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Gewalt im Gefängnis Ausgegrenzt, unterdrückt, erpresst: Wie es Sexualstraftätern in Haft ergeht

Gefängnis von außen durch Zaun
Sexualstraftäter werden in deutschen Gefängnissen unter Insassen oft geächtet. Immer wieder werden sie auch Opfer von Gewalt. (Symbolbild)
© SPMemory / Getty Images
Die gesellschaftliche Ächtung von Sexualdelikten macht vor den Gefängnismauern keinen Halt. Sexualstraftäter sind häufig Opfer von Übergriffen. Dadurch steigt die Gefahr, rückfällig zu werden.

Wenn Sexualdelikte öffentlich werden, hört man meist die Stimmen am lautesten, die fordern, die Täter möglichst lange wegzusperren – erst recht, wenn Kinder die Opfer sind. Doch im Gefängnis – oder auch im Maßregelvollzug, wo Straftäter sitzen, die etwa wegen schwerer psychischer Krankheiten ihr Handeln nicht als Unrecht empfinden – gibt es neue Probleme: Denn dort werden die Täter nicht selten selbst zu Opfern. In der Haft erleben sie Ausgrenzung, Unterdrückung, Erpressung und Gewalt. Auch im psychiatrischen Maßregelvollzug würden Einzelne ausgegrenzt, sagt Jürgen Schmitz, Chefarzt der Klinik für Forensische Psychiatrie und Psychotherapie in Lüneburg. Auch dort gebe es Hierarchien unter den Patienten.

Lambrecht: Verfolgungsdruck muss erhöht werden

Kirstin Böcker, Leiterin der Justizvollzugsanstalt Waldeck in Mecklenburg-Vorpommern bestätigt, was man nur vermuten kann: "Sexualstraftäter sind im Ansehen unter den Gefangenen weit unten angesiedelt." Und der Druck wächst: Bundesjustizministerin Christine Lambrecht fordert, mit Geldstrafen selbst in schweren Fällen sexuellen Kindesmissbrauchs müsse Schluss sein. "Es ist auch wichtig, dass dieser Verfolgungsdruck auf diese widerlichen Täter noch weiter erhöht wird", sagt die SPD-Politikerin.

Kaum überraschend: Im Fall von Madelaine McCann wurde der Verdächtige in Kiel erst kürzlich aus Sicherheitsgründen in einen anderen Trakt des Gefängnisses verlegt. Und nicht nur verlegt – der Verdächtige darf auch nur einzeln und in Begleitung des Wachpersonals aus der Zelle. So soll verhindert werden, dass Mitgefangene den Häftling attackieren. Der wegen anderer Delikte inhaftierte Mann steht im Fall des vor 13 Jahren verschwundenen britischen Mädchens Madeleine McCann unter Mordverdacht. Seit er als Hauptverdächtiger im in diesem Fall gilt, sind Übergriffe nicht ausgeschlossen.

Anderes Beispiel: Jugendanstalt Hameln, Deutschlands größte Jugendstrafanstalt: Dort sind Sexualstraftäter oder Tatverdächtige häufiger Anfeindungen von Mitinhaftierten ausgesetzt, wenn die Tat bekannt wird", sagt ein JVA-Sprecher. Die Mitarbeiter seien deshalb grundsätzlich und im Einzelfall für die Problematik sensibilisiert". So würden Betroffene beraten – vor allem sollten sie Gerichtspost und Prozessunterlagen sorgsam verwahren. Im Notfall kämen sie in eine geschützte Abteilung. Insgesamt kämen Bedrohungen oder Tätlichkeiten gegen Sexualstraftäter eher selten vor. Landesweit gebe es etwa in den niedersächsischen Gefängnissen "gelegentlich" Übergriffe zwischen den Gefangenen, sagt ein Sprecher des Justizministeriums in Hannover.

Schutzmaßnahmen vor Selbstjustiz unter Insassen

Die Rostocker Rechtsanwältin Beate Falkenberg – sie hat langjährige Erfahrung im Umgang mit Sexualstraftätern in Haft – sagt dazu: "Die, die Kinder geschädigt haben, sind ganz unten und teilweise selbst Repressalien ausgesetzt." Sie verteidigt Straftäter und unterstützt in anderen Prozessen die Opfer in der Nebenklage. "Es muss mehr darauf geachtet werden, dass die Leute, die mit solchen Delikten einsitzen, nicht der Selbstjustiz unter den Insassen ausgesetzt sind." Einem ihrer Mandanten sei einmal angedroht worden: "Wir machen das mit dir, was du den Kindern angetan hast." Und das geschah dann auch. Die Täter kamen noch einmal vor Gericht.

Chefarzt stellt klar: "Die müssen sich nicht mögen"

Im Maßregelvollzug gebe es nur wenige Patienten mit Hafterfahrung, auch sei dort die Zahl der Sexualstraftäter in den vergangenen 10 bis 15 Jahren deutlich gesunken, sagt Chefarzt Schmitz. Die Frage verminderter Steuerungsfähigkeit werde inzwischen weit strenger beurteilt. Ein wesentlicher Unterschied zur Haft: Im Strafvollzug gehe es um Strafe und Resozialisierung, der Maßregelvollzug kenne dagegen keine befristete Unterbringung, erklärt er. Die Unterbringung dauere so lange, wie die Gefahr andauere, die von dem Menschen ausgehe – bei Wahrung der Verhältnismäßigkeit. Und es gehe um einen therapeutischen Ansatz. Klar sei aber auch: "Die müssen sich nicht mögen. Alle sind wegen Straftaten untergebracht und müssen einen neutralen Umgang finden." Ist es nicht lösbar, müssen die Betreffenden getrennt werden. Im Maßregelvollzug wissen die Patienten angesichts der Therapie – auch Gruppentherapie – nach seiner Einschätzung ohnehin mehr voneinander als in Haft. In den Therapiegruppen werde erwartet, dass die Patienten offen über die Delikte sprechen. Im Gefängnis seien schwere Gewaltstraftäter oft in der Hierarchie oben – dagegen seien "Menschen, die pädophile Straftaten begangen haben, diejenigen, die es in der Haftsituation und auch bei uns am schwersten haben", erklärt Schmitz. Das könne dazu führen, dass die Menschen, von denen nicht wenige selbst in ihrer Kindheit Opfer sexueller Übergriffe geworden seien, sich zurückziehen, eine Traumatisierung erleben.

Arzt: Übergriffe sind "Gift für Rückfallvermeidung"

Die Gefahr bestehe, dass sie dies als Re-Inszenierung eigener Missbrauchserfahrung" verarbeiten: "Das ist Gift für die Rückfallvermeidung." In der Behandlungsgruppe entstehe Akzeptanz, jeder Patient mit seiner jeweiligen Straftat gehöre zur Gruppe. Aber: "Die Hierarchie bleibt", betont Schmitz: "Patienten mit dissozialen Eigenschaften bleiben oben, pädophile Straftäter sind auch im Selbstschutz eher eingeschränkt." Und leisten den Stärkeren dann Dienste. Für die Gefängnisse betont JVA-Leiterin Böcker, es sei Aufgabe aller Mitarbeiter, dafür zu sorgen, dass jeder Gefangene vor körperlichen Übergriffen sicher sei: "Wenn sich die Täter nicht sicher fühlen, werden sie nicht zugänglich für Therapieangebote sein – das geht nicht in einem Klima der Angst." Vom Erfolg der Behandlung hänge direkt das Rückfallrisiko ab. Sie geht davon aus, dass die Isolation von Sexualstraftätern nicht mehr Sicherheit schafft. Rechtsanwältin Falkenberg sagt: "Die Hilfe, die notwendig wäre, um später die Gesellschaft vor den Tätern zu schützen, ist nicht ausreichend gewährleistet."

DPA

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