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Kardinal Woelki: Caritas et furor: Über die innere Einstellung, die uns im Umgang mit Wutbürgern hilft

Rechtspopulisten treten mit aggressiven Parolen gegen Fremde und "die da oben" auf. Wir müssen uns dem entgegenstellen. Mit einer Mischung aus Demut und Selbstbewusstsein, also: Gelassenheit, sagt Rainer Maria Kardinal Woelki.

Ja, es gibt Elend und Ungerechtigkeit, die zum Himmel schreien; sich darüber aufzuregen, ist tatsächlich menschlich. Wenn wir das, was tagtäglich auf unserer Welt geschieht, wirklich an uns heranlassen, können wir wahrscheinlich vor Aufregung nicht mehr schlafen. Solche Aufregung, die zu Solidarität werden und zu Veränderung führen kann, meine ich nicht, wenn ich zu mehr aufrufen möchte.

Aktuell wird die politische Diskussion dominiert durch Kriege in Europas Nachbarschaft, die Herausforderungen, die mit Migration verbunden sind, die Schuldenkrise und den grassierenden Rechtspopulismus. Letzterer braucht und schürt Daueraufgeregtheit, Verbissenheit in die eigene enge Weltsicht und Interessenegoismus. Wahres, vom Evangelium inspiriertes Christentum motiviert zum Gegenteil: Gelassenheit, Demut und lauten hier die Grundhaltungen.

Christen stimmen unterdurchschnittlich oft für AfD

Es ist wohl kein Zufall, dass christliche Bürger bei jeder Wahl - auch jüngst in - deutlich unterdurch­schnittlich für die AfD stimmten. Zwar gibt es auch bei kleinen Gruppen in der Kirche eine besorgniserregende Anfälligkeit für ideologisches Denken, fanatische Selbstgewissheit, Ressentiments gegen alles Fremde – ethnische, religiöse und sexuelle Minderheiten - und aggressive Parolen gegen eine liberal-rechtsstaatliche Politik des Maßes und der Mitte. Doch die übergroße Mehrheit folgt diesen Irrlichtern nicht. Die Übersetzung von "Schwarmintelligenz" in den kirchlichen Sprachgebrauch lautet übrigens "Sensus fidelium". Dieser "Glaubenssinn des Gottesvolks" weist in eine andere Richtung als die Aufwiegler unserer Tage es gerne hätten; er verdankt sich den Früchten des Heiligen Geistes, die im Galaterbrief aufgezählt werden als: Liebe, Freude, Friede, Geduld, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut, Selbstbeherrschung".

Wo Menschen sich im Letzten geborgen wissen, schrieb schon der große Theologe Romano Guardini, finden sie Gelassenheit im Vorletzten. Wo diese Geborgenheit massenhaft verloren geht, kann das auch politische Wirkungen zeitigen und zu einem raueren Klima in der Gesellschaft beitragen. Demokratie gedeiht nur in einem gemäßigten Klima. Sie braucht zwar die Auseinandersetzung, auch den Streit, aber ebenso Milde, Gelassenheit und Versöhnlichkeit. In einer Aufzählung dessen, was man tun könne, um die durch autoritäre Mächte bedrohten Demokratien zu stärken, schlug kürzlich die stellvertretende Chefredakteurin der Wochenzeitung "Die Zeit", Sabine Rückert, vor: "Ich trete in die Kirche ein oder in eine aufgeklärte Glaubensgemeinschaft anderer Religionen: auch als Agnostiker. Diese Gemeinschaften halten die Gesellschaft zusammen, sie lehren die Tugenden des Umgangs: Höflichkeit, Freundlichkeit, Herzlichkeit. Sie bewahren mich vor dem Irrweg, alles besser zu wissen."

Sie werden mir nachsehen, dass ich da nicht widerspreche. Es ist gut und notwendig, uns als Kirche auf diese Gaben zu besinnen und den Menschen vorzuleben - bei allem Wissen um Unzulänglichkeiten und Sünden auch in der Kirche."

Demut ist eine wirkliche Tugend

Christliche Demut kann tatsächlich davor bewahren zu glauben, "alles besser wissen zu können". Demut ist eine wirkliche Tugend, die natürlich auch ohne den Glauben möglich ist, aber doch von ihm unterstützt wird. Besserwisserei droht sich nicht zuletzt durch die Selbstbestätigungszirkel von "Freunden" und "Followern" im Internet zur Verbissenheit und Hybris zu steigern. Die Zahl der Deutschen, die meinen, besser "Kanzler zu können" als die derzeitige, erfahrene Amtsinhaberin, ist ebenso lächerlich wie erschreckend groß.

Wir brauchen dringend eine Abrüstung überzogenen Selbstbewusstseins und anmaßender Herabwürdigung derer, die sich hochkomplexen Steuerungsaufgaben in Staat und Gesellschaft widmen. Konstruktive Kritik ist in einem gewaltenteiligen, demokratischen, für Selbstkorrektur offenen System notwendig. Doch ohne erarbeitete Sachkompetenz, geistige Anstrengung, Mäßigung und Respekt muss "öffentliche Meinung" - um den Kulturphilosophen Egon Friedell zu zitieren - immer mehr zum Lärm werden, "der entsteht, wenn die Leute mit ihren Brettern vorm Kopf durcheinander rennen".

Da alle Staatlichkeit letztlich auf öffentlicher Meinung beruht, ist eine "Ökologie" der politischen Kultur und Kommunikation vonnöten. Der Staat des Grundgesetzes, der sich in Artikel 1 als Zweckverband zum Schutz der Menschenwürde definiert, braucht loyale, kreative, tüchtige und empathische Bürger. Ein freieres, menschenfreund­licheres politisches System wird es in Deutschland nicht geben. Im internationalen Vergleich ist es eine Rarität. Verlieren könnten wir es vielleicht schneller als wir ahnen, wenn sich der Typ des verbissenen Wutbürgers weiter ausbreitet. Wir sollten uns dem entgegenstellen, mit Leidenschaft, Verantwortungsgefühl und Augenmaß - also mit einer Gelassenheit, in der sich Demut und Selbstbewusstsein die Waage halten. 

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