird und tödlich verlaufen kann.

Fachleute weisen seit Jahren auf die gefährliche Situation in New Orleans hin, zumal die Stadt in den vergangenen Jahrzehnten hunderttausende Hektar Feuchtgebiet an der Küste verloren hat. Die Sümpfe und Buchten südlich der Stadt dienen als Puffer und saugen teilweise die Wassermassen auf, die ein Hurrikan an die Küste peitscht. Zuletzt hatte New Orleans vor 40 Jahren mit einem nur annähernd so starken Hurrikan zu kämpfen. "Betsy", ein Wirbelsturm der Kategorie 3, setzte Teile der Stadt bis zu zwei Meter tief unter Wasser. Seither blieb die Stadt verschont.

Klimaexperten haben keinen Zweifel, dass die allgemeine globale Erwärmung die Lage auch im Süden der USA zuspitzt. "Es gibt klare Anzeichen, dass die Klimaerwärmung eine Rolle spielt. Auch wenn das nicht der Hauptfaktor ist: Manchmal wird so etwas zum Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt", sagt der Klimaexperte Kevin Trenberth. Die Meerestemperatur stieg seit den 70er Jahren um ein halbes Grad Celsius, sagt der Klimaexperte der Wetterbehörde NOAA, Thomas Knutson. "Diese erhöhte Wärme hat das Potenzial, Hurrikans noch intensiver zu machen als wir sie heute sehen", sagte er. "Wir sprechen von einer unglaublichen Umweltkatastrophe", sagt Ivor van Heerden, stellvertretender Leiter des Hurrikan-Zentrums der Universität von Louisiana.

Angesichts der noch nicht abzusehenden Schäden durch "Katrina" haben Umweltschützer US-Präsident George W. Bush zu einer Kehrtwende in der Klimapolitik aufgefordert. "Will Bush nicht immer öfter Katastrophenalarm ausrufen, muss er die Klimavorsorge endlich ernst nehmen", verlangte der Präsident von "Friends of the Earth", Brent Blackwelder.

"Für diese Politik zahlen die Menschen einen hohen Preis"

Bush vernachlässige die Klimapolitik sträflich und subventioniere stattdessen die Kohle- und Ölindustrie in noch nie da gewesenem Maße, so Blackwelder. "Für diese Politik zahlen die Menschen auch in unserem Land einen hohen Preis."

Für die amerikanische Wirtschaft würde sich die Investition in den Klimaschutz nach Ansicht der Umweltorganisationen rechnen. Experten schätzten die Klimaschäden bis 2050 in den USA auf mehr als 327 Milliarden Euro, allein "Katrina" soll bis zu 30 Milliarden Dollar Schäden hinterlassen haben. Die Kosten zur Vermeidung der Klimaschäden über Energieeinsparungen und Förderung erneuerbarer Energiequellen werden nach Angaben der Umweltschützer auf etwa 140 Milliarden Dollar taxiert.

Einige amerikanische Bundesstaaten ziehen inzwischen an ihrem als widerspenstig empfundenen Präsidenten vorbei. Neun Staaten im Nordosten der USA haben sich im August weitgehend darauf geeinigt, die Treibhausgase aus ihren Kraftwerken eigenständig bis 2020 zu senken. An der US-Westküste formiert sich eine ähnliche Koalition.

Mit Material von DPA/AP/Reuters / AP / Reuters