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Bundesstaat Maryland: "Habe gehofft, dass mein Telefon nicht klingelt": Schütze stürmt US-Zeitung - fünf Tote

Möglicherweise war es das Ende einer jahrelangen Fehde: In Annapolis stürmt ein Mann in die Redaktionsräume einer Lokalzeitung und schießt um sich. Fünf Menschen sterben. Und das Blatt will dennoch erscheinen.

Angriff auf US-Zeitung in Annapolis USA

USA, Maryland, Annapolis: Polizisten sichern die Umgebung des Gebäudes der Zeitung "Capital Gazette"

AFP

Hatte er eine alte Rechnung offen? War es Rache? Ein bewaffneter Mann ist am Donnerstag in die Redaktion der kleinen Lokalzeitung "Capital Gazette" in der US-Stadt eingedrungen und hat fünf Menschen erschossen. Zwei weitere wurden verletzt, vermutlich durch umherfliegende Glassplitter. Der Schütze wurde festgenommen. Die Ermittler halten ihn für einen Einzeltäter. 

In Nachrufen auf ihrer Internetseite gedachte die "Capital Gazette" am Freitag den fünf Opfern. Unter ihnen sind zwei Frauen: Eine Verkaufsassistentin, die erst kurz bei dem Blatt war, sowie eine Lokalreporterin und Kolumnistin. Getötet wurden auch ein langjähriger Sportjournalist, ein Leitartikel-Autor und der stellvertretende Chefredakteur. Die Webseite der "Capital Gazette" ist für die meisten Europäer nicht zu erreichen, da sie - wie viele weitere US-Lokalzeitungen auch - die neue Datenschutz-Grundverordnung der EU (DSGVO) vermutlich noch nicht umgesetzt hat. 

Reporter des Blattes berichteten, wie sie sich unter ihren Schreibtischen verschanzten. "Ich habe nur gehofft, dass mein Telefon nicht klingelt", sagte der Journalist Phil Davis dem US-Sender CNN. Er schrieb im Kurzbotschaftendienst Twitter, ein "Bewaffneter" habe "durch die Glastür ins Büro geschossen und das Feuer auf mehrere Mitarbeiter eröffnet". 

Eine andere Reporterin musste den Tod eines Kollegen aus nächster Nähe mit ansehen: "Ich sah nicht den Täter, aber ich sah, wie er getroffen wurde. Er ging zu Boden", sagte sie. 

Täter sei "verärgert über die Zeitung als Ganzes"

Nach Berichten mehrerer US-Medien handelt es sich bei dem Täter um einen 38 Jahre alten Mann aus der Region. Er fechte mit dem Blatt seit Jahren einen erbitterten Rechtsstreit aus. "Das ist das, was wir hören", sagte Polizeichef dazu nur. Der Angriff mit einer Schusswaffe mit langem Lauf sei gezielt gewesen. Der Täter sei vorbereitet gewesen, sagte Krampf. Unter anderem hatte er Flüssigkeiten dabei, die Rauch verursachten.

Ein Polizeisprecher sagte: "Nach meinen Erkenntnissen war er verärgert über die Zeitung als Ganzes." Der Mann habe nicht einzelne Reporter gezielt als Opfer ausgesucht. Der Sender NBC hatte zuvor berichtet, der Tatverdächtige habe vor Jahren einen Rechtsstreit mit dem Blatt ausgetragen - und diesen verloren. 

Genaueres muss die nun mühsam ermitteln. Der Tatverdächtige wurde unmittelbar nach dem Geschehen stundenlang verhört. Er sei nur bedingt kooperativ, hieß es von der Polizei. Seine Wohnung sei durchsucht werden. "Die Ermittlungen sind das, was nun am längsten dauern wird", sagte Krampf.

Sicherheitsmaßnahmen für Medien verschärft

Die Polizei sei extrem schnell am Ort des Geschehens gewesen, binnen 60 Sekunden, sagte Steve Schuh von der Bezirksregierung des Anne-Arundel-County. "Die Beamten haben enormen Mut bewiesen und sind sofort ins Gebäude gegangen." Dies habe Schlimmeres verhindert. Zufällig hatten die Einsatzkräfte erst kürzlich für solche Situationen trainiert. "Wir hätten nicht besser vorbereitet sein können."

Die Polizeikräfte waren am Tag des Geschehens sichtlich getroffen. "Mit diesen Leuten arbeiten wir fast täglich zusammen, manche sind Freunde", sagte Krampf über das Redaktionsteam. Laut Polizeisprecher Frashure arbeiteten alle Opfer für die Zeitung. In dem Gebäude befinden sich auch andere Büros und Arztpraxen. Die Polizei brachte rund 170 Menschen unverletzt in Sicherheit. 

Die Tat von Annapolis schlug unmittelbar Wellen in der Medienlandschaft der . In New York verschärfte die Polizei die Sicherheitsmaßnahmen für große Medieneinrichtungen. Eine reine Vorsichtsmaßnahme, hieß es. Auch die "Washington Post" in der US-Hauptstadt, nur eine Autostunde von Annapolis entfernt gelegen, führte striktere Sicherheitskontrollen ein.

New York Times Sicherheitsmaßnahmen

Auch bei der US-Zeitung "New York Times" wurden die Sicherheitsmaßnahmen verstärkt

AFP

 

"Capital Gazette" aus Annapolis will erscheinen

Das Attentat von Annapolis kommt in einer Zeit, in der der Präsident der Vereinigten Staaten einen Kleinkrieg gegen Journalisten führt und seriöse Medien als "Feinde des Volkes" bezeichnet. Es gab jedoch zunächst keinerlei Anhaltspunkte dafür, dass die Tat mit der Anti-Medien-Kampagne in Verbindung stehen könnte. 

Die "Capital Gazette" ist ein kleines Lokalblatt mit einer Auflage von rund 40.000 Exemplaren. Die überregionalen Nachrichten kommen von der Muttergesellschaft, der "Baltimore Sun". Die Schwesterzeitung schrieb: "Als Journalisten haben wir über mehr Todesschüsse berichtet, als wir zu zählen bereit sind. Aber jetzt hat es unsere Familie getroffen, und wir spüren den Schmerz akuter, als wir uns das vorstellen konnten."

Trump drückte umgehend via Twitter sein Mitgefühl für die Hinterbliebenen aus und verurteilte die Tat.

Seine Sprecherin Sarah Sanders schrieb: "Ein gewalttätiger Angriff auf unschuldige Journalisten ist ein Angriff auf alle Amerikaner."

Kanadas Premierminister Justin Trudeau trauerte mit den Menschen im Nachbarland. "Journalisten erzählen die Geschichten aus unseren Gemeinden, sie schützen die Demokratien, und oft genug setzen sie ihr
Leben aufs Spiel."

Die Überlebenden der Redaktion in Annapolis haben ihren Job einfach weitergemacht.

"Capital Gazette" will trotz Tat erscheinen

"Capital Gazette"-Reporter Chase Cook (r.) und Fotograf Joshua McKerrow (l.) arbeiten an der nächsten Ausgabe

AFP

Auch und gerade am Tag nach den schrecklichen Ereignissen will die "Capital Gazette" erscheinen. Einige Journalisten arbeiteten mit ihren Laptops auf einem Parkdeck. Der Andruck wurde nach hinten verschoben. "Ich weiß nicht, wie viele Seiten es geben wird, aber wir arbeiten zu dritt", sagte der Reporter Chase Cook. 

Michael Donhauser / Ivan Couronne / fs / DPA / AFP