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Schwarze Tage für den Zugverkehr: Hitze und Unwetter stürzen Bahn ins Chaos

Das extreme Wetter stellt die Bahn bloß: Kaputte Klimaanlagen, kollabierende Passagiere und teilweise kompletter Stillstand. Das Unternehmen verspricht Widergutmachung.

Am Wochenende kollabierten die Passagiere, dann brachen die Zugverbindungen zusammen: Die große Hitze und ein kräftiges Unwetter haben bei der Deutschen Bahn und ihren Fahrgästen für chaotische Tage gesorgt. Am Montag brachte eine Gewitterfront den Bahnverkehr auf wichtigen Strecken in Nordrhein-Westfalen fast vollständig zum Erliegen. Ein Bahnsprecher berichtete von "massiven Störungen" wegen Blitzeinschlägen und Bäumen im Gleis. Betroffen waren der Fern- und Nahverkehr sowie alle S- Bahnlinien im Bereich Rhein-Ruhr.

Auf dem Düsseldorfer Hauptbahnhof standen die Reisenden am Nachmittag in dichten Trauben auf den Bahnsteigen und warteten auf Züge. Unter anderem waren die Hauptstrecken Köln-Düsseldorf und Köln-Aachen sowie die Verbindung Oberhausen-Altenessen-Gelsenkirchen betroffen.

Bahn-Chef verspricht Entschädigung

Am Wochenende waren bei tropischen Temperaturen in vielen Zügen die Klimaanlagen ausgefallen. Mehr als 40 Fahrgäste erlitten wegen der extremen Hitze zumeist einen Kreislaufkollaps und mussten behandelt werden. Die Bahn versprach eine lückenlose Aufklärung der Vorfälle: "Wir nehmen die Ereignisse der letzten Tage sehr ernst", sagte Konzernchef Rüdiger Grube am Montag in Berlin. Die Bahn will demnach die Betroffenen schnell und unbürokratisch entschädigen. Sie können sich unter der Telefon-Nummer 01805-996633 mit dem Unternehmen in Verbindung setzen.

Die Hitzepannen haben für das Unternehmen trotzdem ein juristisches Nachspiel. Die Bundespolizei ermittelt gegen das Staatsunternehmen wegen Verdachts der fahrlässigen Körperverletzung und der unterlassenen Hilfeleistung. Untersucht werden soll, ob es nicht möglich gewesen wäre, angesichts von Temperaturen bis zu 50 Grad im Zuginneren eher Abhilfe zu schaffen. Eingeschaltet sind auch die Staatsanwaltschaft Bielefeld und das Eisenbahnbundesamt, das die Technik und betrieblichen Abläufe untersucht.

Ramsauer: "Nicht hoch stilisieren"

Auch das Bundesverkehrsministerium macht Druck auf die Deutsche Bahn: "Das Thema Mängel bei den ICE ist auf der Tagesordnung", sagte eine Ministeriumssprecherin. "Der Aufsichtsrat wird sich in seiner nächsten Sitzung damit beschäftigen", kündigte sie an. Zudem sei das Verkehrsministerium in Gesprächen mit der Bahnindustrie, der Bahn und dem Eisenbahnbundesamt, um "zukünftige Generationen von ICE zu optimieren".

Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer warnte allerdings davor, die ausgefallenen Klimaanlagen in ICE "zu einer nationalen Tragödie hoch zu stilisieren". Zugleich forderte der CSU-Politiker am Montag, die Ursachen der aktuellen Vorfälle müssten gründlich untersucht und beseitigt werden. Verbraucherministerin Ilse Aigner (CSU) forderte in der "Bild"-Zeitung die schnelle Überprüfung aller Züge. Es sei ein ernster Vorgang, wenn Fahrgäste gesundheitliche Beeinträchtigungen erlitten, wurde Aigner zitiert.

Fahrgastverband kritisiert Sparpolitik

Der Fahrgastverband Pro Bahn hält die gehäuften Defekte von Klimaanlagen in ICE für ein hausgemachtes Problem. "Es waren alles Züge des Typs ICE II. Das sind Züge, die jetzt 15 Jahre alt sind", sagte Karl-Peter Naumann, Bundesvorsitzender des Verbandes, am Montag. Eine Generalüberholung der Züge sei dringend nötig. "Die kommen jetzt auch in die Revision, vielleicht hätten sie doch etwas früher reingemusst."

Fatal sei nach wie vor der Umgang der Bahn mit Problemen. "Was die Bahn noch immer nicht gelernt hat, ist, mit Krisen umzugehen", kritisierte Naumann. "Wenn es kritisch wird, muss man einen Zug auch mal anhalten und nicht nur, wenn er nicht weiterfahren kann, sondern auch, wenn im Inneren Dinge des Komforts nicht mehr stimmen." In den konkreten Fällen vom Wochenende hätte man die Reisenden aussteigen lassen müssen. "Das geht nicht anders."

Die größte Bahn-Gewerkschaft Transnet forderte ebenfalls Gegenmaßnahmen. "Die Ursachen müssen schleunigst erforscht und beseitigt werden", sagte der Vorsitzende Alexander Kirchner nach Angaben seines Sprechers. Er warnte zugleich vor einer Vorverurteilung der Zugbegleiter. "Sie haben einen harten Job und leiden auch unter den Problemen."

Bahn will mehr Getränke und einen "Extra-Blick"

Die Bahn kündigte am Montag Maßnahmen an. Bei der Wartung über Nacht würden die Klimaanlagen mit einem extra Blick genauer überprüft, sagte ein Sprecher. Zudem seien Zugbegleiter nochmals darauf hingewiesen worden, stärker auf Unregelmäßigkeiten zu achten. Außerdem sollen künftig mehr Getränke mitgenommen werden, mit denen sich Reisende erfrischen können.

Neben den drei überhitzten ICE wurden weitere Probleme bekannt. Ein Korrespondent der DPA berichtete von einem IC von Passau nach Hamburg, in dem am Sonntag in mehreren Wagen die Klimaanlage versagt hatte. Im Intercity 2311 von Westerland nach Köln sei am Sonntag die Klimaanlage ausgefallen, sagte der 37-jährige Kölner Matthias Bosmann. Er habe selbst in dem Zug gesessen. Einige Wagen seien wegen Hitze geschlossen worden, Fahrgäste hätten auf andere Waggons ausweichen müssen. "Es war ein Riesenchaos."

fw/DPA/AFP/APN / DPA