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Pizzeria-Kinder: "Mami geht nur eine Zigarette rauchen"

Der Fall eines deutschen Paares, das drei kleine Kinder im italienischen Aosta-Tal allein in einer Pizzeria zurückgelassen hat, wird immer mysteriöser. Inzwischen schließt die Polizei einen Selbstmord der 26-jährigen Mutter und ihres Begleiters nicht aus. Aus einem gefundenen Tagebuch geht hervor, dass sich das verschwundene Duo in extremer finanzieller Not befunden haben muss.

Die italienische Polizei schließt einen Selbstmord des deutschen Paares nicht aus, das am Sonntag drei kleine Kinder in einer Pizzeria im Aosta-Tal zurückgelassen hat. Rettungskräfte suchten die Alpenflüsse in der Nähe ab, erklärte der leitende Polizist Alessandro Carmeli in Aosta. "Wir können eine Tragödie nicht ausschließen."

Carmeli betonte, ein Selbstmord sei aber nur eine der Richtungen, in die derzeit ermittelt werde. Gegen die beiden werde auch wegen Aussetzung Minderjähriger ermittelt. Die 26-jährige Ina R. aus Finnentrop im Sauerland und ihr 24-jähriger Freund Sascha Sch. hatten die drei Kinder, die aus einer früheren Beziehung der Frau stammen, am Sonntag in einer Pizzeria alleingelassen, wie die Behörden am Dienstag mitteilten.

Es wirkte wie in ein harmonischer Urlaub

Alles sah zunächst nach einem harmonischen Urlaub im italienischen Aostatal aus, als das junge Paar mit drei Kindern anreiste - zwei Jungen im Alter von zehn Monaten und sechs Jahren und ihre vier Jahre alte Schwester.

"Sie wirkten wie das klassische junge Paar mit ihren hübschen Kindern." Ezio Gevroz kann es noch immer nicht fassen. In seinem "Hotel Joli" in Aosta war die Familie, die sich nach Medienangaben schon seit dem 14. April in Italien aufhielt, am Samstagabend untergekommen. "Erst als ich am Sonntag feststellen musste, dass ihre Kreditkarte leer ist, kamen mir Zweifel, aber sie wollten ja bis Montag bleiben."

Wie die Polizei feststellte, hatten die Eltern ihren Wagen kurz nach der Autobahnausfahrt Aosta stehen lassen, nachdem ihnen der Sprit ausgegangen war. Sie waren ohne Gepäck unterwegs gewesen. "Mir kam das schon so komisch vor am Sonntagabend. Die Kinder waren viel zu leicht bekleidet, ohne Jacke und ohne Schirm sind sie in die Pizzeria gegangen, und es regnete doch", sagt der Wirt. "Mami geht nur eine Zigarette rauchen", soll die Mutter zu ihren Kindern gesagt haben, bevor sie verschwand.

Mitarbeiter suchten auf der Toilette und auf dem Parkplatz

Die Angestellten des Restaurants sahen das Pärchen noch etwa eine Viertelstunde rauchend vor dem Eingang, dann war plötzlich keiner mehr da. Während die Kinder fröhlich weiter aßen, fingen die Mitarbeiter an zu suchen - auf der Toilette, auf dem Parkplatz. "Wir konnten uns schlicht nicht vorstellen, dass die beiden Erwachsenen die Kinder einfach so zurückgelassen haben", sagt der Pizzabäcker. Nach einiger Zeit habe man die Polizei alarmiert.

"Wenn du willst, zeig ich dir, wo Mamis Auto ist", soll der Sechsjährige zu der einzigen Deutsch sprechenden Polizistin gesagt haben. Mit Hilfe des Jungen finden sie den verlassenen Ford Fiesta. In der zurückgelassenen Handtasche stoßen die Beamten auf einen Zimmerschlüssel des Hotels. Gefunden wird auch ein Tagebuch. "Den Aufzeichnungen konnten wir entnehmen, dass die beiden sich in ernsthaften finanziellen Schwierigkeiten befunden haben müssen", erklärt Alessandro Carmeli, Polizeichef von Aosta. Noch schlimmer sei allerdings, dass aus dem Text Selbstmordabsichten hervorgingen. Die Beamten gehen nun von einer Verzweiflungstat aus.

Über Interpol die Großeltern ausfindig gemacht

Die Kinder waren noch am Sonntagabend im Krankenhaus untersucht worden. Inzwischen sind sie in der Obhut des Sozialdienstes der italienischen Stadt. Gesundheitlich seien sie gut beieinander. "Wir haben außerdem über Interpol die Großeltern ausfindig gemacht, die jetzt auf konsularischem Weg das Sorgerecht beantragen können", sagt Carmeli. Im Moment liege die Zuständigkeit allerdings beim Jugendgericht von Turin, da die Kinder in Italien ausgesetzt wurden.

In Deutschland ist das Jugendamt in Olpe für die Heimholung der Kinder zuständig. "Wir haben grünes Licht von den italienischen Behörden. Am Donnerstag fahren zwei Mitarbeiter des Jugendamtes nach Italien", sagte ein Sprecher der zuständigen Olper Kreisverwaltung am Mittwoch. Die beiden Jungen und ihre Schwester sollen am Freitag wieder ins heimische Sauerland kommen.

Der leibliche Vater sitzt im Gefängnis

Der leibliche Vater wurde 2006 zu einer Haftstrafe verurteilt, weil er eine vierte Tochter so sehr geschüttelt hatte, dass sie starb. "Der Mann verbüßt eine Haftstrafe wegen Körperverletzung mit Todesfolge", sagte ein Sprecher der Staatsanwaltschaft in Siegen. Dort werde geprüft, ob sich die Mutter und ihr Begleiter einer Straftat schuldig gemacht haben.

Der italienische Zivilschutz hat unterdessen in der gesamten Region Aostatal umfassende Suchmaßnahmen eingeleitet, vor allem entlang der zahlreichen Wasserläufe - bisher ohne Erfolg. Ein italienischer Zugbegleiter will den 24-Jährigen erkannt haben. Er habe ihn am Dienstagnachmittag in dem von Verona nach München fahrenden Zug erkannt, sagte er den Ermittlern, wie italienische Medien am Mittwoch berichteten.

Der Mann habe einen Fahrschein für Innsbruck gehabt und einen zweiten für die ihn begleitende Frau gekauft. Die junge Begleiterin des Mannes hat der Bahnbeamte auf einem Foto jedoch nicht als die 26-jährige Mutter wiedererkannt. Die Ermittler prüfen die Angaben, hieß es. Die Kinder geben ihre Hoffnung nicht auf: "Mami wird bald wieder da sein", hatte der Älteste Sonntagnacht seine kleine Schwester beruhigt.

DPA/AP / AP / DPA