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Dokumentation: Hasbunallah und Deutschland

Hasbunallah floh aus Afghanistan nach Deutschland. Er sei von den Taliban verschleppt worden, sagt er. Mediziner diagnostizierten eine posttraumatische Belastungsstörung. Das Bamf lehnte seinen Asylantrag ab: Er könne auch in Afghanistan sicher leben.

Der stern sah sich Bamf-Bescheid, Gerichtsakten und ärztliche Gutachten an und rekonstruiert den Fall, der zeigt, wie es abläuft, wenn ein Flüchtling und Behörden um die Wahrheit ringen. 

stern

"Wenn ich zurückgeschickt werde nach Afghanistan, bedeutet dies meinen sicheren Tod."

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"Der Antragsteller wird aufgefordert, die Bundesrepublik Deutschland innerhalb von 30 Tagen zu verlassen. Sollte der Antragsteller die Ausreisefrist nicht einhalten, wird er nach Afghanistan abgeschoben."

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Irgendwo muss sie ja starten, diese Dokumentation aus dem Dickicht der Migration. Sie könnte in Afghanistan beginnen oder auf der Flucht. Könnte beim Asylantrag anfangen oder im Gericht. Aber diese Geschichte, die so viel erzählt über Asylgesuche in Deutschland, sie beginnt in der Psychiatrie.

Es ist die Geschichte von W. Hasbunallah. Er wollte als Flüchtling aus Afghanistan in Deutschland Asyl beantragen und wurde abgelehnt. Er sollte abgeschoben werden, sollte mit 69 anderen Afghanen im Flieger nach Kabul sitzen, an Horst Seehofers 69. Geburtstag. Aber Hasbunallah konnte nicht fliegen, er erlitt einen Schock mit Kreislaufzusammenbruch, als Polizisten ihn abholen wollten an der Tür seiner Unterkunft in einer Kleinstadt in Bayern.

Nun sitzt Hasbunallah, 34, seit Wochen in der Psychiatrie. Diejenigen, die ihn dort begleiten, beschreiben ihn als "verzweifelt". Er habe Angst, nach Afghanistan zurück zu müssen, sagt er, habe Angst vor den Taliban, die hätten ihn verschleppt und gefoltert. Ärzte diagnostizierten eine posttraumatische Belastungsstörung, allerdings erst nach seinem ersten Asylgesuch.

Hasbunallah möchte seine Geschichte erzählen, er meldet sich vom Krankenbett aus. Ehrenamtliche Begleiter rieten ihm, seine Gefühle aufzuschreiben, am besten in einem Brief. Also hat er einen verfasst, mit Hilfe seiner Betreuer. Der Brief ist gerichtet an die "sehr geehrten Menschen Deutschlands" und die "sehr geehrten Menschen Bayerns". Hasbunallah bittet darum, dass er veröffentlicht wird. Er wünscht sich nichts mehr, als schildern zu dürfen, was er erlebt hat in den vergangenen Jahren, welche großen Sorgen er sich macht, möchte sagen, wie schlecht es ihm geht, was er gern hinter sich lassen würde, was er gern in Deutschland erleben würde und dass er den Schutz dieses Landes benötigt.

Der stern hat seinen Fall recherchiert, hatte Einblicke in die Gerichtsurteile, in die medizinischen Gutachten, in die Entscheidungen des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (Bamf), sprach mit Betreuern, Helfern, Beamten.

Hasbunallahs Fall ist für sich genommen ein Einzelfall, er steht aber auch exemplarisch für all die Geschichten, die sich tausendfach in Deutschland abspielen. Im Jahr 2017 wurden nach Angaben des Bamf 56.722 Anträge aus Afghanistan abgelehnt, viele erlebten Ähnliches wie Hasbunallah.

Sein Fall offenbart, wie es abläuft, wenn Staat und Asylsuchende um Wahrheit ringen, wenn Menschen in Behörden von Deutschland aus über das unbekannte Leben eines Menschen in Afghanistan urteilen müssen. Wenn diese Menschen ihn anhören, an seiner Version zweifeln oder ihr glauben müssen.

Die Geschichte zeigt in all ihren Tiefen, wie schwierig es auf der einen Seite für Hasbunallah ist, zu verstehen, woran er hier in Deutschland ist. Und sie zeigt auf der anderen Seite, wie schwierig es für Behörden ist, über das Schicksal von Menschen zu urteilen, die sagen, sie hätten Gewalt in einem anderen Land erfahren, und deren Geschichte nach deutschem Recht beurteilt werden muss, auf der Grundlage einer politischen Sicherheitseinschätzung, über die Experten streiten aber die nun einmal verhandelt wurde.

Es wird klar, wie schwer die Suche nach der Wahrheit ist und wie am Ende eine Entscheidung fällt oder fallen muss, obwohl man eigentlich gar nicht weiß oder wissen kann, was wahr ist und was nicht.

Hinweis: Im Folgenden stehen Auszüge aus Hasbunallahs Brief in kursiv. Zur besseren Lesbarkeit wurden Rechtschreibung und Grammatik angepasst.

I. Die Suche nach der Wahrheit und die Angst vor den Taliban

"Warum ich nach Deutschland kam? Ich wollte das nicht. Ich wollte bei meiner Familie bleiben, aber die Taliban suchten mich weiter. Mein Vater und meine Frau bestanden darauf. Sie sagten: 'Du musst leben', sie wollten, dass ich an einem sicheren Ort bin. Wir hofften alle, dass ich diesen in Europa finden könnte. In Deutschland angekommen gab ich meinen afghanischen Ausweis ab und auch die Beweise für meine Fluchtursache."

Hasbunallah kommt am 10. Dezember 2015 nach Deutschland. Über Pakistan, den Iran, die Türkei und Bulgarien führt ihn seine Flucht in die Bundesrepublik – mit dem Zug, zu Fuß, mit dem Lkw und mit dem Bus. Umgerechnet rund 6500 Euro habe er dafür bezahlt, sagt Hasbunallah, angespart von seinem Einkommen als Holzhändler in der Provinz Wardak im Südwesten der afghanischen Hauptstadt Kabul.

In Bulgarien wird er festgenommen, wieder in die Türkei gebracht und bald freigelassen. So hat er es bei seiner Anhörung im Bamf erzählt, so hat er es in den Verhandlungen vor dem Verwaltungsgericht in Augsburg erzählt, und so erzählt er es uns in der Klinik einer Kleinstadt in Bayern.

Am 31. März 2016 stellt Hasbunallah seinen Asylantrag beim Bamf. Seine Familie hat er schon über ein halbes Jahr nicht gesehen. Er suche Schutz, sagt er. Aus Angst um sein Leben. Im Protokoll notieren Mitarbeiter des Bamf: "Asylbegründend erklärte der Antragsteller, von Taliban verfolgt worden zu sein. Man habe ihm unterstellt, zu spionieren. Diese Unterstellung sei zustande gekommen, da der Antragsteller, wenn er während seiner Fahrten mit dem Handy telefonieren wollte, wegen der schlechten Netzverbindung immer auf einen Berg fahren musste. Dort sei er dann von den Taliban aufgegriffen worden. Er sei geschlagen und für vier Tage festgehalten worden."

Hasbunallahs Geschichte wird im Bamf-Dokument dann wie folgt beschrieben: "Der Vater des Antragstellers habe sich dann mit dem Dorfältesten in Verbindung gesetzt, der Kontakt zu den Taliban gehabt habe. Der Vater habe dann ein Lösegeld zahlen müssen, worauf der Antragsteller freigelassen worden sei." Später sei ein Brief bei dem Vater eingegangen. "Darin sei der Antragsteller dazu aufgefordert worden, sich bei den Taliban zu melden und ihnen zu beweisen, dass er kein Spion sei."

Der Kampf um die Wahrheit beginnt bereits beim Bamf. Stimmt die Erzählung? Wer um Asyl bittet, der muss gehört und auch verhört werden. Der muss seine Geschichte erzählen. Und dann entscheiden Menschen im Bundesamt darüber, ob sie der Erzählung trauen oder nicht. Die ganze Geschichte kann auch die Behörde wie so oft nicht hundertprozentig klären, die Mitarbeiter achten auf Widersprüche oder Ungereimtheiten. Die Erzählung nachzuprüfen ist schwierig oder unmöglich. Im Fall von Hasbunallah legen sie sich fest: Sie glauben ihm nicht und lehnen den Asylantrag ab.

"Er hat seine begründete Furcht vor Verfolgung oder einem ernsthaften Schaden nicht glaubhaft gemacht", heißt es in dem Bamf-Bescheid in Beamtendeutsch. "Die Angaben des Antragstellers zu den fluchtauslösenden Ereignissen blieben arm an Details, vage und oberflächlich. Die Angaben des Antragstellers sind nicht nachvollziehbar und widersprüchlich." Es fehle an einem "plausiblen Grundgerüst" für die Erzählungen. "Weder das vom Antragsteller geschilderte Verhalten seitens der Taliban noch sein eigenes sind nachvollziehbar und umfassend dargestellt worden."

Stimmt also Hasbunallahs Erzählung nicht? Seine Betreuer berichten davon, dass Sätze und Worte falsch übersetzt worden seien. So viele Menschen kämen nach Deutschland, dass nicht für jeden genug Zeit ist, all das zu erzählen, was ihm widerfahren ist. Hasbunallah sei aufgefordert worden, so kurz und knapp wie möglich zu antworten.

Hin oder her, her oder hin ­– für die Entscheider im Bamf bleiben "erhebliche Zweifel" an der Darstellung. "Danach und unter Beachtung der Verhältnisse im Herkunftsland ist auch bei Rückkehr eine Verfolgung nicht beachtlich wahrscheinlich." Auch das Verwaltungsgericht in Augsburg schließt sich dieser Einschätzung in mehreren Urteilen an: "Es ist für das Gericht insbesondere nicht erkennbar, warum gerade der Kläger, der lediglich Holzmaterialien zu Baustellen gefahren hat, Opfer der Taliban geworden sein sollte." "Nicht nachvollziehbar", "widersprüchlich", "nicht schlüssig", urteilt der Richter über die Fluchtgeschichte von Hasbunallah. Es bleibt auch nach den drei Berufungsprozessen in Augsburg dabei: Hasbunallah soll Deutschland verlassen.

II. Die Suche nach der Wahrheit und die Lage in Afghanistan

"Wenn ich zurückgeschickt werde nach Afghanistan, bedeutet dies meinen sicheren Tod, vielleicht kann ich mich dort ein Weilchen verstecken, aber lieber töte ich mich, als dass die Taliban mich wieder in die Hände bekommen. Ich kann nicht mehr."

Weder das Bamf noch das Gericht glauben die Geschichte von Hasbunallah, das ist der eine Teil seines Asylgesuchs. Wenn man die Schreiben der Behörden liest, gibt es aber noch einen weiteren. Für Bürokratie und Justiz spielt es eine untergeordnete Rolle, ob seine Geschichte zwingend wahr ist oder nicht. Sie sind überzeugt: Selbst wenn die Erzählung stimmt, müsste Hasbunallah nicht in Deutschland Schutz suchen, auch in Afghanistan könnte er sicher sein. In Hasbunallahs Ablehnungsbescheid aus dem September 2016 urteilt das Bamf: Es ist dort sicher genug. Das Gericht bestätigt diese Einschätzung mehrfach, zuletzt im aktuellen Eilverfahren am 16. Juli 2018.

Frontbesuch in Afghanistan: Der Kampf in einem verlorenen Krieg

"Das Gericht ist davon überzeugt, dass sich der Kläger in Afghanistan zumutbar auch außerhalb seiner Heimatstadt an einem Ort niederlassen kann, an dem er verfolgungssicher ist. Für den Kläger als jungen gesunden Mann dürfte es in einer größeren afghanischen Stadt auch abseits seiner Herkunftsprovinz möglich sein, sich ein Existenzminimum zu sichern."

Ist es also in Afghanistan sicher? Kann man dort die Stadt wechseln, und alles ist okay? Es ist eine entscheidende Frage in Hasbunallahs Verfahren, und es ist eine entscheidende Frage für die Migration, die in der Bundespolitik seit Jahren kontrovers diskutiert wird. Die Beamten des Bamf müssen darüber vom Schreibtisch aus 5000 Kilometer Entfernung entscheiden. Sie verlassen sich auf die aktuellen Lageberichte des Auswärtigen Amtes.

Die Behörde macht das unter anderem an einigen Zahlen fest. Nach UN-Angaben habe es 2015 rund 11.000 zivile Opfer bei den bewaffneten Auseinandersetzungen in dem Land gegeben. "Selbst wenn man von 20.000 Opfern ausgeht, lag bei einer Einwohnerzahl von rund 27 Millionen die Wahrscheinlichkeit, Opfer zu werden, im Jahr 2015 bei 0,074 Prozent."  Das Fazit aus dieser Quote: "Der Antragsteller muss keine ernsthafte individuelle Bedrohung seines Lebens oder seiner Unversehrtheit befürchten."

Der Lagebericht des Auswärtigen Amtes betont in einem der ersten Punkte: "Die Sicherheitslage in Afghanistan weist starke regionale Unterschiede auf." Und so urteilt dann auch das Bamf: "Die Regierung in großen Städten wie Kabul, Herat oder Mazar-e-Sharif ist in der Lage, Schutz vor nichtstaatlicher Verfolgung zu bieten", heißt es. "Es erscheint unverständlich, dass der Antragsteller nicht um staatlichen Schutz nachsuchte und sich nicht an die Polizei wandte."

Hasbunallah sagt dazu, er traue der Polizei in seiner Heimat nicht, sie stecke mit den Taliban unter einer Decke. Im Brief schreibt er:

"Es hieß immer öfter, Afghanistan sei sicher. Afghanistan ist NICHT SICHER! Wie können manche so etwas nur behaupten?! Wäre es sicher, glauben Sie mir, ich würde sofort zu meiner Familie zurückkehren. Wie kann jemand denken, dass ich ohne Grund nach Deutschland komme? Wie kann man sagen, meine Geschichte wäre nicht richtig? Wie kann man sagen, Afghanistan sei sicher?"

Die Entscheidung des Bamf vom 12. September 2016 kommt per Post in Hasbunallahs Flüchtlingsunterkunft: "Die Flüchtlingseigenschaft wird nicht zuerkannt. Der Antrag auf Asylanerkennung wird abgelehnt. Der subsidiäre Schutzstatus wird nicht zuerkannt." Und: "Der Antragsteller wird aufgefordert, die Bundesrepublik Deutschland innerhalb von 30 Tagen zu verlassen." Ansonsten werde er abgeschoben.

"Geben Sie mir das Recht zu leben. Zu leben wie ein Mensch, nicht versteckt wie ein Tier. Ich brauche den Schutz Deutschlands, warum wird er mir aberkannt?"

III. Die Suche nach der Wahrheit und die Frage der Gesundheit

Hasbunallah schreibt seine Zeilen aus der Psychiatrie. Die Menschen, die um ihn sind, sorgen sich, haben Angst, dass er sich etwas antut. Sie ermutigen ihn, seine Gefühle und Gedanken in Worte zu fassen, so schwer es auch sein mag. Es geht auch um seine Krankenakte. Auch sie ist wichtiger Bestandteil der Diskussion um seine Geschichte.

"Meine Kraft zu leben wird weniger, meine Angst größer. Ich habe hier lange gedacht, ich bin verrückt, aber ich habe dann von Ärzten und Therapeuten gelernt: Ich bin nicht verrückt, ich habe ein Trauma, weil ich in Afghanistan, wo ich herkomme, von den Taliban entführt und gefoltert wurde. Das war auch der Grund, warum ich meine Heimat und meine geliebte Familie verlassen musste. Und das ist auch der Grund, warum ich Tag und Nacht so viel Angst und manchmal keine Hoffnung mehr habe. Manchmal ist es so schlimm, dass mich der Lebensmut verlässt."

Ist Hasbunallah ein "gesunder Mann", der in Afghanistan für sich selbst sorgen kann? Das Verwaltungsgericht Augsburg hat an seiner Krankenakte Zweifel. Denn erst nachdem sein Asylantrag abgelehnt wurde und er vor Gericht erstmals unterlag, machte Hasbunallah seinen Gesundheitszustand geltend: "Eine Erklärung, wieso der Antragsteller exakt erst nach Ablehnung des Antrags durch das Bundesamt bzw. Abweisung der Klage ärztliche Hilfe aufsuchte, obwohl er sich bereits Ende 2015 in Deutschland aufhielt, erfolgt in den fachärztlichen Stellungnahmen nicht", stellt das Gericht im Juli 2016 fest und zweifelt damit die Glaubwürdigkeit an.

Auch mit diesem Verlauf steht Hasbunallah aus Afghanistan nicht allein da. Jamal M., der im Flieger der 69 saß, nahm sich nach der Rückkehr in Afghanistan das Leben. Ein anderer der 69 wurde sogar, darüber berichtete die "Süddeutsche Zeitung" jüngst, direkt aus der Psychiatrie abgeholt und zum Flughafen gebracht.

Vielleicht hätte Hasbunallah das, was er heute schreibt, also früher formulieren sollen. Dass er nicht verrückt ist, sondern krank, dämmerte ihm erstmals am 19. Oktober 2016, also einen Monat bevor das Verwaltungsgericht Augsburg seine Klage gegen den ablehnenden Asylbescheid des Bamf zurückwies – aber eben auch zwei Monate nach der Ablehnung des Asylbescheids.

Bei einem Notfallmediziner "kamen erstmalig seine psychischen Probleme im Sinne einer posttraumatischen Belastungsstörung zur Sprache", so hielt es der Arzt fest. Eine Arzt-Patienten-Beziehung müsse erst einmal wachsen. Kaum ein Patient mache beim ersten Kontakt einen "Seelenstriptease". Zudem habe es auch eine Sprachbarriere gegeben, die eine frühere Diagnose erschwert habe. Darum sei das Thema nicht früher angesprochen worden.

Nach dem Termin bei dem Notfallmediziner herrscht die Gewissheit: Hasbunallah "leidet an einer sehr schweren posttraumatischen Belastungsstörung". Er habe "ständig Erinnerungen und Gedanken an seine Zeit in der Gefangenschaft der Taliban und die einhergehenden physischen Misshandlungen". Die Folgen seien Angst, Nervosität und Schreckhaftigkeit. "Herr W. zeigt selbstverletzendes Verhalten und auch Suizidgedanken." Es bestehe dringender Bedarf für Psychotherapie.

Eine psychologische Betreuerin der Flüchtlingsunterkunft sagt dem stern, teils wegen der Sprachprobleme, teils aus Scham habe Hasbunallah sich nicht früher umfassend öffnen können. Im Amt und beim ersten Gerichtstermin sei er nicht nach seiner Gesundheit befragt worden. Dabei hätten die Symptome seiner Krankheit schon seit der Ankunft in Deutschland bestanden, seien jedoch zunächst nur nach Einzelsymptomen orientiert behandelt worden. Zudem, ganz grundsätzlich, könnten, betont sie, Traumaberichte gar nicht schlüssig und immer detailgetreu sein, da der Hochstress das Gehirn in diesem Zustand auf Überleben schalte – die Betreuerin spricht von "traumabedingten Erinnerungsproblemen".

Hasbunallah geht nach seinem Termin im Oktober 2016 bei Psychologen und Psychotherapeuten ein und aus, die die posttraumatische Belastungsstörung bestätigen. Er spricht über seine Erlebnisse, seine Symptome, die ihm Nacht für Nacht den Schlaf rauben, macht eine Kunsttherapie, bekommt Medikamente, wird mehrfach ins Krankenhaus eingeliefert – auch fast zwei Jahre später noch, im Juni 2018, hat sich wenig am Befund geändert: "Zu beobachten war eine zeitweilige Wahnstimmung. Der Patient wirke deutlich affektlabil, deprimiert und ratlos, stark ängstlich und innerlich unruhig", stellte zuletzt ein Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie fest.

Sollte ein derart kranker Mensch in eine ungewisse Zukunft abgeschoben werden? Nein, sagen die Ärzte. "Ich bin aus meiner ärztlichen Sicht gegen eine Abschiebung des Patienten in seine alte Heimat", erklärt der behandelnde Arzt. Auch andere Mediziner kommen zu dieser Einschätzung, ein Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie erklärt: "Bei einer Rückführung in das Heimatland ist aus meiner Sicht mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit von einer dramatischen Verschlechterung der posttraumatischen Symptomatik bis hin zu psychotischen Symptomen und konsekutiv auch einer Verschlechterung der Depression bis hin zu Suizidalität und damit zur akuten Gefährdung des Lebens zu rechnen."

In seinem zweiten Asylantrag bringt Hasbunallah all diese Atteste und Gutachten beim Bamf vor. Es entscheidet am 6. Oktober 2017: "Soweit der Antragsteller seinen gesundheitlichen Zustand anführt, ist dies nicht geeignet, ihm zur Asylberechtigung oder zur Zuerkennung des internationalen Schutzes zu verhelfen." Ohnehin würden die Schreiben der Ärzte nicht den inhaltlichen Anforderungen genügen. "Die erlassene Abschiebungsandrohung ist weiter gültig und vollziehbar", so das Bamf.

Das Verwaltungsgericht Augsburg fügte in seinem Urteil hinzu, Hasbunallah könne die nötigen Medikamente auch in Afghanistan erhalten und dort behandelt werden. Es gebe "keinen Anspruch auf Teilhabe am medizinischen Fortschritt und Standard in der medizinischen Versorgung in Deutschland". Eine "Verschlechterung des Gesundheitszustandes" rechtfertige zudem "regelmäßig kein Abschiebungsverbot". "Das Asylgesetz nimmt vielfach zu erwartende Auswirkungen auf den gesundheitlichen und insbesondere auf den psychischen Zustand der Betroffenen in Kauf."

IV. Die Suche nach der Wahrheit und das Leben in Deutschland

"Als ich hier ankam, ging es mir schon schlecht, der Satz der Taliban, 'Mit dir sind wir noch nicht fertig', klang dauerhaft in mir nach. Die Angst verließ mich trotz Entfernung nicht. Aber ich schämte mich extrem, so sagte ich es keinem meiner Landsleute, und den Deutschen konnte ich es auch nicht sagen, denn ich musste die Sprache ja erst noch lernen. Zudem fragte keiner danach, wie es mir ging. Was habe ich falsch gemacht? Ich bin weder unkooperativ noch straffällig, ich strenge mich an, gut Deutsch zu lernen, zu arbeiten und die neuen Regeln zu lernen. Wie kann jemand denken, dass ich ohne Grund nach Deutschland komme? Wie kann man sagen, meine Geschichte wäre nicht richtig?"

Hasbunallah habe in Deutschland nach seiner Ankunft zunächst ein Ziel gehabt: "Er wollte unbedingt arbeiten", schildert eine Betreuerin. "Er wollte seinen Gedanken und der Angst nicht immer ausgeliefert sein, er wollte, dass es ihm durch Arbeit besser geht." Dafür habe er Deutschkurse besucht, inzwischen könne er sich gut verständlich machen. Er hoffte stets, seine Familie irgendwann nach Deutschland holen zu können.

Um sich von seiner Situation abzulenken, zeichnet Hasbunallah

"Ich bin weder unkooperativ noch straffällig, ich strenge mich an, gut Deutsch zu lernen, zu arbeiten und die neuen Regeln zu lernen." Um sich von seiner Situation abzulenken, zeichnet Hasbunallah

Der erste Schritt in sein neues Leben sollte ab Juni 2016 ein Praktikum in der Stadtgärtnerei einer kleinen bayerischen Stadt sein. Er möge die Natur und die Blumen und die Arbeit im Freien, sagt eine ehrenamtliche Helferin der Gemeinschaftsunterkunft. "Er war stolz, zu zeigen, dass er gut mit Maschinen arbeiten kann und er Deutschland etwas zurückgeben könnte." Im November endete das Praktikum.

"Dann bekam ich immer und immer wieder negative Bescheide beim Asylverfahren, ich verstand nicht, ich lüge doch nicht."

Die Helferin zieht eine Bilanz, die sie "bitter" nennt: "Er war so bemüht, erhielt aber immer wieder negative Bescheide. Er wurde von uns Helfern motiviert, an den Rechtsstaat zu glauben, die Hoffnung nicht aufzugeben. Wie naiv wir doch waren", sagt sie.

Für die Mitarbeiter des Bamf, die seinen Fall bearbeiten, für den Richter, der das Urteil in seiner Klage fällt, spielt die Integration keine Rolle. Es geht um den Flüchtling, der in Deutschland Asyl beantragt. Nicht um einen Flüchtling, der die Zeit, in der er auf eine Entscheidung in seinem Verfahren wartet, nutzt. Es sei denn, er würde straffällig. Das wäre das eine Extrem. Oder er würde eine deutsche Staatsbürgerin heiraten, das wäre das andere.

"Ich verstehe die Angst der Deutschen vor schlechten Menschen, die es überall gibt, und ich verstehe, dass Deutschland sich auch beschützen will vor Terrorismus. Glauben Sie mir, ich auch. Von Gewalt habe ich schon zu viel erlebt. Ich bin kein schlechter Mensch, ich will doch nur leben wie ein Mensch, ich brauche Schutz. Dieses Schicksal suchte ich mir nicht aus. Ich erlebe, dass es keinen Platz auf der Welt gibt für mich. Ich will einen sicheren Ort, ich will innerlich wieder zur Ruhe kommen, ich will wieder lernen zu schlafen, ohne zu schreien dabei und ohne diese fürchterlichen Albträume, ich will das Vertrauen in die Welt zurückerlangen."

V. Die geplante Abschiebung

Das Bamf hat entschieden, zwei Gerichtsverfahren haben bestätigt, ein Eilantrag wird zwar noch verhandelt, aber das Fazit steht: Am 3. Juli soll Hasbunallah abgeschoben werden. Die Polizei ist unterwegs, klopft an seine Tür, will ihn mitnehmen zum Flughafen, ihn in die Maschine bringen, die auch 69 andere Afghanen ausweist. Da folgt der Moment, der aktuell das Leben von Hasbunallah prägt wie nichts anderes. Es folgt der Moment, der ihn in die Psychiatrie bringt, der ihn dazu bringt, noch offener als zuvor über seine Ängste zu berichten, der Moment, der dafür sorgt, dass er diesen Brief zu schreiben bereit ist, aber auch der Moment des Zusammenbruchs: Als die Polizisten an seine Tür klopfen, herrscht bei Hasbunallah allein die Angst. Körper und Geist geraten außer Kontrolle. Er beschreibt es so:

"Am 3. Juli 2018 bin ich im Krankenhaus aufgewacht, ich konnte mich kaum bewegen, mir tat alles weh, ich hatte Platzwunden, meine Backe war innen aufgebissen, mein Armbruch schmerzte fürchterlich, mein Kopf dröhnte furchtbar. Es war so viel Stress und Angst in meinem Körper, und ich wusste nicht, was los war. Wo ich war. Wie ich dorthin gekommen war. Ich erhielt von meiner Ärztin die Information, dass die Polizei gekommen war, um mich zum Flugzeug nach Kabul zu bringen. Ich verstand das nicht, denn ich hatte doch einen Termin vor Gericht.  Aber nach und nach erinnerte ich mich: Ich schlief mithilfe von starken Schlaftabletten, dann kam die Polizei plötzlich zu mir, um mich zur Abschiebung zu holen. In mir war Todesangst. Ich wollte mein Telefon nehmen, um Anwalt oder Therapeutin im Krankenhaus anzurufen, aber ich durfte nicht. Die Polizei sagte: 'Dafür hast du jetzt keine Zeit mehr, pack deine Sachen.' Der Stress in mir stieg ganz schlimm an, mir wurde schwarz vor Augen, ich flog um, mit dem Kopf gegen den Tisch. Dann spürte ich, wie die Panik mich noch mehr ergriff, ich hatte keine Kontrolle darüber, ich wollte es nicht, aber ich schlug mit meinem Kopf gegen alles, denn ich wusste, ich kann nicht zurück, lieber mache ich mich selber tot. An Händen und Füßen wurde ich gefesselt. Irgendwie brachte man mich wohl ins Krankenhaus."

Die aufnehmenden Ärzte des Krankenhauses notieren: "Der Patient wurde vom Notarzt zu uns eingewiesen wegen eines psychischen Ausnahmezustandes mit Selbstbeschädigung bei drohender Abschiebung."

Die Heimatregion von Hasbunallah im Südwesten Kabuls. Wie sicher kann es für ihn in Afghanistan sein?

Die Heimatregion von Hasbunallah im Südwesten Kabuls. Wie sicher kann es für ihn in Afghanistan sein?

Picture Alliance

Einer seiner Betreuer bekommt an diesem Julimorgen einen Anruf von den Mitbewohnern des 34-Jährigen aus der Gemeinschaftsunterkunft. Polizeibeamte hätten ihn holen und zum Münchner Flughafen bringen wollen. "Die Mitbewohner waren aufgeregt und im Hochstress. Sie durften nicht ins Zimmer und trauten sich auch nicht einzugreifen." Aber sie hörten zu: Ein Polizist habe noch zur Mitarbeiterin der Ausländerbehörde gesagt: "Aber der Mann ist doch krank." Ihre Antwort: "Nein, das ist er nicht." So berichten es zumindest die Leute aus der Unterkunft, sagt die Betreuerin. 

Die Ärzte schreiben: "Als die Polizei den Patienten antraf und die Abschiebung erklärte, fing er an, in einem Erregungszustand sich wiederholt den Kopf gegen den Boden zu schlagen und um sich zu schlagen. Er wurde daraufhin von dem Polizeibeamten fixiert, und der Notarzt wurde verständigt." Die Mediziner schreiben in ihrem ärztlichen Attest zur Vorlage beim Verwaltungsgericht: "Formales und inhaltliches Denken nicht beurteilbar. Erheblicher Anspannungszustand, affektiv verzweifelt und wütend, psychomotorisch angespannt. Eigengefährdung durch Selbstverletzung." Die Ärzte betonen, es gebe "keinen Anhalt für inhaltliche Denkstörungen wie Wahn, Halluzinationen oder Ich-Störungen". Es handele sich um "Albträume, Flashbacks, Grübelzwang". Das Urteil: "Aus fachpsychiatrischer Sicht ist eine psychiatrische Weiterbehandlung des Patienten dringend erforderlich."

Die Weiterbehandlung gibt es nun. Zunächst. Hasbunallah bleibt in der Psychiatrie. Dennoch könnte der nächste Abschiebeflug auch seiner sein. Der Beschluss ist schließlich weiter gültig: Hasbunallah soll abgeschoben werden.

Wie die Geschichte endet, ist unklar. Bei jedem Gerücht über neue Abschiebeflüge nach Afghanistan komme die Angst mit Wucht zurück, berichten Betreuer. An eine Entlassung aus der Psychiatrie könne zurzeit nicht gedacht werden. Sein Anwalt will vor Gericht weiter darum kämpfen, dass Hasbunallah in Deutschland bleiben kann. 

Der Brief an die "sehr geehrten Menschen Deutschlands" und die "sehr geehrten Menschen Bayerns" endet mit den Worten:

"Ich bin doch auch ein Mensch."

Drei Flüchtlinge im Interview: Die Angst vor der Rückkehr: "In Afghanistan ist das Überleben reiner Zufall"



Mitarbeit: Uli Hauser

Bildredaktion: Denise Fernholz

Bildrechte: stern, privat, S. Sabawoon / EPA FILES / DPA Picture Alliance

Dokumentation: Sven Hinrichsen

Lektorat: Ursula Hien, Andrea Wolf

Veröffentlichungsdatum: 13. August 2018