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Bankraub: Der Räuber trug Westernhut und Vollbart. Als das FBI ihn fasste, staunten die Ermittler: Er war kein Er

Die Person auf dem Überwachungsbild trug einen Hut, einen Bart und sprach kein Wort. Als das FBI sie endlich hatte, staunten die Agenten: Er war eine Frau. Sie waren sicher: Von der würden sie nie wieder hören. Auch das war ein Irrtum.

Von Skip Hollandsworth

Aufgenommen während eines Banküberfalls 1992

Aufgenommen während eines Banküberfalls 1992

Fragt man alte Weggefährten nach Jo Tallas, fallen Worte wie "warmherzig", "normal", "unauffällig". Sie war eine Frau mittleren Alters, die mit ihrer kranken Mutter in einem kleinen Apartment bei Dallas lebte. Jeden Morgen stand sie auf, machte das Bett und strich die Laken glatt. Dann ging sie ins Schlafzimmer der Mutter, legte ihr einen Morgenmantel um, führte sie in die Küche, bereitete Haferflocken zu und reichte ihr die Tabletten. Einige Minuten saßen die beiden beisammen. Peggy Jo aß nie etwas. Sie rauchte eine Zigarette und trank Pepsi aus einem Kaffeebecher. Nach dem Frühstück brachte sie die Mutter behutsam zurück ins Schlafzimmer, stützte sie mit einem Kissen, stellte ein Glas Wasser auf den Nachttisch und legte einen Liebesroman dazu. Dann ging sie in ihr Zimmer und zog sich um.

Sie trug am liebsten Cargohosen, ein schlichtes Oberteil und Slipper. Doch an einem schönen Morgen im Mai 1991 wählte sie ein anderes Outfit. Die 46-Jährige öffnete eine Schublade der Kommode, auf der ihre Kollektion aus Glasdelfinen stand. Sie zog eine Herrenhose und ein dunkles Hemd heraus. Aus dem Schrank nahm sie eine braune Lederjacke. Dann griff sie nach dem Styroporkopf mit dem falschen Bart und dem weißen Cowboyhut, der oben im Schrank stand.

Der erste Bankraub

Sie zog das Nachthemd aus, streifte die Männerkleider über und schlüpfte in ein Paar zu große Stiefel. Unter das Hemd stopfte sie ein Handtuch. Im Bad klebte sie sich den Bart an und besprühte ihr Haar mit grauer Farbe. Sie setzte den Cowboyhut und eine große Sonnenbrille mit silbernem Rahmen auf und streifte sich Handschuhe über. Dann schrieb sie ein paar Zeilen auf ein Stück Papier und steckte es ein.

"Komme gleich wieder", rief Peggy Jo ihrer zu und schlich aus dem Haus. Sie setzte sich hinters Steuer ihres Pontiac Grand Prix, Baujahr 1975, fuhr zur American Federal Bank in Irving, parkte, betrat die Lobby und steuerte auf den Schalter zu, hinter dem eine junge Bankangestellte sie fröhlich anstrahlte.

"Guten Tag, der Herr. Was kann ich für Sie tun?" Peggy Jo zog den Zettel aus ihrer Tasche. "Das ist ein Banküberfall", stand darauf. "Geben Sie mir Ihr gesamtes Bargeld. Keine markierten Banknoten oder Farbbomben." Die schockierte Kassiererin nahm ein Bündel Scheine und reichte sie Peggy Jo. Die nickte, stopfte das Geld in einen Beutel und verließ die Bank. Dann fuhr sie ohne Umwege nach Hause, wo ihre Mutter noch immer im Bett lag und auf das Mittagessen wartete.

Kriminologischen Lehrbüchern zufolge werden weniger als fünf Prozent der Banküberfälle in den USA von Frauen begangen. Die Täter sind meist junge Männer aus prekären Milieus, sie sind oft drogenabhängig und haben bei ihren Auftritten nicht den Hauch einer Ahnung, was sie da gerade machen. Sie platzen in die Banken, schauen sich nervös nach Sicherheitsleuten um, fuchteln mit ihrer Waffe und brüllen das Personal an, bevor sie dann mit quietschenden Reifen fliehen. Peggy Jo Tallas war anders.

"Meine Tante Peggy war die Letzte, der man einen Bankraub zugetraut hätte", sagt ihre Nichte Michelle. "Sie hielt sich immer ans Tempolimit. Eher fuhr sie zu langsam."

Sie war eine Art Bonny ohne Clyde. Sie hatte keinen Partner, der Wache hielt. Ihre Verkleidung war so makellos, dass bei der Auswertung der Sicherheitsaufnahmen nie der Verdacht aufkam, es könne sich um eine Frau handeln. Und sie trug nie eine Waffe bei sich.

Bonny ohne Clyde

"Ich muss zugeben, ich bewunderte ihren Stil", sagt Steve Powell. Der ehemalige -Beamte verbrachte einen Großteil seiner 30-jährigen Karriere mit der Jagd auf Bankräuber, in den Neunzigern auch in Dallas. "Rein und raus. Für den ganzen Überfall brauchte sie nur eine Minute. Sie war versiert und effizient."

Ihre Freunde sagen: Um Peggy Jo zu verstehen, müsse man zurückgehen in die 50er und 60er Jahre.

Die junge Peggy Jo war eine ungestüme Frau mit dunkelblonden Locken und leuchtend grünen Augen. "Sie hatte ein breites, ansteckendes Lächeln", sagt Karen Jones, Peggy Jos engste Kindheitsfreundin, "und ungewöhnliche Vorlieben. Einmal fuhr sie mit mir durch die Gegend, um streunende Hunde zu retten. Dann nahm sie mich mit zu einer Rennstrecke, um Autorennen zu sehen."

Peggy Jo war das jüngste von drei Kindern. Als sie vier war, starb ihr Vater an Krebs. Ihre Mutter nahm eine Stelle als Schwesternhelferin an. Sie wohnten zur Miete in einem kleinen Haus in einem Vorort von Grand Prairie. Ihre Schwester Nancy machte Formationstanz an der Highschool, ihr Bruder Pete spielte Basketball. Peggy Jo aber brach die Schule nach der zehnten Klasse ab, um die Welt zu erkunden. Eines Tages stieg sie in ihr Auto und fuhr Tausende Kilometer nach San Francisco – um für eine Weile das Leben dort zu schnuppern und Beat-Poesie zu lesen.

Peggy Jo Tallas war Mitte 40, ein Familienmensch, fürsorglich und zuverlässig. Aber eines hatte sie schon immer gehasst: Langeweile

Peggy Jo Tallas war Mitte 40, ein Familienmensch, fürsorglich und zuverlässig. Aber eines hatte sie schon immer gehasst: Langeweile

In ihren Zwanzigern zog Peggy Jo in eine eigene Wohnung in Dallas und arbeitete als Rezeptionistin in einem Hotel. Zusammen mit einer Kollegin namens Cherry Young ging sie fast jeden Abend aus. Peggy Jo fuhr einen weinroten kleinen Fiat, ließ den Motor aufheulen und lieferte sich mit anderen Fahrern Wettrennen. Die Freundinnen besuchten die angesagtesten Clubs, tranken Bier, spielten Billard und flirteten mit Männern. Sie gingen auf Konzerte der Doors und der Stones und kreischten verzückt, als der noch faltenlose Mick Jagger die Hüften kreisen ließ. Manchmal besuchten sie Dichterlesungen oder das Kino. Peggy Jos Lieblingsfilm war "Butch Cassidy and the Sundance Kid" mit Paul Newman und Robert Redford, die Geschichte des legendären Bankräuberduos, das im Wilden Westen sein Unwesen trieb, bei seinen Überfällen aber niemals Unschuldige zu Schaden brachte und nur Banken ausraubte, die sich an mittellosen Bürgern bereichert hatten.

Peggy Jo hatte keine Pläne, zu heiraten oder eine Familie zu gründen, sagt ihre Freundin Cherry. Sie machte sich keine Gedanken über ihre berufliche Zukunft. Es reichte ihr, sich hier und da ein paar Drinks und ein gutes Essen leisten zu können. "Sie wollte irgendwann nach Mexiko ziehen, dort am Meer leben und den ganzen Tag im Badeanzug herumlaufen", erinnert sich Cherry. "Sie war schön und impulsiv. Sie sagte oft, dass etwas Wildes in ihr schlummerte."

Als die Freundinnen eines Tages mit dem Fiat einen Geldtransporter überholten, sagte Peggy Jo plötzlich: "Ich könnte den ausrauben und müsste mir dann erst mal keine Sorgen mehr machen."

"Dazu brauchst du eine Waffe", entgegnete Cherry.

"Ach was, das stelle ich schlauer an." Cherry lachte nur.

Streitlustig war Peggy Jo allerdings durchaus. Als ein Polizist sie einmal wegen zu schnellen Fahrens stoppte, zerriss sie den Strafzettel vor seinen Augen. Ein anderes Mal zofften sich Cherry und sie in einem Restaurant. Draußen stieg die wütende Peggy Jo dann in einen fremden Pick-up-Truck, in dem die Schlüssel steckten, und fuhr davon. Die Polizei holte sie ein. Sie wurde zu fünf Jahren auf Bewährung verurteilt.

Bewunderung für die Tante

Ihre Nichte Michelle beschreibt sie als eine "wundervolle, liebevolle Frau". "Wenn sie auf mich und meine Brüder aufpasste, dachte sie sich lustige Spiele aus, machte Popcorn und erzählte uns Geistergeschichten. Sie hatte ein Herz aus Gold."

Doch Enttäuschungen blieben ihr nicht erspart. Mitte der Siebziger verliebte sie sich ernsthaft. Aber nur wenig später zerbrach die Beziehung. Sie hatte durch Zufall herausgefunden, dass der Mann verheiratet war. Sie war am Boden zerstört.

eggy Jo war in den biederen Fünfzigern aufgewachsen

eggy Jo war in den biederen Fünfzigern aufgewachsen

Kurz darauf zog sie bei ihrer Mutter ein, die in Irving, einem Vorort von Dallas, wohnte und an einer degenerativen Knochenkrankheit litt. Peggy Jo fand einen Job bei einem Computerhersteller; später arbeitete sie als Bürokraft bei einem Hersteller von Wohntrailern. Die Jahre vergingen. Cherry war mittlerweile verheiratet und nach Oklahoma City gezogen. Auch Peggy Jos Jugendfreundin Karen hatte geheiratet. Peggy Jo selbst war noch immer attraktiv. Doch sie hielt sich von Männern fern. "Sie hat diesen Betrug nie verwunden", sagt Karen. "Ich denke, sie hatte sich bewusst entschieden, allein zu bleiben."

Und dann war es plötzlich 1984, und Peggy Jo war 40 Jahre alt. Um ihre Augen zeichneten sich Falten ab, ein Hauch von Grau schlich sich ins Haar. Sie arbeitete nun für einen

Kurierdienst. Täglich verbrachte sie Stunden auf den gesichtslosen Autobahnen um Dallas. Sie war mit ihrer Mutter Helen in einen Apartmentkomplex in einem anderen Vorort gezogen. Ihre Schwester Nancy lebte zu diesem Zeitpunkt im Osten der Stadt. Zu ihrem jüngeren Bruder Pete hatte Peggy Jo kaum Kontakt, weil sie wiederholt aneinandergeraten waren.

Angstzustände

In den folgenden Jahren plagten Peggy Jo gesundheitliche Probleme. Sie verletzte sich am Rücken und musste sich einer Brustamputation unterziehen. Sie begann, Beruhigungsmittel zu nehmen. Sie litt an Angstzuständen, da ihr Einkommen und die Rente der Mutter hinten und vorn nicht ausreichten. Die Kosten für die medizinische Versorgung der Mutter stiegen. "Ihr wurde allmählich klar, dass es nie reichen würde", erinnert sich Cherry, die gelegentlich zu Besuch kam. "Aber sie war zu stolz. Sie half gern anderen Menschen, wollte aber selbst keine Hilfe annehmen."

Cherry hält inne.

"Es gab da noch etwas. Es ist schwer zu erklären, aber ich glaube, Peg spürte, wie ihr das Leben entglitt. So ergeht es manchen Frauen. Du kommst an einen Punkt und musst dir eingestehen, dass nicht alles wie erhofft gelaufen ist. Alles zerrinnt dir zwischen den Fingern."

Ihre Nichte Michelle bewunderte die lebenslustige Tante

Ihre Nichte Michelle bewunderte die lebenslustige Tante

Cherry hält noch mal inne.

Die innere Wildheit fehlt

"Ich glaube, Peg vermisste ihre innere Wildheit."

Als sie im Mai 1991 die Bank in Irving betrat, muss sie vor Angst außer Verstand gewesen sein. Ein Banküberfall ist eine überaus kühne Tat, vollzogen vor den Augen der Öffentlichkeit – und den Sicherheitskameras.

Doch Peggy Jo machte keinen einzigen Anfängerfehler. Sie hielt den Kopf gesenkt, damit die Kameras ihr Gesicht nicht filmen konnten. Sie harrte geduldig aus, als die Kassiererin die Notiz las. In den endlos langen Sekunden, in denen die Frau das Geld aus der Schublade zog, blieb Peggy Jo völlig ruhig und sagte kein Wort. Auf dem Weg zum Ausgang muss sie sich gefragt haben, ob gleich ein bewaffneter Wachmann auftauchen würde. Doch sie fing weder an zu rennen, noch raste sie draußen mit dem Auto davon und überfuhr eine rote Ampel.

Steve Powell vom FBI hatte nach der Auswertung der Überwachungsaufnahmen keinen Zweifel, dass es sich bei dem Täter um einen Profi handelte. Ihm fiel zwar auf, dass der Cowboyhut verkehrt herum saß und der Bart offenbar angeklebt war. Doch niemals hätte er den Verdächtigen für eine Frau gehalten.

In derselben Verkleidung raubte Peggy Jo im Dezember 1991 aus der Savings of America Bank in Irving 1258 Dollar. Diesmal notierte ein Augenzeuge das Kennzeichen, das an dem braunen Fluchtwagen montiert war. Als Powells Beamte am Haus der Fahrzeughalterin eintrafen, fanden sie eine Dame vor, die versicherte, das Haus an diesem Tag noch nicht verlassen zu haben. Sie führte die Beamten zu ihrem roten Chevrolet. Die Nummernschilder fehlten. Der Bankräuber musste sie morgens gestohlen und an sein Auto geschraubt haben.

Cowboy Bob raubt weiter

Einen Monat später schlug Peggy Jo in der Texas Heritage Bank in Garland zu. Sie entkam mit etwa 3000 Dollar. Im Mai 1992 raubte sie 5317 Dollar von der Nations Bank im Vorort Mesquite. Sie ließ ein Geldbündel zurück, worin eine Farbbombe versteckt war. Diese zwischen den Banknoten versteckten Farbpäckchen explodieren beim Passieren eines Sensors und bespritzen das Geld – und mitunter den Bankräuber – mit nicht abwaschbarer Tinte.

FBI-Mann Powell hatte dem Täter inzwischen einen Spitznamen gegeben: Cowboy Bob".

"Es war zum Haareraufen", sagt er. "Wie konnte uns dieser schmächtige, abgehalfterte Cowboy derart vorführen?" Im September 1992 raubte Cowboy Bob die First Gibraltar Bank in Mesquite aus und entkam mit 1772 Dollar Beute. Die Polizei schickte mehrere Streifenwagen, zehn Minuten später traf das FBI ein. Das Kennzeichen an Cowboy Bobs Auto gehörte einem Anwohner aus Mesquite. Auch an seinem Wagen fehlten die Nummernschilder.

Noch während die Beamten den Tatort sicherten, hörten sie per Polizeifunk, dass eine Meile entfernt gerade die First Interstate Bank ausgeraubt worden war. Der Täter trug Bart, Cowboyhut, Lederjacke und Handschuhe. Er war mit 13 706 Dollar entkommen. Zum Abschied habe er sich an den Hut getippt, sagte eine Bankangestellte aus.

Powell sprang in sein Auto und raste zur First Interstate Bank. "Dieser Mistkerl!"

Diesmal war das Kennzeichen, das ein Augenzeuge an Cowboy Bobs braunem Pontiac Grand Prix erkannt hatte, auf einen Mann namens Pete Tallas zugelassen. FBI-Beamte statteten ihm einen Besuch an seinem Arbeitsplatz in einer Autoteilefabrik ab.

"Ich erzählte ihnen, dass ich den Wagen ein Jahr zuvor meiner Mutter und Peggy Jo überlassen hatte", erinnert sich Peggy Jos Bruder. "Die Beamten sagten: ‚Ihr Auto wurde gerade bei einem Banküberfall benutzt.' Ich sagte: ‚Unsinn. Dafür ist es gar nicht schnell genug.'"

"Was zum Teufel …?"

Pete gab dem FBI Helens und Peggy Jos Adresse. Als Powell und seine Leute dort eintrafen, sahen sie das Fluchtauto auf dem Parkplatz. Noch während sie diskutierten, ob sie die Wohnung stürmen sollten, ging auf einmal eine Frau in Shorts und T-Shirt zum Wagen.

Powell starrte sie an. "Das muss Cowboy Bobs Freundin sein", murmelte er den anderen zu. Sie ließen sie wegfahren, um den vermeintlichen Freund im Haus nicht zu warnen. Ein Stück von der Wohnung entfernt stoppten die Beamten Peggy Jo. Powell stellte sich vor. Peggy Jo antwortete höflich und gab ihren Namen an. Der Wagen gehöre ihr, und sie sei morgens zu einer Gärtnerei gefahren, um Dünger zu kaufen. Powell öffnete den Kofferraum, in dem ein Sack Dünger lag. Er fragte, ob er sich in der Wohnung umschauen dürfe. Für einen Moment zögerte Peggy Jo. Nur ihre kranke Mutter sei zu Hause, sagte sie, sonst niemand.

Als es klingelte, erhob Helen sich langsam aus dem Bett. Sie stieß einen erschrockenen Schrei aus, als FBI-Beamte mit gezogenen Waffen an ihr vorbeistürmten. Sie traten in Peggy Jos Schlafzimmer. Das Bett war tadellos gemacht, alle Kleider hingen ordentlich im Schrank.

"Was zum Teufel …?", sagte ein Beamter.

Dann entdeckte sein Kollege den Styroporkopf mit dem falschen Bart. Er erspähte den Cowboyhut. Unter dem Bett fand er eine Tasche voller Geld.

"Geben Sie es zu. Sie halten einen Mann versteckt", sagte Powell zu Peggy Jo.

Sie sah ihn an. "Hier ist kein Mann", sagte sie. "Das verspreche ich Ihnen."

Powell betrachtete sie genauer. Er bemerkte graue Farbkleckse in ihrem Haar und Reste von Klebstoff an ihrer Oberlippe. "Ich fasse es nicht", rief er aus und legte Peggy Jo Handschellen an. Er verlas ihr ihre Rechte und brachte sie ins FBI-Büro, wo er verkündete: "Meine Damen und Herren, Cowboy Bob ist in Wahrheit Cowboy Babette."

Alle Zeitungen berichteten über die verkleidete Bankräuberin. Peggy Jos Verwandte lehnten jegliche Stellungnahme ab. Sie waren genauso fassungslos wie Powell. "Wir hatten nicht die geringste Ahnung", sagt ihre Nichte Michelle. "Wir fragten Großmutter, ob sie etwas gewusst hatte, und sie stammelte nur immer wieder: ‚Banken ausgeraubt? Peggy Jo hat Banken ausgeraubt?'"

Die Schlinge zieht sich zu

Powell wusste: Das war der Fall seines Lebens. Er setzte alles daran, Peggy Jo zum Reden zu bringen. Wie hatte sie gelernt, so professionell vorzugehen? Warum hatte sie zwei Banken an einem Tag überfallen? Warum hatte sie sich vor dem zweiten Raub nicht die Zeit genommen, ein Nummernschild zu stehlen? War sie übermütig geworden?

"Hätte sie sich an ihre Routine gehalten, würden wir vielleicht noch immer rätseln, wer Cowboy Bob ist", sagt er. Doch Peggy Jo ließ ihn im Dunkeln. Auch ihrem Pflichtverteidiger sagte sie nicht viel. Der engagierte den Psychologen Richard Schmitt, um sie zu begutachten. In einer Sitzung sagte Peggy Jo, sie habe Geld für die Medikamente ihrer Mutter gebraucht, aber nie die Absicht gehabt, eine zweite Bank auszurauben. Oder eine dritte oder vierte, erklärte sie und steckte sich eine Zigarette an.

Schmitt hatte bis dahin um die 50 Bankräuber untersucht, aber er hatte es noch nie mit einer in seinen Worten "netten, normal aussehenden Frau" zu tun gehabt.

"Warum haben Sie weitergemacht?", fragte er.

Peggy Jo starrte an die Wand, zuckte mit den Schultern und schüttelte den Kopf.

"Es fiel ihr sicher schwer zuzugeben, wie viel Spaß ihr die Banküberfälle machten", sagt ihre Freundin Cherry. Nicht zuletzt, weil sie ihre Raubzüge stets unbewaffnet beging, bewertete der Richter ihre Taten als ‚völlig untypisch' und verurteilte sie zu einer relativ milden Haftstrafe von 33 Monaten. Michelle besuchte sie im Gefängnis. "Ich wusste, wie unglücklich sie war, den Großteil des Tages in ihrer Zelle eingesperrt zu sein", sagt Michelle. "Doch wenn ich sie besuchte, lächelte sie stets und fragte nach mir und meiner Tochter. Sie verlor kein Wort über die Banküberfälle. Nur, dass so etwas nie wieder passieren würde."

"Sie war entschlossen, diesen Teil ihres Lebens hinter sich zu lassen", erklärt Cherry.

Zumindest versuchte Peggy Jo es.

Vernarrt in die Kinder

Mitte der Neunziger wurde sie aus der Haft entlassen und wohnte wieder bei ihrer Mutter. Um den Blicken der Nachbarn zu entgehen, zogen die beiden nach Garland in ein Häuschen mit zwei Schlafzimmern und winzigem Garten. Peggy Jo verbrachte viel Zeit mit ihrer Mutter. Deren Hände zitterten mittlerweile so stark, dass sie ihr Besteck kaum halten konnte. Jeden Abend badete sie die Mutter und brachte sie zu Bett. Danach saß Peggy Jo allein in ihrem Zimmer und schaute bis spät in die Nacht Natur-Dokumentarfilme.

Für eine Weile arbeitete sie halbtags in einem Callcenter. Später verkaufte sie als Kassiererin am Yachthafen des Lake Ray Hubbard am Stadtrand Kühltaschen, Fischköder und Schlüsselanhänger. "Sie war eine unserer besten Angestellten", sagt Suzy Leslie, die damals die Geschäfte leitete. "Ihre Kasse stimmte immer bis auf den letzten Cent. Sie kümmerte sich besonders um die ärmeren Kunden. Häufig spendierte sie aus eigener Tasche Köder. Einem entlassenen Häftling steckte sie regelmäßig Geld zu. Einmal fragte ich sie, warum sie das tat, und sie antwortete: ‚Wir haben alle eine Vergangenheit.'"

Gelegentlich lud jemand sie nach Feierabend auf einen Cocktail ein. Doch sie lehnte jedes Mal ab. Sie müsse sich um ihre Mutter kümmern. Dann wischte sie den Fußboden, schlenderte am Pier entlang und fuhr nach Hause.

Ein Jahr verging, dann noch eins. Peggy Jo hatte keinen Kontakt mehr zu ihren alten Freundinnen Cherry und Karen. Ihre Schwester Nancy starb an Brustkrebs. Im Dezember 2002 schlief ihre Mutter Helen im Alter von 83 Jahren friedlich ein. Peggy Jo saß bis zuletzt an ihrem Bett und hielt ihre Hand. "Sie hätte ihre Mutter schon vor langer Zeit in einem Pflegeheim unterbringen können", sagt ihre damalige Chefin Suzy, die mittlerweile eng mit Peggy Jo befreundet war. "Doch sie wollte ihre Mutter zu Hause pflegen, wo sie in ihrem eigenen Bett schlafen und ihre letzten Jahre in Würde verbringen konnte. Sie war erleichtert, dass ihre Mutter keine Schmerzen mehr erleiden musste, aber es war offensichtlich, wie sehr sie trauerte. Sie konnte nicht über Helen sprechen, ohne zu weinen."

Bei Helens Beerdigung versöhnte Peggy Jo sich mit ihrem Bruder. In den folgenden Jahren feierte sie Weihnachten stets mit Pete und seiner Frau. "Sie war zu uns allen nett, sie war vernarrt in die Kinder", erzählt er.

Bevor das Leben vorbeizieht

Im Frühling 2004 kaufte Peggy Jo ein gebrauchtes Wohnmobil. "Sie kratzte Geld zusammen, um nach Padre Island oder Mexiko zu fahren. Dort wollte sie am Meer leben", erinnert sich Suzy. "Sie sagte, ich solle mitkommen, bevor das Leben an uns vorbeizieht. Das waren ihre Worte: Bevor das Leben vorbeizieht."

Peggy Jo verkaufte oder verschenkte ihr gesamtes Mobiliar und verscherbelte ihren alten Volvo. Ihre Topfpflanzen stellte sie den Nachbarn auf die Veranda. Dann verschwand sie mit ihrem Wohnmobil. Einige Wochen verbrachte sie in einem öffentlichen Park am Lake Ray Hubbard, ging angeln, spazierte am Ufer entlang und beobachtete die Reiher. Gelegentlich kam Michelle spätnachmittags zu Besuch. Dann saßen sie in Klappstühlen vor dem Wohnmobil. Peggy Jo trank Pepsi aus einem Kaffeebecher und rauchte Menthol-Zigaretten.

"Sie betrachtete den Sonnenuntergang, stieg dann ins Wohnmobil und briet in einer Pfanne Fleisch und Zwiebeln an. Ich hätte mir so ein Leben nicht ausgesucht, aber ich bewunderte sie: Sie machte ihr Ding. Sie liebte ihre Freiheit."

Im Spätsommer 2004 verliert sich ihre Spur. Angeblich wurde sie am Lake Taxoma gesichtet. Andere Augenzeugen sahen sie durch Osttexas fahren. Wieder andere sind überzeugt, sie im Oktober 2004 in der Stadt Tyler gesehen zu haben – just zu der Zeit, als dort die Guaranty Bank ausgeraubt wurde. Nach Aussage des Personals handelte es sich bei dem Täter um einen alten Mann mit einem kleinen Schmerbauch. Er hatte einen zottigen Schnurrbart, trug einen dunklen Schlapphut, weite Kleidung und Handschuhe. Er legte eine grüne Sporttasche auf den Banktresen und sagte: "Das ganze Geld. Keine markierten Scheine. Keine Farbbomben."

Eine der Bankangestellten sagte den FBI-Beamten, die Stimme des Täters sei auffällig sanft gewesen. Sie habe feminin geklungen. Der Bart habe angeklebt gewirkt und der Bauch wie ausgestopft. Den Fluchtwagen hatte niemand gesehen.

Lügendetektor

Wäre Steve Powell noch beim FBI gewesen, wäre er hellhörig geworden. Doch er war bereits pensioniert und hatte sich auf eine Ranch zurückgezogen. Gelegentlich gab er Seminare und erklärte Bankangestellten, woran man Bankräuber erkenne. Am Ende der Seminare ließ Powell stets ein Foto von Cowboy Bob herumgehen und beschrieb verzückt ihren Fall.

Die Beamten in Tyler stellten zunächst einen älteren Herrn, der sich einem Lügendetektortest unterziehen musste. Er bestand problemlos. Sie ermittelten weiter, gegen andere Männer.

Peggy Jo meldete sich in jenen Wochen zwischen Ende 2004 und Anfang 2005 hin und wieder von Münztelefonen bei ihrer Familie und sagte, es gehe ihr gut. Eines Nachmittags traf Michelle zufällig in einem Walmart in Garland auf Peggy Jo. "Es schien ihr bestens zu gehen", sagt Michelle. Am 4. Mai 2005 war Pete gerade östlich von Dallas unterwegs, als er hörte, dass Peggy Jos Wohnmobil an einem kleinen See bei der Farm eines Verwandten parkte. "Ich fuhr zu ihr und blieb eine Stunde", erzählt Pete. "Sie kramte alte Familienfotos aus einer Schachtel, und wir schauten sie uns gemeinsam an. Wir hatten eine richtig schöne Zeit. Sie sagte, sie werde bald wieder zu einem ihrer Abenteuer aufbrechen. Ich fragte, ob sie okay sei, und sie umarmte mich und sagte, sie sei glücklich. ‚Bis bald'‚ sagte ich zum Abschied."

Am folgenden Morgen wachte Peggy Jo auf, machte ihr Bett, strich die Bettdecke glatt und legte in akkuratem Winkel ein Kunstlammfell darüber. Neben dem Bett hing an zwei Holzstangen ihre gute Kleidung: ein paar Hosen, Kakis, sechs sorgfältig gebügelte Blusen. Sie zog ein schwarzes, langärmliges Hemd und schwarze Jeans an. Aus einem Plastikbeutel fischte sie Lippenstift und Rouge und trug sie auf. Dann bürstete sie ihr ergrautes Haar.

Neben dem Spiegel im Regal stand eine Reihe von Kinderfotos ihrer Großnichten und -neffen. Weiter vorn im Wohnmobil lag ihre Sammlung von Sonnenbrillen, breitkrempigen Hüten, Perücken und Haarverlängerungen.

Sie nahm einen großen Strohhut, den sie tief in die Stirn zog, und eine schwarze Sonnenbrille, die ihr halbes Gesicht verdeckte. Dann kletterte sie auf den Fahrersitz und fuhr nach Tyler. Sie parkte gegenüber der Guaranty Bank, die erst im Oktober zuvor überfallen worden war. Mit einem schwarzen Beutel in der Hand wartete sie an der Kreuzung, bis die Ampel umsprang, dann ging sie auf die Bank zu. Sie schritt durch die Vordertür und sagte zur Kassiererin: "Das ist ein Überfall. Geben Sie mir all Ihr Geld. Drücken Sie nicht den Alarmknopf."

Der Wagen rumpelte

Die Kassiererin, eine junge Frau Anfang 20, gab Peggy Jo alles, was sie in der Kasse hatte: 11 241 Dollar. Peggy Jos Herz muss in diesem Moment gehüpft sein. Das war groß. So wie der Bankraub 1992 in Mesquite. Jetzt musste sie nur noch nach Mexiko verschwinden.

Doch in der Hast unterlief ihr ein Fehler. Sie prüfte die Geldbündel nicht auf Farbpatronen. Als sie aus der Tür trat, explodierte eine. Eine rote Farbwolke stieg aus Peggy Jos Tasche auf, während sie quer durch den Verkehr zum Wohnmobil ging.

Chris und Courtney Smith waren gerade mit ihren Kindern an einem nahe gelegenen Walmart losgefahren, als ihnen Peggy Jo auffiel. "Ich wette, das ist ein Bankräuber", sagte Courtney und verständigte per Handy die Polizei. Chris nahm die Verfolgung auf. Den Kindern auf dem Rücksitz befahl er, sich zu ducken.

Ausgerechnet an diesem Morgen fuhr eine Gruppe von FBI- und Polizeibeamten in Tyler Streife. Drei Banken waren in der Gegend zuletzt überfallen worden, und die Behörden hielten eine Gruppe von Afroamerikanern für die Täter.

Tatsächlich hatte der leitende FBI-Ermittler, ein kräftiger Mann namens Jeff Millslagle, gerade begonnen, einen jungen Schwarzen zu vernehmen, der mit einem gestohlenen Auto im Norden der Stadt aufgegriffen worden war. Als ihn knisternd über den Polizeifunk die Nachricht vom Überfall auf die Guaranty Bank erreichte, fuhr Millslagle sofort mit seinen Kollegen in einem zivilen SUV Richtung Süden. Polizeiwagen brausten mit heulenden Sirenen heran.

Innerhalb weniger Minuten war Peggy Jo ein Aufgebot an Verfolgern auf den Fersen. Sie versuchte, über die Autobahn zu entkommen. Doch bergauf kam ihr Wohnmobil nicht auf Touren. Der Wagen rumpelte, der Auspuff qualmte und hinterließ dunkle Abgaswolken über dem blühenden Mittelstreifen.

"Sie sind umstellt."

Peggy Jo bog in ein ruhiges Wohnviertel. Dann bog sie gleich wieder ab. Weit kam sie nicht. Zwei Streifenwagen rasten an ihr vorbei und versperrten den Weg. Beamte in schusssicheren Westen sprangen aus den Autos. Einige waren mit Maschinenpistolen bewaffnet. Ein Polizist kauerte neben einer Azalee, ein anderer duckte sich hinter einen Baum. Ein Anwohner stand erwartungsvoll mit seiner Videokamera an der Haustür.

Niemand wusste, wer am Steuer des Wohnmobils saß. Die Zentrale hatte gemeldet, es handle sich möglicherweise um eine weiße Frau. Doch es war nicht auszuschließen, dass es sich um einen der schwarzen Verdächtigen handelte, der sich als Frau verkleidet hatte. Womöglich befanden sich bewaffnete Komplizen im Wohnmobil.

Minuten verstrichen. Die Vorhänge versperrten die Sicht ins Wohnmobil.

"Kommen Sie heraus! Sie sind umstellt."

Peggy Jo ließ sich Zeit. Sie saß rauchend an ihrem kleinen Küchentisch. Die Tasche mit dem nun wertlosen, rot verfärbten Geld lag neben ihr auf dem Boden. Daneben standen ihre Angel und die Schachtel mit den Familienfotos.

Ihr drohte eine lange Haftstrafe, so viel war klar. Mit etwas Glück würde man ihr vielleicht ein wenig Ausgang im Gefängnishof gewähren, wo sie die Sonnenstrahlen auf der Haut spüren könnte. Vielleicht würde sie sogar noch vor ihrem Tod wieder freikommen.

Weitere Minuten verstrichen.

Schließlich ging Peggy Jo in den Schlafbereich, wo sie eine geladene .357 Magnum unter dem Kopfkissen aufbewahrte. Doch sie griff nach einer Spielzeugpistole. Die hatte sie wohl angeschafft, falls sie je in die Verlegenheit kommen sollte, jemanden bedrohen zu müssen.

Sie schritt zur Tür und öffnete sie. Die Beamten, die das Wohnmobil umstellt hatten, trauten ihren Augen nicht. Im Türrahmen erschien eine unscheinbare Dame, die einen breitkrempigen Hut trug und ihre Großmutter hätte sein können.

"Sie werden mich erschießen müssen", sagte sie.

"Ma'am, dazu muss es nicht kommen", erwiderte ein junger Polizist.

Sie taumelte nicht

"Soll das heißen, ihr werdet mich nicht erschießen, wenn ich mit gezogener Waffe rauskomme und auf euch ziele?" "Bitte tun Sie das nicht. Bitte nicht", rief ein anderer Polizist.

Sie trat einen Schritt nach vorn, und im Türrahmen erschien ihre Hand, in der sie die Spielzeugwaffe hielt. Sofort eröffneten vier Beamte das Feuer. Die Schüsse hallten von den umliegenden Häusern wider.

Die Kugeln trafen sie fast gleichzeitig. Sie taumelte nicht. Sie kippte einfach vornüber.

Als sie auf dem Boden lag, brachte sie irgendwie die Kraft auf, ihre Sonnenbrille abzunehmen und für einen Moment den Kopf zu heben. Die Umgebung schien wie in honigfarbenes Licht getaucht. Eine sanfte Brise wehte. In der Ferne gurrten Tauben. Peggy Jo schaute hoch in die dichten, jungen Blätter eines Amberbaums. Dann schloss sie die Augen und starb.

Weil sie weitere Komplizen im Wohnmobil vermuteten, schossen Beamte des Sondereinsatzkommandos Tränengasprojektile durch die Fenster, bevor sie hineinstürmten. Sie stiegen über die Angel und die Fotoschachtel. Sie starrten auf das tadellos gemachte Bett und die gläsernen Delfinfiguren auf der Fensterbank. Nach der Entwarnung stellten sie ein Tütchen Marihuana und eine Handtasche sicher, in der sich 38 Dollar in bar und Peggy Jos Führerschein befanden. FBI-Agent Millslagle ließ ihre Daten überprüfen und stellte fest, dass es sich bei der Toten um Cowboy Bob handelte.

Er rief Steve Powell auf dessen Ranch an.

"Nein. Bitte nicht", sagte Powell, fast wehmütig.

"Leider doch. Ich fürchte, wir haben Peggy Jo erschossen", sagte Millslagle.

Fragen bleiben

Für das FBI lautete die große Frage, wie viele Bankraube Peggy Jo insgesamt verübt hatte. Einige Beamte fragten sich, ob sie bereits in den Sechzigern, als sie in ihrem weinroten Fiat durch Dallas kurvte, den ein oder anderen Überfall unternommen hatte. Andere mutmaßten, sie habe ihre Laufbahn in den Siebzigern gestartet, als sie bei der Spritztour mit dem gestohlenen Pick-up-Truck erwischt wurde. Und hatte sie ihre Überfallserie womöglich bereits kurz nach der Haftentlassung wiederaufgenommen?

Nach der Beweisauswertung kam Millslagle zu dem Schluss, dass Peggy Jo auch den Raubüberfall in der Guaranty Bank im Oktober 2004 begangen hatte. Doch warum war sie zur selben Bank zurückgekehrt? Ahmte sie ihre Helden Butch Cassidy und Sundance Kid nach, die einst ein und dieselbe Bank zweimal ausraubten? Und warum war sie beim zweiten Überfall nicht als Mann verkleidet? Warum hatte sie mit der Kassiererin gesprochen, anstatt ihr einen Zettel zuzuschieben? Wollte sie das FBI auf sich aufmerksam machen?

Erneut belagerten die Medien Peggy Jos Verwandte. Doch die äußerten sich nicht. "Ich wusste nicht, was ich ihnen hätte sagen sollen", erklärt Pete. "Das alles ergab nicht den geringsten Sinn. Peggy Jo wusste doch, dass wir sie finanziell unterstützt hätten, wenn sie in Not gewesen wäre."

Rund 30 Mitglieder der Tallas-Familie und einige von Peggy Jos Freunden versammelten sich auf dem Friedhof in Kaufman zu einer Trauerfeier. Einer von Michelles Brüdern las aus der Bibel vor und sagte, er sei sicher, dass Peggy Jo in ihren letzten Minuten im Wohnmobil ihren Frieden mit Gott gemacht habe.

Alle Achtung

Dann herrschte Schweigen. Michelle und Karen vergruben ihr Gesicht in den Händen und weinten. "Okay, ich denke, das war's", sagte Pete und nickte dem Bestatter zu.

Ihre Freundin Cherry Young erfuhr erst Monate später von Peggy Jos Tod, als sie Pete anrief, um ein wenig zu plaudern. "Es vergeht keine Nacht, in der ich nicht an sie denke", erzählt sie. "Es ist so traurig. Aber dann stelle ich mir vor, wie sie aus der Bank kommt, mit ihren 60 Jahren und einer Tasche voller Geld. Wie werden das nie ganz verstehen, aber sie tat bis zu ihrem Tod genau das, was sie liebte. Ich wünschte, ich könnte ihr sagen: Alle Achtung, liebe Peggy. Alle Achtung."

Honeymoon-Horror: Mord in Kapstadt
Aus dem Amerikanischen von Anuschka Tomat
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